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Scham in Beratung und Therapie bearbeiten: wahrnehmen, einordnen und handlungsfähig werden

Scham gehört zum Leben. Sie macht uns sensibel dafür, wie unser Verhalten auf andere wirkt, ob wir eine Grenze überschritten haben oder ob unser Handeln noch zu unseren eigenen Werten passt. Gleichzeitig kann Scham sehr belastend werden – besonders im Zusammenhang mit Konsum und Abhängigkeit.

Manche Menschen konsumieren, um Scham kurzfristig nicht spüren zu müssen. Zugleich können durch den Konsum neue Situationen entstehen, für die sie sich schämen: ein Rückfall, gebrochene Versprechen, Heimlichkeit, Konflikte oder ein Verhalten im Rausch, das sie später bereuen. So kann ein Kreislauf entstehen: Scham begünstigt Konsum, der Konsum erzeugt neue Scham – und die zunehmende Scham erschwert es, offen zu sprechen und Hilfe anzunehmen.

Für Fachkräfte stellt sich deshalb die Frage: Wie lässt sich Scham ansprechen, ohne sie zu verstärken oder vorschnell auflösen zu wollen?

Scham zunächst anerkennen

Wenn eine Person sagt: „Ich schäme mich dafür“, entsteht häufig spontan der Wunsch, sie zu entlasten. Ein Satz wie „Dafür müssen Sie sich doch nicht schämen“ ist meist gut gemeint. Trotzdem kann er am Erleben der Person vorbeigehen.

Scham sollte deshalb zunächst weder bestätigt noch weggeredet werden. Hilfreicher ist es, sie anzuerkennen und gemeinsam zu erkunden:

  • „Ich merke, wie schwer es Ihnen fällt, darüber zu sprechen.“
  • „Was genau löst die Scham in dieser Situation aus?“
  • „Was befürchten Sie, könnte ich jetzt über Sie denken?“
  • „Worauf möchte die Scham Sie möglicherweise aufmerksam machen?“

Wenn ein Mensch etwas Schambesetztes ausspricht und weder Ablehnung noch Abwertung erlebt, kann eine wichtige neue Erfahrung entstehen: Ich kann mich zeigen und werde trotzdem nicht als ganzer Mensch zurückgewiesen.

Zuerst prüfen, ob eine Auseinandersetzung möglich ist

Scham kann so intensiv sein, dass eine unmittelbare inhaltliche Klärung überfordert. Bevor genauer hingesehen wird, sollte deshalb geprüft werden, ob die Person ausreichend stabil ist:

  • Kann sie über die Situation sprechen, ohne völlig überwältigt zu werden?
  • Ist sie im Hier und Jetzt orientiert?
  • Kann sie innerlich etwas Abstand zum Erlebten herstellen?
  • Braucht sie zunächst Sicherheit, Unterstützung oder eine Pause?

Wenn die Scham aktuell zu stark ist, darf die Klärung warten. Stabilisierung ist kein Ausweichen, sondern kann die Voraussetzung dafür sein, sich später differenzierter mit der Situation auseinanderzusetzen.

Scham, Schuld und Beschämung unterscheiden

Scham ist ein komplexes Gefühl. Sie lässt sich nicht immer eindeutig einer einzigen Kategorie zuordnen. Schuld, situationsbezogene Scham, Beschämung, Stigmatisierung und biografisch erlernte Scham können gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken.

Der Entscheidungsbaum „Was will mir meine Scham sagen?“ soll deshalb keine abschließende Bewertung liefern. Er ist eine Reflexionshilfe, mit der sich erste Aspekte sortieren und mögliche nächste Schritte erkennen lassen. Die individuelle Situation kann deutlich komplexer sein, als ein Schaubild abbilden kann.

Situationsbezogene Scham

Situationsbezogene Scham kann darauf hinweisen, dass eine Person hinter den eigenen Ansprüchen zurückgeblieben ist, eine soziale Grenze berührt wurde oder ein Verhalten nicht zum gewünschten Selbstbild passt.

Dabei ist entscheidend, die Scham auf die konkrete Situation zu beziehen, statt daraus ein allumfassendes Urteil über die eigene Person entstehen zu lassen:

Nicht: „Weil mir das passiert ist, bin ich falsch.“

Sondern: „Diese Situation war mir unangenehm. Was sagt sie mir, und was möchte ich daraus lernen?“

Schuld und Verantwortung

Schuld richtet sich stärker auf eine konkrete Handlung: Ich habe jemanden verletzt, angelogen, vernachlässigt oder eine Grenze überschritten.

Hier kann es hilfreich sein, den eigenen Anteil anzuerkennen und zu überlegen:

  • Wofür trage ich tatsächlich Verantwortung?
  • Ist eine Entschuldigung möglich?
  • Kann oder sollte etwas wiedergutgemacht werden?
  • Was möchte ich künftig anders machen?

Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, sich dauerhaft zu verurteilen. Eine problematische Handlung darf kritisch betrachtet werden, ohne daraus abzuleiten, als ganzer Mensch schlecht oder wertlos zu sein.

Scham infolge von Beschämung

Scham kann auch entstehen, weil ein Mensch bloßgestellt, gedemütigt, abgewertet oder auf einen vermeintlichen Makel reduziert wurde. Im Zusammenhang mit Suchterkrankungen spielen gesellschaftliche Stigmatisierung und Selbststigmatisierung eine große Rolle.

Dann geht es nicht vorrangig um Wiedergutmachung, sondern um Abgrenzung:

  • Wessen Urteil spricht hier?
  • Entspricht dieses Urteil meinen eigenen Werten?
  • Wurde mir vermittelt, dass mit mir als Person grundsätzlich etwas nicht stimmt?
  • Welche Scham gehört möglicherweise gar nicht zu mir?
  • Welche Grenze gegenüber abwertendem Verhalten ist notwendig?

Die eigene Haltung als Fachkraft reflektieren

Menschen, die häufig Beschämung erlebt haben, nehmen Blicke, Tonfälle, Stirnrunzeln oder kurze Irritationen besonders sensibel wahr. Fachkräfte sind jedoch kein unbeschriebenes Blatt. Auch sie haben eigene Werte, Grenzen und Themen, auf die sie emotional reagieren.

Deshalb gehört es zu schamsensibler Arbeit, die eigene Haltung regelmäßig zu reflektieren – beispielsweise zu Rückfällen, Chemsex, Sexualität, Sexarbeit, Untreue, Beschaffungskriminalität oder bestimmten sexuellen Praktiken.

Falls eine irritierte oder wertende Reaktion sichtbar geworden ist, kann es hilfreich sein, sie offen anzusprechen. Auch damit lässt sich etwas Wichtiges vorleben: Schwierige Momente müssen nicht überspielt werden, sondern können gemeinsam konstruktiv bearbeitet werden.

Schambesetzte Bereiche aktiv und selbstverständlich ansprechen

Viele Menschen bringen schambesetzte Themen nicht von selbst zur Sprache. Fachkräfte können deshalb bereits in der Anamnese transparent erklären, dass sie bestimmte Lebensbereiche grundsätzlich ansprechen – nicht aus Misstrauen, sondern weil diese mit Konsum, Belastung und Gesundheit zusammenhängen können.

Dazu können beispielsweise Sexualität, Beziehungen, finanzielle Schwierigkeiten, riskante Situationen oder Verhalten unter Substanzeinfluss gehören. Die selbstverständliche Ansprache vermittelt: Auch darüber darf hier gesprochen werden.

Anstrengungen und Entwicklung sichtbar machen

Schamsensible Beratung bedeutet nicht, Risiken oder verursachten Schaden schönzureden. Gleichzeitig sollte der Blick nicht ausschließlich auf Rückfälle, Probleme oder noch nicht erreichte Ziele gerichtet sein.

Für Menschen mit einer Abhängigkeit kann es eine erhebliche Leistung sein,

  • einen ersten Beratungstermin zu vereinbaren,
  • offen über einen Rückfall zu sprechen,
  • nach einer Krise erneut in die Behandlung zu kommen,
  • bei starkem Suchtdruck nicht weiterzukonsumieren,
  • sich einer Fachperson anzuvertrauen oder
  • nach einem Rückschritt wieder einen nächsten Schritt zu gehen.

Anerkennung sollte konkret und glaubwürdig sein. Zum Beispiel:

„Sie haben heute große Scham überwunden und trotzdem vom Rückfall erzählt. Dadurch können wir jetzt gemeinsam überlegen, was Sie brauchen.“

So entsteht eine Alternative zur schamgeprägten Vorstellung des dauerhaften Scheiterns: Ich darf Schwierigkeiten ehrlich betrachten, ohne alle bisherigen Bemühungen zu entwerten.

Hierzu lohnt es sich die Podcastfolge zur Leistungssensiblen Suchttherapie anzuhören. Diese findest du hier.

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