Das Selbstwertblatt – Selbstwert sichtbar und bearbeitbar machen

Was bedeutet es eigentlich, wenn ein Klient sagt: „Ich habe einfach keinen Selbstwert“?
Das Thema Selbstwert begegnet mir in der Suchttherapie ständig. Manche Menschen konsumieren, um sich sicherer, mutiger oder verbundener zu fühlen. Andere erleben nach Rückfällen, Konflikten oder langen Jahren des Konsums, dass ihr Blick auf sich selbst immer negativer wird. Dazu kommen Stigmatisierung und Zuschreibungen von außen, die irgendwann in das eigene Selbstbild übergehen können. Gleichzeitig bleibt Selbstwert oft ein sehr großes und abstraktes Wort. Viele Klient:innen spüren zwar, dass an dieser Stelle etwas weh tut, finden dafür aber nur schwer eine Sprache. Was auch daran liegt, dass wir gar keine Sprache für den Selbstwert haben (oder fällt dir mehr beschreibende Worte ein als „gut“ oder „schlecht“?)
Genau deshalb arbeite ich gerne mit Methoden, die das innere Erleben sichtbar und greifbar machen. Das Selbstwertblatt ist eine Impact-Technik aus der Kompetenz Box von Frauke Niehues. Die Grundidee ist einfach: Ein weißes Blatt steht für den Selbstwert. Die Klient:innen gestalten es so, dass es ihrem momentanen Selbstwerterleben entspricht. Aus diesem Bild kann anschließend gemeinsam entwickelt werden, was wieder sichtbar werden, heilen oder neu entstehen darf.
Die Erklärung zu dieser Übung findet ihr auch im Podcast.
Was braucht ihr für die Übung?
Ihr braucht zunächst ein weißes Blatt Papier. Dazu könnt ihr verschiedene Materialien anbieten: farbige Stifte, eine Schere, einen Locher und ein kleines Gefäß mit Erde oder etwas anderem, womit das Blatt verschmutzt werden kann.
Legt am besten direkt auch Material bereit, mit dem später etwas verändert oder repariert werden kann. Dafür eignen sich zum Beispiel Klebeband, Klebstoff, Radiergummi, Pflaster oder weitere Blätter. Alles ist ein Angebot. Die Klient:innen entscheiden selbst, was sie verwenden und was sie mit dem Blatt machen möchten.
Das Selbstwertblatt gestalten
Zu Beginn bekommt die Person ein weißes Blatt. Ich erkläre dazu sinngemäß:
„Wenn wir auf die Welt kommen, ist unser Selbstwert zunächst wie ein weißes, unbeschriebenes Blatt. Im Laufe unseres Lebens passieren Dinge, die Spuren hinterlassen. Dieses Blatt steht heute für Ihren Selbstwert. Gestalten oder verändern Sie es so, dass es zeigt, wie sich Ihr Selbstwert im Moment für Sie anfühlt. Sie können dafür alles benutzen, was hier liegt.“
Danach lasse ich möglichst viel Raum. Das Blatt darf bemalt, beschrieben, gefaltet, zerknüllt, beschmutzt, gelocht oder zerrissen werden. Ich habe schon erlebt, dass Klient:innen dabei sehr kraftvoll oder wütend werden und das Blatt stark bearbeiten. Auch das kann ein wichtiger Ausdruck dessen sein, wofür vorher vielleicht die Worte gefehlt haben.
In dieser Phase geht es noch nicht darum, sofort Lösungen zu finden. Erst einmal darf sichtbar werden, wie die Person ihr Selbstwerterleben gerade wahrnimmt.
Das entstandene Bild gemeinsam erkunden
Wenn das Blatt fertig gestaltet ist, könnt ihr zunächst offen fragen:
- Was sehen Sie, wenn Sie das Blatt jetzt betrachten?
- Was davon beschreibt Ihr Erleben besonders gut?
- Welche Spuren haben mit Ihrer Konsum- oder Suchtgeschichte zu tun?
- Was davon stammt aus Bewertungen anderer Menschen?
- Was ist trotz allem noch erhalten geblieben?
Danach könnt ihr einzelne Stellen genauer anschauen. Ist das Blatt gefaltet, kann die Frage interessant sein, was dadurch nicht mehr sichtbar ist. Was würde zum Vorschein kommen, wenn eine Ecke vorsichtig aufgeklappt wird? Und was braucht die Person, damit dieser Teil wieder mehr Raum bekommen kann?
Bei einem Loch könnt ihr erkunden, was dort verloren geht oder hindurchsickert. Vielleicht befindet sich das vermeintlich Fehlende aber auch an einer anderen Stelle des Blattes. Dann wäre die Frage nicht nur, wie das Loch geschlossen werden kann, sondern auch, was längst noch vorhanden ist und wiederentdeckt werden darf.
Ist das Blatt verschmutzt oder mit abwertenden Worten beschrieben, könnt ihr fragen, woher diese Verschmutzung oder Bewertung kommt. Gehört sie tatsächlich zur Person oder wurde sie ihr von außen zugeschrieben? Was liegt darunter? Und was müsste geschehen, damit dieser Bereich gereinigt, ergänzt oder neu beschrieben werden kann?
Bei Rissen kann es hilfreich sein zu schauen, wann sie unter Belastung größer werden. Gerade mit Blick auf Konsumdruck oder Rückfälle kann daraus eine sehr konkrete Frage entstehen: Was schützt diesen Riss, wenn die Belastung zunimmt? Wer oder was könnte dabei helfen, ihn zu stabilisieren?
Vom beschädigten Blatt zur Veränderung
Im nächsten Schritt geht es nicht darum, das Blatt wieder makellos zu machen. Viel spannender ist die Frage, welche Veränderung sich für die Person selbst stimmig anfühlt.
Jetzt kann das bereitgelegte Material genutzt werden. Vielleicht wird etwas entfaltet, radiert, überklebt, zusammengefügt, neu beschriftet oder durch eine Zeichnung ergänzt.
Währenddessen könnt ihr mit erlebensbezogenen Fragen arbeiten:
- Wie fühlt es sich an, diese Stelle zu verändern?
- Was wird dadurch wieder sichtbar?
- Was ist mit diesem veränderten Gefühl im Alltag möglich?
- Woran würden Sie merken, dass diese Veränderung auch außerhalb der Sitzung wirkt?
- Wie könnte Ihnen das in einer Situation mit Konsumdruck oder nach einem Rückfall helfen?
So entsteht aus dem Blatt nicht nur ein Bild für eine Verletzung, sondern auch ein Bild für Handlungsmöglichkeiten.
Wenn sich das Blatt nicht reparieren lässt
Manchmal wird das Blatt so stark zerrissen, dass es sich nicht mehr in seine ursprüngliche Form zurückbringen lässt. Auch dann ist die Übung nicht gescheitert.
Die einzelnen Teile können zu etwas Neuem zusammengesetzt werden. Ich hatte einmal einen Klienten, der aus den Schnipseln einen Vogel gelegt hat. Die zentrale Frage lautet dann nicht mehr: Wie wird alles wieder wie vorher? Sondern: Was kann aus dem, was da ist, neu entstehen?
Wenn auch das nicht passend ist, könnt ihr ein neues Blatt dazunehmen. Was sollte darauf stehen? Welche Farben, Worte oder Formen gehören dazu? Was braucht dieser Selbstwert, damit er sich gut und vor allem wieder eigener anfühlt?
Der Transfer in den Alltag
Zum Abschluss würde ich gemeinsam einen möglichst kleinen und konkreten nächsten Schritt entwickeln. Vielleicht möchte die Person eine abwertende Selbstbeschreibung hinterfragen, eine unterstützende Person ansprechen oder sich in einer schwierigen Situation an einen bestimmten Teil des Blattes erinnern.
Das fertige Blatt kann mitgenommen, fotografiert oder an einem sicheren Ort aufbewahrt werden.
Die Übung kann sehr viel auslösen. Deshalb sollte sie freiwillig durchgeführt und ausreichend nachbesprochen werden. Plant genügend Zeit für einen guten Abschluss ein und achtet darauf, ob die Person aktuell stabil genug für diesen Zugang ist. Das Selbstwertblatt ist kein diagnostisches Instrument, sondern eine Einladung, gemeinsam eine Sprache für etwas zu finden, das vorher vielleicht nur als diffuses Gefühl vorhanden war.
Methodische Grundlage
Die Methode „Das Selbstwertblatt“ stammt aus der Impact Box von Frauke Niehues und wurde hier für den Einsatz in der Suchthilfe eingeordnet. Die Kompetenz Box für Impacttechniken kann ich euch übrigens wärmsten empfehlen.



