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Wie kommt es zu einer Veränderung im Konsumverhalten von Substanzen?

Veränderungen im Konsumverhalten entstehen meist nicht in einem einzigen Entschluss, sondern entwickeln sich über mehrere Phasen. Das transtheoretische Modell nach Prochaska und DiClemente unterscheidet dabei zwischen Vornachdenklichkeit, Nachdenklichkeit, Vorbereitung, Handlung und Aufrechterhaltung. Eine Person kann also zunächst noch gar keinen Veränderungsbedarf sehen, später erste Zweifel entwickeln, konkrete Schritte planen und erst danach tatsächlich ihr Verhalten verändern. Gerade bei Substanzkonsum erklärt das, warum Einsicht, Motivation und Handlung nicht automatisch gleichzeitig auftreten.

Die Folge zeigt anhand eines Fallbeispiels, wie sich diese Phasen im Alltag entwickeln können und warum Veränderungsversuche auch scheitern oder sich wieder zurückbewegen können. Im Mittelpunkt steht die Frage, was Beratung, Therapie und Angehörige in den jeweiligen Phasen sinnvoll leisten können. Wer noch unsicher ist, ob überhaupt ein Problem besteht, braucht etwas anderes als jemand, der bereits konkrete Veränderungen umsetzt. Deutlich wird: Nachhaltige Veränderung lässt sich nicht einfach erzwingen. Entscheidend ist, an dem Punkt anzusetzen, an dem eine Person tatsächlich steht, und daraus die nächsten realistischen Schritte zu entwickeln.


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Wie kommt es zu einer Veränderung im Konsumverhalten von Substanzen?

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PODCAST-METADATEN

Folge: 37
Erscheinungsdatum: 27.01.2022
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Wie kommt es zu einer Veränderung im Konsumverhalten von Substanzen?
Sprecher: Stefanie Bötsch
Typ: Transkript

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00:11

Psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Steffi. Zieht’s euch rein!

00:33

Ja, hallo meine Lieben und schön, dass ihr im Jahr 2022 auch wieder mit dabei seid. Ich wünsche euch erstmal allen ein wunderschönes Jahr. Ja, wir hatten jetzt eine längere Pause, bis wir endlich wieder reingestartet sind. Ich sitze schon, wie schon öfters gesagt, ziemlich im Prüfungsstress und deswegen dachte ich mir, ich gönne mir jetzt erstmal ein bisschen eine längere Podcastpause, um

00:59

um einfach in Ruhe zu lernen und vor allem auch vorzuproduzieren. Denn ich habe das lieber, wenn wirklich die Podcast-Folgen regelmäßig rauskommen, anstatt dass ich dann anfange, irgendwie mal hier eine Folge rauszubringen und mal dort eine Folge rauszubringen, weil ich halt einfach sonst nicht mal hinterherkomme. Deswegen bin ich irgendwie sehr groß darin, erstmal sehr viel vorzuproduzieren und dann aber halt eben auch den Zwei-Wochen-Takt zu halten.

01:25

Wie ich schon letztes Mal in der Suchtgedächtnis-Folge angekündigt habe, wird es Anfang dieses Jahres auch erstmal mehr mit suchttherapeutischen Themen weitergehen. Ja, das passt einfach gerade sehr in den Spirit, in dem ich gerade bin und ich habe zero Zeit, um irgendwelche anderen Themen zu erarbeiten.

01:44

Falls ihr meinen Podcast eigentlich hört wegen den ganzen Substanzkunde-Sachen und ja, auch das Politische oder ähnliches, bitte gebt meinen Podcast nicht auf. Das kommt auf jeden Fall auch wieder. Ich habe richtig, richtig coole Folgen geplant für dieses Jahr. Aber wir starten jetzt erstmal mit meiner Meinung nach mindestens genauso spannenden Themen weiter rein. Und zwar geht es heute um das Thema…

02:09

Wie entsteht eigentlich eine Verhaltensänderung? Oder vielleicht auch besser, wie entwickelt sich eine Verhaltensänderung? Bevor wir aber in dieses Thema einsteigen, möchte ich euch noch mal ganz kurz darauf hinweisen, dass es jetzt auf Spotify auch eine Bewertungsfunktion gibt. Und falls ihr meinen Podcast gerne hört, dann gebt ihm gerne fünf Sterne, würde mich mega freuen. Und falls ihr Kritik und Anmerkungen habt, könnt ihr mir auch gerne

02:38

Gerne schreiben. Ich freue mich, meinen Podcast zu verbessern. Das geht leider, was heißt leider, das geht nur, wenn ihr mir helft und mir eure Wünsche sagt. Da bin ich auch immer sehr offen für. Ja, und sonst könnt ihr mich auch überall anders gerne bewerten. So, aber auch genug davon. Starten wir in das Thema rein. Musik

03:00

Welche Phasen durchläuft eine Verhaltensänderung? Hierfür gibt es tatsächlich ein theoretisches Modell, und zwar das transtheoretische Modell nach Prochaska und die Klimente.

03:13

Und dieses Modell definiert sozusagen verschiedene Stufen, die man durchläuft, bis man am Ende zu einem neuen Verhalten kommt. Und zwar sagen diese zwei, es gibt einmal die Vornachdenklichkeit, die Nachdenklichkeit, die Vorbereitung der Handlung, die Handlung und dann das Beibehalten.

03:35

Klingt jetzt erstmal nach einem sehr logischen Aufbau und ich möchte aber trotz allem das mit euch jetzt mal genauer anschauen, was diese verschiedenen Phasen beinhaltet, weil das vor allem in der Arbeit mit Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen oder mit konsumierenden Menschen total wichtig ist,

03:55

Ist aber allerdings auch ein Modell, was man überall in der Verhaltenstherapie findet, beziehungsweise im Verhalten. Also man kann das auf jedes andere Verhalten ummünzen. Aber hier geht es ja um Konsum und Drogen. Deswegen werde ich das vor allem darauf münzen. Und ich dachte mir so, eigentlich wäre es am allereinfachsten, wenn ich euch das an einem Beispiel festklopfe. Und ja, mir ist da…

04:19

Gestern war das glaube ich, da war ich bisschen am Instagram rumscrollen, so eine ganz spannende Interaktion aufgefallen und die möchte ich einfach als Beispiel heranziehen. Kurz zum Hintergrund: In einer Story ging es darum, dass ein Fragesticker gemacht worden ist

04:34

Ach, keine Ahnung, ich glaube irgendwas in Richtung, wie war euer Silvester oder so und da wurde, haben wohl viele, die eben diesem Account gefolgt haben, auch sehr damit angegeben, geprotzt, wie krass lange sie drauf waren, wie viele Substanzen sie konsumiert haben, wie heftig das war, aber halt, ja, in der Ehe von mega stolz so, ja, guck mal, wie krass ich konsumiert habe.

04:58

Und die Person, die den Account macht, hat darauf reagiert und hat gemeint, dass er es ein bisschen schwierig findet, dass sich Menschen sozusagen so ausschließlich durch den Konsum definieren und dass es ja auch irgendwie auch noch andere schöne Dinge im Leben gibt, die was ausmachen und dieses, vor allem dieses, ja, dieser Vergleich, wer am krassesten, am meisten so konsumiert, ist,

05:20

ja irgendwie, ja, nicht nur gesundheitsschädlich ist, sondern auch irgendwie, ja, vielleicht auch ein bisschen traurig. Ich möchte jetzt diese Situation gar nicht bewerten, mir geht das wirklich nur um die Hintergrundstory,

05:34

Und daraus basteln wir jetzt nämlich einen Fall. Und zwar, wir nennen unsere konsumierende Person Nina. Nina ist 19 Jahre alt, die seit einem Jahr von zu Hause weggezogen. Und seitdem hat sie eben einen neuen Freundeskreis, alles ist super neu. Und ja, geht auch einfach richtig bequem.

05:55

viel feiern, jedes Wochenende und ist dann auch ziemlich am Konsumieren. Und ja, das ist einfach mal unser Grundlagefall und an dem werden wir mal diese verschiedenen Phasen durchmachen.

06:11

Starten wir mit der Vornachdenklichkeit. Die Vornachdenklichkeit wird auch Precontemplation genannt. Und in dieser Phase wird an eine Verhaltensänderung eigentlich noch gar nicht gedacht. Man hat irgendwie keine Absicht, was zu tun. Man entdeckt vielleicht auch überhaupt kein Problem, warum man das machen soll. Und hat vielleicht aber auch das Gefühl, dass man eh nichts dagegen machen kann. Und deswegen lohnt es sich gar nicht, wirklich darüber nachzudenken. Das heißt, man ist darin gefangen und was soll man eigentlich machen?

06:40

So in der Phase geht es wirklich darum, dass man so in absehbarer Zukunft, so in den nächsten sechs Monaten, wirklich nichts an seinem Verhalten ändern möchte, ändern will oder überhaupt keinen Grund für eine Veränderung sieht. Kommen wir mal zu Nina. Ich habe ja erzählt, Nina, die feiert jetzt schon seit einem Jahr richtig heftig in ihrer Studentenstadt.

07:01

Und hat eigentlich das beste Leben ihrer Meinung nach. Jedes Wochenende, Freitag bis Sonntag durch, springt sie von Rave zu Rave, hat mega Spaß. Klar, so Montag bis Donnerstag ist irgendwie Unison ein bisschen schwer und ein bisschen anstrengend. Sie hat oft Emokater von dem Konsum, weil sie halt eben auch gern Amphetamin und Ecstasy konsumiert.

07:24

Aber die feiern richtig geil und alle ihre Freunde sind da auch immer mega mit dabei. Sie hatten richtig, ja ihrer Meinung nach, einen coolen Freundeskreis gefunden in der neuen Stadt. Und lässt sich da einfach in dieses Partyleben reinfallen. Und jetzt auch zu den Feiertagen war das eigentlich so, dass sie echt erstmal so ein paar Tage bei ihren Eltern war. Das war eigentlich auch so eine latente Sauferei. Jeden Tag gab es…

07:48

mit Bierchen und Wein und so, mit den Verwandten, mit den Eltern. Und dann ist sie aber wieder in ihre Studierendenstadt zurückgegangen und dann ging es halt auch gleich wieder los. Und die Freunde haben so drei Tage vor Silvester schon richtig angefangen und haben sich gegenseitig angestachelt. Es ging immer so ein bisschen darum, wer kann am längsten wach bleiben, wer ballert am meisten.

08:09

Und es war schon eine coole Zeit, aber als dann Silvester vorbei war, war sie vielleicht doch so ein bisschen froh, dass sie so endlich mal ein bisschen zur Ruhe kam und

08:19

Hat sie eben Instagram aufgemacht und sah diesen Fragesticker und war dann doch irgendwie so im Vibe ihres Freundeskreises und dachte so, ach ja, geil, hier, ich war drei Tage wach. Und hat das eben auch sehr stolz in dem Sinne in dieses Instagram-Profil, in diese Instagram-Story gehackt. So, und dann kam diese Reaktion von, dass das ja irgendwie schräg ist, dass man sich da so feiert für und, ne, dass es ja auch andere schöne Dinge im Leben ging.

08:47

Und Nina hat dann erstmal ganz schnell ihr Instagram ausgemacht. Die nächste Stufe ist nun die Nachdenklichkeit, auch Contemplation genannt. Diese zweite Phase werden sich die Menschen langsam mit der Problematik bewusst und denken ernsthaft über Veränderung so im nächsten halben Jahr ungefähr nach.

09:11

Allerdings sind sie noch nicht so bereit, wirklich Verpflichtungen zu übernehmen, sich selbst oder auch anderen gegenüber und sind auch noch nicht so wirklich bereit, wirklich in die Handlung zu gehen, aber sie denken sich schon mal öfters darüber nach, dass vielleicht das Verhalten nicht ganz so ideal für sie selbst ist.

09:29

Wenn wir jetzt halt wieder auf Nina schauen, die hat jetzt erstmal das Instagram ausgemacht, aber trotzdem war sie irgendwie geschockt. Solche Gedanken hatte sie irgendwie bis jetzt noch gar nicht. Sie hatte doch das letzte Jahr irgendwie richtig krass viel Spaß. Ist das denn nicht richtig? Also sie ist sich einfach ziemlich unsicher. Aber ich meine, wenn sie sich dann auch mal mehr Gedanken drüber macht, muss sie sich schon eingestehen, dass, ja, dass dieser extreme Konsum…

10:00

schon ein bisschen schwierig für sie ist und ich meine, im Profil, das sie folgt, das ist ja jetzt auch keines, das irgendwie Konsum irgendwie sinnlos abfeiert, sondern schon auch die Problematik dafür anspricht und da fragt sie sich doch, warum sie eigentlich diesem Profil auch wirklich folgt, wenn sie dann immer so Spaß hat, weil doch, die Problematik ist sie sich schon auch ein bisschen bewusst und sie fängt dann ein bisschen darüber an nachzudenken, was sie denn eigentlich mit ihren Freunden das ganze letzte Jahr gemacht hat.

10:24

Haben sie denn eigentlich auch mal nüchtern was gemacht? Und wenn sie sich ernsthaft das fragt, kommt sie eigentlich auch zu einer erschreckenden Antwort und die ist halt nein. Da ist eigentlich nicht viel anderes passiert, außer eben das Feiern am Wochenende. Und das war ja früher, bevor sie sozusagen von ihren Eltern weggezogen ist, schon ein bisschen anders. Da hatte sie viele Hobbys, die sie auch richtig cool fand und irgendwie hat sich so das letzte Jahr sehr auf diese Party, Feiern, Konsum verengt.

10:50

Und sie fühlt sich irgendwie jetzt überhaupt nicht mehr wohl mit diesen ganzen Gedanken und sieht irgendwie ein, dass das Leben, so wie sie das gerade führt, für sie eher ein Problem ist als gewünscht. Die dritte Phase ist dann die Vorbereitung oder eben Preparation. Und da geht es eben darum, dass man sozusagen anfängt, eine Handlung vorzubereiten.

11:17

Also man merkt sozusagen, okay, ich möchte irgendwie was ändern und versucht da eben erste Schritte zu gehen. Man äußert zum Beispiel die Absicht, etwas zu verändern und versucht zum Beispiel auch erste eigene Versuche zu machen, die eventuell auch erfolglos sind, aber man versucht auf jeden Fall schon mal ein bisschen was zu machen und das voranzutreiben mit einem, sagen wir mal eher mittleren Erfolg.

11:42

Und auch Nina ist jetzt in der Phase und sagt, hey, ich möchte an dem Verhalten gerne was ändern, ich habe da so keinen Bock drauf und möchte endlich auch mal ein Wochenende ohne Konsum verbringen und fragt jetzt einfach mal ihre Freunde, ob sie nicht Bock hätten, das Wochenende wandern zu gehen. Sie möchte einfach mal irgendwie raus in die Natur, nüchtern was anderes machen. Ja, zu ihrer großen Überraschung finden die das eigentlich alle ganz geil, sagen, ja, mach mal, auf jeden Fall richtig cool.

12:09

und tauchten dann am Ende bei der Wanderung auf mit mehreren Flaschen Wein. Ja, aus der nüchternen Erfahrung wurde dann eine exzessive Weinwanderung. Nina hatte zwar Spaß am nächsten Tag, aber doch eher Kater und auch Frust, weil eigentlich wollte sie doch wirklich mal was Nüchternes machen. Aber es war ja schon spaßig.

12:27

Und dann startet sie weitere Versuche, probiert mal einen konsumfreien Monat, merkt aber so, ja okay, was mache ich dann? Die Wochenenden ist dann doch schnell wieder dabei, wenn ihre Freunde fragen, ob sie feiern möchte und hält das auch einfach nicht ganz durch. Sie merkt an diesem Punkt, irgendwie kommt sie da alleine nicht raus. Sie hat das jetzt seit zwei, drei Monaten irgendwie versucht und irgendwie landet sie immer wieder am Anfang. Sie hat da wirklich keinen Bock drauf und wendet sich an die Drogenberatung.

12:58

Die vierte Phase ist die Actionphase und hier sind wir wirklich in der handlungsintensivsten Phase. Hier ist die Person so Pi mal Daumen, halbes Jahr aktiv, um wirklich das Verhalten, die Erfahrung oder auch die Umwelt wirklich neu zu strukturieren und versuchen, das Problem am Schopf zu fassen und neue Sachen zu etablieren. Das erfordert

13:20

Aufwand, Energie und Zeit und auch oft externe Hilfe, um es wirklich zu schaffen, neues Verhalten aufzubauen.

13:30

Bei Nina ist es so, dass sie inzwischen schon länger eng an die Drogenberatung angebunden ist. Sie ist also alle zwei Wochen und Stück für Stück erkämpft sie sich in eine neue Freizeitgestaltung und erweitert auch ihr Umfeld. Sie ist zum Beispiel wieder in einen Verein eingetreten. Sie hat nämlich schon als Jugendliche wirklich viel getanzt und es total vernachlässigt, als sie die ganze Zeit feiern war, obwohl sie natürlich auf Partys auch getanzt hat.

13:53

aber halt eben nicht mit Choreografie und vor allem auch nicht nüchtern. Und es macht ihr wirklich Spaß, sie lernt neue Freunde kennen. Außerdem nutzt sie halt eben auch die Zeit für sich Gründe zu erarbeiten, warum sie sozusagen in so einen Konsumkreislauf gefangen war, was der ihr gegeben hat und was sie braucht, um ja andere Möglichkeiten zu erarbeiten.

14:15

Um genau das zu bekommen. Bei ihr war das zum Beispiel hauptsächlich der Fall, dass sie sich super allein gefühlt hat und vor allem durch die Drogen, vor allem auch durch Ecstasy dieses Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe so genossen hat und ja, dadurch irgendwie auch sich leichter in die neue Stadt einfinden konnte.

14:32

Aber so ein ähnliches Gefühl, natürlich anders intensiv, merkt sie auch gerade in ihrer Tanzgruppe oder auch in den Choreografien, die sie tanzt, dass da wieder wirklich ein gutes Zusammenhaltsgefühl ist und ihr das schon ein bisschen was ähnliches gibt. Die letzte Stufe ist dann die Beibehaltung bzw. die Maintenance. Das ist die fünfte Phase.

14:58

Und da geht es eben darum, dass Menschen ihre Veränderungen erreicht haben, wo sie eben hinwollten. Und nun geht es eben darum, diese auch aufrecht zu erhalten und auch Rückfälle in altes Verhalten wirklich vorzubeugen. Dabei werden zum Beispiel die neuen erlernten Fähigkeiten, Strategien zu Routinen und es wird einfach immer automatisierter und geht einem leichter von der Hand.

15:24

Bei Nina ist das nämlich jetzt so, dass sie sich inzwischen wirklich richtig gut fühlt. Die neue Gestaltung ihrer Freizeit findet sie echt cool und geht ihr leicht von der Hand. Mit der alten Clique feiert sie allerdings gar nicht mehr so oft. Sie musste irgendwann sich auch eingestehen, dass nüchtern da wirklich sehr wenig stattfindet und sie das irgendwie keine gute Voraussetzung für eine Freundschaft findet, dass die irgendwie nur unter Konsum stattfinden kann.

15:48

Doch im Tanzverein hat sie wirklich neue Freundinnen gefunden und Freunde. Und mit denen geht sie auch mal feiern und trinkt auch mal Alkohol. Aber Exzesse sind da irgendwie gar nicht mehr der Fall. Und auch andere chemische Substanzen fand sie vor allem das letzte Jahr, seit sie eben in dieser Veränderung war, eher erstmal uninteressant. Sie fühlt sich immer mehr im Gleichgewicht und ja, eigentlich mal wirklich angekommen in ihrer neuen Studierendenstadt. Musik

16:16

So, ich hoffe, euch wurde auch mit dem Beispiel so die ganzen Veränderungen oder die Veränderungsschritte, die man durchlaufen muss, ein bisschen klarer.

16:25

Es gibt bei diesem Modell auch erweiterte Modelle oder anders angezeigte Modelle, die sozusagen die gleiche Strategie verfolgen, aber noch andere Phasen haben. Die habe ich da jetzt mal rausgelassen aus verschiedenen Gründen. Also eine Phase, die ich oft sehe beim transtheoretischen Modell, ist die Phase des Rückfalls und Rückfall.

16:48

Klar, Rückfall oder auch ein Rückschritt innerhalb dieses Modells gehört dazu. Also das heißt nicht, dass man nicht vielleicht mal von der Handlung wieder in die Vornachdenklichkeit kommt, also dass sich das irgendwie wieder komplett verschiebt. Aber das irgendwie wirklich als Phase zu machen, also als Phase zu definieren, durch die man durch muss,

17:09

Da habe ich irgendwie so, da habe ich so ein bisschen mit gehadert, weil ich meine, im Prinzip impliziert es das Modell ja schon und klar, auch wenn man jetzt klar von Abhängigkeitserkrankungen redet, ja sagt man ja auch immer, Rückfälle gehören zu Abhängigkeitserkrankungen dazu, da stehe ich auch absolut dahinter und es ist wichtig, eben diese Option durchzusprechen in der Therapie.

17:35

ja, das jetzt wirklich als zwingende Phase zu definieren habe, finde ich nicht so passend, kann aber auch verstehen, dass man das anders sieht. Und eine andere Phase, die als Endphase definiert wird, ist sozusagen die Termination, also auf Deutsch Ende,

17:55

Da geht es halt wirklich darum, dass das Verhalten so komplett automatisiert ist, dass es wirklich, ja, dass es ein Ende des Prozesses ist. Das finde ich auf der einen Seite sehr logisch, denn es ist ja wirklich so, dass eine Verhaltensänderung nicht dauernd ein Kampf ist oder nicht dauernd richtig viel Arbeit, sondern dass man sagt, okay, diese Aufrechterhaltung des Verhaltens wird einfacher. Doch das sehe ich tatsächlich ganz stumpf. Für mich ist Ende Ende und das würde ja bedeuten, das kann auch nicht mehr zurückgehen, weil es ist ja zu Ende,

18:24

Und auch da, ich finde es nicht so perfekt, aber das kann man auch anders sehen. Aber verstehe auf jeden Fall auch den Grund, warum das angeführt wurde und ich wollte das der Vollständigkeit halber hier auf jeden Fall auch nochmal anführen. Welchen Nutzen hat nun dieses transtheoretische Modell?

18:48

Ich finde, das hat sehr viel Nutzen und zwar sowohl für mich als Therapeutin oder als auch Beraterin, das hat nicht nur was mit einem Therapieprozess zu tun, total wichtig, aber auch für einen selbst in der Selbstreflexion und aber auch für Angehörige. Wieso erkläre ich euch jetzt mal.

19:07

Grundlegend sagt man beim transtheoretischen Modell, dass es keinen Sinn macht, dass Menschen noch nicht in der richtigen Phase der Veränderung sind, ihn in eine andere zu drängen. Beziehungsweise, richtig finde ich tatsächlich da eher ein bisschen schwer, sondern richtig.

19:22

Ja, dass halt ein Mensch, der in der einen Phase ist, dass man den einfach nicht in die nächste schubsen oder drängen kann, sondern ja, dass der Mensch eben jetzt erstmal in dieser Phase ist und dass das erstmal eine gewisse Akzeptanz braucht und man maximal den Menschen in die nächste Phase begleiten kann, aber es macht überhaupt keinen Sinn, eine andere Phase dem überzustülpen.

19:43

So rein praktisch gesehen, was bedeutet das, wenn jetzt ein Klient zu mir in die Beratungsstelle kommt und sagt so, ja, puh, ich weiß gar nicht, vielleicht trinke ich zu viel, aber vielleicht auch nicht, also vielleicht ist ja auch alles okay. Das heißt, wir haben hier eine Phase der Nachdenklichkeit, beziehungsweise zwischen Vornachdenklichkeit und Nachdenklichkeit. Es wurde schon mal ein Problem erkannt, vielleicht trinkt er zu viel, aber ob das wirklich so ist, meh. So, wenn ich jetzt als Beraterin sage, ha,

20:10

ja, hm, na dann, äh, sofort in die stationäre Reha. Das heißt, ich, ja, presse ihn, äh, in die Phase der Handlung, beziehungsweise der Vorbereitung der Handlung, möchte sofort was anderes machen, gib seiner Phase überhaupt keinen Platz, ja, dann

20:30

fühlt sich die Person wahrscheinlich erstmal ein bisschen verarscht oder beziehungsweise auch vor den Kopf gestoßen. Meiner Meinung nach in dem Fall an dem Beispiel absolut zu Recht. Und kommt nicht mehr, weil der hat ja erstmal überhaupt kein Interesse daran, eine Veränderung zu erzielen. Der möchte jetzt erstmal für sich erschließen, ob er überhaupt eine Veränderung braucht.

20:51

Das heißt, für mich als Beraterin wäre da die richtige Ansatz, erst mal das zu akzeptieren, dass die Person das nicht weiß und dann eben offene Fragen stellen und versuchen, reflektierend zuzuhören. Was bedeutet das, dass ich sozusagen das Gesagte auch nochmal zusammenfasse, vielleicht auch Unstimmigkeiten herausarbeite, aber auch Argumente mit ihm zu sammeln, zu Pro und Contra. Was spricht denn dafür, dass man zu viel trinkt, was denn nicht?

21:19

Und ja, im Prinzip erstmal mit ihm in der Phase zu bleiben, um zu überlegen, weil ich meine, es kann ja auch absolut sein, dass er nicht zu viel trinkt. Also woher soll ich das wissen? Ich kenne die Person ja in dem Moment noch gar nicht. Und eben diese offene Haltung ist bei der Vornachdenklichkeit und der Nachdenklichkeit super, super wichtig und erstmal der Person zuzuhören und ja, versuchen Raum zu geben, was die Person auch denkt und auch Raum zu geben, dass sie vielleicht auf den Punkt kommt, dass das erstmal alles so passt.

21:49

Und ja, das wäre in dem Sinne der richtige Ansatz, anstatt sozusagen schon mal sofort vorzuspringen. Und ja, ich weiß, das ist manchmal sehr, sehr schwer. Also für mich als Therapeutin ist das auch manchmal schwer, wenn die Person schon…

22:05

zehn Bier trinkt und sozusagen auch mir schon von einem gewissen sozialen Abstieg erzählt und ich für mich sozusagen schon allein von den Erzählungen die Abhängigkeitsdiagnose durchrate und denke mir so, oh oh, da wäre eigentlich eine schnelle Handlung möglich.

22:19

gut, ist das ja erstmal nur meine Meinung, weil es bringt ja nichts. Wenn die Person das alles erstmal nicht so sieht, dann kann ich vielleicht gucken, die Person zu begleiten, ob sie in eine andere Haltung kommt oder in eine andere Phase kommt oder auch der Interesse zeigt, aber da rein drängen kann ich sie nicht. Und wenn ich einer Person sage, das ist aber 100% eine Abhängigkeitserkrankung, auch da kann eine Person einfach sich sehr vom Kopf gestoßen fühlen. Also dementsprechend

22:47

Raum lassen für die Phase und die Phase auch wertschätzen für die, die sie ist, denn das Durchlaufen und das Entwicklung der Phasen ist eben auch wichtig, um am Ende eine wirklich nachhaltige Verhaltensänderung zu erzielen. Aus Sicht der Therapeutin mit einem gewissen professionellen Abstand, den man nun mal hat in so einem Setting, ist das jetzt erstmal in Anführungszeichen leicht zu sagen, für Angehörige natürlich noch viel, viel schwerer, denn auch

23:14

Ich bekomme oft eben auch Anrufe von Eltern, die halt sagen, mein Kind konsumiert schnell, das muss sofort in irgendeine Einrichtung stationieren, weg etc. Ich möchte den Eltern jetzt erstmal gar nicht vorwerfen, dass sie nicht erstmal versucht haben, mit dem Kind offen zu reden und dem ganzen Raum zu geben. Aber auch das ist eben dieser Zwangsfaktor zu sagen, das muss sofort in der Handlung gedrückt werden. Erstmal sehr verständlich, auf jeden Fall abzurechnen,

23:43

Aber für eine nachhaltige Veränderung genauso unwirksam in dem Sinne. Also auch hier wäre eine offene Haltung gegenüber dem Kind, dem Partner, etc. echt wichtig und zu gucken, wie geht es denn der Person, wie ist denn ihre Sicht der Dinge. Aber, und da sind wir jetzt auch wirklich bei, was man sagt,

24:01

unter Angehörigen auch machen kann, die eigene Sicht der Dinge in Ich-Erzählungen wirklich schildern, so hey, ich beobachte das so und so, ich mache mir Sorgen deswegen, da und da hast du, ne, ist vielleicht mir das aufgefallen, was du eigentlich mir vorher gesagt hast, dass du nicht machen wolltest, in dem Stil. Und natürlich auch ganz wichtig, eigene Grenzen wahren, sich über die eigenen Grenzen bewusst werden und diese eben auch durchsetzen.

24:26

So, und wie helfen mir diese verschiedenen Stadien jetzt noch zur Selbstreflexion? Da möchte ich jetzt am Ende noch ganz kurz drauf eingehen und das mache ich vielleicht mal mit einem persönlichen Beispiel. Und zwar habe ich die Tage mal in meinem Kalender durchgeblättert, da habe ich mir so ein bisschen so Jahresziele aufgeschrieben. Ich bin eigentlich gar nicht so ein großer Fan, aber ich bin dann so gedacht, ich setze mir einfach kleine Ziele, die ich auch wirklich safe mache.

24:54

Und ich habe mir aufgeschrieben, so, joa, zwei bis dreimal Sport im Monat, das kriege ich 100 pro hin und wenn ich mehr schaffe, großartig. Aber ich muss mich jetzt auch nicht unnötig unter Druck setzen, weil ich will es ja das ganze Jahr schaffen. So, das dachte ich mir vor einem Jahr. Jetzt habe ich diesen Kalender wieder in die Finger bekommen und dachte mir so, fuck, okay.

25:15

Ähm, jo, hab ich nicht geschafft. Zwar hab ich in manchen Monaten mehr Sport gemacht, aber in manchen Monaten halt auch überhaupt nichts mehr.

25:26

Gut, das ist mir erstmal, glaube ich, über ein halbes Jahr nicht aufgefallen. Das heißt, ich war in der Vornachdenklichkeit. Ich habe mich so in meine Arbeit vertieft, war so richtig hyped mit meinem Podcast, mit meinem Master und meiner normalen Arbeit und so. Und ach, scheiß auf Sport, ist doch egal. Dann Ende des Jahres habe ich schon langsam gemerkt, so hui, ich bin ganz schön unausgeglichen. Ich komme mit Stress nicht mehr gut zurecht. Ich brauche ganz dringend körperliche…

25:55

körperlichen Ausgleich und da habe ich dann auch schon gesagt, so ja, okay, sollten wir wieder Sport machen. Ich habe das mega vernachlässigt. Ich bin in die Nachdenklichkeit gekommen. Dann habe ich eben dieses Kommentar beziehungsweise diesen Vorsatz für 2021 gelesen und da dachte ich mir so, okay, und jetzt aber schnell. So und bin dann wirklich sehr schnell in die Handlung gesprungen und mache jetzt gerade so ganz

26:18

Schön gediegen im Januar, so eine 30-Tage-Yoga-Challenge, also jeden Tag so ein bisschen Yoga. Bin also gerade in der Handlung drin. So, ganz ehrlich, ich kenne diesen Zirkel. Wie viele das wahrscheinlich auch kennen mit Neujahrsvorsätzen, die man nicht so lange hält. Ähm…

26:32

Ich, ja, kenne das eben auch. Das heißt, ich komme immer gut in die Handlung, das ist mir ganz klar, aber was nicht so super läuft, ist eben diese Maintenance-Stage, also das auch wirklich aufrecht zu erhalten. So, das heißt, ich weiß jetzt schon mal gut, dass ich in die Handlung komme und auch in die Handlung was mache, was sozusagen mein kleiner Reflexionsauftrag in dem Rahmen ist, so wie komme ich denn in die Aufrechterhaltung?

26:57

Und da kann ich mir jetzt verschiedene Strategien überlegen, ob mir vielleicht ein Verein helfen würde, wo es wirklich jede Woche irgendwas gibt oder oder. Und so kann ich sozusagen in der Selbstreflexion herausfinden, an was es zum Beispiel haken könnte. Musik

27:15

Ja, wir sind am Ende dieser Folge und ich hoffe, sie hat euch gefallen. Ich finde, ja, diese verschiedenen Stadien des Verhaltensaufbaus oder Verhaltensveränderungen sehr spannend.

27:29

Kann sie auch immer mal wieder in meinem eigenen Leben anwenden, wie ich euch jetzt im letzten Beispiel gezeigt habe und finde es auch super wichtig, sei es in der Therapie, aber auch vielleicht ein bisschen Angehörigen und den Betroffenen selbst mitzugeben und mal selbst für sich zu prüfen, okay, in welchem Stadium bin ich und bin ich da fein im Stadium, was braucht es noch?

27:48

und so weiter. Genau, es hat mir auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht, endlich mal wieder eine Folge aufzunehmen. Ich würde mich total freuen, falls ihr Anregungen und Wünsche habt, ihr könnt mir immer schreiben. Unter Instagram findet ihr mich unter psychoaktiv.podcast. Ihr könnt mir aber auch einfach eine E-Mail schreiben unter psychoaktiv.podcast at gmail.com. So, ich wünsche euch jetzt erstmal eine wunderschöne Zeit und wir hören uns in zwei Wochen wieder. Bis dann. Tschüss.

28:40

Das war psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Steffi.


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