Kontrollgewinn durch Substanzkonsum: Warum Drogen nicht nur Kontrolle nehmen

Wenn wir über Abhängigkeitserkrankungen sprechen, steht der sogenannte Kontrollverlust häufig im Mittelpunkt. Menschen konsumieren mehr oder länger als geplant, können selbst gesetzte Grenzen nicht zuverlässig einhalten oder setzen den Konsum trotz negativer Folgen fort. Ich selbst störe mich allerdings an dem Begriff „Kontrollverlust“, denn in aller Regel handelt es sich eher um eine geminderte Kontrolle. Wenn man gemeinsam mit der betroffenen Person ihr Konsumverhalten genauer erforscht, findet man häufig konsumfreie Stunden, Tage oder sogar Wochen. Vielleicht ist die Kontrolle auch nur unter bestimmten inneren oder äußeren Bedingungen eingeschränkt.
Diese Differenzierung ist mir aus einer ressourcenorientierten Perspektive wichtig. Die verminderte Kontrolle über den Konsum ist zwar ein diagnostisches Kriterium nach ICD-10. Das Thema Kontrolle reicht jedoch weit über die Suchtdiagnostik hinaus. Nach Klaus Grawe gehören Orientierung und Kontrolle zu den psychischen Grundbedürfnissen des Menschen. Wir möchten verstehen, was mit uns geschieht, Entwicklungen möglichst vorhersehen und Einfluss auf unser Erleben und unsere Umwelt nehmen können. Fehlt uns diese Erfahrung, können Hilflosigkeit, Unsicherheit und das Gefühl entstehen, das eigene Leben nicht mehr ausreichend beeinflussen zu können.
Im Zusammenhang mit Substanzkonsum betrachten wir Kontrolle allerdings fast ausschließlich von dieser negativen Seite: als etwas, das durch den Konsum zunehmend verloren geht. In diesem Artikel möchte ich deshalb über die andere Seite sprechen: den subjektiven Kontrollgewinn. Denn psychoaktive Substanzen können nicht nur Kontrolle nehmen. Sie können Menschen zumindest vorübergehend das Gefühl vermitteln, Gedanken, Gefühle oder schwer erträgliche innere Zustände besser steuern zu können. Genau dieser Kontrollgewinn kann eine wichtige Motivation für den Konsum darstellen.
Was bedeutet subjektiver Kontrollgewinn?
Mit subjektivem Kontrollgewinn ist nicht gemeint, dass Menschen durch Substanzkonsum tatsächlich mehr Kontrolle über ihr Leben erhalten. Gemeint ist die Erfahrung, einen schwer beeinflussbaren inneren Zustand gezielt verändern zu können. Anstatt Angst, Anspannung, kreisenden Gedanken oder innerer Leere scheinbar ausgeliefert zu sein, steht mit der Substanz ein Mittel zur Verfügung, das eine bestimmte Veränderung erwarten lässt. Die Wirkung ist nicht immer vollständig berechenbar, kann aber verlässlicher erscheinen als das eigene psychische Erleben.
Bedeutsam ist dabei nicht nur, dass ein unangenehmer Zustand abgeschwächt wird. Die Person erlebt sich zumindest kurzfristig als Verursacherin dieser Veränderung: Sie nimmt eine Substanz und etwas geschieht. Aus einem passiven Erleben – „Meine Gefühle überwältigen mich“ – kann vorübergehend ein aktives Erleben werden: „Ich kann beeinflussen, was ich fühle.“ Der Konsum kann dadurch Selbstwirksamkeit und Steuerbarkeit vermitteln, obwohl er die tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten langfristig immer weiter einschränkt.
Genau darin liegt der Widerspruch: Ein Verhalten, das zunehmend mit geminderter Kontrolle verbunden ist, kann auf einer anderen Ebene als Kontrollstrategie dienen. Der subjektive Kontrollgewinn verhindert den späteren Kontrollverlust nicht. Er kann aber erklären, weshalb der Konsum zunächst hilfreich erscheint und trotz seiner negativen Folgen aufrechterhalten wird.
Kontrolle im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen
Bei traumatischen Erfahrungen kann der subjektive Kontrollgewinn besonders deutlich werden. Übererregung, Flashbacks, emotionale Überflutung oder dissoziative Zustände können plötzlich auftreten und sich kaum steuerbar anfühlen. Da traumatische Erfahrungen häufig mit extremer Hilflosigkeit verbunden sind, kann bei einer PTBS das Bedürfnis nach Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Kontrolle eine besondere Bedeutung bekommen.
Substanzkonsum kann dann wie eine bewusst herbeigeführte „chemische Dissoziation“ wirken. Die innere Distanzierung geschieht nicht mehr nur ungewollt, sondern wird scheinbar selbst ausgelöst. Die Person gewinnt dadurch nicht unbedingt Kontrolle über die traumatische Erfahrung, aber zumindest über den Zeitpunkt und die Art, in der sie sich von ihren Erinnerungen, Gefühlen oder Körperreaktionen entfernt. Aus dem Erleben „Etwas geschieht mit mir“ wird vorübergehend die Erfahrung „Ich löse selbst eine Veränderung aus“.
Langfristig kann der Konsum dadurch immer stärker mit Entlastung und Sicherheit verknüpft werden. Was zunächst Kontrolle vermittelt, kann schließlich zur scheinbar einzigen Möglichkeit werden, das eigene Erleben zu regulieren.
Kontrolle durch eine vorhersehbare Krise
Vorhersehbares Leiden kann sich kontrollierbarer anfühlen als diffuses Leiden. Wer mehrere Tage konsumiert, kennt möglicherweise bereits den anschließenden Ablauf: Konsum, Schlafmangel, körperliche Erschöpfung, Kater oder Entzug und schließlich die langsame Erholung. Das Leiden wird dadurch nicht geringer, bekommt aber eine erkennbare Ursache und einen erwartbaren Verlauf. Der Gedanke „Mir geht es schlecht, weil ich konsumiert habe“ kann leichter auszuhalten sein als die Erfahrung: „Mir geht es schlecht und ich weiß nicht, warum.“
Der Kater oder Entzug wird damit zu einem konkreten und zumindest teilweise handhabbaren Problem. Man kann schlafen, essen, trinken, sich zurückziehen oder die Tage bis zur Besserung zählen. Einsamkeit, traumatische Erinnerungen, Selbstwertprobleme oder Orientierungslosigkeit lassen sich dagegen nicht innerhalb weniger Tage „auskurieren“. Der substanzbedingte Zusammenbruch kann deshalb paradoxerweise übersichtlicher erscheinen als das ursprüngliche psychische Leiden.
Auch die anschließende Überwindung kann eine Form von Selbstwirksamkeit vermitteln:
Konsum – Zusammenbruch – Kater oder Entzug – Durchhalten – Erholung – Erleichterung – erneuter Konsum
Die Person erlebt sich immer wieder als jemand, der eine schwere Krise übersteht. In einer ansonsten unkontrollierbar wirkenden Welt entsteht ein selbst erzeugtes Problem mit bekannten Regeln und vertrauten Bewältigungsstrategien.
Kontrollgewinn als Teil der Selbstmedikationshypothese
Der subjektive Kontrollgewinn ist kein vollkommen neues Erklärungsmodell. Er lässt sich als ein Aspekt der Selbstmedikationshypothese verstehen. Diese geht vereinfacht davon aus, dass Menschen psychoaktive Substanzen einsetzen, um psychische Beschwerden und belastende Symptome zu lindern – beispielsweise Angst, innere Unruhe, Schlafprobleme oder traumatische Erinnerungen.
Der Blick auf den Kontrollgewinn setzt innerhalb dieser Hypothese lediglich einen besonderen Schwerpunkt auf das Grundbedürfnis der Kontrolle und dessen Widerspruch im Kontext der Suchterkrankung.
Kurzfristig kann der Konsum das eigene Erleben kontrollierbarer machen. Langfristig können andere Möglichkeiten der Regulation immer weiter in den Hintergrund treten, bis die Substanz zur scheinbar einzigen verfügbaren Strategie wird. Subjektiver Kontrollgewinn und tatsächlicher Kontrollverlust sind deshalb keine Gegensätze. Der Konsum kann sich gerade deshalb so hartnäckig halten, weil er zunächst Kontrolle verspricht, obwohl er langfristig immer mehr Handlungsspielraum nimmt.
Fallbeispiel Kevin: Kontrolle mit Kokain über Alkoholkonsum
Kevin ist keine reale Einzelperson. Das Fallbeispiel verbindet verschiedene Erfahrungen aus der therapeutischen Praxis und wurde so verändert, dass keine Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sind.
Kevin konsumiert vor allem in Gesellschaft. Er trifft sich mit Freund, besucht Partys und trinkt dabei Alkohol. Würde man ihn fragen, welche Substanz ihm Probleme bereitet, würde er vermutlich zuerst Kokain nennen. Alkohol betrachtet er eher als selbstverständlichen Bestandteil sozialer Situationen. Gleichzeitig fällt es ihm schwer, beim Trinken einen geeigneten Zeitpunkt zum Aufhören zu finden. Aus zwei oder drei Getränken werden regelmäßig deutlich mehr, Abende dauern länger als geplant und am nächsten Tag fehlen ihm teilweise Erinnerungen.
Besonders belastend ist für Kevin das Gefühl, während des Alkoholkonsums die Kontrolle über sich zu verlieren. Er mag nicht, wie undeutlich sein Denken wird, wie sich seine Sprache verändert und wie schwer es ihm fällt, Situationen richtig einzuschätzen. Kontrolle ist für ihn auch außerhalb des Konsums wichtig. Er möchte aufmerksam bleiben, souverän wirken und selbst bestimmen können, was er sagt und tut.
Kokain scheint dieses Problem zunächst zu lösen. Sobald Kevin bemerkt, dass er betrunkener wird, konsumiert er eine Linie. Kurz darauf fühlt er sich wacher, klarer und selbstsicherer. Aus seiner Perspektive holt ihn das Kokain zurück. Es ermöglicht ihm, weiterzutrinken, ohne sich dem Kontrollverlust durch Alkohol vollständig ausgeliefert zu fühlen. Kokain dient für ihn deshalb nicht nur dem Rausch. Es ist eine Strategie, mit der er versucht, den Alkoholrausch zu steuern.
Die wahrgenommene Kontrolle ist allerdings trügerisch. Kokain kann die Müdigkeit und einen Teil der alkoholbedingten Sedierung überdecken, hebt die Beeinträchtigungen durch Alkohol jedoch nicht auf. Weil Kevin sich wieder leistungsfähiger fühlt, trinkt er häufig länger und mehr, als er es ohne Kokain getan hätte. Gleichzeitig entsteht im Körper beim gemeinsamen Konsum von Alkohol und Kokain Cocaethylen. Die Kombination belastet insbesondere das Herz-Kreislauf-System und ist mit einem höheren gesundheitlichen Risiko verbunden.
Kevins Beispiel zeigt, wie widersprüchlich subjektiver Kontrollgewinn sein kann. Er konsumiert Kokain, um die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum und sein Auftreten zu behalten. Gerade diese Strategie verlängert jedoch die Konsumnacht, erhöht die konsumierte Alkoholmenge und bringt eine zweite Substanz ins Spiel. Was sich für Kevin wie eine Wiederherstellung von Kontrolle anfühlt, erweitert langfristig den Kontrollverlust.



