Kontrolliertes Trinken vs. Abstinenz

Kontrolliertes Trinken und Abstinenz werden häufig als konkurrierende Behandlungsziele diskutiert. Dabei unterscheiden sich beide Wege deutlich: Während Abstinenz bedeutet, auf Alkohol vollständig zu verzichten, erfordert kontrolliertes Trinken eine bewusste Planung, verbindliche Konsumregeln und eine kontinuierliche Reflexion darüber, wann, wie viel und aus welchen Gründen getrunken wird. In diesem Psychoaktiv-Quickie geht es darum, warum kontrollierter Konsum weder einfach eine Rückkehr zum „normalen Trinken“ noch ausschließlich eine schadensmindernde Notlösung für schwer abhängige Menschen ist.
Im Mittelpunkt steht die zieloffene Suchtarbeit, bei der nicht das Hilfesystem das Ergebnis vorgibt, sondern gemeinsam mit der betroffenen Person realistische und fachlich vertretbare Ziele entwickelt werden. Für manche bietet vollständige Abstinenz die größte Entlastung, andere können zunächst mit Reduktion, Konsumpausen oder kontrolliertem Trinken besser erreicht werden. Entscheidend ist nicht, welcher Ansatz allgemein überlegen erscheint, sondern ob Menschen frühzeitig Unterstützung bekommen, ihre Ziele ehrlich überprüfen können und die Freiheit behalten, ihren Weg im Laufe der Behandlung anzupassen.
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Kontrolliertes Trinken vs. Abstinenz
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PODCAST-METADATEN
Erscheinungsdatum: 07.05.2026
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Kontrolliertes Trinken vs. Abstinenz
Sprecher: Stefanie Bötsch
Typ: Transkript
00:11
„Psychoaktiv“, euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Böts. Zieht’s euch rein!
00:22
Hallo und herzlich willkommen zu einem neuen „Psychoaktiv“-Quickie, das Kurzformat bei „Psychoaktiv“, in dem ich auch viel mehr meine Meinung teile, ein bisschen informeller unterwegs bin und meistens auch kein Skript habe. Das heißt, ich rede hier mal ein bisschen frei von der Seele weg, mit Themen, von denen ich mitbekomme, dass sie euch interessieren und wo es vielleicht sich lohnt, mal darüber zu sprechen. Ein Thema, was ja immer sehr heiß diskutiert wird, ist dieses Thema kontrolliertes Trinken versus Abstinenz. Und wir haben ja hier auch bei „Psychoaktiv“ schon sehr häufig über das Thema gesprochen. Ich werde mal alle Folgen, die wir dazu gemacht haben, auch in den Shownotes verlinken, weil da gibt es schon sehr viele Aspekte und wissenschaftliche Grundlagen, die wir hier auch schon erarbeitet haben. Trotzdem werde ich nicht müde, darüber zu sprechen, schon mal allein, weil diese Überschrift, die ich selbst gewählt habe, „Kontrolliertes Trinken versus Abstinenz“, ich unfassbar albern finde.
01:26
Aber bleiben wir mal ganz kurz bei den Grundkonzepten. Also: Abstinenz ist den meisten wahrscheinlich klar. Bedeutet, eine Substanz nicht zu konsumieren beziehungsweise gar keine Substanzen zu konsumieren. Das wird dann in der Detailschärfe immer so ein bisschen schwierig, weil Menschen sich als abstinent beschreiben oder auch eine gewisse substanzübergreifende Abstinenz für sich in Anspruch nehmen, aber so Substanzen wie Koffein und auch Nikotin da irgendwie nicht so ganz reinzählt. Das ist übrigens auch im Suchthilfesystem so, dass man eigentlich schon darauf hinarbeitet, dass so eine substanzübergreifende Abstinenz im besten Falle erreicht wird, aber Koffein und Nikotin fällt da immer so ein bisschen unter den Tisch. Was gerade beim Nikotin echt wild ist, schon allein aufgrund der sehr krassen gesundheitlichen Schäden, die man davon trägt. Aber gut, das ist noch mal ein anderes Thema, da sollte ich vielleicht irgendwann mal eine extra Folge zu machen, weil ich da irgendwie sehr häufig in letzter Zeit darauf hinweise.
02:30
Aber ja, Abstinenz bedeutet, den Konsum aufgeben, der einen auf eine problematische Art und Weise geschadet hat. Kontrolliertes Trinken oder kontrollierter Konsum bedeutet nicht, und das ist das Allerwichtigste, es bedeutet nicht, dass man einfach wieder anfangen kann, normal – was ist schon normal? Ich hoffe, ihr hört die Anführungszeichen, das ist immer ein bisschen schwierig – aber normal zu trinken, sondern es bedeutet tatsächlich, dass man innerhalb von auch professioneller Begleitung seinen Konsum extremst bewusst anfängt zu steuern. Und das funktioniert zum Beispiel über Konsumtagebücher, in denen man sich ganz genau vornimmt, wie viele Getränke man an welchem Tag der Woche konsumieren möchte und in denen auch mehr Getränke als vorgenommen immer genauer angeschaut wird. Okay, an was hat es gelegen, warum wurde an dem Tag mehr getrunken, als vorgenommen wurde, indem darüber reflektiert wird, wo man vielleicht die Trinkregeln für sich nachschärfen kann.
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Und natürlich in dem Kontext, wenn man so ein klassisches kontrolliertes Trinkenprogramm oder kontrolliertes Konsumprogramm macht, auch die anderen Aspekte, die eben den Konsum oder auch die Konsumkontrolle beeinflussen kann, bearbeitet und aufarbeitet in der Gruppe. Das mal so eine schnelle Zusammenfassung zum Thema kontrolliertes Trinken oder kontrollierter Konsum. Ihr merkt also, kontrollierter Konsum ist schon auch eine eher aufwendige Art und Weise, seinen Konsum zu steuern, aber für manche funktioniert es und funktioniert es auch gut, für manche funktioniert es nicht. Und andere merken, dass ihnen diese Art und Weise so anstrengend ist, dass sie sich doch für eine Abstinenz, für eine komplette Nüchternheit entscheiden, weil da gibt es halt nur noch eine Konsumregel: das Nichttrinken. Und das ist tatsächlich für viele manchmal einfacher, als eben diesen kontrollierten Konsum aufrechtzuerhalten. In dem Kontext höre ich immer wieder das Argument: Kontrolliertes Trinken oder kontrolliertes Konsum ist nur für diejenigen, bei denen sozusagen eine Abstinenz gar nicht mehr möglich ist und dass das sozusagen eine Schadensminimierung von Schwerst-Abhängigen ist.
04:48
Das habe ich tatsächlich in letzter Zeit sehr häufig gehört und finde ich sehr schwer, die Meinungen, weil es kommt halt auch sehr aus der Richtung, dass halt immer die Abstinenzart das erste Ziel sein muss und alles andere geht dann so in diesen schadensminimierenden Bereich, also sozusagen in die Überlebenssicherung, wenn man so möchte. Ich sehe das allerdings ein bisschen anders. Ich sehe aber auch diesen Fight zwischen kontrolliertes Trinken und Abstinenz so ein bisschen schwierig. Ich selbst komme ja aus der zieloffenen Suchtarbeit und das bedeutet, ich biete meinen Klienten von mir aus erst mal gar nicht an, in welche Richtung es gehen soll, sondern schaue mir erst mal an, was meine Klienten in meiner Praxis eben für Vorstellungen, Ziele und Wünsche für sich mitbringen. Und ich habe Leute in meiner Praxis, die sagen: Abstinenz ist vollkommen klar, genau da wollen wir hin. Es gibt Leute, die sagen: Mein Ziel ist ein Joint pro Abend, das ist mein Ziel.
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Andere sagen, sie wollen nur am Wochenende konsumieren und ich gehe da mit allem mit. Das heißt, ich biete jetzt kein Manual an, sondern in der zieloffenen Suchtarbeit schaut man einfach an: Okay, was gibt es für Substanzen, die eben konsumiert werden? Was sind für die einzelnen Substanzen die Ziele? Und dann schauen wir natürlich im nächsten Schritt drauf: Okay, was braucht es, um diese Ziele zu erreichen? Und in der zieloffenen Suchtarbeit reflektieren wir sowohl die Zielsetzung auch mit ihrer Erreichbarkeit und wie das eben funktioniert und lassen im Rahmen des Therapieprozesses das entwickeln, was für die Person Sinn macht, was ihr Stabilität gibt, was sie gut in ihr Leben integrieren kann. Und das darf in alle Richtungen gehen. Mir gehen diese Diskussionen von Abstinenz versus kontrolliertes Trinken echt brutal auf den Sack, weil ich mir so manchmal denke, es geht ja beides in diese Richtung, dass man als Suchthilfesystem betroffenen Menschen vorgibt, wie sie zu konsumieren haben.
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Und das würde mir im Leben nicht einfallen. Also ich gebe durchaus mal eine professionelle Einschätzung oder weise Klienten darauf hin, dass eben die Konsumregeln immer wieder gebrochen werden und dass eventuell es andere Regeln braucht oder auch radikalere Regeln. Aber grundlegend ist es ja die Entscheidung meiner Klienten oder der betroffenen Person, wie sie ihr Leben gestalten kann. Und ich würde mir wünschen, dass es auch viel mehr ins suchttherapeutische Angebot übernommen wird, wirklich auch zieloffen zu arbeiten, weil dann kommen wir auch gleich in eine Behandlung, die in einer gewissen Augenhöhe startet und nicht schon so eine harte Abstinenzvoraussetzung hat, um überhaupt therapeutische Hilfe zu bekommen. Und das kontrollierte Trinken, so wie ich es euch am Anfang erklärt habe, ist dann eher so eine Maßnahme der zieloffenen Suchtarbeit. Das heißt, dieses Vorgehen von: Man baut sich eine ganz klare Struktur, ganz klare Trinkregeln, ganz klare Trinkpausen etc.
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pp., das kann für manche sehr hilfreich sein, dass sie genau so eine ganz klare Planung für ihre Konsumplanung nutzen. Aber wenn zum Beispiel das Ziel oder der Wunsch ist, ich konsumiere einen Joint pro Abend, dann brauchen sie dafür ja keine Liste oder kein Planungstool in dem Sinne. Und was mir, glaube ich, in dem Kontext auch immer noch super wichtig ist, ist, dass ich finde, dass in den Diskussionen es mal viel mehr um Betroffene selbst gehen kann. Wir können es einfach nicht verleugnen, dass unser Suchthilfesystem aufgrund der Abstinenzvoraussetzung, sorry, ich verbessere mich, unser therapeutisches Suchthilfesystem, weil Drogenberatungen arbeiten in der Regel alle zieloffen, aber unser therapeutisches Suchthilfesystem, also alles, was in den Rehab-Komplex reinfällt, da ist ja klar die Voraussetzung: Entweder du bist abstinent, dann bekommst du diese Hilfe, oder du bist es halt nicht und dann musst du halt gucken, wo du bleibst.
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Und mich macht das dann immer, ehrlich gesagt, etwas grantig, dass dann sozusagen aus den Reha-Maßnahmen groß manchmal dann so sehr stark gegen das kontrollierte Trinken oder die zieloffene Suchtarbeit gewettert wird, weil ich mir denke, ja, ihr habt ja auch eine ganz andere Arbeitsrealität. Und ich finde abstinenzorientierte Reha sehr wichtig und ich finde es wichtig, dass wir einen größtmöglichen Schutzrahmen auch bieten, um Menschen eine nüchterne abstinnente Therapie zu ermöglichen. Und ich habe überhaupt nichts gegen einen Abstinenzansatz. Ich habe aber etwas gegen die Abwertung von kontrolliertem Trinken und zieloffener Suchtarbeit, denn die Realität der großen Masse von Menschen, die in Schieflagen geraten mit ihrem Drogenkonsum, sind nicht die 5 bis 10 Prozent von den Betroffenen, die überhaupt in der stationären Reha ankommen. Das sind die 90 bis 95 Prozent, die niemals ein Oberarzt in der stationären Reha zu Gesicht bekommen wird.
10:14
Und genau für diese Menschen braucht es ein attraktives Angebot. Und da es nun mal Fakt ist, dass eine Abstinenzvoraussetzung gerade auch in der Anfangsphase und in der ambivalenten Phase unfassbar überfordernd sein kann, gilt es schlichtweg, attraktivere, niedrigschwelligere Angebote zu stricken. Und ja, das ist die zieloffene Suchtarbeit und ja, das ist auch kontrolliertes Trinken. Und wie der Weg dann für die einzelne Person weitergeht, das darf sie ja selbst für sich entwickeln. Also, das waren meine fünf Cents, mal wieder so ein bisschen zusammengefasst zu dem Thema kontrolliertem Trinken versus Abstinenz, weil das ja genau so auch immer gerne diskutiert wird. Wir haben bei „Psychoaktiv“ sowohl eine sehr ausführliche Folge zum kontrollierten Trinken, das ist ein Interview mit Christoph Straub, und ich habe auch andere Folgen zum Thema Heilung außerhalb der Abstinenz. Das packe ich euch aber alles in die Shownotes. Und ich hoffe, euch hat dieser Quickie gefallen.
11:15
Lasst gerne auf eurer Plattform eine gute Bewertung für „Psychoaktiv“ da, das würde dem Podcast super helfen, genauso wie ein Follow oder ein Kommentar. Und dann hören wir uns zur nächsten Folge wieder. Bis dann, tschüss!
