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Kann man von Anabolen Steroiden süchtig werden?

Anabole Steroide werden meist nicht wegen eines Rausches konsumiert, sondern um Muskelaufbau, Leistungsfähigkeit und Körperbild zu verändern. Trotzdem kann sich ein problematisches Konsummuster entwickeln, das viele Merkmale einer Abhängigkeit aufweist. In dieser Folge von Psychoaktiv geht Stefanie Bötsch der Frage nach, ob man von anabolen Steroiden süchtig werden kann und erklärt, welche Rolle Veränderungen im Belohnungssystem, depressive Symptome nach dem Absetzen, Dosissteigerungen, Muskeldysmorphie und die Angst vor Muskelverlust spielen.

Unterstützt wird die Folge durch die Expertise von Dr. Ingo Butzke, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Mitinitiator einer spezialisierten Anabolika-Sprechstunde in der Schweiz. Er berichtet, warum Menschen mit problematischem Steroidkonsum vom bestehenden Hilfesystem oft nur schwer erreicht werden, welche Bedeutung Fitness-Communities und soziale Medien haben und weshalb Abschreckung und vorschnelle Abstinenzforderungen häufig nicht weiterhelfen. Im Mittelpunkt stehen stattdessen eine nicht stigmatisierende Beratung, medizinische und psychotherapeutische Kompetenz sowie Harm Reduction und eine Begleitung auf Augenhöhe.

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Kann man von Anabolen Steroiden süchtig werden?

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PODCAST-METADATEN
Folge: 111
Erscheinungsdatum: 24.04.2025
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Kann man von Anabolen Steroiden süchtig werden?
Sprecher: Stefanie Bötsch, Dr. Ingo Butzke

Typ: Transkript

00:01
Also so eine Akne hatte ich einfach noch nie gesehen. Aber das, was er im Forum formuliert hat, war nicht, okay, ich muss aufhören, sondern okay, was nehme ich, damit diese Akne weniger wird? Man muss wirklich von einer stillen Epidemie von jungen Erwachsenen sprechen, die über TikTok und über Instagram, also über die sozialen Medien zum Anabolikakonsum verführt werden.

00:36
Psychoaktiv. Euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein!

00:47
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Psychoaktiv. Wenn du neu hier bist, willkommen. Wir sprechen hier alle zwei Wochen über Drogenkonsum und Sucht und das auf einer wissenschaftlichen und kritischen Basis. Wenn du häufiger hier vorbeischaust, natürlich auch willkommen. Danke, dass du deine Zeit diesem super wichtigen Thema schenkst. Wie

01:10
Wir haben in der letzten Podcast-Folge schon die Grundlagen für Anabolisch-Steroide abgeklopft. Falls du die Folge noch nicht gehört hast, würde ich dir raten, die als erstes zu hören und dann wieder zu dieser Folge zurückzukehren, damit du eben die Grundlagen hast. Das hilft dir auf jeden Fall, diese Podcast-Folge besser zu verstehen. Denn in dieser Podcast-Folge konzentrieren wir uns nur auf das Suchtpotenzial von Anabolensteroiden.

01:39
Und das ist ja ziemlich interessant, weil wie wir in der letzten Folge schon gelernt haben, sind anabolische Steroide nämlich Hormone und wirken damit auch anders als die psychoaktiven Substanzen, die wir sonst hier im Podcast durchnehmen. Denn während MDMA, Kokain und Co. direkt auf unsere Neurotransmittersysteme einwirken, machen das anabolische Steroide als Hormon indirekt. Anabolische Steroide binden nämlich an Androgenrezeptoren.

02:08
Und das in verschiedenen Geweben wie Muskeln, Leber, aber auch Gehirn. Ja, das Gehirn hat auch Androgenrezeptoren, zum Beispiel im limbischen System. Und das ist eben wichtig für Emotionen, Motivation, aber auch Belohnung. Wenn anabolische Steroide dort binden, verändert sich die Sensitivität für Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin und auch Endorphine.

02:32
Das bedeutet auf der einen Seite mehr Selbstbewusstsein, Antrieb und verringerte Angst, aber auch depressive Verstimmung und Antriebslosigkeit. Und während der Muskelwachstum durch anabolische Steroide meist Wochen bis Monate braucht,

02:47
können Stimmungsschwankungen, aber auch Aggressionsschübe schon nach wenigen Tagen auftreten, weil eben Steroide direkt in dieses Neurotransmittersystem eingreifen. Also ja, Hormone wirken anders wie die psychoaktiven Substanzen, die wir sonst hier im Podcast durchnehmen. Und hier wird es dann auch interessant, denn kann unter den Bedingungen eben auch eine Suchtentwicklung entstehen. Und dazu gibt es inzwischen auch schon viel Forschung und ist einfach ein sehr spannendes Thema.

03:15
Bevor wir aber jetzt gleich tiefer ins Thema einsteigen, habe ich noch zwei Anmerkungen für euch. Ich habe in der letzten Podcast-Folge zu Anabolensteroiden gesagt, dass der Muskelwachstum mit Anabolensteroiden nur in Verbindung mit Sport klappt. Ein Zuhörer aber, und zwar Vic, hat mich darauf hingewiesen, dass das so nicht stimmt und gleich noch die passende Studie dazu geschickt, besser zu sagen, dass das nicht so stimmt.

03:41
Bester Mann, so kann ich das einfach gleich auch nachprüfen. Und tatsächlich ist es so, bei hohen Testosterondosen ist Muskelzuwachs auch ohne Training möglich. Die benötigten Mengen liegen allerdings weit über dem, was der Körper normalerweise selbst produziert oder was in der Medizin eingesetzt wird.

04:00
Und diese hohen Dosen bringen natürlich auch weitere gesundheitliche Risiken mit sich. Die neue Studie habe ich in dem Blogartikel zu anabolen Steroiden verlinkt. Und danke, danke, danke, Vic, für diesen Zusatz und vor allem, dass du mir gleich die passende Quelle dazu geschickt hast. Das war super hilfreich. Und das zweite ist natürlich das Willkommenheißen der neuen Steady-Mitglieder. Im ganzen April befinden wir uns ja aktuell in der Rette-Psycho-Aktiv-Kampagne.

04:27
in der ich nochmal mit Hochdruck versuche, dieses Format zu finanzieren.

04:31
Und ich bin total happy, dass echt schon einige Mitglieder dazugekommen sind. Also herzlich willkommen Sarah, Markeda, Alison, Rebecca, Christian, Laura, Katja, nochmal Katja, Ala, Andrea, Theodor, Jonas und Stefan. Ein besonderer Dank geht raus an Andreas und Malte für das Buchen des großen Pakets für 10 Euro. Und nochmal ein Riesendank geht raus an Karl für das Buchen des 25-Euro-Pakets. Das ist echt eine Riesenunterstützung.

05:00
Und falls du Psychoaktiv auch unterstützen möchtest, dann ist im April echt eine super Gelegenheit. Es gibt nämlich ein reduziertes Mitgliederpaket, das dir natürlich auch dann den Zugriff zu dem kompletten Bonus-Content gibt und auch zum Psychoaktiv Premium-Feed. Der ist für dich werbefrei und hat Kapitelmarker in den ganzen neuen Folgen. Man kann sich dadurch also ein bisschen leichter in den Folgen orientieren. Ich würde mich auf jeden Fall riesig freuen, wenn du meine Mission unterstützen möchtest. Es fehlen noch 75 Menschen, damit wir

05:27
Das Finanzierungsziel erreichen. Den Link findest du in der Folgenbeschreibung. Und jetzt lasst uns ins Thema rein starten. Musik

05:40
gibt es eine Sucht von Anabolensteroiden. Das schauen wir uns vielleicht erstmal diagnostisch an, also ob man das überhaupt diagnostiziert bekommen kann. Und aktuell ist es so, dass in der ICD-10, also unserem Klassifikationssystem in Deutschland, der schädliche Gebrauch von Anabolensteroiden unter die F55.5-Diagnose fällt. Und diese F55-Diagnose ist

06:08
ist der schädliche Gebrauch von nicht abhängigkeitserzeugenden Substanzen. Da fällt zum Beispiel auch die Nasenspraysucht rein. Darüber haben wir schon mal im Podcast in der Folge 87 gesprochen. Ich finde tatsächlich gerade den Begriff nicht abhängigkeitserzeugenden Substanzen ein bisschen schwierig. Das wird sich anscheinend in der ICD-11 ändern.

06:30
Denn dort gibt es dann eine neue Diagnose und die heißt dann Disorders due to use of non-psychoactive substances, also Störung aufgrund des Konsums von nicht-psychoaktiven Substanzen und das trifft es dann schon eher. Allerdings ist auch diese Diagnose nicht mit einem klassischen Abhängigkeitssyndrom gleichgestellt. Das schaut in der DSM-5 an.

06:55
Anders aus. Die DSM-5 ist das Diagnosemanual in der USA.

06:59
Und hier gibt es die Diagnose Anabolic Androgenic Steroid Use Disorder, was eine substanzbezogene Störung ist. Und in Papern zu der Substanzgebrauchsstörung zu Anabolensteroiden habe ich halt auch immer wieder gelesen, dass gerade wegen der langsameren Entwicklung und dem fehlenden akuten Rausch die Abhängigkeit von Anabolensteroiden lange unterschätzt wurde.

07:25
Und ja, klar, die Wirkung läuft ein bisschen anders und die zeigt sich auch ein bisschen anders und das schauen wir uns vielleicht einfach jetzt mal an. Starten wir mal mit den neurobiologischen Mechanismen und den psychischen Auswirkungen. Ich glaube, auch hier hat man erstmal grundlegend in der Konsummotivation einen Unterschied zu psychoaktiven Substanzen, denn man konsumiert das ja nicht wegen dem Rausch oder

07:52
nicht wegen einem veränderten psychischen Erleben, sondern man konsumiert es ja aufgrund des Muskelaufbaus. Und diese psychischen Nebenwirkungen, das sind ja dann eher Nebenwirkungen, darauf kommt es ja nicht an. Man möchte ja sein Körperbild und seine Leistung verändern. Das ist also schon mal grundlegend eine andere Konsummotivation. Trotz allem hat es neurobiologische Mechanismen, indem androgene Steroide eben an die Androgenrezeptoren

08:22
Binden und zwar im Gehirn. Und dadurch verändert sich zum Beispiel die Sensitivität der Dopaminrezeptoren. Und deswegen empfinden Nutzer während des Konsums ein gesteigertes Wohlbefinden, mehr Selbstbewusstsein und auch Antrieb. Das Gefühl entsteht allerdings nicht durch einen Dopaminkick, sondern eben zu einer Art allmählichen Anpassung des Belohnungssystems.

08:46
Das bedeutet aber auch, wer regelmäßig Steroide nimmt, gewöhnt sich an ein dauerhaft erhöhtes Belohnungsniveau. Neben dem Dopaminsystem beeinflussen anabolische Steroide auch das Opioid-System, indem sie dir dafür sorgen, dass mehr Endorphine ausgeschüttet werden. Das führt dazu, dass man sich während des Konsums weniger gestresst fühlt, emotional stabiler und sogar auch schmerzloser.

09:09
Schmerzen weniger wahrnimmt. Das macht die Steroide besonders attraktiv für Leistungssportler, weil sie härter trainieren können, ohne eben Muskel- und Gelenkschmerzen spüren zu müssen. Und neben dem Dopaminsystem und dem Opioid-System wirken anabolische Steroide auch auf unser Serotonin-System.

09:28
Auch hier scheint es die Sensibilität von Serotonin-Rezeptoren zu erhöhen und das bedeutet im Prinzip, dass Nutzer sich oft emotional stabiler fühlen, weniger Angst haben und ja sogar so eine Art Euphorie verspüren.

09:43
Doch all diese Wirkungen haben Konsequenzen, wenn man anabolische Steroide absetzt. Die Dopaminaktivität fällt ab, das Belohnungssystem ist weniger empfindlich und Betroffene fühlen sich plötzlich ziemlich leer und motivationslos und auch depressiv.

10:02
Außerdem hat sich der Körper auch auf eine erhöhte Endorphinproduktion eingestellt bzw. sich daran gewöhnt und nach dem Absetzen fällt dieser Effekt halt weg und Nutzer fühlen sich deswegen emotional instabil, reizbar und eben auch, wie wir schon beim Dopamin haben, kann

10:19
kann das eben die depressiven Symptome verstärken. Und manche entwickeln dabei auch eine hohe innere Unruhe und auch verstärkte Angstzustände. Und natürlich wird die Serotoninaktivität weniger durch das Absetzen und dadurch entsteht eben zusätzlich auch noch eine Antriebslosigkeit. Manche berichten von Schlafstörungen, Panikattacken.

10:42
bis hin zu suizidalen Gedanken. Und dieser Stimmungsabfall, diese Veränderung, das kann Wochen bis Monate anhalten, bis sich das alles wieder erholt. Und das führt halt eben dazu, dass viele wieder zu anabolen Steroiden greifen. Diesmal aber nicht nur,

10:59
um die Muskeln zu erhalten, sondern eben auch, um sich wieder vollständig zu fühlen, um sich wieder gut zu fühlen, weil halt eben ohne Anabolensteroide sie mit ziemlichen Entzugserscheinungen konfrontiert sind. Wir haben hier also Symptome, die man ja von Entzugserscheinungen anderer psychoaktiven Substanzen kennt und das ist im Prinzip auch ein klassisches Suchtmerkmal,

11:24
Bei der Toleranz schaut es ein bisschen anders aus. Werbung

11:34
Die klassische Toleranz bedeutet ja im Prinzip, dass ich immer höhere Dosen brauche, um denselben Effekt zu erzielen und das ist in der Regel pharmakologisch. Also die Substanz wirkt so, dass man immer mehr braucht. Das ist bei Anabolensteroiden nicht so. Trotz allem kommt es hier häufig zu Dosissteigerungen. Die haben allerdings ein bisschen andere Gründe. Möglicherweise

11:59
Mögliche Gründe für Dosissteigerung, ich werde mal auf ein paar eingehen, sind zum Beispiel psychologische Faktoren. Das hatten wir in der letzten Folge auch in den unerwünschten Wirkungen, dass eben es zu einer extremen Fixierung auf das Körperbild kommen kann und eben das Streben nach immer mehr Muskelmasse. Und dieses Phänomen kann man auch als Muskeldysmorphie bezeichnen.

12:24
bezeichnen, also eben, dass man vielleicht schon richtig große Muskeln hat, diese aber gar nicht sieht bzw. sich selbst als zu dünn und nicht muskulös genug wahrnimmt. Das heißt, man erhöht die Dosis, um eben noch mehr Muskeln aufzubauen, seinen Körper noch mehr zu definieren und deswegen immer mehr, mehr und mehr braucht.

12:47
Außerdem, und auch darüber haben wir in der letzten Folge geredet, gibt es ja die Konsumform des Stackings, also die Kombination von verschiedenen Substanzen, um im Prinzip auch die Substanzen für sein Muskelziel zu optimieren und auch um unterschiedliche unerwünschte Wirkungen zu umgehen. Aber genau dieses Stacking kann eben insgesamt dafür sorgen, dass man

13:11
immer mehr Steroide aufnimmt, weil man halt immer unterschiedliche aufnimmt, um immer wieder mehr herumprobiert, um sein Ziel im Prinzip zu erreichen.

13:22
Es kann allerdings auch zu einer Anpassung im Körper kommen. Aber das ist auch ein bisschen anders als sozusagen diese klassische Anpassung, die wir bei der Toleranz bei psychoaktiven Substanzen kennen. Und zwar ist es so, dass wenn wir immer externen Einfluss haben, also externen Testosteronzufluss durch anabolische Steroide, kommt es dazu, dass die eigene Hormonproduktion reduziert wird. Im Prinzip

13:48
denkt sich die eigene Hormonproduktion so, ja, hey, es kommt ja die ganze Zeit was von außen, dann muss ich ja nicht mehr so viel Testosteron nachproduzieren. Was dann aber natürlich passiert ist, also der Körper gleicht im Prinzip den Testosteronzufluss aus, indem es weniger selbst produziert und das bedeutet im Prinzip wieder, dass man ja mehr Testosteron braucht, um eben diesen erhöhten Testosteronspiegel zu erreichen, um dann auch

14:16
diesen muskelaufbauenden Effekt zu haben. Das bedeutet also, der Effekt der Substanz geht grundlegend nicht verloren durch eben eine Veränderung von Rezeptoren oder oder, sondern der Körper wird, ja ich nenne es mal faul, finde ich eigentlich den falschen Begriff, weil er halt sinnvoll nachreguliert. Wir haben hier also den Mechanismus der Dosissteigerung, wie wir ihn eben auch bei der Suchtentwicklung von psychoaktiven Substanzen kennen.

14:41
Der Grund, wie es dazu allerdings kommt, ist ein bisschen anders gelagert. Neben den Entzugserscheinungen und der Toleranzentwicklung gibt es natürlich auch noch andere Diagnose-Kriterien für das Abhängigkeitssyndrom. Wem das nochmal ganz genau interessiert, der kann mal richtig lange scrollen. Und zwar in Folge 2 gehen wir wirklich sehr tief auf die verschiedenen Diagnose-Kriterien ein.

15:10
Bei Menschen, die Anabolisch-Steroide konsumieren, kommt es, wie schon jetzt häufiger erwähnt, zu einer wirklich tiefen Fixierung auf ihr Körperbild. Sie nehmen also Steroide nicht nur, um Muskeln aufzubauen, sondern weil sie sich eben auch ohne die Substanz schwächer, kleiner und weniger leistungsfähig fühlen. Wir haben hier diesen Effekt, dass sich Anabolisch-Steroide so in das Selbstbild einweben,

15:35
dass der Zustand ohne anabolische Steroide immer unattraktiver wird und auch einfach viele Ängste anregt. Besonders verbreitet die Angst vor dem sogenannten Crashing, also das Gefühl, dass man nach dem Absetzen die hart erarbeitete Muskulatur verschwindet, dass sie nicht mehr da ist.

15:59
Das beruht meistens auf einer sehr verzerrten Wahrnehmung und führt aber dazu, dass immer wieder neue Zyklen wiederholt werden, gestartet werden, um dieses verlorene Volumen zurückzugewinnen und sich aber auch wieder stark zu fühlen. Neben individuellen Faktoren spielen allerdings auch das soziale Umfeld eine große Rolle. In bestimmten Fitness-Communities gehören Steroide fast zur Normalität. Wer durch

16:27
Wer dort eben nicht mitzielt, geht schnell als schwach oder nicht ambitioniert genug. Und hier gilt es eben auch so ein gewisses Dazugehörigkeitsgefühl durch den Konsum zu fördern. Ein weiterer Aspekt, der eben so eine Suchtentwicklung fördern kann, ist eben auch der Druck durch soziale Medien. Und zwar, dass eben dort unrealistische Maßstäbe gesetzt werden auf das Körperbild, auf die Muskelmasse. Und dass das eben so einen perfekten, unerreichbaren

16:57
Körper darstellt, was eben Menschen dazu verleitet, ebenfalls nachzuhelfen, um genau so ein Körper, wie der teilweise in Instagram dargestellt wird, zu erreichen. Aber wir haben auch anabolische Steroide in Leistungssportarten, also nicht nur im Bodybuilder-Bereich oder auch im körperästhetischen Bereich, sondern wirklich bei Leistungssportarten, wo eben Athleten das Gefühl haben, ohne die Substanz nicht mithalten zu können.

17:25
Und so entsteht eben einfach ein Kreislauf. Wer einmal mit Anabolensteroiden begonnen hat, wird eben oft durch sein Umfeld, dem Wunsch nach Anerkennung und die Angst vor Rückschritten in einen immer fortlaufenden Konsum getrieben. Und das halt eben häufig auch, obwohl vielleicht schon negative Nebenwirkungen aufgetreten sind. Ihr erinnert euch vielleicht in der letzten Folge an mein Beispiel.

17:46
dass ich dieses Bild gesehen habe von einem jungen Mann, der so massive Akne aufgrund seines Konsums von Anabolen und Steroiden bekommen hat. Und er, also so eine Akne hatte ich einfach noch nie gesehen, aber das, was er im Forum formuliert hat, war nicht, okay, ich muss aufhören, sondern, okay, was nehme ich, damit diese Akne weniger wird. Und das ist halt eben auch dieser Aspekt, den wir auch beim Abhängigkeitssyndrom haben, der Konsum.

18:14
trotz schon negativ eingetretener Folgen, dass das halt einfach hier stattfindet. Musik

18:23
Doch, und das ist jetzt auch das Ende dieser Folge, gilt es noch ein Thema zu betrachten. Und zwar, wo wenden sich eigentlich Betroffene hin, wenn sie wirklich Probleme haben? Denn es ist keine offizielle Suchtdiagnose. Damit ist im Prinzip das Suchthilfesystem nicht zuständig. Aber wir haben hier natürlich auch das Problem, dass es doch sehr nah an der Sucht ist, was häufig dazu führt, dass sich der Rest des Systems, also des normalen psychischen Gesundheitssystems,

18:51
auch nicht wirklich zuständig fühlt bzw. da auch eine gewisse Unsicherheit besteht, wie man damit umgehen soll. Und dazu habe ich einen Fachmann befragt und zwar habe ich Dr. Med Ingo Butzke. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Psychiatriezentrum Münzingen in der Schweiz. Ein

19:12
ein paar Fragen gestellt. Ich kann leider aktuell keine Interviews führen, weil eben die Zeitverschiebung zu groß ist wegen meines Sabbaticals. Also habe ich Herrn Dr. Butzke dazu gebeten, ob er mir vielleicht die Antworten per Sprachnachricht schicken kann. Und das hat er gemacht. Das ist sehr cool. Und er teilt uns seine Erfahrungen mit seiner Anabolika-Sprechstunde. Und als erstes wollte ich wissen…

19:35
Warum überhaupt eine spezifizierte Anabolika-Sprechstunde notwendig ist? Die Experten sind sich darüber alleinig. Es gibt viele Studien dazu. Man geht in der Schweiz von 200.000 bis 300.000 Betroffenen aus, in Deutschland Faktor 10 mehr. Diese Zahlen kommen vor allem aus Studien aus den Ländern, die bei dem Thema schon viel weiter sind, also den USA, Holland, Großbritannien und Australien. Genaue Zahlen liegen uns nicht.

20:03
Man muss wirklich von einer stillen Epidemie von jungen Erwachsenen sprechen, die in den letzten Jahren nicht mehr so stark gehalten worden ist.

20:22
die über TikTok und über Instagram, also über die sozialen Medien, zum Anabolikakonsum verführt werden. Da gibt es sogar Studien, die das auch belegen. Man kann sich die Schlagworte anhören, die dann typischerweise Reutze sind oder Trenn oder Trenn-Boulon, die immer häufiger im TikTok zirkulieren. Das sind also diese Schlagworte mit dem Hashtag. Und kaum jemand nimmt sich dieses Problems an. Gleichzeitig sehen wir in unseren Praxen, dass etliche dieser Personen dann im höheren Alter

20:50
von 40 bis 50 Jahren wirklich ernsthafte bis potenziell lebensbedrohliche gesundheitliche Probleme entwickeln. Und wir sind der Überzeugung, es darf nicht länger weggeschaut werden. Wir sehen hier wirklich die Stigmatisierung einer Bevölkerungsgruppe, die so stark, so unabhängig und so unabhängig

21:06
unverletzlich erscheint, aber wir dürfen dieser Illusion nicht auf den Leim gehen. Tatsächlich handelt es sich um eine Bevölkerungsgruppe, die genauso auf Schutz und auf medizinische Versorgung angewiesen ist wie alle anderen auf und die wir da nicht vergessen dürfen.

21:21
Außerdem habe ich Herrn Butzke gefragt, ob es einen bestimmten Typ Mensch gibt, der besonders gefährdet ist, einen problematischen Konsum bei Anabolen, Steroiden zu entwickeln. Und das hat er geantwortet. Früher hatte man die Vorstellung, es gibt tatsächlich einen ganz bestimmten Charakter, eine bestimmte Persönlichkeit, die anfällig macht.

21:44
Es ging einher mit so einem Konzept einer versteckten Vulnerabilität, dass es sich also um Patienten handelt mit Selbstwertthemen, die vielleicht Körperbildstörungen haben und doch unter diesem Muskelpanzer sehr unsicher sind. Diese Thesen, die ja doch so ein bisschen küchenpsychologisch oder leihenpsychologisch sind, haben sich nicht bestätigt. Man hat viele Untersuchungen, die zeigen,

22:08
Richtung gemacht. Tatsächlich sehen wir wirklich ein sehr breites Spektrum von Usern, was sich nicht auf einen bestimmten Typus reduzieren lässt. Auch die Besucher unserer Sprechstunde waren völlig unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Themen.

22:24
Was wir vielleicht sehen können, ist, dass die Menschen typischerweise eher wenig Offenheit gegenüber klassischer Sucht oder Psychotherapie haben, weil es doch welche sind, die einen starken Wunsch nach Kontrolle, nach Selbstwirksamkeit, nach Selbstverantwortung, nach Stärke haben.

22:40
Dieses Grundmotiv lässt sich schon identifizieren, aber darunter liegende Motive wie zum Beispiel Traumata oder Traumatisierung und dergleichen, die Klischees einhergehen, die man auch in Filmen sieht, die ließen sich nicht bestätigen.

22:56
Oder so eine typische Vorstellung wäre auch, wie bei den essgestörten Frauen, während es vor allem Männer mit Selbstwertproblemen oder Menschen mit Mobbing erleben in der Kindheit, die dadurch besonders viele Muskeln sich stark machen wollen. Aber wie gesagt, solche Ansätze sind zu kurz und zu einfach gedacht.

23:14
Ich habe es ja gerade schon angedeutet, Menschen, die einen problematischen Konsum von Anabolensteroiden haben, werden schwer vom vorhandenen Gesundheitssystem erreicht. Ich wollte es aber auch nochmal von Herrn Butzke wissen, der da ja mehr praktische Erfahrung hat, welche Schwierigkeiten er da sieht.

23:35
Da haben wir mehrere Elemente. Ein Element ist das geringe Problembewusstsein und die Selbstwahrnehmung. Dort spielen, wie bei anderen Süchten, Verdrängungsphänomene eine Rolle.

23:46
Viele Nutzer sehen also ihren Konsum gar nicht als problematisch an, sondern beginnen, weil sie es für eine gezielte, kontrollierte Maßnahme zur Körperoptimierung, sogar zur Gesundheit verstehen. Tatsächlich arbeiten sich viele dann so enorm ein, dass sie am Anfang sehr informiert in den Konsum einsteigen. Sie erleben zuerst die positiven Effekte, mehr Muskelmasse, Leistungssteigerung, besseres Körperbild, höhere soziale Anerkennung.

24:13
besonders innerhalb ihrer Fitness- oder Bodybuilding-Community. Die Nebenwirkungen, die am Anfang auftreten, wie Akne, Stimmungsschwankungen, Hormonverschiebung, werden oft verharmlost oder als normal oder kontrollierbar akzeptiert. Und es geht einher mit der Einschätzung, ich weiß, was ich tue, ich mache das professionell.

24:31
Dabei geht aber die Einsicht verloren oder wird die Einsicht übersehen, dass man mit den Jahren, die ins Land gehen, oft Übersicht verliert, weil es zu viel ist. Also die Laborkontrollen, die am Anfang noch regelmäßig gemacht werden, treten dann in den Hintergrund, weil im Leben ja sonst noch einiges los ist. Man verliert die Übersicht, man neigt dazu, mehrere Substanzen zu stacken.

24:54
sodass man immer weiter reinrutscht. Und gerade die Profiathleten sind die, wie man in Untersuchungen herausgefunden hat, die auch das größte Gesundheitsrisiko auf sich nehmen, die also wirklich im Sinne einer Slippery Slope immer mehr in einen unkontrollierten Konsum hineinrutschen, immer mit dem Mythos vor Auge, nur noch der eine Wettkampf und dann höre ich auf. Aber wie wir wissen, ist es mit den Aufhören eben ganz schön schwierig und es schaffen nicht alle. Ein weiteres Element Profiathleten,

25:20
dieser Fragestellung ist die Verheimlichung und Tabuisierung. In vielen Ländern sind ja Anabolika illegal oder zumindest gesellschaftlich sehr geächtet und die Nutzer fürchten sich natürlich davor verurteilt oder ausgegrenzt zu werden. Sie konsumieren deshalb heimlich auch der Freundin gegenüber, dem Partner gegenüber oder den Eltern gegenüber, sodass sie schlechter über klassische Beratungskanäle erreicht werden können. Auch

25:44
Auch in vielen Fragebögen oder Namnese-Gesprächen wird der Konsum aus Angst vor Stigmatisierung oder Vorwürfen gerne mal verschwiegen. Der dritte und ganz wesentliche Aspekt ist dann die subkulturelle Abschottung, die zu einem Misstrauen gegenüber Fachleuten führt. Einer sehr großen Umfragestudie aus Amerika hat man festgestellt, dass am ehesten der Bro Science vertraut wird, also den Gurus, Grunde genommen den Gurus,

26:10
Bodybuildern mit den größten Muskeln. Dadurch wird ihnen Kompetenz zugebilligt. Die werden befragt und die beraten dann bei der Erstellung von Zyklen, also Cycling von Post-Cycle-Therapies und beraten aufgrund der vielen Erfahrungen, die sie haben. Dabei ist noch wichtig, dass diese Gurus teilweise tatsächlich

26:30
spektakuläres Wissen ansammeln, mit dem man als Arzt kaum mithalten kann. Trotzdem fehlt Ihnen natürlich die solide Grundausbildung und Sie können oft Studien nicht richtig einordnen, nicht richtig gewichten und insgesamt auch Nebenwirkungen und die physiologischen Herausforderungen und Risiken nicht wirklich einschätzen. Gegenüber den Studiokollegen und denen mit den dicken Muskeln und den Gurus haben

26:55
Und anderen Tipps aus dem Internet und Fachärzten aus dieser Subkultur haben Fachärzte und andere Gesundheitsfachpersonen wirklich Probleme, anerkannt zu werden und als kompetent angesehen zu werden, weil die User natürlich wissen, dass sie selbst keine praktische Erfahrung mit Anabolika haben.

27:13
Und sie haben auch die Erfahrung gemacht, dass im medizinischen Hilfesystem oft nicht ernst genommen werden, abgewiesen werden, belehrt werden, abgekanzelt werden. Sie fürchten deshalb Stigmatisierung oder sogar juristische Kompetenzen. Sie müssen sich vorstellen, die Stigmatisierung geht so weit, dass ein hausärztlicher Kollege

27:32
eines Patienten, der uns mal zugewiesen worden war, mit massiven Nebenwirkungen gesagt hat, er solle doch einfach mit dem Scheiß aufhören, auch Neuruch, Neunuchen hätten schließlich eine großartige Lebensqualität. Das war für mich als Psychiater, der sehr patientenzentriert ist und der

27:50
auch viel mit Süchtigen zu tun hat, bei denen man die Sucht als Krankheit akzeptiert und immer versucht, das Beste für den Patienten zu erreichen. Absolut schockierend, dass man wagt, sich so abwertend und so leistungsverweigernd dem Patienten gegenüber zu äußern. Das war schon ein sehr schlimmes Signal. Und zuletzt ist es natürlich so, wie ich gesagt habe, sie misstrauen den normalen Ärzten, bei denen sie auch oft gemeldet

28:12
gemerkt haben, die haben nicht wirklich Ahnung und hochspezialisierte Beratungsstellen oder Angebote für Anabolika-User gibt es eben kaum noch. Wir haben ja eine Sprechstunde in Münsingen, die zweite Sprechstunde im Bereich Pulsierer

28:24
wurde in Zürich von den Kollegen der ARUT eröffnet, die hochprofessionell daran gehen. Und das sind aber die beiden einzig uns Bekannten in der Schweiz. In Deutschland ist mir kein einziges Angebot bekannt. Und wir merken aber auch sehr schnell, wenn wir keine direkten Empfehlungen von Leuten aus der Bodybuilding-Fitness-Szene bekommen, dann gehen uns die Patienten aus, dann gehen die

28:45
Anmeldung drastisch zurück, weil man eben, also die Klienten sind regelrecht traurig, wenn sie mich das erste Mal sehen, geht der Blick schnell von meinem Gesicht zu den Armen und wenn die sehen, ich bin jetzt kein Bodybuilder, dann über 44er Bizeps, dann ist die Kompetenzzuschreibung schnell dahin. Idealerweise würde man also Peers mit einbeziehen, die den Weg ebnen und die sagen, du kannst wirklich dem Dr. Butzke vertrauen, der hat sich seit 2020 in Tiefe eingearbeitet, der hat schon vielen geholfen,

29:14
Es braucht diese Brücke über ein Pier, damit man die Glaubwürdigkeit innerhalb der Szene eröffnet.

29:19
bekommt. Und zu guter Letzt wollte ich noch wissen, was Menschen brauchen, um ihren problematischen Konsum von Anabolensteroiden hinter sich zu lassen und das war seine abschließende Antwort. Wir lernen viel von der klassischen Suchtprävention, wir können dies aber nicht eins zu eins auf die Anabolika-User oder die iPad-User, wie man ja auch sagt, übertragen. Was es sicher braucht, ist eine Begegnungsstrategie,

29:45
Begleitung auf Augenhöhe, also keine Belehrung, keine Abstinenzforderung, keine unrealistische, keine Dramatisierung der Nebenwirkung. Wir brauchen eine nicht stigmatisierende, adressatengerechte Ansprache und Beratung. Wir brauchen niedrigschwellige Angebote und wir brauchen die Verbindung von medizinischem Know-how, von

30:05
psychotherapeutischen Know-how und sportnahe Kompetenz für den Vertrauensaufbau. Ich bin ja selbst ein Kind der 80er Jahre und kann mich noch genau erinnern, wie die damalige abschreckende Opioidprävention völlig an einem vorbeigegangen ist. Man sah überall Bilder von toten Junkies, die auf den Bahnhofsklos lagen. Als Kind hat mich das verängstigt.

30:28
Als Jugendlicher habe ich dann gedacht, naja, so viele rauchen entjoint, da ist mir wohl ein Bär aufgebunden worden, also ganz so schlimm können die Drogen dann doch nicht sein. Und so verliert die Aufklärung und Prävention natürlich völlig ihre Glaubwürdigkeit. Bei den Anabolika muss man sich das ähnlich vorstellen. Von vielen, die

30:44
die sich nicht so gut damit auskennen, werden die Nebenwirkungen grandios übertrieben. Dann kommen die jungen Leute, nehmen das ein oder andere Anabolikum kurzfristig ein und sagen, Moment mal, ich spüre ja gar keine Nebenwirkungen. Offensichtlich kann ich mich auf die Prävention nicht verlassen. Das ist ja einfach eine Angstmacherei. In dem Sinne muss das Ziel nicht prinzipiell mehr der Entzug sein, sondern informierte Selbststeuerung,

31:07
vor allem körperliche und psychologische Gesundheitsvorsorge, Erhaltung der Lebensqualität, Reduktion von Risiken und Schäden gemäß dem Harm Reduction, also der Schadenreduktion,

31:19
die wir bereits aus dem Suchtbereich sehr gut kennen und die sehr gut untersucht ist. Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, in der sich Patienten öffnen für Gespräche ohne Scham und Druck, wie man das typischerweise mit dem Motivational Interviewing schafft. Eine Änderungsgesprächstechnik, die ursprünglich aus dem Suchtbereich stammt, aber auch für Rauchstopp.

31:40
oder andere Verhaltensänderungen sehr erfolgreich eingesetzt wird. Die Haltung und die Sprache muss sehr verständnisvoll sein. Wir fokussieren auf Kontrolle, Gewinn beim Überzeugen. Wir machen keine Suchtetikettierung. Wir kommen nicht, wie es viele Kollegen empfehlen, mit dem Quit-or-Die-Ansatz nach dem Motto, entweder Sie hören auf oder ich helfe Ihnen nicht.

32:02
Wir sind nicht belehrend und nicht entwertend, sondern wir sind zunächst mal neutral und entgegenkommend. Ideal wäre die Zusammenarbeit mit Fitnessketten, mit Sportärzten, mit urologischen Praxen und wir haben tatsächlich schon ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut.

32:19
Man merkt aber, dass verschiedene von diesen Anspruchsgruppen sehr zurückhaltend sind, weil sie Angst haben, in dieses für sie hässliche, unappetitliche Doping-Thema verwickelt zu werden. Also gerade die Fitnessketten haben uns alle einen Korb gegeben und gesagt, bei uns haben wir solche Leute nicht. Was lächerlich ist, wir haben ganz klar die Studien vorliegen, die beweisen, dass in den Fitnessstudios bis zu 20 bis 30 Prozent der Leute Anabolika einnehmen, vielleicht nicht unbedingt in Form von Spritzen.

32:46
aber dann in Form von Petiven oder von sogenannten SARM, also selektiven anchorinen Rezeptormodulatoren, die bei den jungen Erwachsenen heute sehr en vogue sind. Man muss also teilweise schon sehr lange suchen, bis man einen Endokrinologen gefunden hat, der bereit ist, adressatengerecht mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten. Ich hatte es vorhin schon mal angetönt, die Peer-Beratung durch ehemalige Genutzer könnte eine

33:14
ein toller Ansatz sein, weil diese Leute natürlich ein unglaubliches Standing, eine unglaubliche Glaubwürdigkeit in der Szene genießen und daher sehr schön Brückenbauer sein könnten zwischen den medizinischen Fachleuten und den Usern. Eine Idee wäre eben mehr Sprechstunden aufzubauen, so wie wir sie gebildet haben. Unsere Sprechstunde heißt ja Medikamente im Fitnesssport und es wäre vorstellbar, dass man da Psychologen

33:40
sich was einfällen lässt, wie Klarkörpersprechstunde im Sinne von der Körper ohne den Einsatz von illegalen Substanzen wie IPED oder Anabolika. Und es wäre ideal, wir haben den Kontakt mit dem Bundesamt für Gesundheit in der Schweiz schon aufgenommen. Die haben da durchaus Interesse, wenn man dort Prävention betreiben könnte, die auch wirklich die Lebenswelt der Betroffenen anspricht. Eine Vorstellung wäre, dass man Labore macht, um ein gesamtgesellschaftliches

34:08
Gesundheitscheck für die Patienten anbieten zu können, dass man mit Kurzskalen auch relevante psychische Dimensionen wie den Selbstwert, das Körperbild kontrolliert und auf Wunsch auch Überweisungen macht zur direkten medizinischen oder psychologischen Behandlung. Wir detektieren ja oft medizinische Probleme, die dringend angegangen werden müssen, wie auf kardiologischer Ebene des Sportlerherz oder

34:33
endokrinologische Probleme oder die Polyglobuli, die sehr häufig ist. Also, sodass wir an Fachexperten weiter überweisen müssen, die natürlich schon zu unserem Netzwerk gehören. Als Fazit kann ich sagen, es braucht den Vertrauensaufbau

34:48
Durch Verzicht auf Belehrung, durch Verzicht auf eine sofortige Abstinenzforderung. Es braucht eine Validierung der Motive der User, dass man herauskommt, warum nehmen sie überhaupt die Substanzen. Man muss sie klar über die langfristigen Konsequenzen aufklären und zwar kompetent, ohne Angst zu machen, ohne zu dramatisieren.

35:08
ist, dass wir zusammenfassend sagen können, es braucht eine Begleitung auf Augenhöhe, die es dann über den Vertrauensaufbau den Patienten ermöglicht, aus dieser Suchtspirale der Anabolika, die sich bei 30 Prozent der Usern tatsächlich etabliert, aussteigen zu können.

35:26
Ich möchte Herrn Dr. Butzke sehr für seine Zeit danken, dass er all meine Fragen so ausführlich für uns beantwortet hat. Ich nehme mir aus seinen Antworten vor allem zwei Dinge mit. Einmal, dass es wirklich auch eine enge Zusammenarbeit mit der Szene braucht, um Menschen ein attraktives Behandlungsangebot zu machen, das sie am Ende dann auch annehmen. Und das ist auch ein sehr, sehr wichtiges Thema.

35:46
Und ganz banal, es braucht überhaupt Angebote. In Deutschland sehe ich hier auf jeden Fall noch absoluten Handlungsbedarf. Wie Herr Butzke im Interview sagt, es ist eine stille Epidemie, die wirklich einen beträchtlichen Anteil an Menschen betrifft. Doch ich höre und lese wirklich an sich sehr wenig bis gar nichts über dieses Thema, auch nicht in Fachkreisen. Und ich habe zum Beispiel auch gemerkt, dass meine Folge zu Anabolensteroiden im

36:11
im Allgemeinen auch eher schlechter performt hat als andere Substanzkunde-Folgen. Und auch auf Instagram war das Interesse dazu eher gering. Klar, das Thema scheint etwas aus meinen anderen Themen herauszufallen, dadurch, dass Anabolisch-Steroide als Hormone anders funktionieren als psychoaktive Substanzen. Aber es gibt einfach viele Parallelen und Menschen, die vielleicht wirklich auch echt ein gutes Hilfsangebot brauchen. Und deswegen sollten wir vieles

36:39
viel mehr darüber sprechen, uns fortbilden und aufklären. Das war es auf jeden Fall mit meiner Doppelfolge zu Anabolensteroiden. Ich hoffe zumindest, ich konnte bei einigen das Thema mehr ins Bewusstsein holen. Ich weiß, dass hier auch sehr, sehr viele Fachkräfte hören. Vielleicht tragt ihr das Thema einfach mal in die nächste Teambesprechung. Ich würde mich auf jeden Fall riesig freuen, wenn Anabolesteroide und auch die Herausforderungen, die daraus entstehen, nicht einfach unter den Tisch fallen. Und fangt

37:07
Und falls ihr den Podcast unterstützen möchtet, wie gesagt, wir sind aktuell im April in der Rette Psychoaktiv Kampagne. Sie läuft also noch bis zum 1. Mai und in dieser Zeit gibt es für euch einen reduzierten Kampagnenpreis. Es fehlen noch 75 Menschen, um das Finanzierungsziel zu erreichen und ich würde mich einfach wahnsinnig freuen, wenn du dabei bist. Link findest du in der Folgenbeschreibung und sonst hören wir uns einfach in zwei Wochen wieder. Bis dann. Tschüss.

37:46
Vielen Dank.


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