Ibogain – Kann ein Trip die Sucht beenden?

Ibogain wird immer wieder als außergewöhnliche Substanz beschrieben, die Entzugssymptome lindern, Craving reduzieren und eine Abhängigkeit nach nur einer Einnahme regelrecht „löschen“ könne. In dieser Folge geht Stefanie Bötsch der Frage nach, was an diesen Versprechen tatsächlich dran ist. Sie beleuchtet die kulturellen Ursprünge von Iboga in Westzentralafrika und seine Bedeutung in Bwiti-Traditionen, zeichnet den Weg von der traditionellen Nutzung bis zur heutigen Anwendung in privaten Ibogain-Zentren nach und erklärt, wodurch sich Iboga, Ibogain und verschiedene Extrakte unterscheiden.
Die Folge zeigt, warum Ibogain pharmakologisch so außergewöhnlich ist, welche Rolle unter anderem Serotonin-, Opioid- und Glutamatsystem sowie Noribogain spielen und woher die Vorstellung eines „Resets“ des Suchtgedächtnisses stammt. Gleichzeitig wird die bisherige Evidenz zur Behandlung von Abhängigkeit kritisch eingeordnet: Es gibt interessante Hinweise auf eine Verringerung von Opioidentzug und Suchtdruck, für eine langfristige Wirksamkeit fehlen jedoch robuste kontrollierte Studien. Zudem besitzt Ibogain ein relevantes körperliches Risikoprofil und kann insbesondere schwere Herzrhythmusstörungen verursachen. Ibogain ist damit weder das oft versprochene Wundermittel noch wissenschaftlich uninteressant – sondern eine Substanz mit therapeutischem Potenzial, erheblichen Risiken und vielen bislang offenen Fragen.
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Ibogain gegen Sucht: Kann ein Trip den Entzug erleichtern?
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PODCAST-METADATEN
Folge: 141
Erscheinungsdatum: 27.08.2026
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Ibogain gegen Sucht: Kann ein Trip den Entzug erleichtern?
Sprecher: Stefanie Bötsch
Typ: Transkript
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Eine einzige Einnahme, und der Entzug ist vorbei, das Craving verschwindet, das „Suchtgedächtnis“ wird gelöscht, und das Gehirn einmal komplett auf die Werkeinstellungen zurückgesetzt. Die Rede ist hierbei von Ibogain. Aber kann eine psychedelische Erfahrung wirklich eine jahrelange Abhängigkeit innerhalb weniger Stunden beenden?
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Psychoaktiv, euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Böts. Zieht’s euch rein.
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Hallo und herzlich willkommen zurück aus der Sommerpause. Jetzt ist es offiziell: Psychoaktiv ist aus der Sommerpause raus. Ich freue mich riesig, dass du wieder mit dabei bist. Psychoaktiv ist dein Fachpodcast zu Drogenkonsum und Sucht, und wir starten heute gemeinsam: raus aus der Sommerpause, rein in die nächste Psychoaktiv-Saison. Und heute sprechen wir über eine Substanz, zu der mich vor Jahren auch schon mal ein Klient angesprochen hat. Er erzählte mir damals, dass es eine Substanz gibt, die die Sucht einfach auslöscht. Laut seinen Informationen nimmt man die Substanz wohl einfach einmal ein, und dann ist erst mal Ruhe, man hat eine Zeit lang kein Craving mehr. Beziehungsweise gibt es wohl auch Fälle, wo die Betroffenen für immer nüchtern bleiben können. Und warum wir so was denn eigentlich nicht in Deutschland anbieten? Die Rede war von Ibogain. Und Ibogain wird tatsächlich in manchen Ländern zum Entzug und Entwöhnung genutzt.
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Es gibt total tolle Fallbeschreibungen, wie ein einmaliger Konsum mehrere Monate bis Jahre der Abstinenz ausgelöst haben. Aber es gibt auch Berichte von Todesfällen. Und wie ihr das aus alter Psychoaktiv-Manier kennt, schauen wir uns das alles heute mal ganz genau an und prüfen, was uns die Forschung zu Ibogain sagt. Wir schauen uns heute an, woher Ibogain kommt, wie die Erfahrung wirkt, was im Gehirn passiert, warum die Substanz für das Herz so gefährlich sein kann, und was die Studien zur Behandlung von Abhängigkeit tatsächlich aktuell vorweisen können. Ich wünsche euch viel Spaß bei dieser Folge. Wenn heute über Ibogain gesprochen wird, beginnt die Geschichte oft mit einem 90-jährigen US-Amerikaner, und zwar Lozov in den 1960er-Jahren. Zu dem kommen wir allerdings erst später, denn erst möchten wir so ein bisschen mehr die kulturellen Hintergründe anschauen.
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Denn der kulturelle Ursprung liegt in Westzentralafrika, insbesondere im heutigen Gabun. Dort wächst die Tabernante Iboga, meistens einfach Iboga genannt. Die Wurzelrinde davon enthält Ibogain und auch weitere Alkaloide. Für diesen historischen Teil stütze ich mich vor allem auf drei sehr ausführliche Veröffentlichungen des italienischen Ethnobotanikers Giorgio Samorini aus dem Jahr 2024. Alle Quellen findet ihr übrigens auf meiner Website. Darin versucht Samorini, die Geschichte von Iboga und Bewiti jenseits der langen, dominierenden kolonialen und missionarischen Erzählungen zu rekonstruieren. Dafür vergleicht er historische Dokumente mit späteren ethnografischen Untersuchungen und mündlich überlieferten Geschichten aus den jeweiligen Gemeinschaften. Und eine wichtige Erkenntnis daraus ist erst einmal: Wir können heute nicht seriös sagen, seit welchem Jahrhundert Menschen Iboga verwenden.
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Die ältesten erhaltenen schriftlichen Berichte sind nur ungefähr 150 Jahre alt. Die Nutzung selbst aber ist deutlich älter als diese Berichte und wurde eben lange mündlich, praktisch und rituell weitergegeben. Wenn wir uns dem afrikanischen Kontext annähern, begegnet uns ziemlich schnell Bewiti. Bewiti bezeichnet religiöse Initiationstraditionen in Gabun und den angrenzenden Regionen, in denen Iboga eine zentrale Rolle spielen kann. Bei einer Initiation wird die dadurch ausgelöste große Vision als Reise aus dem Körper, Begegnung mit Verstorbenen oder eben Kontakt zu einer göttlichen beziehungsweise spirituellen Welt verstanden. Es geht dabei um religiöse Erkenntnis und die Aufnahme in eine Gemeinschaft und auch häufig um Themen wie Identität, Tod und Wiedergeburt. Die Ursprünge von Bewiti sind allerdings nicht abschließend geklärt, denn es gibt so verschiedene Bevölkerungsgruppen in Gabun. Da kann man vor allem die Mitsogo und die benachbarten Apinji in Zentral- und Südgabun als Gruppen nennen, die eben auch frühe Formen dieser Traditionen entwickelten.
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Und von dort aus verbreitet sich Bewiti eben auch in andere Regionen und erreichte gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die Fang im Norden Gabuns. Und bei dieser Ausbreitung veränderte sich eben auch die Tradition. Zum Beispiel bei den Fang-Bewiti wurden Elemente des eigenen Biyeri-Ahnenkults mit reingemischt und später eben auch christliche Vorstellungen aufgenommen. Und deshalb gibt es nicht das eine und überall identische Bewiti, sondern eben eher unterschiedliche Zweige mit unterschiedlichen Deutungen der Initiation und auch der Visionen. Iboga wurde allerdings nicht nur innerhalb von Bewiti verwendet, sondern eben auch in kleineren Mengen von Jägern, zum Beispiel bei langen, körperlich super anstrengenden Wegen, um eben länger wach zu bleiben und auch Erschöpfung besser auszuhalten und auch Hunger und Müdigkeit zu unterdrücken. Auch während nächtelanger Rituale konnte diese stimulierende Wirkung dazu dienen, eben auch wach und handlungsfähig zu bleiben. Kommen wir jetzt trotzdem mal ganz kurz zu den europäischen Reiseberichten und den Missionarsaufzeichnungen und den kolonialen Dokumenten.
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Denn sie gehören zu den frühesten erhaltenen schriftlichen Quellen über Iboga. Zwar logisch mit all dem, was ich gerade gesagt habe, aber ich möchte es noch mal betonen: Das bedeutet natürlich nicht, dass die Europäer die Pflanze entdeckt haben. Es bedeutet lediglich, dass ab diesem Zeitpunkt es schriftliche Berichte gab. Und dabei wurden eben symbolische Erzählungen und der religiöse Umgang mit den sterblichen Überresten von Vorfahren teilweise halt wörtlich genommen und eben auch als Belege für Gewalt verstanden. Und gleichzeitig hatten Missionare und Kolonialverwaltungen eben auch ein Interesse daran, einheimische Religionen als grausam und dämonisch und unzivilisiert darzustellen, denn damit ließ sich halt eben auch ihre Unterdrückung und die christliche Missionierung leichter rechtfertigen. In diesen Quellen wird Iboga im 19. Jahrhundert auch erstmals schriftlich beschrieben. Berichtet wird sowohl von der stimulierenden Verwendung kleinerer Mengen als auch von größeren Mengen in religiösen und visionären Zusammenhängen.
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Der Schritt von der beschriebenen Pflanze zum isolierten Wirkstoff erfolgte schließlich um 1901. Die französischen Forscher Jean Dibowski und Édouard Lautrey isolierten Ibogain aus der Wurzel von Iboga. Und später wurde Ibogain in Frankreich unter dem Handelsnamen Lambarene als anregendes Mittel gegen Müdigkeit verkauft. Das Präparat verschwand allerdings in den 1960er-Jahren aufgrund zunehmender Sicherheitsbedenken und Berichten über unerwünschte Wirkungen wieder vom französischen Markt. Und ungefähr zu dieser Zeit kommt Howard Lozov ins Spiel. Lozov war 1962, 19 Jahre alt, lebte in New York und war heroinabhängig. Er nahm Ibogain nicht wirklich als Therapie, sondern im Rahmen eines Selbstversuchs. Und nach der superlangen Rauscherfahrung, zu der wir auch gleich kommen, wenn wir über die Wirkung sprechen, bemerkte er nach eigener Aussage, dass die Entzugssymptome und auch sein Verlangen nach Heroin weg waren.
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Lozov gab Ibogain daraufhin weiteren Menschen aus seinem Umfeld, die ähnliche Effekte beschrieben. Und später wurde er zum wichtigsten Aktivisten für die Erforschung von Ibogain, meldete Patente für die Behandlung verschiedener Abhängigkeiten an und versuchte, über Jahrzehnte die Substanz medizinisch untersuchen zu lassen. In den 1980er- und 1990er-Jahren entstand dadurch ein Netzwerk aus Selbsthilfe, Underground-Therapie und auch wissenschaftlichen Interessen. Das US-amerikanische National Institute on Drug Abuse finanzierte präklinische Untersuchungen und die FDA erlaubte erste klinische Forschung. Eine große, abgeschlossene Wirksamkeitsstudie entstand daraus aber nie. Finanzierung, institutionelle Konflikte und vor allem Sicherheitsbedenken bremsten die Entwicklung. Und später entstanden eben private Ibogain-Zentren, die gibt es bis heute, unter anderem in Mexiko, Brasilien, Südafrika, Neuseeland. Und ich fahre nächstes Jahr, fliege ich wieder nach Uruguay und habe auch gesehen, in Uruguay gibt es auch eine Ibogain-Klinik.
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Und die Qualität dieser Angebote unterscheidet sich enorm. Und weil Ibogain wirklich auch zu lebensgefährlichen Komplikationen führen kann, sind diese Unterschiede wirklich nicht nebensächlich. Bevor wir zur Wirkung kommen, müssen wir mal ganz kurz vielleicht ein bisschen die Begriffe sortieren. Iboga bezeichnet die Pflanze beziehungsweise meist die Wurzelrinde. Und darin befindet sich nicht nur Ibogain, sondern eben auch eine Mischung verschiedener anderer Alkaloide. Dann gibt es Totalalkaloide-Extrakte mit mehreren dieser Stoffe und gereinigtes Ibogain, häufig auch als Ibogainhydrochlorid bezeichnet. Ibogain und ibogahaltige Zubereitungen werden praktisch immer oral aufgenommen. Im traditionellen Kontext wird Wurzelrinde unter anderem gekaut, geschluckt oder als pflanzliche Zubereitung konsumiert. Im westlichen therapeutischen Kontext werden meist Kapseln oder Extrakte verwendet. Ibogain wird in der Leber vor allem über das Enzym CYP2D6 in Noribogain umgewandelt.
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Und wie aktiv dieses Enzym ist, unterscheidet sich unter anderem auch genetisch. Und es gibt auch unterschiedliche Medikamente, die den Abbau hemmen können. Dieselbe eingenommene Menge kann deshalb bei zwei Personen zu sehr unterschiedlichen Blutkonzentrationen und auch Risiken führen. Ibogain ist außerdem keine Substanz für einen kurzen Trip. Die akute Erfahrung kann viele Stunden dauern. Erschöpfung, Schlafprobleme und andere Nachwirkungen können noch deutlich länger bestehen bleiben. Die Ibogain-Erfahrung wird häufig in drei grobe Phasen eingeteilt. Und das ist jetzt kein Naturgesetz und läuft auch nicht bei allen exakt gleich ab. Es hilft aber dabei, diese ungewöhnliche Wirkung vielleicht ein bisschen zu strukturieren. Am Anfang steht häufig eine akute, visionäre Phase. Menschen berichten von intensiven inneren Bildern, besonders bei geschlossenen Augen. Es können Erinnerungen, Personen, Landschaften oder traumartige Szenen auftauchen. Und Ibogain wird deshalb manchmal als onirogén bezeichnet, also ungefähr traumerzeugend.
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Danach folgt oft eine lange, evaluative Phase. Die starken Bilder werden weniger und Menschen denken über Beziehungen, Entscheidungen oder belastende Erlebnisse nach. Einige beschreiben das Gefühl, die eigene Biografie mit ungewöhnlicher Distanz betrachten zu können. Und darauf folgt die residuale Phase. Viele Menschen sind körperlich extremst erschöpft, können aber trotzdem nicht schlafen. Und manche berichten gleichzeitig von einem Afterglow mit Ruhe, Klarheit oder eben auch weniger Suchtdruck. 2025 wurde sogar eine eigene Ibogain Experience Scale veröffentlicht. Der Fragebogen erfasst typische Bestandteile wie traumartige Visionen, autobiografische Erinnerungen, Begegnungen mit Personen oder Wesen, Veränderungen des Selbst- und Körperlebens, körperliche Belastungen und auch bedeutsam empfundene Einsichten.
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Wenn wir über die Wirkung im Gehirn sprechen, wird es sehr schnell ziemlich unübersichtlich. Ibogain wirkt nämlich nicht gezielt an einem einzigen Rezeptor, sondern greift gleichzeitig in verschiedene Systeme ein. Deswegen wird es manchmal auch als dirty drug bezeichnet. Das heißt allerdings nicht, dass sie schmutzig ist, sondern pharmakologisch wenig selektiv. Ibogain und Noribogain beeinflussen das Serotoninsystem. Besonders Noribogain hemmt den Serotonintransporter, wodurch Serotonin länger zwischen Nervenzellen verfügbar bleibt. Trotzdem ist Ibogain kein klassisches serotonerges Psychedelikum, wie wir das von LSD oder Psilocybin kennen, bei denen der 5-HT2A-Rezeptor sehr viel klarer im Zentrum steht. Auch das Opioidsystem spielt eine Rolle. Ibogain und Noribogain interagieren mit verschiedenen Opioidrezeptoren, unter anderem mit Kappa- und Myrrezeptoren. Und Ibogain funktioniert dabei nicht einfach wie Methadon oder Buprenorphin und ersetzt Heroin dabei nicht irgendwie gradlinig durch die Aktivierung desselben Systems, weil, wie eben schon erzählt oder was ich gerade darstelle, es greift in sehr viele Systeme gleichzeitig ein.
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Unter anderem eben auch durch die Hemmung des NMDA-Rezeptoren im Glutamatssystem. Diese Rezeptoren sind wichtig für Lernen, Gedächtnis und auch neuronale Anpassung. Und weil die Abhängigkeit stark mit Lernen und Gewohnheiten verbunden ist, entstand daraus auch die Idee, Ibogain könnte das sogenannte Suchtgedächtnis verändern. Aber aus beeinflussten Lernprozessen wird online halt auch sehr schnell löscht das Suchtgedächtnis und dafür gibt es aber keinen Beleg. Denn ein Suchtgedächtnis ist kein einzelner Datensatz im Gehirn, den man mal schnell wie so einen Browserverlauf löschen kann. Das haben wir aber auch schon sehr ausführlich in der Folge 109 besprochen, und zwar Neurobiologie der Sucht. Zusätzlich beeinflusst Ibogain Dopamin, nikotinische Acetylcholinrezeptoren, Sigma-Bindungsstellen und auch verschiedene Ionenkanäle. Ein wichtiger Teil der viel länger anhaltenden Wirkung könnte auch auf Noribogain zurückgehen.
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Das ist nämlich viel länger im Körper und hat auch ein bisschen anderes Wirkprofil. Dann wird auch noch der Wachstumsfaktor GDNF diskutiert. Er unterstützt unter anderem das Überleben und die Anpassungsfähigkeit bestimmter Nervenzellen. In Tier- und Zellstudien verändert Ibogain die GDNF-Signalgebung und dadurch könnten sich neuronale Systeme, die durch wiederholten Substanzkonsum verändert wurden, zumindest teilweise neu anpassen. Daraus entstand übrigens auch diese populäre Vorstellung des neurologischen Resets. Das ist allerdings eher oder ziemlich klar eine sehr vereinfachte Metapher, denn so einen Neustart des Gehirns um einmal richtig neu zu formatieren, gibt es so halt eher nicht. Man kann also zusammenfassen, dass ein möglicher Antisuchteffekt dadurch entstehen kann, dass eben ganz unterschiedliche Mechanismen gleichzeitig aktiviert werden. Welcher Anteil allerdings was bewirkt, das wissen wir noch nicht so genau.
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Schauen wir uns noch die unerwünschten Wirkungen an. Ibogain ist nicht nur psychisch fordernd, sondern besitzt auch ein relevantes körperliches Risikoprofil. Häufig kommt es zu Übelkeit, Erbrechen, Zittern, Schwindel und Ataxie. Ataxie bedeutet, dass eben Bewegungen nicht mehr so richtig koordiniert werden können. Menschen können dann eben teilweise nicht mehr sicher stehen oder gehen. Auch sehr starke Erschöpfung und lange Schlaflosigkeit sind möglich. Und psychisch kann es außerdem zu Angst, Verwirrung, gedrückter Stimmung und selten auch manischen oder psychotischen Symptomen kommen. Außerdem können die intensiven traumähnlichen Erlebnisse auch sehr überzeugend wirken. Und manche Menschen erleben dabei Szenen, die sie als verdrängte Erinnerung oder Erklärung für frühere Traumata interpretieren. Wichtig ist aber an der Stelle, das sind erstmal auch zunächst subjektive Erfahrungen und Erinnerungen sind keine unveränderten Videodateien. Sie können sich verändern, neu zusammensetzen oder sogar falsch sein.
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Und das gilt eben auch unter Ibogain. Deswegen gilt es hier immer auch, Erfahrungen gut zu reflektieren, denn intensives Erleben ist nicht automatisch so eine objektive richtige Erinnerung von etwas, was man bereits erlebt hat. Das größte bekannte Risiko betrifft allerdings das Herz. Damit unser Herz regelmäßig schlägt, müssen Herzmuskelzellen nach jedem Schlag elektrisch in ihren Ausgangszustand zurückkehren. Das nennt man Repolarisation. Ibogain und Noribogain blockieren HEAG-Kaliumkanäle, die daran eben beteiligt sind. Und dadurch braucht das Herz nach jedem Schlag länger, um sich elektrisch auf den nächsten Schlag vorzubereiten. Im EKG erkennt man das an einer verlängerten sogenannten QT-Zeit. Und wird diese Erholungsphase zu lang, kann der Herzrhythmus plötzlich entgleisen. Dabei können sehr schnelle und chaotische Herzschläge entstehen, die in Kammerflimmern, einen Herzstillstand und schließlich eben auch zum Tod führen können.
17:37
Das Risiko steigt durch Herzerkrankungen, niedriger Kalium- oder Magnesiumwerte, Leberprobleme und auch weitere Medikamente, die ebenfalls die QT-Zeit verlängern oder eben auch den Abbau von Ibogain hemmen. Allerdings lassen sich auch die schweren Reaktionen nicht nur auf falsche Kombinationen oder schlechte Vorbereitung oder eben schon vorhandenen Herzfehlern schieben. Es gibt durchaus auch Fallstudien von Menschen, die vorher untersucht wurden in einem privaten Entgiftungssetting mit Ibogain, die eben schwere Herzrhythmusstörungen erlebt haben und auch mehrere Herzstillstände und die dann aber zum Glück eben in dieser privaten Klinik waren und deren Leben dann noch gerettet werden konnte. In der Fachliteratur im Allgemeinen wurden mehrere Dutzend Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit Iboga beziehungsweise mit Ibogain dokumentiert. Allerdings ist nicht in jedem Fall Ibogain ganz alleinig die Ursache oder kann nachweislich als die alleinige Ursache festgestellt werden, weil teilweise eben andere Erkrankungen oder auch andere Substanzen eine Rolle gespielt haben.
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Allerdings ist gerade aufgrund der Wirkung auf das Herz bei dem Konsum von Ibogain wirklich Vorsicht geboten. Hilft Ibogain jetzt also wirklich bei einer Abhängigkeitserkrankung? Und das wird jetzt spannend. In Fallserien und Beobachtungsstudien berichten viele Teilnehmende, dass körperliche Entzugssymptome nach der Einnahme deutlich zurückgingen. Und das ist erstmal sehr spannend, denn ein normaler Opioidentzug kann extremst belastend sein und gerade diese Belastung kann ja auch zu einem erneuten Konsum führen. Wenn man nun ein Medikament hat, das eben diese körperlichen Entzugssymptome erstmal aushebelt, ist das natürlich extremst cool. Die Untersuchungen waren allerdings immer häufig sehr klein und eben auch weder randomisiert oder mit einer Placebogruppe. Teilweise wurden sie auch in privaten Behandlungszentren durchgeführt und da kann es zu einem gewissen Bias kommen. Und in dem Kontext darf man auch immer nicht vergessen, dass so eine Entgiftung ja keine Behandlung ist für die gesamte Abhängigkeit, sondern da geht es erstmal um die körperliche Komponente.
19:49
Auch von weniger Craving wurde sehr häufig berichtet und kann teilweise wirklich über Tage oder auch Wochen anhalten. Dabei könnten Noribogain, die intensive Erfahrung, Erwartungen und zusätzliche Betreuung auch einfach zusammenspielen. Die bisherigen Studien können das nicht sauber voneinander trennen, welcher Faktor jetzt zu welchem Ergebnis führt. Gerade bei langfristigen Studien, also wo man schaut, ob der Konsum oder die Abstinenz auch über längere Zeit aufrechterhalten wurde, wird die Evidenz noch viel, viel geringer. Einige Beobachtungsstudien berichten zwar von weniger Konsum oder auch zeitweiser Abstinenz, gleichzeitig gehen viele Teilnehmende in der Nachbefragung verloren. Bei einer strengen Auswertung nach einer Entwöhnung in Deutschland zum Beispiel werden die Teilnehmer, die bei einer Nachbefragung nicht mehr aufgefunden wurden, auch häufig einfach als rückfällig gewertet, um eben Verfälschungen des Ergebnisses zu präventieren, dass jetzt das Ergebnis nicht super toll ausschaut, obwohl vielleicht sehr viele Menschen konsumiert haben und deswegen nicht mehr sich zurückmelden.
20:56
Zu den unterschiedlichen Studien habe ich mir zwei Review-Paper von 2023 und 2024 angeschaut. Wie schon gesagt, die genauen Quellen findet ihr auf meiner Website. Und das systematische Review von 2023 bewertet die positiven Signale als super interessant, aber methodisch auch stark begrenzt. Und das andere Review von 2026 kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Es gibt zwar ein therapeutisches Potenzial, aber einfach keine ausreichende Evidenz für eine reguläre Behandlung. Und bis heute fehlt eine ausreichende große randomisierte Wirksamkeitsstudie, in der Ibogain mit Placebo oder einer etablierten Behandlung verglichen wird. Wir wissen zwar auch von früheren Folgen im Podcast zu Psychedelika in der Therapie, zum Beispiel Psychedelika in der Suchttherapie, das ist die Folge 122, dass es in der Psychedelika-Forschung super schwer ist mit dem Placebo, weil Menschen sehr häufig merken, dass sie kein Psychedelika bekommen haben, sondern ein Placebo. Aber es gibt da durchaus Ansätze, wie man das versucht, trotzdem irgendwie auszugleichen.
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Und damit vielleicht nochmal kurz zurück zum Suchtgedächtnis oder der Idee, dass Ibogain eine Abhängigkeit löschen kann. Dafür gibt es keine Evidenz. Vielleicht verändert die Substanz vorübergehend die Entzugserscheinungen, den Suchtdruck, die Stimmung oder auch die Bewertung des eigenen Konsums durch die tiefe Erfahrung. Aber psychische Erkrankungen, Traumatisierung, Armut, Einsamkeit, Gewohnheiten oder auch das soziale Umfeld, die werden nicht pharmakologisch gelöscht. Bei Opioidabhängigkeit stehen mit Methadon oder Buprenorphin außerdem Behandlungen zur Verfügung. Die Geschichte eines Gehirnresets ist dementsprechend nicht wirklich haltbar. Und ganz ehrlich, leider, ich würde mir total wünschen, dass dieses Wundermittel, das einfach Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung auf einen Schlag extremst entlasten kann, dass es den gibt, dass es diesen Wunderknopf gibt. Aber meistens ist es halt leider nicht so oder es sind halt irgendwie übertriebene Aussagen und so ist es leider im Fall Ibogain eben auch.
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Und weil Ibogain eben auch so gefährlich ist aufgrund der kardiovaskulären Problematiken, werden aktuell auch sichere verwandte Wirkstoffe entwickelt. Dazu gehören 18-Meth-Oxy-Coronaridin, kurz 18-MC, und der neue Wirkstoff Tabernantalol, kurz TBG. In Tiermodellen gab es erste interessante Ergebnisse zum Substanzkonsum und Neuroplastizität. Ein zugelassenes Medikament ist allerdings auch daraus bisher nicht entstanden. Aber ich bin ehrlich gesagt gespannt, wie die Forschung in dem Kontext weitergeht. Was bleibt also vom Reset-Knopf fürs Suchtgedächtnis? Ibogain ist eine pharmakologisch wirklich außergewöhnliche Substanz mit einer langen kulturellen Geschichte. Und es gibt auch bemerkenswerte Hinweise darauf, dass sie einen akuten Opioidentzug und vorübergehend auch Suchtdruck lindern kann. Und ich finde, diese Signale verdienen auch definitiv weitere Forschung.
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Aber Ibogain löscht keine Abhängigkeit und setzt auch ein Gehirn nicht auf seine Werk-Einstellung zurück. Und wenn wir sowas behaupten, machen wir oft Menschen falsche Hoffnungen, die eh schon in einer Notlage sind. Und das finde ich einfach schwierig. Für eine langfristige Wirksamkeit fehlen robuste, kontrollierte Studien. Und gleichzeitig kann die Substanz schwere, teilweise unvorhersehbare Herzrhythmusstörungen verursachen und wurde mit Todesfällen in Verbindung gebracht. Und das darf man einfach nicht vergessen. Ibogain ist damit weder einfach irgendwie gefährlicher Quatsch, noch das unterdrückte Wundermittel, als es teilweise dargestellt wird. Es gibt sehr interessante Hinweise und gehört einfach noch viel mehr erforscht. Und ihr Lieben, das war es mit der ersten Substanzkunde-Folge nach der Sommerpause. Und ich freue mich auch, dass ihr diese Saison wieder mit dabei seid und wir viele spannende Themen zusammen gemeinsam besprechen können. Wie schon gesagt, nach der Sommerpause hören wir uns wieder jede zweite Woche.
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Also ich hatte ja mal das erste halbe Jahr jede Woche Folgen rausgebracht. Da gehe ich wieder weg von und wir hören uns jetzt wieder jeden zweiten Donnerstag. Außerdem kommt jeden Monat, das ist auf jeden Fall das Ziel, eine Bonusfolge raus. Den Zugriff auf Bonusfolgen habt ihr über Steady. Den Link findet ihr ganz oben in der Folgenbeschreibung. Und mit dem Premium-Feed habt ihr dann Zugriff auf die ganzen Bonusfolgen von eurer Lieblings-Podcast-App aus. Also ihr braucht dann nicht eine neue App. Und ihr könnt Psychoaktiv außerdem noch werbefrei hören. Schaut es euch an, ich würde mich freuen. Und dann hören wir uns in zwei Wochen wieder.
