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Die Neurobiologie der Sucht – eine Erkrankung des Gehirns?

Sucht wird häufig als Erkrankung des Gehirns beschrieben – eine Einordnung, die Kontrollverlust und starkes Verlangen erklären kann, aber schnell auch den Eindruck erweckt, die entstandenen Veränderungen seien dauerhaft und unumkehrbar. In dieser Folge geht es darum, wie sich Belohnungssystem, Stressverarbeitung und Impulskontrolle im Verlauf einer Abhängigkeit verändern. Das Drei-Stadien-Modell zeigt, warum Konsum zunächst durch positive Wirkungen motiviert sein kann, später aber zunehmend dazu dient, Entzug, Belastung und ein kaum kontrollierbares Craving zu lindern.

Ergänzend erklärt die Folge den Unterschied zwischen „Liking“ und „Wanting“: Während der tatsächliche Genuss abnehmen kann, wird das Verlangen durch gelernte Reize und Situationen immer stärker aktiviert. Betrachtet werden außerdem substanzspezifische Unterschiede bei Toleranz, Entzug und Abhängigkeitspotenzial sowie die Grenzen des unscharfen Begriffs „Suchtgedächtnis“. Neurobiologische Veränderungen sind real, sie erzählen aber nicht die ganze Geschichte: Das Gehirn bleibt plastisch, und psychologische, soziale sowie biografische Entwicklungen können beeinflussen, wie Menschen ihren Konsum verändern und welche Form von Genesung für sie möglich wird.

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Die Neurobiologie der Sucht – eine Erkrankung des Gehirns?

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PODCAST-METADATEN
Folge: 109
Erscheinungsdatum: 27.03.2025
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Die Neurobiologie der Sucht – eine Erkrankung des Gehirns?
Sprecher: Stefanie Bötsch

Typ: Transkript

Transkript Beginn

00:01
Und dadurch wird die Fähigkeit, das Verlangen zu regulieren oder gar den Konsum zu stoppen, deutlich beeinträchtigt. Ist das denn für immer? Und das ist eine sehr schwierige Frage. Psychoaktiv. Euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein.

00:34
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Psychoaktiv. In diesem Podcast findest du tiefgreifende Analysen von Themen rund um Drogen und Sucht und wir schauen uns die wissenschaftlichen Hintergründe und auch Lücken genauer an. Und heute sprechen wir über die Neurobiologie der Sucht und klären die Frage, ob wir die

01:00
Ob die Sucht maßgeblich eine Erkrankung des Gehirns ist. Und ich sitze gerade hier im 30 Grad heißen Camper und ich dachte mir, es ist eine super gute Idee, mir noch einen heißen grünen Tee dazu einzuschenken. Aber überhitzte Aufnahmen haben wir ja in letzter Zeit öfters, ihr seid es inzwischen gewohnt.

01:22
So, heute geht es aber nicht über meine Überhitzung, sondern wir schauen uns die biologischen Hintergründe der Sucht an. Und jetzt könnte man sich ja schon fragen, du Steffi, was hast du denn eigentlich die letzten viereinhalb Jahre psychoaktiv gemacht? Denn das Thema ist ja schon irgendwie basic und das sollte man vielleicht auch ein bisschen früher dran nehmen vielleicht.

01:50
I don’t know. Und ja, wir haben ja die biologischen Aspekte der Sucht hier immer mal wieder angeschnitten. Was aber wirklich fehlt, ist so diese sehr fokussierte und alles umgreifende Episode, die wir heute haben. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe mich auch ein bisschen vor dem Thema gedrückt. Denn in meiner Ausbildung und vor allem in der Argumentationsstruktur zur Theorie der Sucht wurde die Neurobiologie auch immer etwas so…

02:18
als Totschlagargument für die Unflexibilität der Suchterkrankung genutzt. Und das stimmt auf der einen Seite auch, ist aber vielleicht auch ein bisschen too much und das besprechen wir auch später. Aber da mich das immer schon so ein bisschen genervt hat, war meine Motivation anscheinend auch nicht so hoch, das hier mit euch im

02:40
Podcast zu besprechen. Aber ganz ehrlich, ich finde es selbst so ein bisschen schwach und finde, es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass wir uns das angucken, dass wir uns die Theorie anschauen, aber auch, dass wir es vielleicht ein bisschen kritisch auch betrachten, was man daraus nehmen kann und was vielleicht aber auch nicht. Und das ist auch sehr wichtig.

03:01
Und deswegen, was schauen wir uns in dieser Folge an? Wir schauen uns das Drei-Stadien-Modell an. Das erläutert die Gehirnfunktionen, die sich eben über den Suchtverlauf verändern. Und wir schauen uns als Ergänzung auch den Unterschied zwischen Liking und Wanting an. Das ist eben eine Theorie, die erklärt, wie der Genuss mit der Zeit zum Verlangen wird.

03:25
Und was in meinem Podcast natürlich auch nicht fehlen darf, ist der substanzsensible Blick, also was die Theorie eben auch für die einzelnen Substanzen bedeutet.

03:36
Und auch, welche Aspekte einzelner Substanzen für eine Suchtentwicklung relevant ist. Dass das auch echt nochmal wichtig ist, da hat mich auch ein Psychoaktiv-Hörer in der Umfrage auf Instagram draufgebracht. Also danke dafür, habe ich extra nochmal ein bisschen besser ausgearbeitet. Und klar, wie schon angekündigt, am Ende schauen wir uns das ein bisschen kritisch an und stellen uns die Frage, wie…

04:01
Endgültig sind eigentlich diese ganzen neurobiologischen Veränderungen, die mit der Sucht einhergehen. Wir haben auf jeden Fall einiges zu tun heute, doch bevor wir gleich abtauchen, begrüße ich erst einmal nochmal die neuen Mitglieder, die es überhaupt möglich machen, dass wir uns jetzt heute hören und ich viele, viele Stunden für euch in diese Recherche stecken konnte.

04:26
Liebe für euren Support geht also raus an Reto, Lisa, Sönke, Iris, Hanna, Christoph, Teresa, Viktoria, Julia und Patrice. Danke, danke, danke, dass ihr psychoaktiv unterstützt. Und wenn du psychoaktiv unterstützen möchtest, geht das einmal, indem du dem Podcast folgst und eine positive Bewertung dalässt. Vielen Dank auch dafür.

04:49
Aber du kannst es auch finanziell tun. Dafür findest du den Link in der Folgenbeschreibung. Das hilft dem Podcast wirklich, dass er weitergehen kann. Und ja, ich würde sagen, genug mit dem Vorgeplänkel. Wir starten jetzt ins Thema rein. Die Grundlage für die Neurobiologie der Sucht.

05:15
bietet das Drei-Stadien-Modell der Sucht. Dieses Modell beschreibt ganz schön, wie sich eben eine Abhängigkeitserkrankung in drei Phasen entwickelt und aufrechterhält. Die Phase 1 wird dabei als Binge oder Intoxikation bezeichnet.

05:33
In dieser Phase steht der Konsum und dessen Wirkung auf unser Belohnungssystem im Vordergrund. Lasst uns vielleicht erstmal ganz kurz das Belohnungssystem anschauen. Der Kern unseres Belohnungssystems ist das mesolimbische Dopaminsystem. Es ist ein Netzwerk aus verschiedenen Gehirnregionen, das angenehme Erfahrungen als Belohnung empfindet und uns motiviert, genau diese zu wiederholen.

06:01
Unser Belohnungssystem ist also unser Motivator. Wenn ihr zum Beispiel was super Leckeres esst oder Zeit mit euren Freunden verbringt oder Sex habt, wird in eurem Gehirn Dopamin ausgeschüttet. Und das Dopamin wirkt dabei wie ein Verstärker. Es signalisiert also dem Gehirn, ey,

06:22
Das war super toll, das will ich auf jeden Fall noch einmal erleben. Und auf dieses System, was wirklich auch ein sehr, sehr wichtiges System für unser alltägliches Erleben und unsere Motivation ist, treffen nun Drogen wie Alkohol, Kokain oder Heroin oder Amphetamin.

06:42
Wie schon gesagt, auf die substanzspezifischen Aspekte gehen wir später nochmal ein. Denn wie wir aus den zahlreichen Substanzkundefolgen hier im Podcast schon wissen…

06:53
haben nicht alle Drogen das gleiche Abhängigkeitspotenzial. So, aber zurück zum Belohnungssystem. Aufgrund des Drogenkonsums wird das Belohnungssystem mit mehr Dopamin überflutet, als das bei so einer natürlichen Belohnung der Fall ist. Du fragst dich jetzt vielleicht gerade, why, wieso?

07:15
Das liegt schlichtweg daran, dass einige psychoaktive Substanzen eben eine sehr direkte Einwirkung auf die Neurotransmitter hat. Sie sorgen also dafür, dass mehr Dopamin ausgeschüttet wird oder blockieren die Wiederaufnahme von Dopamin. Bei alltäglichen Erfahrungen wie beim Sport, Essen oder Sex wird das Belohnungssystem über normale Sinneswahrnehmungen und physiologische Prozesse aktiviert. Dabei

07:42
erfolgt halt auch die Dopaminausschüttung deutlich kontrollierter und bleibt eben auch auf ein gesundes Maß begrenzt. Wir wissen allerdings inzwischen auch, dass zum Beispiel Glücksspiel auch massiv Dopamin ausschüttet, aber das nur als kleine Randnotiz,

07:57
Heute bleiben wir wirklich nur bei den Drogen. Also, wir haben also eine sehr hohe Ausschüttung von Dopamin aufgrund von der Wirkung spezifischer Drogen. Und genau das wird von unserem Gehirn abgespeichert. Als absolut empfehlenswert, es noch einmal zu erleben.

08:15
Das ist aber nicht das Einzige der Phase 1. In der Phase 1 wird eben auch noch mit reingenommen, dass eben dieser Dopaminausstoß, der sich mit den Drogen auslöst, eben auch noch zusätzlich mit bestimmten Situationen, Orten oder auch Gefühlen abgespeichert wird.

08:36
Das kennt ihr vielleicht auch unter dem Begriff Konditionierung. Also ich trinke zum Beispiel immer in einer sehr bestimmten Situation Alkohol. Also vielleicht ein ganz klassisches Beispiel. Ich trinke immer in der Bar ein Bier und inzwischen ist es dann auch so mit der Zeit, dass das Gehirn schon merkt, ah ja geil, es geht in die Bar und sozusagen aus Vorfreude schon mal ein bisschen Dopamin ausstößt, weil es weiß, dass es jetzt Bier in dieser Bar gibt.

09:05
weil es sich sozusagen gemerkt hat, okay, bar gleich Bier. Und genau diese Begründung

09:13
Verknüpfung macht dann den Griff zum Bier so viel schneller, in Anführungszeichen natürlicher oder auch einfach automatisierter. Oder vielleicht noch einfach mal ein anderes Beispiel. Ich war jahrelang Raucher und mein Gehirn verbindet das Betätigen eines Feuerzeuges mit dem Rauchen. Und nun habe ich aufgehört, aber immer wenn ich ein Feuerzeug in der Hand habe, zum Beispiel wenn ich einfach nur eine Kerze anmachen möchte, springt mein Belohnungszentrum vor

09:42
vor Vorfreude schon mal an, weil es jetzt denkt, geil, es gibt eine Kippe. Wichtig ist, um vielleicht die Phase nochmal abzuschließen, ist zu wissen, in dieser Phase freut man sich also auf die Belohnung und auf die positiven Effekte der Substanz. Wir sind also noch auf der positiven Seite, wenn man das so möchte.

10:07
Kommen wir in Phase 2. Die beschreibt nämlich den Entzug bzw. die negativen Affekte aufgrund des Konsums.

10:17
Wenn die Wirkung einer Substanz nachlässt, sinkt dabei auch der Dopaminspiegel im Gehirn. Und das kann wiederum zu einem Zustand von unangenehmen Gefühlen führen, wie zum Beispiel Angst, Gereiztheit oder depressive Verstimmungen. Wenn ihr schon mal viel zu viel Alkohol getrunken habt oder eine Nacht voller MDMA oder Kokain oder was auch immer durch habt, kennt ihr das vielleicht von euren Katern. Man nennt das auch Emokater oder Psychokater.

10:45
Also Kater auf einer sehr psychischen Ebene.

10:50
Bei einem Kater ist es allerdings so, dass dieser Zustand beim Konsum der meisten Drogen nach ein bis zwei Tagen wieder vorüber ist und sich der Dopaminspiegel auch wieder reguliert. Bei sehr regelmäßigen Konsum hingegen kommt es zu einer Desensibilisierung des Belohnungssystems. Das bedeutet, dass das Gehirn immer weniger auf die natürliche Dopaminproduktion reagiert

11:16
und die negativen Effekte an Intensität zunehmen. Die Kater werden also deutlich länger und deutlich schwerer. Und hier kommt jetzt der wichtige Punkt. Anstatt abzuwarten, bis die Katersymptome bzw. die Entzugssymptome abklingen und es einem wieder gut geht, wird dann wieder konsumiert, um eben genau diese Symptome zu lindern.

11:42
Ein wichtiger Akteur in dieser Phase ist die erweiterte Amygdala. Sie ist eine Gehirnregion, die eng mit Stress und negativen Emotionen verknüpft ist. Und in Entzugsphasen ist sie überaktiv und verstärkt die negativen Emotionen wie Unruhe, Reizbarkeit und depressive Verstimmungen nochmal zusätzlich und sorgt für die starken psychischen Symptome bei Entzugsphasen.

12:08
Zusätzlich wird das CRF-System, CRF steht dabei für Cortisotropin Releasing Factor, aktiviert. CRF ist ein Hormon, das eine Schlüsselrolle in der Stressreaktion des Körpers spielt. Es führt zur Ausschüttung von Cortisol und das ist wiederum ein Stresshormon, das eben die körperliche Alarmbereitschaft erhöht.

12:33
Und bei Menschen mit einer Sucht ist eben auch dieses System chronisch überaktiviert. Was bedeutet, dass selbst kleinste Belastungen zu einer übersteigerten Stressreaktion führen kann. Also zusammengefasst, der Nichtkonsum in der Phase 2 bedeutet einfach für die betroffene Person Stress. Stress aufgrund des Entzugs, der Entzugsphasen.

12:56
und der ganzen negativen Emotionen, die damit einhergehen, aber auch einfach Stress von allem, was kommt. Also einfach eine sehr, sehr dünne Haut, wenn man das so möchte. Also man hat eine sehr dünne Haut und man kann mit stressigen Situationen nur sehr schlecht umgehen. Und genau dieses erhöhte Stressaufkommen, gepaart mit einem desensibilisierten Dopaminsystem, sorgt dafür, dass es eben Menschen so schwerfällt, bis ja unmöglich ist,

13:25
einfach mal kurz aufzuhören, was ja manchmal so der Wunsch ist. Und ich hoffe, ihr hört meine Anführungszeichen, weil das ist ja häufig die Idee von Menschen ohne Abhängigkeitserkrankung, dass man doch einfach nur aufhören muss, die Substanz zu konsumieren.

13:41
Aber genau dies wird eben so enorm erschwert und ein erneuter Konsum zielt immer wieder darauf ab, diese sehr negativen emotionalen und physischen Konsequenzen wieder abzuschwächen. Und es geht in dieser Phase auch nicht mehr darum, sich gut zu fühlen, sondern sich eher etwas normaler zu fühlen. Ihr könnt es euch vielleicht vereinfacht so vorstellen, dass man am Anfang bei Null gestartet hat

14:07
Und mit einer Substanz vielleicht bei plus zwei, plus drei, plus vier gelandet ist. Und im Suchtverlauf startet man aber eher bei einer minus fünf und versucht durch den Konsum irgendwie wieder an die Null dran zu kommen.

14:25
Kommen wir nun zur Phase 3, die die Fixierung auf die Substanz und auch die Antizipation beschreibt. Und hier ist das Leitsymptom, also das, was wirklich im Zentrum steht, das Craving, also das starke Verlangen nach einer psychoaktiven Substanz. Und genau dieses Verlangen wird durch spezifische neuronale Mechanismen angetrieben, und zwar insbesondere durch eine veränderte Aktivierung des präfrontalen Kortexes,

14:54
und des mesolimbischen Dopaminsystems. Der präfrontale Kortex ist für unsere Entscheidungen, unsere Impulskontrolle und das Abwägen von Konsequenzen zuständig. Und bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung weist er oft eine eingeschränkte Funktion auf.

15:12
Und dadurch wird die Fähigkeit, das Verlangen zu regulieren oder gar den Konsum zu stoppen, deutlich beeinträchtigt. Und genau diese beeinträchtigte Kontrolle ist das Schlüsselmerkmal der dritten Phase. Und zusätzlich verstärken spezifische Trigger wie Orte, soziale Situationen oder auch bestimmte emotionale Zustände dieses Braving.

15:35
Diese Trigger aktivieren im Prinzip das Belohnungssystem und erzeugen ein sehr starkes Verlangen, das einem das Gefühl gibt, dass nur erneuter Konsum der Substanz genau dieses Verlangen lindern kann. Der Unterschied zur Phase 1, wo wir auch schon über Trigger, die einen Konsumwunsch auslösen, gesprochen haben, ist, dass die Phase 3 viel mehr darauf fokussiert ist, negative Effekte zu vermeiden und dem Craving nachzugehen,

16:02
während die Phase 1 noch deutlich mehr durch Genuss und positive Belohnung motiviert ist. Werbung

16:15
Ich möchte das Drei-Stadien-Modell gerne noch etwas erweitern mit der Theorie zu Liking und Wanting. Auf diese Theorie wurde ich von einem Psychologen, Patrick, Grüße gehen raus, darauf hingewiesen, als ich eine Diskussion mit ihm über das Suchtgedächtnis hatte und finde es sehr wichtig, die hier einzubringen, vor allem, weil ihr mich ja auch vorab gefragt habt, also,

16:43
Als ich euch gefragt habe auf Instagram, was wollt ihr zur Neurobiologie der Sucht wissen, kam natürlich auch, was denn los mit dem Suchtgedächtnis. Und ich habe auch schon eine Folge zum Suchtgedächtnis gemacht. Das ist die Folge 36 und die ist auch immer noch relevant. Aber die ist auch jetzt schon ein bisschen her.

17:03
Du wirst schlauer, ich werde schlauer und deswegen gibt es hier eben auch eine kleine Ergänzung. Aber gleich dazu mehr, schauen wir uns erstmal die Liking und Wanting-Theorie an. Was ist Liking? Liking bezieht sich auf das Erleben von Genuss und angenehmen Gefühlen. Wenn ihr also einen Kuchen esst und dabei die Süße und den Geschmack genießt, ist das Liking.

17:27
Dieses Wohlgefühl wird eben durch bestimmte Gehirnareale vermittelt, die auch als Hedonic Hotspots bezeichnet werden. Und diese Bereiche reagieren besonders stark auf Neurotransmitter wie Opioide und Endokannabinoide, die das Gehirn im Moment des Genusses ausschüttet. Ein sehr wichtiger Punkt hier ist wirklich, dass das Liking direkt mit dem Erleben von Freude verknüpft ist.

17:52
aber eben nicht unbedingt eine treibende Kraft hinter der Motivation darstellt, um eben eine Handlung zu wiederholen, wie wir das bei Dopamin haben. Beim Liking zählt der reine Genussmoment und Dopamin spielt dabei noch nicht so eine Rolle. Wanting hingegen beschreibt den Drang, etwas zu wollen, unabhängig davon, ob die Erfahrung später tatsächlich als angenehm empfunden wird oder nicht.

18:16
Und genau dieses Verlangen wird vor allem vom Dopaminsystem angetrieben. Dopamin sorgt, wie ich schon gesagt habe, dafür, dass unser Gehirn motiviert ist, eine bestimmte Handlung auszuführen, die eben früher mal eine Belohnung gebracht hat. Selbst wenn diese Belohnung inzwischen deutlich schwächer oder gar nicht mehr angenehm ist. Und das Besondere an Wanting ist eben auch, dass es eben sehr stark durch externe Belohnungen

18:42
Aspekte ausgelöst wird. Zum Beispiel der Geruch von irgendetwas oder Emotionen oder eben auch ein Ort.

18:51
Und wenn man jetzt die Liking- und Wanting-Theorie auf die Sucht anwendet, bedeutet das im Prinzip, dass sich während der Suchtentwicklung die Balance zwischen Liking und Wanting verschiebt. Während Liking, also der Genuss, mit der Zeit abnimmt, bleibt das Wanting bestehen und wird immer stärker. Und Menschen konsumieren dann nicht mehr, weil sie die Substanz genießen, sondern weil der Drang danach überwältigend wird.

19:19
Und genau diese Sensibilisierung des Dopaminsystems, also dieser Drang, der von einer hohen Dopaminausschüttung aufgrund von verschiedenen Situationen entsteht, kann eben auch noch sehr lange bestehen bleiben. Das konnte eben auch in Scans gezeigt werden, dass eben auch langjährige nüchterne Menschen immer noch eine erhöhte Dopaminausschüttung haben, wenn sie trinken.

19:41
Trigger wie zum Beispiel ihr favorisiertes alkoholisches Getränk sehen. Und wenn wir jetzt diese Theorie mit unseren drei Phasen zusammenführen, steht bei Phase 1 noch das Liking im Vordergrund, bei Phase 2 wird das Liking weniger und Wanting wird immer mehr und Phase 3 ist dann Full-on Wanting, wenn man das so möchte.

20:03
Hallo, hier spricht Steffi aus dem Schnitt und ich habe ja diese Folge ein bisschen vorproduziert im Januar. Und wer hätte gedacht, im Februar, also gerade, es ist gerade der 20.02.,

20:15
kam eine neue Studie raus, die ich euch nicht vorenthalten möchte, weil sie sozusagen das, was ich euch vorgestellt habe, in Frage stellt. Und dann, ja, dachte ich, nehme ich das noch kurz mit auf. Und zwar ist es die Studie Real-Time Assessment of Alcohol Rewards, Simulation and Negative Effect in Individuals with and without Alcohol Use Disorder and Tragic.

20:37
Depressive Disorder. Kam am 1. Februar 25, wie gesagt, im American Journal of Psychiatry raus. Und diese Studie beschäftigt sich damit, wie Alkohol in Echtzeit auf Menschen mit und ohne Alkoholgebrauchsstörung wirkt. Und das Überraschende war, und was wir auch hier besprochen haben, dass sozusagen es nicht so ist, dass die Menschen…

21:03
nur deswegen konsumieren, also die Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen nur deswegen konsumieren, um ihr starkes Verlangen nach Alkohol abzudämpfen, sondern, und das war ja das, was so ein bisschen…

21:15
angegriffen wurde in der Neurobiologie, die wir heute gemacht haben, sondern nämlich auch weiterhin diese positiven Effekte erleben und auch intensiver erleben als andere. Das heißt, Alkohol führt weiterhin bei Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen in dieser Studie zu dieser anhaltenden Belohnung und stellt damit so ein bisschen die gängigen Suchtmodelle infrage, die eben davon ausgehen, dass sich der Konsum im Laufe der Zeit

21:41
durch diese negative Verstärkung aufrechterhält. Aber, und das muss man natürlich auch dazu sagen, das ist nur eine einzelne

21:48
Ich sehe da eher mehr so eine Veränderung in den Nuancen, dass sozusagen das Liking dann doch mehr besteht, als man denkt und auch, dass das Belohnungsempfinden eventuell mehr besteht, als man bis dato davon ausgegangen ist. Deswegen müssen wir unsere aktuellen Modelle nicht in die Tonne treten. Ich werde auch diese Folge nicht in die Tonne treten, fand es aber wichtig, ja,

22:14
Mit euch am Zahn der Zeit zu bleiben und euch kurz auf diese Studie hinzuweisen. Und jetzt viel Spaß beim Rest der Folge.

22:24
Gut, und was hat das jetzt mit dem Suchtgedächtnis zu tun? Das war ja eine direkte Frage. Und das Suchtgedächtnis hat so ein bisschen das Problem, dass es halt schlichtweg keine Theorie ist, sondern eine Metapher. Und ich habe ganz persönlich die Erfahrung gemacht, frage fünf Fachkräfte, was das Suchtgedächtnis ist, kriege fünf komplett unterschiedliche Antworten. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass das Suchtgedächtnis so ganz in der Praxis ist,

22:53
irgendwie schon eine große Rolle spielt, als dieses Konstrukt, das nie weggeht und ganz, ganz hartnäckig ist, aber irgendwie auch nicht so richtig von, sowohl von Fachkräften als auch, also ich, Betroffene haben da glaube ich schon was Plastischeres im Sinn, aber dass das halt nicht so richtig runtergebrochen werden kann. Und in meiner letzten Folge zum Suchtgedächtnis habe ich eben auch schon die unterschiedlichsten Theorien, die das Suchtgedächtnis sein könnten.

23:22
Und Wanting und Liking passt halt im Prinzip auch in die Metapher des Suchtgedächtnisses und ist vielleicht auch…

23:34
Das war so mein Outcome mit dem Gespräch mit Patrick damals, dass das wahrscheinlich auch so die sinnvollste Theorie für diese Metapher ist. Also wir haben diese Sensibilisierung des Dopaminsystems, das eben auch nachgewiesen jahrelang anhalten kann und dass das eben immer noch von verschiedenen Momenten und Cues und

23:57
Situationen ausgelöst werden kann, dass man, und das ist eben auch wieder ein Verlangen, ein Warning auslösen kann dadurch, dass eben genau das eigentlich gut in die Idee eines Suchtgedächtnisses passt. Gut, ich werde trotzdem das Wort Suchtgedächtnis nicht nutzen.

24:17
Oder, ja, muss ich mal gucken. Aber das Problem bei Suchtgedächtnis, das kommt ja auch immer mit dieser Idee von unlöschbarem Suchtgedächtnis. Da ist irgendwie was ganz Großes draus geworden, was von der Theorie immer mehr abweicht und immer mehr Luft reinbläst. Und das finde ich immer schwierig und das haben wir aber bei Suchttheorie auch öfters, dass das sich irgendwie so verselbstständigt und ich würde gerne wissen,

24:42
Ja, bei den Theorien und Fakten bleiben vor allem hier im Podcast

24:48
damit das nicht verschwimmt und dass das nicht so schwammig wird. Weil das wollen wir hier im Podcast eben nicht. Schwammigkeit, Schwammigkeit vorbeugen. Davon gibt es genügend im Sucht- und Drogenkontext. Und dafür mache ich ja den Podcast und dafür nehme ich mir auch so viel Zeit für die Recherche, um eben zu versuchen, hier konkret zu werden. Und das Suchtgedächtnis ist eine Metapher, ist nicht konkret. Und wie gesagt, da kann man einfach sehr viel verschiedene Theorien reinstopfen. Musik

25:17
Gut, nächstes Kapitel. Ist Sucht bei allen Drogen gleich? Also ist die Suchtentwicklung bei allen Drogen gleich? Ich denke, wir haben jetzt hoffentlich so die Phasen verstanden und auch die biologischen Prozesse, die damit einhergehen, auch in Kombination mit dem Shift von Liking zu Wanting. Und genau dieser Ablauf hat eine Suchtentwicklung über alle Substanzen erst einmal gemein.

25:48
Aber genau dieser substanzübergreifende Suchtmechanismus bringt eben auch manchmal dieses Verständnisproblem mit sich. Und zwar die Annahme, dass nur weil es einen substanzübergreifenden Suchtmechanismus gibt, alle Substanzen gleich süchtig machen.

26:05
Und das wird vor allem gerne auf diese Drogen in Anführungszeichen bezogen, die ja vor allem süchtig machen. Und mit Drogen sind dann meistens illegalisierte Drogen gemeint. Und das ist natürlich nicht richtig. Und dass wir darüber nochmal sprechen müssen, ist mir vor allem durch eine Frage, wie ich schon gesagt habe, von einem Psychoaktiv-Hörer klar geworden, der mich auch auf Instagram vorher gefragt habe, dass ich doch auch nochmal erklären soll, wie das mit der Toleranzbildung in der Suchtentwicklung ist.

26:32
Und genau da kommen wir nämlich dann in ein substanzspezifisches Tere… Tere? Tere? Ihr wisst, was ich meine. Ein Tere… Scheiße, nein, ich probiere es jetzt nicht weiter. Wo waren wir stehen geblieben? Genau, die Toleranzbildung ist im Prinzip substanzspezifisch. Und der allgemeine Suchtmechanismus und die spezifischen Wirkungen der einzelnen Substanzen greifen dabei ineinander. Was sich besonders bei der Entwicklung von Toleranz

27:01
und dem damit verbundenen Entzugssymptom zeigt. Eine Toleranz entsteht ganz grundlegend, wenn der Körper sich an die wiederholte Einnahme einer psychoaktiven Substanz anpasst und somit die gleiche Dosis nicht mehr die ursprüngliche empfundene Wirkung erzielt. Kurz, man braucht immer mehr für die gleiche Wirkung. Und diese Anpassungen variieren je nach psychoaktiver Substanz und den beteiligten Neurotransmittersystemen.

27:28
Zum Beispiel führen Opioide wie Heroin oder Morphin zu einer Toleranz durch eine Rezeptor-Desensibilisierung und Down-Regulation. Das bedeutet, dass die Opioid-Rezeptoren im Gehirn immer weniger empfindlich werden und dazu auch noch die Anzahl der Rezeptoren abnimmt.

27:47
Und im Gegensatz dazu entwickelt sich zum Beispiel bei Alkohol und Benzodiazepin, also Benzodiazepin zum Beispiel wie Diazepam, eine Toleranz durch Anpassung im GABA- und Glutamat-System.

27:59
Die Händewirkung von GABA wird reduziert, während das Glutamatsystem überaktiviert wird, um somit eben das Gleichgewicht im Gehirn aufrechtzuerhalten, wenn konsumiert wird. Und bei Stimulantien wie Kokain oder Amphetamin verändert sich das Dopaminsystem, indem die Dopamintransporter herunterreguliert werden oder die Verfügbarkeit von Dopamin im synaptischen Spalt sinkt.

28:26
Und genau diese unterschiedlichen Mechanismen der Toleranzbildung beeinflussen eben auch die Art der Entzugssymptome.

28:36
wenn eben die Substanz abgesetzt wird, aufgehört wird zu konsumieren. Beim Opioidentzug treten zum Beispiel starke körperliche Beschwerden auf, wie Schmerzen, Schwitzen und Magen-Darm-Probleme. Der Alkoholentzug hingegen kommt häufig mit Zittern, Angstzuständen und im schlimmsten Fall auch mit wirklich lebensbedrohlichen Krampfanfällen daher. Also kurz zusammengefasst, Unterschiede in der Toleranzbildung, Säurebildung,

29:02
sorgt eben auch für unterschiedliche Entzugssymptome und das liegt daran, dass je nach Substanz eben unterschiedliche Neurotransmittersysteme mit am Start sind. Aber, aber, aber. Meine Beispiele waren jetzt Substanzen mit einem vergleichbaren hohen Abhängigkeitsrisiko. Denn das Abhängigkeitsrisiko variiert von Substanz zu Substanz. Im neurobiologischen Kontext hängt dies unter anderem darin,

29:28
mit den unterschiedlichen Wirkungen auf das Belohnungssystem zusammen. Kokain und Amphetamin führen zum Beispiel direkt zu einem ziemlich großen Dopaminausstoß, was eben auch zu einem höheren Risiko führt, während andere Drogen wie Cannabis oder auch Koffein das Belohnungssystem nur indirekt beeinflusst und deswegen erstmal ein geringeres Risiko darstellt.

29:51
Es gibt aber auch noch andere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, zum Beispiel auch die Geschwindigkeit des Wirkeintritts. Und das hängt häufig auch mit der Konsumart zusammen. Beispiel eine gerauchte Zigarette sorgt für einen sehr schnellen Nikotineintritt, also auch eher ein höheres Abhängigkeitsrisiko, während ein Nikotinpflaster einen langsamen Wirkeintritt nach sich zieht und damit eben auch das Abhängigkeitsrisiko mindert.

30:17
Und dann haben wir auch noch den Aspekt der Wirkdauer, also Substanzen mit kurzer Wirkdauer wie Nikotin oder Kokain erhöhen das Risiko, während Substanzen mit längerer Wirkdauer ein geringeres Risiko mit sich bringt. Und das haben wir eben noch on top zu der gerade erwähnten Toleranzentwicklung mit den dazugehörigen Entzugssymptomen.

30:41
Aber vielleicht am Rande noch ein kleiner Side-Fact. Toleranz ist nicht immer ein Aspekt der Suchtentwicklung. Zum Beispiel bei Psychedelika wie LSD bildet sich übrigens sofort eine Toleranz, was in dem Fall aber eher ein Schutzfaktor ist, da es eben einem von einem erneuten Konsum eher abhält. Just saying. So, jetzt sind wir eigentlich auch ziemlich durch mit der Theorie,

31:08
Also lasst uns mal gemeinsam eine Vogelperspektive einnehmen und schauen, was wir aus diesen ganzen Informationen jetzt für uns mitnehmen können, beziehungsweise was Schlussfolgerungen daraus sind. Und dabei gehe ich natürlich auch auf meine persönlichen Schlussfolgerungen ein. Ihr könnt euch natürlich auch

31:27
andere Schlussfolgerungen daraus ziehen. Aus den ganzen Informationen, die ich euch heute in dieser Folge gegeben habe, können wir, glaube ich, erst einmal mitnehmen, dass die Sucht die Tätigkeit unseres Gehirns verändert. Es nimmt starken Einfluss auf unser dopaminerges System.

31:44
Außerdem kommt ein Mensch während der Suchtentwicklung zu dem Punkt, dass sowohl die Impulskontrolle stark beeinträchtigt ist und dass auch bestimmte Trigger immer wieder ein sehr, sehr starkes Cramming in Gang setzen können. Grundlegend haben wir auch noch gelernt, dass man während der Sucht von einem Liking zu einem starken Wanting kommt, also den Drang etwas zu konsumieren, obwohl es einem vielleicht gar nicht mehr gut tut. Musik

32:11
Werbung Die Frage, die sich eben jetzt aufdrängt, ist erst einmal, naja, ist das denn für immer? Und das ist eine sehr schwierige Frage.

32:29
Ich habe ja schon gesagt, dass die Antizipation, also diese Erwartung zu konsumieren, wenn man zum Beispiel seine favorisierte Droge sieht oder mit einem Gefühlszustand konfrontiert ist, wo man immer konsumiert hat, oder einem Ort, das noch Jahre später in Gehirnscans nachgewiesen werden konnte, dass eben da Dopamin ausgestoßen wird, dass diese Verknüpfung auch nach jahrelanger Abstinenz immer noch besteht.

32:55
Allerdings nimmt auch die Masse an Dopamin, die aus Vorfreude ausgeschüttet wird, über die Jahre ab. Das heißt, die Verlinkung bleibt, aber es wird immer weniger. Und auch vor allem im ersten Jahr nimmt diese Vorfreude oder diese Erwartungshaltung ab. Deswegen ist auch das erste Jahr immer so als dieses kritische Jahr gesehen, weil man da eben noch am stärksten hinweist.

33:20
in diesen Mechanismen verhaftet. Und im Prinzip ist die deterministische Haltung eben, dass die neurobiologischen Veränderungen der Sucht weiterhin bestehen bleibt, wo es ja auch Hinweise für gibt und man deswegen immer einen hohen Risikofaktor hat, wieder in die gleichen Muster zurückzufallen.

33:39
wenn man eben wieder anfängt zu konsumieren. Und die Konsequenz daraus ist eben, dass es notwendig ist, immer nüchtern zu sein, also immer eine anhaltende Abstinenz zu haben, um genau dem vorzubeugen.

33:53
Und ganz ehrlich, erst einmal ist dem grundlegend nichts auszusetzen, denn ein nüchternes Leben ist nichts, was es zu vermeiden gilt. Und das möchte ich echt nochmal betonen, bevor ich zu meinen anderen Punkten gehe. Das Problem, das ich mit dieser deterministischen Haltung habe, ist, dass es eben meiner Meinung nach auch ein bisschen einseitig gedacht ist. Und wie wir das in unserem Gesundheitssystem aber auch häufig haben,

34:19
einen sehr großen Fokus auf den biologischen Aspekt nimmt. Die Sucht ist nicht nur die Neurobiologie der Sucht, sondern wir denken in biopsychosozialen Modellen. Also die Haltung, dass sowohl biologische als auch psychologische als auch soziale Einflussfaktoren sowohl eine Suchtentstehung begünstigen, aber auch zu der Herausentwicklung beitragen. Und ich bin der Meinung…

34:44
Schreibt mir gerne in die Kommentare, wenn ich was übersehe. Aber ich bin der Meinung, dass eine Determinismus-Hypothese dabei außer Acht lässt, dass eben unterschiedliche Erfahrungen auf psychologischer und sozialer Ebene durchaus eben auch die Neuroplastizität verändern kann. Die Gehirnstrukturen sind ja kein statisches Mauerwerk, sondern aufgrund von Veränderungen in unserem Leben beeinflussbar. Und zwar sowohl aus positiven

35:10
als auch aufs Negative. Und genau das finde ich halt einen sehr spannenden Ansatzpunkt, warum ich eben auch in meiner Masterarbeit nur Menschen interviewt habe, die nicht abstinent leben, aber eine Sucht überwunden haben. Denn was mich persönlich wirklich interessiert, ist eben genau das. Unter welchen Voraussetzungen ist das möglich? Welche Einflüsse, Veränderungen und so weiter nutzen Menschen, um aus diesem Suchtkreislauf herauszutreten?

35:37
Und in diese Richtung wird halt sehr wenig geforscht. Das hat mehrere Gründe. Einmal, dass man denkt, naja, Abstinenz, das löst doch das Problem. Warum sollte man in eine andere Richtung denken? Und es darf hier halt einfach auch keine Gelder freigemacht werden. Warum ich mich diesem Thema widme, ist eigentlich maßgeblich der Aspekt, dass unser bestehendes System erstmal sehr viel bietet.

36:01
Unser abstinenzorientiertes System bietet eine lange stationäre Reha, wenn man das möchte, mit dem Ziel, eine langjährige Abstinenz aufrechtzuerhalten. Und das ist ja auch echt super, wenn es klappt. Aber es ist halt leider auch Fakt, dass wir Menschen zu spät erst in unser Suchthilfesystem aufnehmen und dass wir halt auch sehr rigide in diesem System sind, dass eben die Abstinenz eine Voraussetzung ist. Und das ist halt schwierig.

36:29
Denn es gibt viele Menschen, die deutlich früher veränderungsbereit sind, aber nicht abstinenzbereit sind. Und für mich ist das schon immer ein Anliegen und das ist, warum ich all meine Arbeit mache, mehr dahin zu streben, eine frühere, akzeptanzbasierte, nicht abstinenzorientierte Therapie anzubieten, die natürlich auch in der Nüchternheit enden kann, aber nicht muss, wenn man andere Wege findet. Und deswegen…

36:58
bin ich auch oder finde ich diese deterministischen Aspekte immer sehr schwierig, vor allem, weil auch schon Selbstheilerstudien durchaus zeigen, dass Menschen auch nicht komplett nüchtern leben und der Konsum nicht mehr in einer Sucht geendet hat. Also es gibt Hinweise drauf und ich finde, die kann man nicht einfach ignorieren. Musik

37:23
Ihr Lieben, das war es von meiner Seite zu den Einblicken in die Neurobiologie der Sucht. Und ich hoffe, ihr konntet euch einiges mitnehmen. Ich glaube, ein wirklich wichtiges Take-away ist einfach, dass man bei Menschen mit einer Suchterkrankung immer mit beachten muss, dass die regulären Gehirnfunktionen wirklich sehr stark beeinflusst sind. Und vor allem so Ideen, wo man einfach die Erkrankung nicht anerkennt.

37:49
Wie reiß dich doch mal zusammen oder die fehlende Willenskraft. Mit Hintergrund dessen, was wir heute gelernt haben, hoffentlich damit auch erst einmal vom Tisch sind und auch die Erkrankung besser erklärt. Falls ihr meine Arbeit unterstützen möchtet und weiterhin auch solche sehr tiefgreifenden Analysen hören möchtet, dann schaut doch wirklich gerne bei meinem Steady-Mitgliedschaftsprogramm vorbei. Ohne ausreichende Unterstützung sieht die Zukunft von Psychoaktiv ehrlich gesagt nicht.

38:17
sehr ungewiss aus und deswegen würde ich mich umso mehr freuen, wenn du Teil der psychoaktiven Community wirst und es gibt echt auch coolen Bonus-Content, der auf dich wartet und du darfst auch mitbestimmen, welche Drogen hier durchgenommen werden. Der Link ist in der Folgenbeschreibung und sonst denk daran, dem Podcast zu folgen und auch eine positive Bewertung dazulassen und ja, bis zum nächsten Mal. Ich freue mich schon.


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