Die neue Abhängigkeitsdiagnose nach ICD 11

Die ICD-11 verändert die Diagnostik substanzbezogener Störungen an mehreren Stellen. Beim schädlichen Gebrauch werden neben Schäden für die konsumierende Person nun auch gesundheitliche Beeinträchtigungen anderer berücksichtigt, außerdem kann bereits eine einzelne schädliche Konsumepisode diagnostisch erfasst werden. Beim Abhängigkeitssyndrom werden die bisherigen sechs Kriterien zu drei größeren Bereichen zusammengefasst: beeinträchtigte Kontrolle und Craving, körperliche Merkmale wie Toleranz oder Entzug sowie eine zunehmende Priorisierung des Konsums trotz negativer Konsequenzen.
Die Folge vergleicht die neue Abhängigkeitsdiagnose mit der ICD-10 und fragt, was durch die Vereinfachung gewonnen und was möglicherweise verloren wird. Thematisiert werden die stärkere Differenzierung einzelner Substanzgruppen, die neue zeitliche Einordnung der Diagnose und die Frage, ob ein komplexes Störungsbild mit nur drei Kriterien ausreichend präzise beschrieben werden kann. Kritisch diskutiert wird außerdem, dass unterschiedliche Substanzen sehr verschiedene Toleranz-, Entzugs- und Konsummuster haben und deshalb nicht immer problemlos in dieselbe diagnostische Logik passen. Deutlich wird: Die ICD-11 macht die Diagnostik an einigen Stellen übersichtlicher und differenzierter, hält aber grundsätzlich an einer kategorialen Unterscheidung zwischen schädlichem Gebrauch und Abhängigkeit fest, statt die Ausprägung einer Substanzgebrauchsstörung als Kontinuum abzubilden.
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Die neue Abhängigkeitsdiagnose nach ICD 11
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PODCAST-METADATEN
Folge: 54
Erscheinungsdatum: 03.11.2022
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Die neue Abhängigkeitsdiagnose nach ICD 11
Sprecher: Stefanie Bötsch
Typ: Transkript
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Transkript Beginn
00:09
Psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein! Diese Podcast-Folge wird euch präsentiert von Safe Party People Frankfurt.
00:30
Hallo meine Lieben und Willkommen zu einer neuen Folge Psychoaktiv. Richtig geil, dass ihr wieder mit dabei seid. Und heute kommt endlich diese Folge, die ich schon gefühlt hunderttausendmal angekündigt habe. Letzte Woche erstmal lang und breit auf Twitter ausdiskutiert habe. Ja, und jetzt schaffe ich es endlich, meine Inhalte auch in mein Mikrofon reinzusprechen und mit euch heute über ein sehr wichtiges Thema zu sprechen und zwar…
00:53
über die Veränderung der Abhängigkeitsdiagnose bzw. auch der Diagnose zum schädlichen Gebrauch in der ICD-11. Und ja, wie immer fangen wir ganz, ganz vorne an. Denn ich glaube, um bei der Folge mitzubekommen, will ich vielleicht erstmal so ein paar Grundbegriffe mit euch klären. Ich habe schon mal eine Folge zu der Diagnose des Abhängigkeitssyndroms und des schädlichen Gebrauchs in der ICD-10 gemacht. Das ist schon ewig lange her. Ich glaube, das ist die zweite oder dritte Folge. Also echt schon ewig.
01:22
hart lange her. Deswegen möchte ich mich mit den Grundlagen nicht zu lange aufhalten, weil ich die Menschen, die mir schon so lange folgen, nicht langweilen möchte und dementsprechend empfehle ich einfach den Leuten, die sich dann noch total unsicher fühlen, meine Folge zur Diagnosestellung zu schauen. Die ist wirklich einer der ersten. Scrollt einfach mal zurück. Trotz allem machen wir hier ganz kurze Zusammenfassung der Grundlagen, dass jeder mitkommt. Ja, ich mag es einfach, wenn wir alle mitnehmen können. Und zwar ICD-10. Was ist das überhaupt? ICD-10
01:50
ICT10 steht für International Classification of Diseases und da stehen tatsächlich alle Diagnosen drin, die Ärzte und Ärztinnen so stellen können. Also wirklich vom Fußpilz bis
02:04
bis zur Persönlichkeitsstörung haben wir alles mit dabei. Und natürlich steht in diesem Klassifikationssystem auch alle Diagnosen drin, die man zum Thema Substanzgebrauch, Substanzkonsum diagnostizieren kann. Die bekanntesten Diagnosen zum Substanzgebrauch sind wahrscheinlich das Abhängigkeitssyndrom oder vielleicht auch der schädliche Gebrauch. Allerdings wird
02:24
im Zusammenhang mit dem Substanzkonsum noch deutlich mehr Sachen diagnostiziert. In der aktuellen ICD-10 wird zum Beispiel auch die akute Intoxikation, der schädliche Gebrauch, das Abhängigkeitssyndrom, das Entzugssyndrom, das Entzugssyndrom mit Delir, psychotische Störungen und das amnestische Syndrom, das ist eine Störung des Kurz- und Langzeitgedächtnisses. Bei Alkohol ist da zum Beispiel das Korsakopf-Syndrom sehr bekannt und
02:49
Dann natürlich auch noch der Restzustand und verzögernde auftretende psychotische Störungen. Da kann zum Beispiel Flashbacks dazugehören, aber auch Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund des Konsums. Und dann gibt es noch sonstige psychische Verhaltensstörungen.
03:04
dieses Spektrum kann man in Verbindung mit Substanzkonsum aktuell diagnostizieren und da wird sich auch ein bisschen was ändern zur ICD-11. Heute in dieser Folge möchte ich wirklich aber explizit mit euch darauf eingehen, was sich im Rahmen des schädlichen Gebrauchs und des Abhängigkeitssyndroms
03:22
Ich wollte eigentlich auch was zu Psychosen sagen. Ja, haben wir wieder eine kleine Story von der Recherche. Da habe ich mich unfassbar aufgehängt, weil in einem Paper in einem Satz stand, dass die Psychosen sozusagen aus diesem Zusammenhang herausgelöst werden und zu den psychischen Erkrankungen umdiagnostiziert wird. So, was das genau bedeutet, konnte ich tatsächlich nicht für euch rausfinden. Auch nach extremst langer Recherche. Weil, so wie ich das jetzt verstanden habe, wird das auch nicht komplett rausgelöst.
03:50
Was habe ich gemacht? Ich habe dem Typ, der das Paper geschrieben hat, eine sehr nette E-Mail geschrieben und ihn mein Leid geklagt, dass ich wirklich…
03:57
Und wegen dem einen Satz, den er in dem Paper geschrieben hat, ist er gar nicht näher drauf eingegangen, hat er mir bestimmt mal Nachmittag gekostet, ob er mir das bitte mal erklären kann. Und ja, falls er es mir erklärt, also falls ich eine Antwort bekomme, werde ich das hier in einer kleinen Kurzfolge für euch zusammenfassen, weil ich es ein super spannendes Thema finde. Das Thema Psychosen wird in dem Podcast nächstes Jahr auch nochmal näher thematisiert. Und ich hoffe, dass ihr das auch noch mal sehen könnt.
04:21
Aber ja, ich glaube, der Aspekt der psychotischen Störung, was eben Psychosen sind im Zusammenhang mit Substanzkonsum, ist wirklich sehr interessant. Ich habe versucht, euch da ein bisschen mehr rauszurecherchieren. Ich bin ganz ehrlich gescheitert, bin total gespannt, ob ich eine E-Mail zurückbekomme. Deswegen heute Hauptfokus Abhängigkeitssyndrom, schädlicher Gebrauch. Was sind die Änderungen vom ICD-10 zum ICD-11?
04:45
Um aber später noch meine Kritik zu verstehen, wollte ich hier an der Stelle auch noch den Begriff DSM-5 kurz erklären. DSM steht dabei für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders oder auf Deutsch Diagnostischer Statistischer Leitfaden psychischer Störungen. Und im Prinzip ist das der Leitfaden bzw. die Grundlage der Diagnostik in den USA.
05:09
in dem Diagnostikmanual stehen bei denen auch nur die psychischen Erkrankungen. Genau, und man vergleicht da immer so ein bisschen gerne, was wir so für Diagnosen haben und was sozusagen die USA für Diagnosen haben. Und dementsprechend wollte ich da gerade noch hinweisen, das wird später in meiner Kritik oder in meinen Wünschen und Anmerkungen zu den Veränderungen noch relevant. Aber gut,
05:33
Das soweit bis hierhin. Wir starten jetzt in die Thematik rein. Was sind eigentlich die Veränderungen? Viel Spaß! Musik
05:43
Starten wir rein mit den Veränderungen zum Thema schädlichen Gebrauch beim Substanzkonsum. Wer sich an meine alte Folge erinnert, über die Diagnosestellung habe ich mich ja schon immer ein bisschen beschwert, dass die Definition des schädlichen Gebrauchs nicht sehr genau ist bei der ICD-10. Ich wiederhole es nochmal, denn der schädliche Gebrauch wird in der ICD-10 wie folgt definiert. Es beschreibt ein Muster des Substanzkonsums, das die körperliche oder geistige Gesundheit einer Person schädigt.
06:10
Das ist der schädliche Gebrauch der ICD-10. Und der schädliche Gebrauch der ICD-11 kriegt eigentlich nur einen kleinen Nebensatz. Und zwar, ein schädlicher Gebrauch nach der ICD-11 ist ein Muster des Substanzkonsums, das die körperliche oder geistige Gesundheit einer Person schädigt. Bis dahin ist also alles gleich. Aber dann geht es noch weiter mit. Oder zu einem Verhalten geführt hat, das die Gesundheit anderer beeinflusst.
06:35
beeinträchtigt. Also ein Substanzkonsum, der so entweder mich oder andere schädigt, wird als schädlicher Gebrauch bezeichnet. Die Gesundheitsschäden können aus eines oder mehreren der folgenden Gründe auftreten und zwar das Verhalten im Zusammenhang mit der Intoxikation, also wie verhalte ich mich, wenn ich betrunken bin, truff bin, in meinem Rauschzustand bin.
06:57
die direkte oder sekundäre toxische Wirkung auf Körper, Organe und Systeme oder eben der schädliche Verabreichungsweg. Also sozusagen auch…
07:07
Wenn ich zum Beispiel durchs viele Sneefen eine kaputte Nase habe, das kann zum Beispiel auch dazu führen, das wäre dann sozusagen ein schädlicher Verabreichungsweg. Oder eben, wenn ich mit meinem Konsum mich direkt oder auch indirekt schädige und Körperorgane dadurch einen Schaden annehmen. Auch neu ist es, dass es drei verschiedene Stufen des schädlichen Gebrauchs gibt. Und zwar eine Episode, episodisch oder fast täglich. Das heißt, man…
07:32
ordnet den schädlichen Gebrauch einfach noch in den zeitlichen Rahmen ein. Das bedeutet auch, dass der schädliche Gebrauch auf einzelne Ereignisse sich beziehen können. Und das soll eben dazu führen, dass Personen diagnostiziert werden können, bei denen eben keine Informationen zum Konsummuster vorliegen, jedoch akute substanzbedingte Schäden entstanden sind und klar sind und offensichtlich sind,
07:56
Klassisches Beispiel, jemand baut richtig alkoholintoxikierten Unfall mit dem Auto, kommt ins Krankenhaus, es gibt überhaupt keine Infos, wie und wie viel er konsumiert, aber der Selbstschaden aufgrund des Autofahrens in betrunkener Art und Weise ist ja wirklich offensichtlich. Man weiß nicht, ob eine Abhängigkeit vorliegt oder nicht, aber man kann dann sozusagen einen schädlichen Gebrauch in diesem Falle diagnostizieren. In der ICDC
08:21
war das nämlich nicht möglich. Denn wenn man in der ICD-10 eine saubere Diagnose stellen wollte beim schädlichen Gebrauch, musste das Konsummuster mindestens einen Monat bestehen oder vermehrt in den letzten zwölf Monaten stattfinden. Also wenn jemand komplett intoxiziert sein Auto gegen einen Baum fährt oder vielleicht
08:41
schlimmerweise auch noch andere mit reinzieht, konnte man den substanzbezogen keine Diagnose stellen. Das würde dann sozusagen hier funktionieren, weil da kann ich den schädlichen Gebrauch einmalig eben diagnostizieren.
08:55
Vielleicht eine kleine Anmerkung, die ich hier gleich noch reinschieben möchte. Ich möchte in dieser Folge keine Diagnostikkritik führen im Allgemeinen. Ich glaube, das sprengt absolut den Rahmen. Man könnte nämlich natürlich hier streiten, für was es eine Diagnose unbedingt substanzbezogen braucht. Es ist ja zum Beispiel die Alkoholintoxikation kann ich da ja trotzdem diagnostizieren. Diese Diagnose gibt es ja auch noch. Warum muss man dann auch noch einen schädlichen Gebrauch diagnostizieren? Das kann man an dieser Stelle auf jeden Fall hinterfragen. Ich
09:24
Ich werde da jetzt nicht tiefer reingehen. Ich wollte es vielleicht aber nur mal zum Nachdenken mitgeben. Vielleicht mache ich nochmal eine andere Folge drüber. Aber das sprengt heute hier den Rahmen. Wir wollen ja kurz und knackig durch die Veränderungen gehen.
09:39
Das war es tatsächlich schon vom schädlichen Gebrauch. Mehr ist in den Veränderungen nicht zu sagen. Schauen wir uns das Abhängigkeitssyndrom an. Und bevor wir in die Veränderung rein starten, ist es hier sehr wichtig, nochmal ganz kurz drauf zu schauen, wie wir denn aktuell diagnostizieren. Wir haben im Prinzip aktuell sechs Kriterien, die wir angucken, ob die auf eine Person zustimmen. Wenn drei davon gleichzeitig im letzten Monat aufgetreten sind oder vereinzelt immer wieder in den letzten zwölf Monaten, können wir das diagnostizieren.
10:07
Die sechs verschiedenen Items sind einmal ein starkes Verlangen, auch Craving genannt, eine verminderte Kontrolle über den Substanzgebrauch, also man kann das nicht mehr richtig bestimmen über den Beginn, die Beendigung und die Menge des Konsums. Es tritt ein körperliches Entzugssyndrom auf.
10:25
Es kommt zu einer Toleranzentwicklung. Man vernachlässigt andere wichtige Sachen, die einem sonst früher wichtig waren. Und vernachlässigt auch Interessensbereiche. Und der Substanzgebrauch wird immer wichtiger. Und es kommt zu einem anhaltenden Substanzgebrauch, trotz eindeutiger schädlicher Folgen. Zusammenfassend kann man im Prinzip sagen, diese sechs Kriterien schützen sich ungefähr auf ein biopsychosoziales Modell. Das heißt, die ersten zwei Kriterien, also das starke Verlangen und die verminderte Kontrolle,
10:54
sind die psychischen Komponenten, das körperliche Entzugssyndrom und die Toleranzentwicklung, das sind die biologischen Komponenten und die Vernachlässigung der anderen wichtigen Vergnügen und Interessen und der anhaltende Substanzgebrauch trotz eindeutiger schädlicher Folgen sind im Prinzip die sozialen Punkte. So, und tatsächlich ändert sich zur ICD-11 nicht viel und trotzdem relativ viel.
11:21
Ich kann das gar nicht gut sagen, wie viel sich da jetzt verändert. Es ist eigentlich im Prinzip ganz leicht, weil eigentlich kann man wirklich stumpf sagen, man hat einfach zwei Kriterien genommen und zu einem zusammengelegt. Das heißt, die ICD-11 hat jetzt nur noch drei Kriterien, um ein Abhängigkeitssyndrom zu diagnostizieren.
11:42
Und ich lese euch jetzt einfach mal vor, wie die ICD-11 nun ein Abhängigkeitssyndrom definiert. Die Grundlage ist sozusagen, dass von diesen drei Kriterien zwei oder drei Kriterien über einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten erfüllt werden müssen. Oder, und das ist neu, kann bei täglichem oder fast täglichem Substanzkonsum auch über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten gestellt werden. Also das ist schon mal neu, denn…
12:09
Hier wird plötzlich die Frequenz des Substanzkonsums mit in die Diagnosestellung mit reingebracht. Das haben wir in der ICD-10 gar nicht. Menge und Frequenz spielen da keine Rolle. Bei der ICD-11 spielt es eine Rolle, weil dann kann man sozusagen nicht über die letzten zwölf Monate, sondern über die letzten drei Monate diagnostizieren.
12:31
Hier ist das erste Kriterium, die beeinträchtigte Steuerung hinsichtlich Beginn, Beendigung, Menge und Umständen des Substanzkonsums, oft aber nicht notwendigerweise begleitet vom subjektiven Drang oder Verlangen, Craving genannt, die Substanz zu konsumieren. Das heißt, wir haben sozusagen ein starkes Verlangen nach der Substanz,
12:50
und auch dadurch eine beeinträchtigte Steuerung von Beginn Beendigung. Aber das Craving ist nicht unbedingt notwendig, um dieses Kriterium zu erfüllen. Das ist sehr wichtig, dass man das im Hinterkopf behält. Man kann dieses Kriterium auch nur mit einer beeinträchtigten Steuerung erfüllen und dieses Craving muss nicht unbedingt sein. Zweites Kriterium ist eine physiologische Merkmale einer Abhängigkeit.
13:12
wie die Toleranz und oder, auch hier wichtig, man braucht nicht beides, Entzugserscheinungen nach Konsumstopp oder Reduktion und oder wiederholter Konsum der Substanz oder pharmazeutisch ähnliche Substanzen, um Entzugserscheinungen zu verhindern oder abzumeldern. Also hier haben wir die Toleranz und die Entzugserscheinungen, aber auch hier als und oder.
13:33
oder Kriterium, das heißt, es muss eigentlich auch nur eines vorliegen, um dieses Kriterium zu erfüllen. Und das dritte Kriterium ist, der Substanzkonsum wird zunehmend zur Priorität gegenüber anderen Aktivitäten, Interessen, Vergnügen, alltäglichen Aktivitäten, Verpflichtungen und
13:50
wird trotz auftretender konsumbedingter negativer Konsequenzen weitergeführt. Also, das sind die drei Kriterien. Wie ihr merkt, sind die, die ich gerade für die ECD10 vorgelesen habe, also auch angelehnt an dieses biopsychosoziale Modell, also wo man halt eben davon ausgeht, dass ein Abhängigkeitssyndrom genau diese drei Bereiche, Bio, also der Körper, Psycho, also Psychologie,
14:12
unsere Psyche und soziales Umfeld und in welchem sozialen Umfeld wir uns bewegen, eben abdeckt. Aber man hat das jetzt nur noch in ein Kriterium zusammengefasst und man muss sich jetzt nur noch drei Kriterien merken und keine sechs mehr. Aber es ist halt leider auch Augenwischerei, weil man wirklich sieht ganz genau, zwei Kriterien wurden zu einem gemacht.
14:33
Schauen wir uns doch erstmal an, bevor ich jetzt für die Vor- und Nachteile argumentiere, bewerten wir erstmal dieses allgemeine Konstrukt. Wie ist denn das, dass die jetzt einfach zwei Kriterien zu eins gemacht haben? Macht das überhaupt Sinn? Beim ersten Kriterium wurde ja Craving und der Kontrollverlust über den Konsum zusammengelegt. Ich bin überhaupt kein Fan von dem Wort Kontrollverlust und finde, das hätte eigentlich rausgemusst, aber dazu auch in einer anderen Folge mehr.
14:59
Ich sehe schon, ich muss unbedingt den Krankheitsbegriff noch ein bisschen mehr auseinanderfleddern. Ich habe auch einen coolen Interviewgast dafür in der Hinterhand. Ja genau, ich sollte zum Thema kommen. Genau, die wurden zusammengelegt und in dem Paper, das ich gelesen habe, hieß es auch, ja, das ist erstmal gut nachvollziehbar, denn im Prinzip kann man für den Kontrollverlust und auch für das Craving Schaltkreise neurobiologisch ausmachen, die relativ nah aneinander liegen, sich gegenseitig bedingen können, aber nicht müssen.
15:25
Und so macht es aus der Sicht der Person, dem Arzt, der dieses Paper geschrieben hat, durchaus Sinn, dass man das zusammengelegt hat. Aber ich muss auch sagen, so rein mit logischem Menschenverstand finde ich eben eine minderte Kontrolle über den Konsum, Hand in Hand mit einem Suchtdruck, mit einem Craving, schon sehr nachvollziehbar, warum das zusammengelegt wurde. Also das finde ich erstmal klar. Der andere Aspekt ist,
15:47
Das war mir tatsächlich, da habe ich noch nie drüber nachgedacht, das fand ich auch im Rahmen der ICD-10 total spannend, ist, dass die Toleranzentwicklung und die Entzugserscheinungen zusammengelegt worden sind. Denn man halt sagt, naja, ohne Toleranz gibt es keinen Entzug. Und das ist sehr, sehr einleuchtend.
16:06
Was aber auch bedeutet, dass in der ICD-10 es immer heißt, wenn man überlegt, man braucht drei der sechs Kriterien und wenn man überlegt, dass zwei Kriterien immer automatisch eh gleichzeitig erfüllt sind, dann braucht man ja nur noch eins. Also
16:21
Versteht ihr so meinen Gedankengang? Ich habe da noch nie so genau drüber nachgedacht, aber ich finde ihn relativ einleuchtend und finde es dann halt irgendwie auch wild, dass wenn sich zwei Punkte so krass bedingen wie die Toleranzentwicklung und die Entzugserscheinungen, dass
16:35
dass das nicht schon immer zusammengenommen wird. Aber genau diese Kritik wurde schon wohl an der ICD-10 öfters geübt und wurde dann halt dementsprechend in der ICD-11 übernommen. Aber, und das finde ich noch eine Sache, die man nicht so ganz vergessen darf, wenn wir unsere Diagnostik anschauen. Na, ganz mal ehrlich, Leute, wenn wir unsere komplette Suchthilfe anschauen und super viel Suchtforschung,
16:57
wird sehr viel am Alkohol angelehnt. Also alles, was wir über Alkohol wissen, wird dann auch mal so grob über alle anderen Substanzen gestülpt. Und das…
17:08
eine Toleranzentwicklung immer Hand in Hand mit Entzugserscheinungen gibt, stimmt nicht für alle Substanzen. Aber dazu später nochmal kurz mehr, wenn ich nochmal so Vor- und Nachteile nenne. Aber ich finde es wichtig, das an diesem Argument auch nochmal zu platzieren. Es stimmt schlichtweg nicht für alle Substanzen. Punkt. Ja, und kommen wir jetzt noch ganz kurz zum letzten Kriterium. Das letzte Kriterium, ihr erinnert euch dran, nimmt sozusagen zusammen, dass eine Prioritäten
17:36
Verschiebung stattfindet, dass man eben den Substanzkonsum geiler findet als alles andere, was man so macht und dass man trotz Probleme aufgrund des Konsums weiter konsumiert. Und alle, also ich habe ja ein paar Paper zu dem Thema gelesen und alle Paper waren so ein bisschen, ja, also, dass sie halt wirklich davon ausgegangen sind, dass sie halt nur zusammengelegt wurden. Das muss man sich mal überlegen, dass diese Sachen nur zusammengelegt worden sind, weil sie sozusagen ihre Regel fertig machen wollten, so, zwei wird zu eins. Ha!
18:03
bei den letzten zwei passt das nicht so gut. Ja, drauf geschissen, machen wir auch aus 2-1. Come on, also da waren wirklich alle Papers so ein bisschen gleich ratlos und ich muss schon sagen, mir ging es halt auch so, als ich das gelesen habe, es fühlt sich halt so ein bisschen erzwungen an, anders kann man es doch wirklich
18:20
wirklich nicht sagen. Und dass halt in den meisten dann gesagt wird, hätte man doch zwei gelassen, weil das sind wirklich zwei sehr abgrenzbare Punkte. Das andere ist eine Prioritätenverschiebung, das andere ist Konsum trotz negativer Konsequenzen. Das ist einfach was anderes. Wir hatten es ja gerade bei den anderen zwei Kategorien, wo man gesagt hat, ja okay, es macht schon irgendwo Sinn, das zusammenzulegen oder man kann es wenigstens einigermaßen logisch nachvollziehen. Ja, aber beim letzten ist es halt einfach Quatsch.
18:48
Oder falls jemand da ist, der in diesem Prozess mit dabei war und kann mich gerne anrufen oder schreiben und mir sagen, was ich übersehe, weil bis dato kann ich es absolut nicht nachvollziehen. Lass mich aber gerne immer belehren, also nur her damit mit den Hinweisen. Vielleicht sehe ich das ja in meiner Einfältigkeit nicht, warum das unbedingt zusammengehört.
19:13
Ein Punkt, was mich schon ein bisschen freut, was jetzt auch noch dazu kommt bei den Veränderungen, ist der Umgang mit Substanzen in der ICD-11. Da ist es jetzt wirklich so, dass sie viel mehr Substanzen zum Aufschlüsseln herangezogen haben, beziehungsweise sie anders unterteilt haben. Ihr könnt euch vielleicht
19:30
noch erinnern, in der Einleitung habe ich ja sozusagen die verschiedenen Punkte, die ja in Bezug auf Substanzkonsum diagnostiziert werden können, aufgezählt. Also Intoxikation, Abhängigkeitssyndrom, schädlicher Gebrauch, psychotische Störung, dies, das. Und das wird dann sozusagen mit der Diagnose immer mit der passenden Substanz in Verbindung diagnostiziert. Also sozusagen
19:53
Psychotische Störung aufgrund von Alkohol. Abhängigkeitssyndrom aufgrund von Stimulantien. Also, dass das dann immer in Verbindung gebracht wird. Und ich lese es euch mal vor. Die ECD 10 hat vorgeschlagen,
20:04
folgende Gruppen. Alkohol, Opioide, Cannabis, Sedativa, Hypnotica oder Anxiolytica, Kokain, Stimulantien inklusive Amphetaminen und Methamphetaminen, da gehört witzigerweise auch MDMA dazu. MDMA ist ein Empathogen und keine Stimulant, aber gut. Koffein, Halluzinogen, Nikotin, flüchtige Inhalantien und
20:28
Und dann eben noch der Gebrauch multipler Substanzen. Darunter wird dann immer das diagnostiziert, wenn wirklich der Konsum so wahllos ist, dass der Gebrauch multipler Substanzen, das ist sozusagen die Polytoxikomanie, die man auch vielleicht in der Verbindung oft hört. Genau das ist das.
20:43
Und die neue Aufteilung ist so viel differenzierter und macht so viel Sinn. Also wir haben wieder Alkohol, Cannabis und synthetische Cannabinoide. Finde ich mega gut, dass Cannabis und synthetische Cannabinoide hier getrennt werden, weil die ganze Zeit wurde halt synthetische Cannabinoide auf Cannabis diagnostiziert. Ist halt, ne? Dann haben wir Opioide, dann auch wieder Sedativa, Hypnotica und Anxiolytica, Kokain, Stimulantien inklusive
21:11
Amphetamine, Methamphetamine oder Mefkatinone. Da muss man nochmal sagen, ich weiß nicht, ob das vielleicht ein Übersetzungsfehler ist, aber Freunde, Amphetamine mit E hintendran ist der Überbegriff für Speed, also Amphetamin, Methamphetamin und MDMA-Ecstasy. Lasst es eh weg, weil das ist schlichtweg falsch, denn kleiner Spoiler, MDMA wird jetzt in Zukunft extra diagnostiziert und dementsprechend darf da nicht Amphetamine stehen.
21:40
Dann gibt es synthetische Katinone, Koffein. Übrigens kann man bei Koffein kein Abhängigkeitssyndrom mehr diagnostizieren. Finde ich auch wild, weil ich so ein bisschen die Vermutung habe, muss ich sagen, dass man bei Koffein nur von Kaffee auskommt.
21:54
ausgeht. Aber es gibt ja auch Koffeintabletten und es gibt ja auch Energydrinks, also hm. Dann Halluzinogene, Nikotin, flüchtige Inhalantien, MDMA oder verwandte Substanzen inklusive MDA, finde ich auch super, wird jetzt auch einzeln gemacht, dissoziative Substanzen inklusive Ketamine und Penzyklidine,
22:13
Ihr merkt, Dissoziative wurden von den Halluzinogenen getrennt. Auch super. Genau, und dann haben wir noch sowas wie andere spezifische psychoaktive Substanzen inklusive Medis, Gebrauch multipler spezifischer psychoaktiver Substanzen inklusive Medikamente, Gebrauch unbekannter und nicht spezifischer psychoaktiver Substanzen, Gebrauch von nicht psychoaktiven Substanzen und so weiter.
22:36
Also der Rest ist dann nicht mehr so interessant. Aber ihr merkt, es wurde deutlich mehr aufgenommen. Auf jeden Fall ein paar Substanzen. Und ich finde das total sinnvoll.
22:47
Also kommen wir jetzt mal zu meiner Bewertung bzw. die Vorteile und Nachteile, die ich aus dem Ganzen rausziehe. Und ich wollte eigentlich die neue Aufteilung der Substanzen neutral vortragen. Es steht so in meinem Skript. Das habe ich nicht geschafft anscheinend. Also ich finde es total gut, dass diese Substanzen differenzierter aufgeteilt werden. Und das hat auch einen guten Vorteil.
23:10
Manche gehen ja davon aus, Substanzkunde ist etwas sehr Verbreitetes bei Menschen, die in Sucht-Rehas arbeiten bzw. im Suchtbereich arbeiten. Dem ist leider nicht so. Und durch die
23:21
Diese Klassifikation der Substanzen, wie es früher in der ECD 10 war, kamen da halt auch oft wilde Ideen. Ihr müsst euch mal überlegen, MDMA, Amphetamin und Methamphetamin wird alles unter Stimulantien zusammengefasst und gleich diagnostiziert. Das führt tatsächlich dazu, also Methamphetamin, das kriegt meistens jeder noch hin und kann das richtig einordnen.
23:44
Aber ich habe nicht nur einmal ein Gespräch darüber geführt, dass jemand Amphetamin und MDMA verwechselt hat, beziehungsweise die Substanzen gar nicht erst auseinanderhalten konnte, das Abhängigkeitssyndrom gleichgeschalten hat, weil logisch, Amphetamin und Methamphetamin sind Substanzen, die eine viel höhere Wahrscheinlichkeit haben, dass man ein Abhängigkeitssyndrom entwickelt.
24:09
als bei MDMA. MDMA kommt relativ selten vor. Wenn man jetzt halt überlegt, man diagnostiziert die ganze Zeit aufgrund von Stimulantien und steht dann immer schön im Klammern, Amphetamin, MDMA, Ecstasy, dies, das. Und dann kommt man halt auf die Idee, naja, Ecstasy, boah, das macht super krass abhängig. Das ist eigentlich genau das gleiche wie Amphetamin. Und
24:31
Das ist halt ein Problem. Das erschwert die Wahrnehmung noch zusätzlich von vielen, welche Unterschiede die verschiedenen Substanzen haben, wenn die dann alle in einen Topf geworfen werden. Und deswegen finde ich das zum Beispiel sehr gut, dass Amphetamin und MDMA jetzt getrennt worden sind und wir auf der einen Seite die Stimulantien haben, macht ja auch Sinn, und MDMA, Ecstasy Extra. Und ich finde es halt auch für die Forschung total interessant, weil man da dann eben auch schneller unterscheiden kann, eine
24:58
um welche Substanz handelt es sich denn eigentlich? Geht es hier um Stimulantien oder geht es hier um MDMA? Was ich auch gut finde, ist auch auf jeden Fall, dass es jetzt an eine Extrasparte für Dissoziativer geht. Wenn ich mich nicht ganz irre, wurde Ketamin sonst immer bei den Sedativen, Hypnotikern oder Anxiolytikern verschlüsselt. Ich finde aber, dass definitiv bei Ketamin einfach Menschen, die Ketamin konsumieren,
25:22
dass das einfach dahingehend zu unterscheiden ist und es total Sinn macht, da eben jetzt eine eigene Rubrik zu haben. Und als letzter Punkt, als Vorteil, also wie ihr merkt, sind nicht ganz so viele Punkte, die ich habe, ist eben auch, dass also die Idee so ein bisschen zu dieser Reduktion auf drei Kriterien war halt schon, dass man so wollte, dass es leichter ist, ein Abhängigkeitssyndrom zu diagnostizieren. Also dass es einfach…
25:47
für die Person, für die diagnostizierende Person schneller geht und leichter geht, leichter zu durchschauen ist. Und in den ersten Untersuchungen wurde halt schon gezeigt, dass es
25:57
Und eben genau das passiert. Es erleichtert die Diagnosevergabe und es wurde halt eben auch Zeit gespart und es gab eine höhere diagnostische Konsistenz. Was bedeutet, dass sozusagen die Diagnose sauberer vergeben worden konnte und andere eben auch zum gleichen Punkt, zur gleichen Diagnose kamen beim gleichen Fall. Also das ist die diagnostische Konsistenz.
26:20
Kommen wir mal zu den Nachteilen. Gleich mal angeschlossen zu dem letzten Punkt, den ich gerade bei den Vorteilen habe, dass ich mich schon echt frage, oder wo ich halt manchmal das Gefühl habe, warum muss denn ein Abhängigkeitssyndrom…
26:31
so schnell diagnostiziert werden können? Warum darf das denn nicht eine aufwendige Diagnose sein? Just saying. Ich finde, das ist eine sehr, sehr komplexe Erkrankung und ich finde nicht, dass diese drei Diagnose-Kriterien, dass sie das so gut abdecken. Diese Komplexität dieser Erkrankung. Das ist so ein bisschen meine eigene Meinung. Da muss ich, glaube ich, nochmal tiefer reingehen. Aber
26:54
Ich kann sozusagen das Erstreben von einer schnelleren und einfachen Diagnose bei so einer komplexen Erkrankung, kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Also das nur mal gleich so als kleiner Einstieg so am Rande.
27:07
Aber kommen wir vielleicht mal zu einem viel größeren Ding. Ich habe euch ja am Anfang erzählt über die DSM-5, über die amerikanische Diagnose, Art und Weise. Und ihr wisst ja auch, dass ich oft nicht Abhängigkeitssyndrom sage, sondern Substanzgebrauchsstörung. Substanzgebrauchsstörung ist ein Wort, das kommt aus der DSM-5 und das nutze ich im Prinzip deswegen, weil die DSM-5 die Diagnose deutlich anders macht. Und zwar ist…
27:29
Früher in der DSM-IV, also in dem Diagnosemanual davor, war das eben auch so, dass es eben diese Unterschiede zwischen Missbrauch und Abhängigkeit gab. Und dann wurde eben die Substanzgebrauchsstörung in der DSM-V
27:41
Und da gibt es jetzt elf Kriterien. Und je nachdem, wie viele man erfüllt, umso intensiver wird die Abhängigkeitserkrankung bewertet. Das heißt, wir haben ein Kontinuum. Und ich finde, das trifft das Ganze so viel besser. Menschen sind auch definitiv unterschiedlich stark abhängig. Die Substanzgebrauchsstörung ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Und ich finde, ein dichotomes System, also ein schädlicher Konsum oder Abhängigkeit, das bildet es einfach nicht ab.
28:10
Das bildet es einfach nicht ab und ich weiß jetzt nicht die Einzige bin, die darüber enttäuscht ist, weil ganz viele dachten, wir in der ICD-11 nehmen uns ein Beispiel an der DSM-5 und gehen auf so ein Kontinuum über. Was ist das alles für möglich?
28:22
Möglichkeiten geben. Das wagt euch gar nicht zu glauben. Ich denke mir halt immer so, wenn wir leicht mittelschweres Substanzgebrauchsstörungen haben, dann haben wir so gute Argumentationsgrundlagen auch, um verschiedene Behandlungsansätze vorzuschlagen. Zu sagen, hey, vielleicht kann man bei einer leichten Substanzgebrauchsstörung dann mit einem akzeptanzorientierten Modell handeln und bei einer schweren Abhängigkeit geht man eher in die Abstinenz und bei einer mittleren
28:46
guckt man mal. Oder so, jetzt halt nur als grobes Beispiel. Aber wir bleiben halt bei dem alten Schuh, bei den alten Unterscheidungen und das macht es halt einfach schwer. Kommen wir mal zu den Doppelkriterien. Ich habe ja schon, als ich euch die Kriterien vorgestellt habe, darauf hingewiesen, dass
29:04
dass das Und-Oder-Formulierungen sind. Das heißt, in Zukunft reicht es aus, wenn man eine Toleranzentwicklung hat und einen Kontrollverlust. Ja, und dann kann man Abhängigkeitssyndrom diagnostiziert bekommen. Finde ich echt wenig. Vor allem, weil eine Toleranzentwicklung, und da sind wir wieder bei den Substanzen, ja sich extremst unterschiedlich ist. Da kommen wir
29:28
kommen wir auch wieder ein bisschen zu was, was mich echt ein bisschen nervt, weil die Toleranzentwicklung, das saying, bei verschiedenen Halluzinogenen, LSD, Psilocyben, Pilzen, ist die Toleranzentwicklung ein Schutzfaktor, um eigentlich ein Abhängigkeitssyndrom zu entwickeln. Also das widerspricht sich eigentlich. Wen das näher interessiert, kann gerne die Folgen zu LSD und Psilocyben, Pilzen anhören. Da haben wir genau darüber
29:50
darüber gesprochen. Müsst ihr euch mal überlegen. Man kann ja weiter über Halluzinogenen Abhängigkeitssyndrom entwickeln. Man braucht zwei Kriterien erfüllt. Eins davon ist Toleranzentwicklung. Das kann
30:01
kann man relativ schnell, im Prinzip hat man ja nach dem ersten LSD rauschende Toleranzentwicklung, weil man nicht gleich am nächsten Tag wieder genau das gleiche konsumieren kann. Das heißt, eins von zwei Kriterien sind nach dem ersten LSD-Konsum erfüllt. Hm, naja, da kann man natürlich noch argumentieren, gibt dir noch das zweite, der Kontrollverlust meinetwegen. Trotz allem finde ich das wild und sehr undifferenziert, muss ich sagen. Und da kommen
30:24
wir wirklich wieder zu dem, was ich vorher gesagt habe. Unsere Suchthilfe orientiert sich wirklich stark am Alkohol oder an der Idee von Alkohol und an all die Arbeit, in die man in den Alkoholkonsum stecken muss, bis man eine Toleranz hat und die natürlich auch Entzugserscheinungen hinter sich herzieht. Aber ich finde, das ist mal wieder so ein nettes Beispiel von der Selbstverständnis, wie illegalisierte Substanzen alle irgendwie über einen Tisch
30:47
grob eingeschätzt wird. Weiß nicht, ob ich da vielleicht jemanden mit Unrecht tue, aber ich finde es schon ein bisschen heftig. Kommen wir zum dritten Item, zur dritten Kategorie. Also, wo wir schon hatten, das gehört natürlich auch zu den Nachteilen oder dass es absolut willkürlich rüberkommt, dass diese zwei Punkte zusammengelegt wurden.
31:07
Die neue Formulierung wurde so ein bisschen geändert zu ICD-10. In der ICD-11 heißt es jetzt konsumbedingte Probleme. Bei der ICD-10 hieß es Nachweis eindeutiger schädlicher Folgen. Und das ist echt super kritisch zu betrachten, weil bei konsumbedingten Problemen eigentlich eigentlich
31:25
alle Probleme auch mit reinzählen können, die halt eben aufgrund von der Prohibition entstehen. Ein Führerscheinverlust, weil ich drei Tage vorher Cannabis geraucht habe, da würde ich im Prinzip in die Kategorie reinfallen. Aber bloß, weil ich drei Tage vorher Cannabis geraucht habe, heißt
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es ja noch nicht, wenn ich dann nach drei Tagen ins Auto steige, dass ich irgendwie nicht verantwortungsvoll handel. Versteht ihr, was ich meine? Also das ist ja, die Person hat extra eine Pause gemacht zwischen Konsum und Autofahren, ist dann ins Auto gestiegen und aufgrund der Prohibition, wir wissen alle, wie es ist, hat sie jetzt sozusagen ein Diagnose-Kriterium erfüllt.
32:00
Spinnen wir mal, ich weiß nicht, ob ich das hinkriege, das Beispiel mit dem LSD weiter. Wir haben eine sofortige Toleranzentwicklung bei LSD und vielleicht wurde auch noch LSD auf deinem Beifahrersitz gefunden, ohne dass du konsumiert hast. Ist ja auch ein Problem aufgrund deines Konsums, sonst hättest du kein LSD dabei, zack Probleme mit dem Recht, zack Abhängigkeitsdiagnose.
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Also ja, es sind natürlich jetzt Szenarien, aber es ist schon ein bisschen absurd. Und darum geht es mir auch so ein bisschen, das klarzustellen, dass die Szenarien wahrscheinlich nicht unbedingt vorkommen, ist auf einer Sache. Aber ich möchte einfach auch mal, dass diese Kriterien mal ordentlich durchdacht werden in den Substanzen, die man auch alle auflistet. Also nicht, dass ich einfach so eine Liste aufführe, sondern dass ich wirklich jede Substanz durchspiele, mir gucke, wie die funktioniert und sie mit diesen Kriterien abgleiche.
32:48
Kommen wir vielleicht noch ganz kurz zum letzten Punkt. Und zwar geht es darum, dass in mehreren Studien, und jetzt wird es richtig wichtig, Leute, in mehreren Studien eine Schwellensenkung angezeigt wird. Was bedeutet Schwellensenkung? Es wurde gezeigt in mehreren Studien, dass 10% häufiger eine Alkoholabhängigkeit mit der ICD-11 diagnostiziert wird. Das heißt, die Kriterien sind sensibler. Denkt dran, und oder Formulierung kann zum Beispiel dafür kommen. Und jetzt kommt es.
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Eine andere Studie hat gezeigt, dass bei Jugendlichen die Cannabisabhängigkeit etwa
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50% häufiger diagnostiziert wird. 50%! Fairerweise muss man sagen, dass es andere Studien gibt, das wird ja immer so getestet, wo das eben nicht so der Fall war. Aber allein, dass es solche Studien gibt, die sowas anzeigen, finde ich krass. Und was bedeutet das für Deutschland? Gehen wir mal davon aus, sind wir einfach mal optimistisch, dass die Cannabis-Legalisierung durchgeht. Die Cannabis-Legalisierung geht gleichzeitig durch mit der ECD11. So, das heißt, an sich könnten
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Menschen, die eher der Prohibition nahestehen, neue Forschung machen, weil zum Beispiel die Cannabis-Abhängigkeit-Diagnosen hochgehen, weil die ECD11 sensibler ist als die ECD10, es dafür nutzen zu sagen, hey, das liegt an der Cannabis-Legalisierung. Und im Prinzip sind nur Diagnosen
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die Studien wirklich aussagekräftig, die auch, obwohl die ICD-11 schon in Kraft gesetzt wurde, weiterhin mit der ICD-10 diagnostizieren, wenn es darum geht, die Cannabis-Legalisierung zu bewerten, anzugucken. Weil sonst haben wir da eine Scheinkorrelation. Wenn die ICD-11 mit der Cannabis-Legalisierung einhergeht, dann ist die Wahrscheinlichkeit extremst hoch, dass wir mehr Cannabis-Abhängigkeit diagnostiziert bekommen haben. Aber das hat nichts mit der Cannabis-Legalisierung zu tun, sondern mit unserer neuen Diagnosemethode. Musik
34:33
Wow, ich wusste gar nicht, dass mich das so sauer macht, muss ich ganz ehrlich sagen. Aber es macht mich schon ziemlich sauer. Ich war so enttäuscht. Ich war so enttäuscht, als ich mitbekommen habe, dass so entschieden wird. Also außer, dass es viel mehr Differenzierung in den Substanzen gibt, was ich so wichtig finde, kam bei mir bis jetzt nicht so viel Gutes bei raus in meiner Bewertung. Aber wichtig. Sonst war es immer so, dass zum Beispiel bei der ECD 10, die kommt raus und wir haben den Kladderer Dutch eh nicht mehr.
35:01
Ewigkeiten am Arsch. Aber die ECD 11, da ist jetzt halt ein bisschen was Neues. Und zwar gibt es eine Falschmacht.
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Frozen-Version, also eine endgültige Version, aber gleichzeitig eine offene Version, eine Maintenance-Platform. Und in dieser Maintenance-Platform, in der offenen Version, können dann sozusagen Verbesserungsvorschläge eingetragen werden, beziehungsweise Anmerkungen eingetragen werden. Und die werden dann immer mal wieder angeschaut und dann in die Frozen-Version übertragen. Und das finde ich super. Das heißt zum Beispiel, dass wir dann nicht Ewigkeiten mit den gleichen Diagnosen-Sachen
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festkleben in dem Sinne, sondern dass vielleicht da noch Änderungen kommen. Und vielleicht auch noch wichtig zu sagen, die ganz offizielle Version zu der Abhängigkeitsdiagnose ist noch nicht draußen. Das heißt, ich habe mit den Sachen gearbeitet, die bis jetzt veröffentlicht worden sind. Aber auch da kann sich eventuell noch mal was ändern. Ich glaube, also ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass es jetzt tatsächlich nach der DSM 5 orientiert und komplett anders wird. Aber es kann sich tatsächlich noch ein bisschen ändern. Und ja,
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Schauen wir einfach mal. Dann gibt es vielleicht nochmal eine Update-Folge. Aber soweit erstmal bis hierhin. Ich hoffe, euch hat die Folge gefallen. Erzählt gerne euren Freunden, euren Freundinnen von meinem Podcast, wenn ihr ihn cool findet. Wenn ihr findet, es sollten noch mehr Leute hören. Folgt mir gerne oder bewertet gerne meinen Podcast, wenn ihr möchtet. Und dann hören wir uns sehr bald wieder. Ich freue mich drauf. Es gibt auch ein cooles nächstes Thema, auch sehr gewünscht. Und bis dann. Tschüssi.
36:38
Das war psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Stefanie Bötsch.
