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Das Suchtgedächtnis – existiert es überhaupt?

Das sogenannte Suchtgedächtnis wird häufig herangezogen, um zu erklären, warum frühere Konsummuster auch nach längerer Abstinenz wieder aktiviert werden können. Gemeint ist dabei jedoch kein einzelner, klar abgegrenzter Gedächtnisspeicher. Unter dem Begriff werden unterschiedliche Prozesse zusammengefasst, etwa konditionierte Reaktionen auf Konsumreize, Sensitivierung des Belohnungssystems, automatisierte Verhaltensabläufe oder neurobiologische Anpassungen. Genau diese Vielfalt macht den Begriff problematisch, weil sehr unterschiedliche Modelle unter derselben Bezeichnung verwendet werden.

Die Folge nimmt diese Erklärungsansätze auseinander und fragt, wie belastbar das Konzept wissenschaftlich tatsächlich ist. Thematisiert werden Cue-Reactivity, Sensitivierung, Dual-Process-Modelle, klassische und operante Konditionierung sowie Veränderungen im GABA- und Glutamatsystem. Gleichzeitig wird kritisch geprüft, warum das Suchtgedächtnis in der Behandlung häufig als Begründung für dauerhafte Abstinenz verwendet wird, obwohl die zugrunde liegenden Modelle weder einheitlich definiert noch vollständig belegt sind. Deutlich wird: Erlernte Konsummuster, Trigger und automatisierte Reaktionen sind gut erklärbare Phänomene, das „Suchtgedächtnis“ selbst ist jedoch eher ein Sammelbegriff als ein eindeutig nachgewiesener neurobiologischer Mechanismus.


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Das Suchtgedächtnis – existiert es überhaupt?

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PODCAST-METADATEN

Folge: 36
Erscheinungsdatum: 16.12.2021
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Das Suchtgedächtnis – existiert es überhaupt?
Sprecher: Stefanie Bötsch

Typ: Transkript

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Transkript Beginn

00:12

Psychoaktiv. Euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Steffi. Zieht’s euch rein.

00:24

Hallo und herzlich willkommen bei unserer letzten Psychoaktiv-Folge für dieses Jahr. Ich kann es nicht glauben, das Jahr ist einfach wieder schon wieder zu Ende. Wo ist die Zeit hin? Meine Fresse. Und ich werde mich nach dieser Folge in die Winterpause verschieben und wir machen weiter mit dem Podcast so Mitte, Ende Januar. Ich weiß leider das Datum noch nicht so genau. Ich weiß leider, dass ich nicht so genau weiß,

00:47

Folgt mir einfach auf Instagram unter psychoaktiv.podcast, da werde ich das auf jeden Fall wieder announcen. Grund dafür, warum ich mir da noch nicht so sicher bin, ist, dass ich meine Prüfung schreibe zur Suchttherapeutin Ende Januar und ich einfach mal ein bisschen gucken muss, wie gut das läuft mit dem Lernen und so. Und je nachdem werde ich auch sehen, ob ich Zeit habe, euch mit mehr richtig coolen, geilen Podcast-Folgen zu beglücken. Ja, oder halt auch erst später.

01:14

Ja, aber ich möchte mich auf jeden Fall erstmal an diesem Punkt so mega, mega bei meinen Hörerinnen und Hörern bedanken für dieses geile Podcast. Ja, ich war, ich habe einfach so viel geschafft dieses Jahr. Es waren so coole Themen, so tolle Gäste am Start. Ich habe krank viel gelernt. Ich hatte so viele liebe Rückmeldungen auf Instagram, aber auch per E-Mail und so spannende Unterhaltungen. Und ja,

01:40

Ohne euch, ohne euch, meine lieben Hörer und Hörerinnen, würde mir das Podcast wahrscheinlich nicht so viel Spaß machen, wie es nun mal tut. Und deswegen danke an alle und ja, ich freue mich auf nächstes Jahr und auf all die Themen, die rauskommen werden. Bin mir noch nicht so ganz sicher, welche das sind, aber wird auf jeden Fall Neues.

01:59

Ja, und für heute habe ich ein total spannendes Thema mitgebracht. Eigentlich wollte ich heute in dem Podcast für mich eine Wissenslücke schließen, und zwar über das Suchtgedächtnis. Das Suchtgedächtnis ist ein Begriff, der mir wirklich schon seit ich mich mit dem Thema Abhängigkeitserkrankungen beschäftige, dauernd über den Weg läuft. Sei es in der stationären Klinik, in der ich gearbeitet habe, sei es in den Theorien,

02:25

Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe nie richtig kapiert, was das Suchtgedächtnis eigentlich genau sein soll. Und ja, irgendwie wurde mir das auch immer anders erklärt.

02:36

Es war einfach immer mega schwammig und dann hatte ich das auch noch mal in der Suchttherapeutinnen-Ausbildung und muss das in den Wiederholungsfragen beantworten. Ich muss echt sagen, ich habe mit meiner Antwort nicht wirklich abgesahnt, die war gar nicht mal so gut. Und ich habe es auch da schon irgendwie nicht so ganz geschafft, das ordentlich zu recherchieren. Und

02:55

Und ich habe mich ja nichts groß dabei gedacht und dachte mir, naja, lerne ich irgendwann, wenn ich Zeit habe und ich setze mich da ein bisschen mehr mit auseinander. Und weil ich weiß, dass auch hinsichtlich meiner Prüfungen, die ich schreiben muss in der Suchttherapie, ich

03:08

Ich mich nochmal mit dem Thema beschäftigen muss, dachte, ich mache einfach eine Podcast-Folge draus, weil da habe ich immer die größte Motivation, mich mit Themen zu beschäftigen. Ja, Leute, was soll ich euch sagen? Ich war in so einem heftigen Recherchestrudel die letzten zwei, drei Wochen drin. Ich dachte, irgendwann mir platzt der Kopf. Ich hatte auch irgendwann auch nur noch Kopfschmerzen.

03:28

sich, ja, das Konstrukt des Suchtgedächtnisses in der Recherche meiner Meinung nach als richtiger Wissenschaftskrimi empuppt hat. So nehme ich das auf jeden Fall wahr und ich glaube, deswegen war ich auch so in meinem Tunnel und habe mich so in dieses Thema reingefressen.

03:43

Ja, weil ich es irgendwie nicht so ganz fassen konnte und nicht so ganz greifen konnte und mich auch so ein bisschen verarscht gefühlt habe. Warum das so ist, werde ich dann aber am Ende dieser Folge nochmal sagen. Da werde ich eben meine Kritikpunkte zum Suchtgedächtnis, zum Konstrukt des Suchtgedächtnisses anbringen. Ich will jetzt erst mal nicht so viel vorwegnehmen.

04:05

Und möchte euch erstmal die verschiedenen Erklärungen, da haben wir es nämlich auch schon, die verschiedenen Erklärungen oder Konstrukte oder Modelle zum Suchtgedächtnis erklären. Und dann werden wir mal drauf gucken, warum ich das so mega kritisch finde. Ja, und warum es mir auch echt ein bisschen hart auf die Eier geht, dass das so groß ist in der aktuellen Debatte, beziehungsweise so ein fester Begriff ist.

04:29

Was? Ja, egal. Wie gesagt, ich will es nicht vorwegnehmen. Wir starten jetzt erstmal in die Theorie. Und ja, dann schauen wir am Ende weiter und dann werde ich all meine Gedanken dazu loswerden, was ich an dem Konstrukt kritisiere. Starten wir los! Musik

04:47

Beim Suchtgedächtnis, wenn eben von einem Suchtgedächtnis gesprochen wird, wird im Allgemeinen immer davon geredet, warum Menschen nicht wieder konsumieren können. Das heißt, warum eine Abstinenz unbedingt notwendig ist und warum es nicht mehr so einfach ist,

05:00

um eben einen Behandlungserfolg zu behalten oder dass die Menschen nicht mehr rückfällig werden, weil es eben besagt, naja, aufgrund des Suchtgedächtnisses, wenn man einmal konsumiert, konsumiert man immer weiter und man fällt eben wieder in alte Muster rein und deswegen muss der Konsum wegbleiben. Im Prinzip ist mit dem Suchtgedächtnis genau das erklärt.

05:19

Es war gar nicht so einfach, all das Recherchierte in eine logische Reihenfolge zu bekommen und all die Konstrukte, die das Suchtgedächtnis sein könnten, da sind wir schon wieder, ja, für euch in eine logische Reihenfolge zu bekommen, dass das leicht so nachvollziehbar zu ist. Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben. Ich hoffe, ihr kommt mit und könnt einigermaßen den roten Faden behalten.

05:40

Starten wir mal damit, dass es einen Ansatz gibt, das ein Drogengedächtnis von einem Suchtgedächtnis unterscheidet. Das Drogengedächtnis findet sich im dopaminergen mesolimbischen System, also im Belohnungszentrum. Und dabei wird davon ausgegangen, dass man schon bei einem einmaligen Konsum einer psychoaktiven Substanz

06:00

eine gewisse Gedächtnisbildung stattfindet. Dass man sich sozusagen merkt, was für eine Wirkung von dieser Substanz zu erwarten ist. Das nennt man dann einen Sensitivierungsprozess. Und durch diesen Sensitivierungsprozess ist die Wirkung der Substanz beim nächsten Mal anders als beim ersten Mal. Weil man im Prinzip schon weiß, was für eine Wirkung auf einen zukommt. Diese Aussage bezieht sich auf ein Tierexperiment mit Ratten.

06:29

Und bei dem war es im Prinzip so, man hat den Ratten einmal Amphetamin gespritzt, hatte dann eine kleinere Pause dazwischen und hat ihn ein zweites Mal Amphetamin gespritzt. Und dann hat man gesehen, obwohl es die gleiche Dosis ist, dass beim zweiten Mal Amphetamin spritzen die Ratten deutlich aktiver waren,

06:47

als beim ersten Mal, obwohl man hier die gleiche Dosis hatte. Und man geht eben davon aus, dass dadurch, dass man weiß, was für eine Wirkung zu erwarten ist, und zwar so eine aktivierende Wirkung, wie das bei Amphetamin ist, ja sozusagen der Effekt von den Ratten besser abgeschöpft werden konnte. Man ist sozusagen erfahrener in einem Rausch geworden. Das ist ein bisschen schwer in Worte zu fassen, aber ich glaube, das trifft es im Prinzip ganz gut.

07:12

Bei dem gleichen Experiment, was ich auch sehr spannend finde, wurde auch gezeigt, dass es eine Crossover-Sensitivierung gegeben hat und zwar auf Kokain. Das heißt, der gleiche Effekt konnte man feststellen, als den Ratten dann Kokain gespritzt worden ist und sie da auch eben mit einer erhöhten Reaktion reagiert haben.

07:32

Das Drogengedächtnis wird allerdings nicht mit der Abhängigkeit in Verbindung gebracht. Man sagt, okay, das Drogengedächtnis hat man in einer Zeit, wo man seinen Konsum noch kontrollieren kann, wo man ja im Prinzip einen gewissen Genuss dem Konsum hinterlegt und ja eben unregelmäßig und ab und zu macht und es noch nicht so eine Verengung auf die Substanz gibt, wie es das zum Beispiel bei einer Abhängigkeitserkrankung gibt.

07:58

Außerdem wird dem Drogengedächtnis eine Löschbarkeit unterstellt. Ja, warum das genauso ist, habe ich tatsächlich keine Quelle dazu gefunden. Warum denn jetzt das Drogengedächtnis, der in ihrer Meinung löschbar ist, da steht einfach nur dabei, dass es löschbar sei. Lassen wir das einfach mal so stehen. Bewertungen kommen am Ende.

08:21

Und abzugrenzen vom Drogengedächtnis ist dann das sogenannte Suchtgedächtnis. Und dem Suchtgedächtnis wird erstmal als Hauptmerkmal, also vor allem auf der Handlungsebene, unterlegt, dass man eben diesen Kontrollverlust hat, dass man die Einnahme nicht mehr kontrollieren kann von den Substanzen. Das hatten wir ja gerade beim Drogengedächtnis, das ist jetzt okay, man kann das alles noch gut kontrollieren. Und im Suchtgedächtnis wird als Hauptmerkmal in diesem Konzept eben dieser Kontrollverlust unterlegt.

08:48

Was aber genau das Suchtgedächtnis ist, dafür gibt es verschiedene Modelle und verschiedene Annahmen. Wir fangen vielleicht einfach mal mit dem an, was ich in der Uni gelernt habe, beziehungsweise in der FH gelernt habe. Und zwar geht es darum, dass es sozusagen ein Ungleichgewicht zwischen Glutamat und GABA gibt. Das funktioniert im Prinzip so, dass wenn eine Person über längere Zeit Alkohol konsumiert, es einen Überschuss von GABA hat. Also dass sozusagen der GABA-Aspekt sehr hoch

09:16

Ja, überaktiviert ist. Und man muss sich das im Prinzip vorstellen, dass in unserem Körper immer ein Gleichgewicht bestehen muss. Und hier in dem Sinne auch zwischen GABA und Glutamat. So, jetzt stellt ihr euch das vor, man trinkt sehr viel Alkohol, es gibt einen GABA-Überschuss, GABA-Aktivierung und das Glutamat reguliert sich nach.

09:35

Und wie sich das Glutamat nachreguliert, ist je nach Quelle, ist das so ein bisschen anders beschrieben. Und zwar geht eben Glutamat an sogenannte NMDA-Rezeptoren. Und auf der einen Seite wird gesagt, okay, es vermehren sich diese Rezeptoren. Also es gibt einfach mehr Rezeptoren, sodass mehr Glutamat andocken kann. Und auf der anderen Seite wird halt auch gesagt, dass diese NMDA-Rezeptoren

09:59

sensibler sind und deswegen sozusagen schneller Glutamat andocken kann und somit zu einer Wirkung, zu einer Nachricht sorgen kann für den Körper. Wenn ihr euch daran erinnert, das hatten wir in einer der ersten Folgen, wie Drogen im Gehirn wirken, ist es ja im Prinzip so, dass Neurotransmitter, wie es Glutamat und GABA ist, immer an Rezeptoren andocken, um unserem Körper eine Nachricht zu geben. Während GABA dafür da ist, dass es eher unseren Körper entspannt, ist Glutamat für die Aktivierung zuständig und im Prinzip beinhaltet

10:28

Stoßen wir GABA aus, es geht an die Rezeptoren und sagt, jo Körper entspannen oder wir stoßen Glutamat aus, es geht an die Rezeptoren und sagt im Prinzip, jo Körperaktivierung. Um es jetzt mal sehr vereinfacht anzuführen. Und im Prinzip, um dieses Gleichgewicht herzustellen, wenn unser Körper immer in einem Gleichgewicht sein muss, wird dann in unserem Körper etwas nachreguliert. Aufmerksamkeit.

10:48

Aufgrund dieser Nachregulation kommt es eben dann dazu, dass es erneut zu einem Ungleichgewicht in unserem Körper kommt, wenn wir dann aufhören, Alkohol zu konsumieren. Denn dann haben wir im Prinzip diesen GABA-Überschuss nicht mehr und dann haben wir plötzlich einen ziemlichen Glutamat-Überschuss, weil sich unser Körper ja umgebaut hat, damit es eben mit der Situation umgehen kann. Und ja, jetzt ist der Alkohol weg, Glutamat weg.

11:11

ballert richtig durch. Und das ist zum Beispiel auch der Grund, warum es Delire gibt. Also beim Alkoholentzug redet man ja auch manchmal von einem Delir-

11:20

Also fast wie so eine wahnhafte Entzugssymptomatik und die kommt eben auch durch diesen Glutamatüberschuss. So, wie ihr sicher an der Beschreibung gemerkt habt, habe ich nur von Alkohol geredet. An was liegt das? Ich habe einfach keine anderen Quellen gefunden, die das Suchtgedächtnis zu anderen Substanzen nach dem System erklären. Das ist sehr alkoholspezifisch, lese ich in verschiedener Literatur, dass das eben bei Alkohol so der Fall ist, aber zu anderen Substanzen nicht. Und ich lese es auch so und

11:48

Und es wird als Suchtgedächtnis deklariert. Das ist, finde ich, ganz wichtig, weil in dieser Folge geht es ja ums Suchtgedächtnis.

11:54

Aber gute Nachricht, das reguliert sich wieder runter. Das heißt, man hat dann erst dieses Ungleichgewicht zwischen Glutamat und GABA und umso länger man abstinent ist, reguliert sich dieses Ungleichgewicht wieder und findet wieder seine Balance auch im nüchternen Status. Wo wir dann auch wieder ein bisschen das Problem haben, das Suchtgedächtnis muss ja unlöschbar sein. Das funktioniert mit diesem Ansatz und mit diesem Konzept nicht, weil sich das Gehirn ja in dem Sinne wieder nachreguliert.

12:24

Einen sehr wichtigen Aspekt fand ich noch beim Drogengedächtnis und Suchtgedächtnis, also bei der Unterscheidung. Da gibt es nämlich auch ein Tierexperiment bei Ratten und da wurde eben durch elektrische Reizung einmal der Hippocampus gereizt und einmal das Dopaminerge vor der Hirnbindel, also das Belohnungssystem durchgeführt.

12:41

Und man hat daran gesehen, dass durch eine elektrische Reizung am Hippocampus es zu einem Rückfall kam, während durch eine Stimulation des Dopaminergen-Systems es zu keinem Rückfall kam. Und das finde ich einen sehr spannenden Aspekt, wenn man überlegt, dass andere Modelle, die sich ums Suchtgedächtnis drehen, ja sehr unbegrenzt,

13:04

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13:25

Wenn man sich mehr mit dem Suchtgedächtnis beschäftigt, kommen neben der Glutamat-Gabber-Erklärung, die ich euch gerade geliefert habe, noch drei Modelle zu Wort, die ich ehrlich gesagt sehr, beziehungsweise die in etwa das gleiche aussagen.

13:42

Aber alle Fans, die andere Namen haben. Ich werde trotzdem jetzt auch nochmal ganz kurz auf diese drei Modelle eingehen, einfach, dass ihr sie mal gehört habt und weil sie auch ein bisschen einen anderen Ansatz haben, auf den wir gleich auch nochmal ein bisschen näher eingehen können, und zwar das Konditionieren.

13:58

Hier gibt es einmal das Modell der Q-Reactivity als klassisch konditionierte Reaktion. Die Q-Reactivity beschreibt im Prinzip eine klassische Konditionierung und besagt, dass man immer dann Suchthunger, Suchtdruck bekommt, weil man sich das auf verschiedene Schlüsselreize hinkonditioniert hat. Das bedeutet sozusagen, dass ich einen neutralen Reiz mit Konditionierung

14:22

meinem Konsum in Verbindung bringe und deswegen an den Konsum erinnert werde und dadurch eben ganz tolle Lust auf meinen Konsum bekomme, so als, ja, machen wir es am besten mit einem Beispiel, das ist immer am leichtesten, stellen wir uns vor, ich habe immer konsumiert auf einer Parkbank.

14:40

Und jetzt immer, wenn ich eine Parkbank sehe, werde ich an meinen Konsum erinnert und bekomme Suchtdruck, auch wenn ich schon sehr lange abstinent bin. Das ist einfach damit so fest verbunden, dass mein Körper dann immer diese Reaktion rausspuckt. Oder man kann das auch auf eine emotionale Schiene machen und man sagt, okay, immer wenn ich traurig bin, habe ich Alkohol konsumiert. Ich bleibe jetzt mal beim Alkohol.

15:09

Und jetzt bin ich abstinent, aber ich bin natürlich trotzdem noch ab und zu mal traurig. Und dann immer, wenn ich traurig bin, ist sozusagen mein Suchtdruck, mein Suchtverlangen viel, viel größer als normal.

15:22

Dieser Ansatz wurde durch Messungen der Amplitudenausschläge von kognitiven Wellen untermauert. Und im Prinzip kann man sich dieses Forschungsdesign so vorstellen, man hat eine Kontrollgruppe ohne Abhängigkeitserkrankungen und man hatte Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit. Und dann hat man den Bilder gezeigt von total neutralen Sachen und eben von Alkoholstimuli, von Alkoholreizen. Und man hat gesehen, dass die Kontrollgruppe ohne die Abhängigkeitserkrankung

15:48

die gleichen Ausschlagungen hatte, egal ob man denen jetzt Alkohol gezeigt hat oder ob man denen einen Kreis gezeigt hat, jetzt als Beispiel. Also das war einfach im Prinzip komplett die gleiche Reaktion. Und bei den Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung, die zu dem Zeitpunkt dieses, ja,

16:05

dieser Forschung schon eine Zeit lang nüchtern waren. Bei denen war es eben so, dass sie bei den ganzen alkoholbezogenen Bildern ziemlich ausgeschlagen sind, also eine höhere Reaktion hatte in den kognitiven Wellen als bei diesen ganzen neutralen Bildern.

16:26

Dann gibt es noch das Modell der subkortikalen Sensitivierung. Dieses Modell sagt im Prinzip aus, dass das Belohnungssystem hypersensitiviert ist auf eine Substanz. Und diese Hypersensitivierung ist kontextspezifisch. Das bedeutet sozusagen, wenn ich in eine Konsumsituation laufe, in der ich früher immer konsumiert habe, ballert mein Belohnungssystem durch, weil es eben eine heftige Konsumerwartung hat. Das heißt, ich habe immer in einem Techno-Club gesessen,

16:53

konsumiert und dann gehe ich in den Techno-Club und habe mega Druck, weil ich jetzt sozusagen erwarte, dass jetzt konsumiert wird und dann wird sozusagen schon extra Dopamin ausgeschüttet und mein Belohnungssystem ist richtig schön aktiv, weil es sagt, oh ja geil, jetzt gibt es Substanzen. Und umso unähnlicher die Situation ist, umso weniger reagiert es. Also bleiben wir mal bei dem Techno-Club Beispiel, die gleiche Person geht

17:19

zu einer 90er-Jahre-Party, wo sie früher nie hingegangen ist. Ähnliche Situation, weil vielleicht nachts rausgegangen, feiern und so, aber halt von den Stimuli ein bisschen weniger, weil es eine andere Musik ist, eine andere Crowd vielleicht.

17:36

allgemein da nicht so viel Substanzen konsumiert werden und dann wird das Belohnungssystem ein bisschen weniger aktiviert sein, aber immer noch aktiviert. Und dann geht die gleiche Person vielleicht auch noch auf eine Feier von der Oma, die wird gerade 90, ist auch irgendwie eine Festlichkeit, wo getanzt wird, aber halt alles so 90er Jahre Geburtstag-Style, erinnert sehr wenig, vielleicht macht das Belohnungssystem in dem Punkt auch ein bisschen Faxen, möchte auch irgendwie so konsumieren, hat das irgendwie so auf Peilung gesetzt,

18:03

aber halt nicht so extrem. Und als letztes Modell haben wir noch das Dual-Process-Modell und im Prinzip sagt das Dual-Process-Modell, dass der Konsum, also der Substanzkonsum so internalisiert ist,

18:21

dass der automatisch funktioniert. Das bedeutet im Prinzip, dass es so automatisch ist, vielleicht wenn langjährige Autofahrer, Autofahrerinnen unter uns sind, wie das Autofahren. Wenn ich jetzt im Auto sitze, ich mache mir keine tiefen Gedanken mehr darüber, wo jetzt das Gas, wo die Bremse ist, wie ich fahre, blinken, dies, das. Das funktioniert alles recht automatisch. Und es ist ein sehr…

18:42

Und das sind im Prinzip sehr schnelle, wenig variable und schwer zu unterdrückende Prozesse. Das merkt man vielleicht, wenn man dann in einer ähnlichen Situation ist. Man fährt das erste Mal Automatikauto, ist alles wie im Auto. Und ja, da ist es fast ein bisschen schwer, so auch in diesen Prozess einzusteigen, weil dann möchte ich gerne meine automatischen Prozesse durchführen.

19:01

die ich vom normalen Autofahren kenne und dann sitze ich im Automatik und möchte die vielleicht auch machen und zapp voll auf die Bremse, weil ich denke, das sei die Kupplung. Und das ist aber so internalisiert, mein Verhalten, dass es wie automatisch funktioniert. Und im Prinzip besagt die Dual Process Theorie, dass der Substanzkonsum eben dieses automatisierte Verhalten ist. Das nennt man dann Automatic Processing.

19:25

Und da gegenüber und deswegen Dual Process steht eben die Abstinenz, weil es in der Abstinenz in dem Nichtkonsum, das ist dann nicht mehr selbstverständlich und es braucht eben eine bewusste Informationsverarbeitung und eine bewusste Handlungsregulation, damit es eben auch klappt, abstinent zu bleiben. Das nennt man dann eben Control Processing.

19:48

Das waren im Prinzip verschiedene Modelle und Konzepte, die mit dem Suchtgedächtnis in Verbindung gebracht werden, wenn es sozusagen auch um die neurobiologische Komponente geht. Ein weiterer Aspekt des Suchtgedächtnisses, was man auch sehr oft hört, ist eben ein erlerntes Verhalten, also dass man wirklich ein stark erlerntes Verhalten hat durch klassische und operante Konditionierung, das sich in der Suchtgedächtnis-Komponente vermittelt.

20:11

im biografischen Langzeitgedächtnis ablegen. Das nennt man auch das episodische Gedächtnis. Die klassische Konditionierung hatten wir schon in den anderen Modellen im Prinzip, dass man

20:23

verschiedene eigentlich neutrale Reize mit dem Konsum verbindet. Sei es zum Beispiel die Parkbank, aber sei es auch die Trauer, die erstmal nicht direkt mit dem Konsum verbunden ist. Aber dadurch, dass ich immer, wenn ich traurig war, konsumiert habe, bin ich immer, wenn ich traurig bin, sofort an den Konsum auch erinnert. Dann haben wir noch als weiteres die operande Konditionierung, die eben dafür sorgt, dass man verhandelt,

20:45

Verhalten immer dann wiederholt, wenn das Verhalten positiv verstärkt wird oder eine negative Konsequenz wegfällt. Und auch das haben wir bei einem Substanzkonsum in vielen verschiedenen Facetten.

20:57

Klassisches Beispiel zum Beispiel, jemand hat Angst vor anderen Menschen zu sprechen, deswegen trinkt er vorher ein bisschen Alkohol, vielleicht ein Bier oder sowas und dann fühlt er sich beruhigt und kann dann in sein Meeting gehen und da vor allem sprechen. So, damit lernt man, ah ok super, ich trinke Alkohol, Nervosität weg und habe eben ein Erfolgserlebnis. Und ja, durch solche Mechanismen

21:23

wird da eben dafür gesorgt, dass sich Verhalten wiederholt. Und all diese Erfahrungen sollen beim Substanzkonsum im episodischen Gedächtnis abgespeichert werden und

21:34

wo wir eben solche Lebenserfahrungen einspeichern. Und das geht halt auch nicht mehr weg. Wie viele andere Erfahrungen. Unter anderem auch zum Beispiel, dass wir Belohnungserfahrungen durch Sex bekommen oder durch gutes Essen. Also auch solche Aspekte werden da gespeichert und nicht nur irgendwelche Abhängigkeitskomponenten. Aber auch dieses Erklärungskonstrukt hört man sehr, sehr oft in Verbindung mit dem Suchtgedächtnis. Musik

22:02

Ja, soviel erstmal zu den verschiedenen Modellen bzw. zu den verschiedenen Erklärungsversuchen zum Suchtgedächtnis. Und jetzt möchte ich erstmal meine verschiedenen Kritikpunkte darlassen, was mich am Suchtgedächtnis oder dem Begriff des Suchtgedächtnisses oder das Konstrukt des Suchtgedächtnisses so stört.

22:19

Denn ich sehe es durchaus ein, erst mal das vorab gesagt, dass das Suchtgedächtnis als Begriff, um mit Klienten und Klientinnen über dieses stark erlernte Verhalten der Abhängigkeitserkrankung zu reden und eben das Suchtgedächtnis sozusagen als Erklärungsmodell benutzt, beziehungsweise als Worthülse, um besser klarzumachen, hey, okay, wir reden hier von einer Erkrankung, von einem tieferwurzelnden Verhalten. Und wenn man wieder konsumiert, kann es eben dazu sorgen, dass das einfach,

22:46

wiederkommt und dass man wieder reinkommt. Und man hat das ja auch wirklich schon oft an verschiedenen Studien auch gesehen, dass Menschen eben

22:54

ja, einen schleichenden Rückfall bauen, dass sie vielleicht eine Zeit lang schaffen, ja noch wie so in Anführungszeichen kontrolliert zu konsumieren, aber dann schnell wieder in das alte Konsumverhalten zurückkommen. Aber man hat auch andere gesehen, die einmal konsumieren und komplett in den Rückfall kommen. Also das ist ja auch durchaus ein beobachtbares Verhalten. Da ist auch erstmal gar nichts gegen zu sagen. Das Problem, was ich aber daran sehe, ist, dass das Suchtgedächtnis an sich als Konstrukt benutzt wird, was

23:20

ja, dem Abstinenzansatz die ultimative Legitimation bekommt. Und ich finde, wir haben jetzt seit heute in dieser Folge 20 Minuten oder so darüber gesprochen, ne,

23:32

was es denn alles für verschiedene Erklärungsmodelle für Suchtgedächtnis gibt. Und ich finde schon allein dadurch, dass man das nicht konsistent und einfach erklären kann, was das Suchtgedächtnis ist, weil es eben so viele verschiedene Erklärungen gibt, kann nicht die ultimative Legitimation für einen Ansatz sein. Weil dafür fehlt ja eigentlich die wissenschaftliche Grundlage. Weil wir wissen ja irgendwie…

23:52

ja alles oder nichts. Das Suchtgedächtnis ist in dem Prinzip, was auch witzigerweise oft gesagt wurde in Artikeln, das darf keine leere Worthülse sein. Aber es ist es ja, weil ein Wort, was mit so vielen Definitionen gefüllt werden kann, ist erstmal eine leere Worthülse. Und ganz ehrlich, auch von der Praxis aus gesehen, wird es als gewisse leere Worthülse genutzt, weil die ja jeder mit was anderem befüllt. Alle Menschen, die ich frage, was ist das Suchtgedächtnis, die erzählen mir irgendwas anderes. Irgendwas von den Modellen,

24:21

Oder manchmal auch was komplett anderes oder geben mir halt eben sehr schwammige Antworten. So, und wenn man jetzt mal überlegt, ich bin jemand, die sehr hohe Interesse hat, verschiedene neue Ansätze zu erforschen.

24:34

Zum Beispiel etwas wie Teilabsinenz. Funktioniert das denn vielleicht? Dann kommt halt öfters die Antwort so, ja nee, geht nicht, Suchtgedächtnis. Aber das ist halt einfach kein Argument, weil wir ja keine Definition, keine richtige haben für das Suchtgedächtnis. Und wie es hier sich um ein Konstrukt handelt, das sich einfach immer mehr reproduziert hat und einfach einen großen Platz in der Suchttheorie, in der Abhängigkeitstheorie mit eingenommen hat. Ohne dass da wirklich viel dahinter steckt.

25:04

Der andere Aspekt ist, fast alle Texte, die ich gelesen habe, sind um das Jahr 2000. Und ich habe das Gefühl, dass seitdem das Thema Suchtgedächtnis nicht nochmal ernsthaft angefasst worden ist. Denn es wird sich immer nur auf diese Studien rund um 2000 bezogen in verschiedenen Fachtexten und da gibt es nichts Neues dazu. Und es wird irgendwie einfach seitdem reproduziert. So, und das heißt, schon damals…

25:32

ist man nur bis zu einem gewissen Grad gekommen in der Forschung. Wir haben diese verschiedenen Tierexperimente, aber Tierexperimente sind halt auch immer mit gewisser Vorsicht zu betrachten, weil die einfach nicht eins zu eins übertragbar sind auf den Menschen, weil wir einfach keine Ratten sind.

25:46

Und im Prinzip ist es ja auch so, dass wir in der Hirnforschung noch nicht so weit sind. Und vor 20 Jahren waren wir noch weniger weit. Und vielleicht sind wir aktuell weiter und könnten in diese Richtung weiter forschen. Es wurde aber nie gemacht. Das heißt, wir reden hier auch von 20 Jahre alter Forschung, die damals gemacht worden ist und wo ich persönlich keine wirklich aktuellen Quellen gefunden habe nach um 2000, sagen wir mal vielleicht auch noch 2005, wo dann daran weiter geforscht worden ist.

26:17

Ein weiterer Aspekt, der sich mehr darum dreht, dass ich es ein bisschen schräg finde, dass auf dieses Suchtgedächtnis so viel aufgebaut wird, beziehungsweise dass es als so großes Argument genutzt wird, ist dann mal davon abgesehen, dass die Forschung das einfach nicht hergibt, das so als großes Argument zu nutzen, ist, dass wir bei der Abhängigkeitsentwicklung und Aufrechterhaltung von einem biopsychosozialen Modell ausgehen. Das heißt, wir

26:40

Wir spezifizieren das gar nicht so auf einen Faktor, auf das Suchtgedächtnis, sondern wir schauen uns sozusagen den Menschen als Großes und Ganzes ein. Biopsychosoziales Modell bedeutet in dem Sinne sozusagen bio wie biologisch, da geht es so um genetische Komponenten, um Dispositionen.

26:59

Bei Psycho geht es eher so um Verhalten und Kognitionen, um Emotionen und bei Sozial geht es halt auch darum, was sind die sozialen Netzwerke, wie ist mein sozioökonomischer Status. Und all diese verschiedenen Komponenten wirken sich auf eine Abhängigkeitsentwicklung und Aufrechterhaltung an. Und ich meine, wir reden ja beim Suchgedächtnis sehr, sehr viel von Tierversuchen, Rattenversuchen und da möchte ich dann

27:23

möchte ich dann vielleicht auch einfach mal auf einen anderen Tierversuch herweisen, wo man Ratten auch abhängig gemacht hat und die dann ins Rattenpattenparadies gesteckt hat. Nennen wir es mal so. Das heißt, es war ein richtig geiler Käfig mit anderen Ratten. Mega nice und schön. Und dass die eben nicht mehr zurückgegriffen haben auf die Substanz, die ihnen angeboten wurde, weil es ihnen einfach in diesem sozialen Setting so gut kann. Man muss ja überlegen, dass die Ratten

27:48

in diesen Versuchen ja eher so allein in ihren kargen Käfigen setzen. Und in diesem sogenannten Rattenparadies hat sich diese Abhängigkeitserkrankung wieder verabschiedet, beziehungsweise runterreguliert. So, und ich mache diesen Versuch, den bringe ich deswegen an, weil wir uns ja auch so die ganze Zeit auf Tierversuche stützen. Und da sagt, okay, man darf das halt einfach nicht so isoliert betrachten, weil es gibt einfach auch noch andere Faktoren, die eine Rolle spielen zur Krankheitsaufrechterhaltung.

28:16

Dementsprechend finde ich das eben schwierig zu sagen, ja, aufgrund des Suchtgedächtnisses geht es nicht mehr, weil wir eben noch so verschiedene andere Komponenten haben. Ein anderer Kritikpunkt von mir ist unter anderem aber auch noch, dass wir vielleicht uns mal ein Medikament anschauen sollten, und zwar Acamprosat. Acamprosat ist ein Anti-Craving-Medikament. Und mir wurde erzählt, dass zu der Zeit, wo das Suchtgedächtnis so diskutiert worden ist,

28:44

dass das eben ja gerade als Medikament sehr unvogue war, dass nur, dass das eben eine größere Rolle gespielt hat damals und das setzt genau an diesen NMDA-Rezeptoren an, damit man eben, damit eben dieses Ungleichgewicht ausgeglichen wird, was man eben hat, wenn man aufhört zu konsumieren und es soll sozusagen diese Suchtverlangen abschwächen. Genau und

29:09

Im Prinzip wäre es halt auch nicht, und das ist jetzt eine Hypothese von mir, weil ich da natürlich keine Beweise für gefunden habe in dem Sinne, aber es wäre halt auch nicht das erste Mal, dass sich ein Konzept von der Pharmaindustrie halt eben in die Praxis rüberschwenkt, auch wenn es eigentlich nicht so ganz passt. Und ja, dementsprechend halt ist auch das ein Argument, was man so ein bisschen im Hinterkopf behalten muss, wenn man über das Suchtgedächtnis nachdenkt und vor allem auch, welche Macht man diesem Suchtgedächtnis hat.

29:39

Ja, zuspricht. Ja, und bevor jetzt Leute auf die Idee kommen zu sagen, ja, die Steffi hat im Podcast gesagt, es gibt kein Suchtgedächtnis, jetzt kann ich auch wieder konsumieren und Abstinenz ist Quatsch. Das ist absolut nicht das, was ich sage. Denn für die andere Richtung gibt es ja auch keine Forschungsstelle. Das muss einem einfach auch klar sein.

30:00

das Ding ist so ein bisschen, dass ich auf der einen Seite kritisiere, welchen großen Platz das Suchtgedächtnis in der Debatte bekommt, beziehungsweise in der Theorie bekommt, obwohl die wissenschaftliche Grundlage dafür nicht richtig da ist.

30:13

Ich finde nicht, dass das Suchtgedächtnis oder dieses Argument des Suchtgedächtnisses alternative Forschungen wie, ob kontrollierter Konsum funktioniert oder ob so Sachen wie Teilabstinenz möglich sind, das gestoppt zu werden oder beziehungsweise das als Totschlagargument zu verwenden. Weil, um es mal hart zu sagen, das bringt das Suchtgedächtnis einfach nicht.

30:34

Dafür gibt es einfach zu wenig Grundlagen dafür. Und ein Punkt zu guter Letzt, und der ist mir super wichtig, der oft in Verbindung mit dem Suchtgedächtnis gebracht wird, dass in vielen Rehas die Praxis herrscht zu sagen, okay, du darfst kein alkoholfreies Bier konsumieren, du darfst keine alkoholhaltige Nahrung konsumieren etc. pp., weil aufgrund des Suchtgedächtnisses kannst du dann richtig rückfällig werden.

30:54

Das triggert.

31:19

Und ging auch vom Suchtdruck alles easy, aber der hatte am nächsten Tag einen Kater, obwohl er rein faktisch keinen Kater haben kann, denn er hat ja kein Alkohol konsumiert. Das fand ich sehr, sehr spannend und ein anderer Klient hat mir erzählt, er hat alkoholfreies 0,0er Bier. Ich sage 0,0er, weil normales alkoholfreies Bier so ein bisschen Alkohol hat und hat das konsumiert und der hat sich so wie so angeschwipst gefühlt. Und da sind wir aber auch dann wieder…

31:46

bei einem Aspekt, wo man sagt, okay, das kann durchaus Dinge antriggern und das will ich auch an keinem Punkt negieren oder sagen, das stimmt alles nicht, das ist absoluter Humbug, darum geht es nicht. Also man hat diese Trigger-Aspekte und die einen eben sehr an den Konsum erinnern.

32:00

Aber, und jetzt kommen wir zu einem Aspekt, wo ich finde, das ist eine pure Übertreibung, hatte ich auch mal eine Klientin, der gesagt worden ist, die darf überhaupt keine Hautcreme mehr nutzen, in der Alkohol ist, die darf kein Spülmittel mehr nutzen, wo Alkohol drin ist, etc. pp., weil aufgrund des Suchtgedächtnisses könnte sie dann rückfällig werden. Und da muss ich ganz ehrlich sagen, what the fuck, weil meine Klientin, die war auch echt fertig, weil die sagte, naja, sie stand dann stundenlang im DM und hat verzweifelt eine Creme ohne Alkohol gesucht.

32:29

Das findet man auch gar nicht. Fucking Alkohol ist ein Konservierungsmittel und wird in vielen Cremes gebraucht. Und da ist halt die Frage, ob diese Hyperfokussierung auf Alkohol, auf den ganzen Cremes nicht noch eher dafür gesorgt hat, dass es einen stresst und dass man irgendwie in einen unguten Gefühlszustand kommt, als wenn man es einfach gelassen hatte. Und dementsprechend bin ich halt einfach der Meinung, man muss so ein bisschen ein paar grundlegende Sachen durchdenken oder auch einfach dem Ganzen mehr Forschung zuteil lassen.

33:04

Meine Arbeitskollegin hat mich auf das Thomas-Theorem hingewiesen und ich finde, das trifft es sehr gut bei diesem Fall. Das Thomas-Theorem besagt im Prinzip…

33:17

Wenn ein Mensch es als wirklich bezeichnet, ist es auch wirklich. Also das heißt, wenn man daran glaubt, dass es wahr ist, dann ist es auch wahr. Und im Prinzip sehe ich halt genau das, dieses unlösbare Suchtgedächtnis, das einen für immer begleitet und was einen nie loslöst. Wenn man das natürlich auch immer wieder gesagt bekommt von allen Richtungen, dann nimmt es natürlich eine Form von Realität an. Und das meine ich halt auch, wo ich sage, es ist ein reproduziertes Produkt, was natürlich auch

33:43

ja immer mehr Wahrheit bekommen hat, dadurch, dass Menschen damit umgegangen ist, dass es nur die Wahrheit sein kann. Und ich frage mich ja schon, oder ich habe mich bei der Recherche schon mal gefragt, wann sich denn das letzte Mal jemand die Mühe gemacht hat, um einfach sich mal die ganze Fachliteratur reinzuziehen oder die ganze habe ich wahrscheinlich nicht geschafft, aber so viel ist es halt auch einfach nicht, was es dazu zu lesen gibt und sich mal wirklich damit auseinandergesetzt habe, was eigentlich wirklich der Kerngedanke des Ganzen ist.

34:11

Und abschließend ist damit eigentlich für mich zu sagen, das Suchtgedächtnis, dem fehlt es an wissenschaftlicher Grundlage, die uns einfach besagt, dass genau so, wie wir das gerade nutzen, dass es wirklich so existiert. Es ist vielleicht ein Begriff, der gut funktioniert, um erlerntes Verhalten zu erklären oder stark erlerntes Verhalten mitzuerklären. Aber in einem wissenschaftlichen Konkurs ist es einfach fehl am Platz, weil dafür ist einfach zu wenig Bums dahinter. Musik

34:41

Ja, meine Lieben, das war es mit einer Folge, die mir wirklich echt mal sehr schwer gefallen ist und ich wahrscheinlich auch noch nicht…

34:48

abgeschlossen habe, damit über das Suchtgedächtnis nachzudenken. Wenn jemand diese Folge gehört hat und dachte so, hey, nee, du hast das alles ganz falsch verstanden und ich verstehe das Suchtgedächtnis durch und durch und das ist alles voll das klare Konzept, meldet euch, erklärt es mir gerne, wäre ich super dankbar für. Ich meine, man muss halt auch dazu sagen, ich bin keine Neurobiologin, ich bin Sozialarbeiterin. Also hey, vielleicht gibt es ja irgendwann eine Nachfolge

35:16

Nachfolge, Folge, Nachfolge, Folge, okay. Zu dieser Folge…

35:22

Mit einem Fachmann, einer Fachfrau, die uns on point erklären kann, was das Suchtgedächtnis ist. Ich bezweifle es bis zu diesem Punkt noch, aber ich lasse mich gerne überraschen. Und ja, meine Lieben, dementsprechend wünsche ich euch erstmal schöne Weihnachten, einen guten Rutsch ins neue Jahr und 2022 hören wir uns wieder. Ich freue mich riesig drauf und bis dahin bleibt gesund, habt eine super Zeit und ja, wir hören uns bald.

36:06

Das war psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Steffi.


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