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Zieloffene Suchtarbeit

Das Wichtigste in Kürze: Zieloffene Suchttherapie

✓ Zieloffene Suchttherapie bedeutet nicht, ohne Ziel zu arbeiten. Im Gegenteil: Konsumziele werden von Anfang an konkret besprochen, fachlich geprüft und im Verlauf immer wieder angepasst.

✓ Abstinenz bleibt ein wichtiges mögliches Ziel, ist aber nicht die Voraussetzung dafür, überhaupt therapeutische Hilfe zu bekommen. Gerade für ambivalente Menschen kann ein reduktionsorientierter Einstieg den Zugang zur Behandlung erleichtern.

✓ Das Praxisbeispiel zeigt: Ein anfängliches Reduktionsziel kann sich im Verlauf verändern. Zieloffenheit begleitet diesen Prozess, statt das Ergebnis vorzugeben – und kann dadurch auch in eine stabile Abstinenzentscheidung führen.




Was bedeutet zieloffene Suchtarbeit?

Viele Menschen verbinden Suchttherapie automatisch mit Abstinenz. Wer ein Problem mit Alkohol, Cannabis, Kokain, Medikamenten oder anderen Substanzen hat, so die verbreitete Vorstellung, müsse vor allem eines: aufhören.

Aber Konsumveränderung verläuft nicht immer so geradlinig. Manche Menschen möchten abstinent leben. Andere möchten ihren Konsum reduzieren. Wieder andere sind noch ambivalent und wissen nur: So wie bisher soll es nicht weitergehen. Und manche konsumieren mehrere Substanzen, bei denen je nach Substanz ganz unterschiedliche Ziele sinnvoll sein können.

Genau hier setzt zieloffene Suchttherapie an. Sie erarbeitet die Konsumziele gemeinsam mit der betroffenen Person, anstatt Abstinenz von Beginn an als Voraussetzung für die Behandlung anzunehmen.

Zieloffenheit ist dabei weniger eine einzelne Methode als vielmehr eine therapeutische Haltung. Denn zieloffene Veränderungsprozesse lassen sich nur dann glaubwürdig begleiten, wenn Fachkräfte grundsätzlich davon ausgehen, dass unterschiedliche Wege der Konsumveränderung möglich sein können. Wer innerlich schon festgelegt hat, dass am Ende ohnehin nur Abstinenz zählt, arbeitet nicht wirklich zieloffen, auch wenn es nach außen zunächst so aussieht.

Zieloffen heißt nicht ziellos

Ein häufiges Missverständnis lautet: Wenn Suchttherapie nicht klar auf Abstinenz ausgerichtet ist, sei sie beliebig. Als würde zieloffenes Arbeiten bedeuten, dass gar nicht mehr konkret über Konsum gesprochen wird oder dass man therapeutisch irgendwie „drauflosarbeitet“.

Das Gegenteil ist der Fall. Zieloffene Suchttherapie arbeitet von Anfang an im Kontext des Konsums. Es wird nicht vermieden, über Substanzen, Konsummuster, Risiken oder Kontrollverlust zu sprechen. Im Gegenteil: Gerade weil das Ziel nicht vorgegeben ist, muss besonders genau hingeschaut werden.

Welche Substanzen spielen eine Rolle? Welche Funktion hat der Konsum? Welche Situationen sind riskant? Welche Folgen treten bereits auf? Wo geht Kontrolle verloren? Was möchte die betroffene Person verändern? Und welches Konsumziel soll für welche Substanz gelten?

Dabei können auch klassische suchttherapeutische Modelle weiterhin eine Rolle spielen. Rückfallmodelle, Risikoanalysen, Craving, Bewältigungsstrategien und Rückfallprophylaxe verschwinden nicht, nur weil eine Therapie zieloffen arbeitet. Sie werden lediglich nicht auf Abstinenz, sondern auf die individuellen Konsumziele bezogen.

Schon Marlatt, den viele vor allem durch das Rückfallpräventionsmodell nach Marlatt und Gordon kennen, hat Rückfallprävention nicht ausschließlich als abstinenzorientiertes Konzept verstanden. Sein Modell lässt sich auch in akzeptanz- und veränderungsorientierten Kontexten nutzen, in denen es nicht darum geht, Konsum moralisch zu bewerten, sondern Konsummuster, Hochrisikosituationen und Bewältigungsstrategien genauer zu verstehen (PubMed).

Abstinenz ist wichtig, aber nicht das einzige legitime Ziel

Was mir wirklich wichtig ist: Zieloffenheit ist keine Absage an die Abstinenz!

Abstinenz kann für viele Menschen ein sehr hilfreiches Ziel sein. Für manche ist es einfacher, eine klare Grenze zu ziehen, als immer wieder neu über Konsumregeln nachzudenken. Bei bestimmten körperlichen Erkrankungen, bei ausgeprägten Entzugssymptomen, bei starkem Kontrollverlust oder bei besonders riskanten Konsummustern kann Abstinenz auch fachlich sehr notwendig sein.

Das Problem entsteht nicht dadurch, dass Abstinenz angeboten wird. Das Problem entsteht, wenn Abstinenz die Voraussetzung dafür wird, überhaupt ernsthaft Hilfe zu bekommen.

Denn viele Menschen mit problematischem Konsum sind zu Beginn einer Veränderung nicht abstinenzbereit. Das heißt nicht, dass sie keine Hilfe brauchen. Vielleicht möchten sie weniger konsumieren. Vielleicht möchten sie Konsumpausen schaffen. Vielleicht möchten sie zunächst verstehen, warum sie konsumieren. Vielleicht möchten sie die gefährlichsten Situationen reduzieren.

Wenn wir diese Menschen erst dann behandeln, wenn sie Abstinenz versprechen, verlieren wir sie oft genau in der Phase, in der Unterstützung besonders wichtig wäre.

Zieloffenheit bedeutet deshalb: Abstinenz bleibt eine Möglichkeit. Aber sie ist nicht die Eintrittskarte in die Behandlung.

Warum zieloffene Haltung wichtig ist

Für mich ist zieloffene Suchttherapie vor allem eine Frage von Augenhöhe.

Ich möchte Menschen nicht erst dann begleiten, wenn sie das Ziel mitbringen, das das Hilfesystem gerne hätte. Ich möchte mit ihnen anschauen, wo sie gerade stehen, was ihr Konsum für sie bedeutet und welcher nächste Schritt wirklich tragfähig ist.

Das heißt nicht, dass ich als Therapeutin keine fachliche Einschätzung habe. Ich darf sagen, wenn ich ein Ziel für riskant halte. Ich darf rückmelden, wenn Konsumregeln immer wieder gebrochen werden. Ich darf ansprechen, wenn eine Person Risiken beschönigt oder immer wieder in gefährliche Muster gerät. Und ich darf auch sagen, dass Abstinenz aus meiner Sicht der sicherere Weg wäre.

Aber ich ersetze damit nicht die Entscheidung der betroffenen Person.

Zieloffenheit ist für mich keine Absage an Abstinenz. Sie ist eine Absage an Bevormundung.

Praxisvignette: Nina M. – wie kann ein zieloffener Prozess konkret aussehen?

Nina M. konsumierte täglich Cannabis. Unter der Woche rauchte sie meist etwa ein halbes Gramm am Abend, am Wochenende bis zu einem Gramm. Während der Arbeitszeit konsumierte sie nicht. Der Konsum begann fast immer unmittelbar nach Feierabend, wenn der Alltag vorbei war und sie abschalten wollte. Ihr ursprüngliches Ziel war klar: Nina strebte keine Abstinenz an. Sie wollte ihren Konsum zunächst auf einen Joint pro Abend begrenzen.

An diesem Punkt setzte die gemeinsame Exploration an. Was würde sich konkret verändern, wenn Nina diese Begrenzung erreicht? Wie würde sich ihr Körper anfühlen? Was würde sich an ihrer Energie, ihrem Selbstwert und ihrer Tagesstruktur verändern?

Am Anfang von Prozessen ist es immer wichtig, dass Ziele nicht abstrakt bleiben. Sie müssen innerlich greifbar werden. Nina sollte beschreiben können, wofür genau sie die Reduktion möchte. Dabei können erlebnisorientierte oder imagin…

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