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ADHS und Sucht: Was Fachkräfte in Beratung und Therapie wissen sollten

Das Wichtigste in Kürze: ADHS und Sucht

✓ ADHS und Substanzkonsumstörungen treten häufig gemeinsam auf. Eine Meta-Analyse schätzt, dass etwa 21 Prozent der Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung auch ADHS haben.

✓ ADHS kann problematischen Konsum begünstigen, wenn Impulsivität, Schwierigkeiten mit Belohnungsaufschub, innere Unruhe oder soziale Ausschlusserfahrungen dazu führen, dass Substanzen als Form der Selbstregulation genutzt werden.

✓ Bei Stimulanzien wie Kokain oder Amphetamin berichten manche Betroffene von einer sogenannten paradoxen Wirkung: weniger Aufputschung, mehr Fokus, Ruhe oder innere Ordnung.

✓ In der Bonusvertiefung findest du zwei anonymisierte Praxisvignetten zur Frage, wann ADHS-Medikation bei Suchtgeschichte stabilisieren kann und wann der Umgang mit Medikation selbst zum Warnsignal für Rückfalldynamiken wird.




Was sind die Kernmerkmale von ADHS?

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Der Begriff ist allerdings etwas verkürzt, weil es nicht nur um Aufmerksamkeit und sichtbare Hyperaktivität geht. Im Kern betrifft ADHS die Selbststeuerung: Aufmerksamkeit regulieren, Impulse hemmen, innere Aktivierung steuern, Gefühle regulieren und Handlungen im Alltag strukturieren.

Klassisch werden drei Symptomgruppen unterschieden: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Unaufmerksamkeit zeigt sich zum Beispiel durch Abschweifen, Vergesslichkeit, Schwierigkeiten beim Beenden von Aufgaben oder hohe Ablenkbarkeit. Hyperaktivität kann im Erwachsenenalter weniger sichtbar sein und sich eher als innere Unruhe, Anspannung oder Schwierigkeiten beim Abschalten zeigen. Impulsivität beschreibt vorschnelles Handeln, Ungeduld, Unterbrechen oder Schwierigkeiten, Bedürfnisse aufzuschieben.

Für die Praxis ist wichtig: Einzelne Merkmale wie Unruhe, Vergesslichkeit oder Impulsivität sind noch kein Hinweis auf ADHS. Entscheidend ist, ob die Symptome früh im Leben begonnen haben, über längere Zeit bestehen, in mehreren Lebensbereichen auftreten und zu relevanten Beeinträchtigungen führen. Außerdem können ähnliche Symptome auch durch Substanzkonsum, Entzug, Schlafmangel, Depressionen, Angst oder Traumafolgen entstehen. ADHS sollte deshalb nicht vorschnell angenommen, aber bei passenden lebensgeschichtlichen Mustern mitgedacht werden.

ADHS und Sucht: Warum tritt beides so häufig gemeinsam auf?

ADHS und Substanzkonsumstörungen treten häufig gemeinsam auf. Eine aktuelle Meta-Analyse schätzt, dass etwa 21 Prozent der Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung auch ADHS haben. Die genauen Zahlen schwanken je nach Setting, Substanz, Alter und diagnostischem Vorgehen, aber für die Praxis ist die Richtung eindeutig: ADHS ist in der Suchthilfe keine seltene Ausnahme (Quelle).

ADHS kann aber verschiedene Faktoren mitbringen, die problematischen Konsum wahrscheinlicher machen. Besonders relevant sind Impulsivität und Schwierigkeiten mit Belohnungsaufschub: Wenn Bedürfnisse, Anspannung oder unangenehme Zustände schwer auszuhalten sind, kann eine schnell wirksame Substanz besonders attraktiv werden.

Dazu kommt der Aspekt der Selbstmedikation. Substanzkonsum kann bei ADHS zeitweise als wirksame Form der Selbstregulation erlebt werden: Cannabis bei innerer Unruhe, Alkohol bei sozialer Anspannung, Stimulanzien für Fokus oder Leistungsfähigkeit, Beruhigungsmittel bei Überforderung oder Schlafproblemen. Wenn die Selbstmedikation dann eine eigene Dynamik annimmt und sich zu einem problematischen Konsummuster entwickelt sprechen wir von einer fehlgeleitenden Selbstmedikation.

Neben diesen individuellen Faktoren ist auch die soziale Perspektive wichtig. Viele Menschen mit ADHS machen früh Erfahrungen von Kritik, Ausschluss oder Beschämung: zu laut, zu chaotisch, zu unzuverlässig, zu impulsiv, zu emotional. Solche Erfahrungen können soziale Unsicherheit, Scham oder das Gefühl verstärken, „nicht richtig“ zu sein. Auch diese Zustände können durch Substanzen reguliert und unterdrückt werden.

Für die Praxis lohnt es sich dementsprechend genau die Funktion des Konsums zu erkunden, da sich dadurch gute Ansatzpunkte und Therapieziele ergeben können.

Paradoxe Wirkung: Wenn Kokain oder Amphetamin nicht „aufputschen“

In der suchttherapeutischen Anamnese kann es besonders aufschlussreich sein, nicht nur nach der konsumierten Substanz zu fragen, sondern nach der subjektiv erlebten Wirkung. Gerade bei Stimulanzien wie Kokain oder Amphetamin berichten manche Menschen mit ADHS von einer sogenannten paradoxen Wirkung: Die Substanz wird nicht primär als aufputschend erlebt, sondern eher als beruhigend, fokussierend oder innerlich ordnend.

Das kann zunächst irritieren, ist aus neurobiologischer Perspektive aber plausibel. ADHS wird häufig mit einer veränderten Regulation dopaminerger und noradrenerger Systeme in Verbindung gebracht. Diese Systeme sind unter anderem an Aufmerksamkeit, Motivation, Belohnungsverarbeitung, Impulskontrolle und Handlungssteuerung beteiligt. Vereinfacht wird manchmal von einer „Dopaminmangelhypothese“ gesprochen. Fachlich ist das allerdings zu grob: Die aktuelle Forschung spricht eher für komplexe Veränderungen der Signalübertragung als für einen einfachen Dopaminmangel im gesamten Gehirn (Quelle).

Stimulanzien wie Kokain und Amphetamin wirken ebenfalls auf diese Botenstoffsysteme. Kokain hemmt unter anderem die Wiederaufnahme von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin. Amphetamin erhöht vor allem die Freisetzung von Dopamin und Noradrenalin und beeinflusst ebenfalls deren Wiederaufnahme. Bei Menschen mit ADHS kann die subjektive Wirkung deshalb anders beschrieben werden als erwartet: weniger als „Kick“, sondern eher als kurzfristige Herstellung von Fokus, Ruhe oder innerer Sortierung.

Für die Praxis ist dieser Hinweis wertvoll, aber reicht natürlich alleinstehend nicht aus um eine AHDS zu vermuten. Eine beruhigende oder fokussierende Wirkung von Kokain oder Amphetamin beweist keine ADHS. Auch Menschen ohne ADHS können Stimulanzien als leistungssteigernd, strukturierend, enthemmend oder emotional regulierend erleben. Aussagekräftig wird diese Beobachtung erst im Gesamtbild: frühe Symptomatik, lebensgeschichtliche Muster, Alltagsbeeinträchtigung, Konsumfunktion, Differentialdiagnostik und gegebenenfalls Fremdanamnese.

ADHS-Medikation bei Sucht: Ist das überhaupt angebracht?

Viele Fachkräfte fragen sich zu Recht, ob ADHS-Medikation bei Menschen mit einer aktuellen oder früheren Suchterkrankung überhaupt eingesetzt werden sollte. Die Sorge ist nachvollziehbar: Ein Teil der ADHS-Medikamente gehört zu den Stimulanzien, und gerade bei problematischem Konsum von Amphetaminen, Kokain oder anderen Substanzen wirkt das zunächst widersprüchlich. Gleichzeitig wäre es fachlich zu einfach, ADHS-Medikation bei Sucht grundsätzlich auszuschließen. Eine unbehandelte ADHS kann selbst dazu beitragen, dass Konsum weiter als Regulationsstrategie genutzt wird.

Wichtig ist deshalb die Unterscheidung zwischen nicht-medizinischem Stimulanzienkonsum und ärztlich begleiteter Medikation. Retardierte ADHS-Medikamente wie bestimmte Methylphenidat- oder Lisdexamfetamin-Präparate wirken langsamer und gleichmäßiger als rasch anflutende Konsumformen. Es geht dabei nicht um einen schnellen Kick, sondern um eine therapeutisch intendierte Verbesserung von Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Selbststeuerung. Trotzdem braucht es gerade bei Suchtgeschichte eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung: Welche Substanzen werden oder wurden konsumiert? Gibt es aktuellen Kontrollverlust? Wie stabil ist der Alltag? Besteht ein Risiko für Fehlgebrauch oder Weitergabe? Welche nicht-medikamentösen Behandlungsbausteine sind vorhanden?

Die Entscheidung über ADHS-Medikation gehört deshalb nicht in die allgemeine Beratung, sondern in eine fachärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung.

In der Praxis hat sich deshalb Netzwerkarbeit besonders bewährt. Sinnvoll sind verlässliche Kontakte zu ADHS-Ambulanzen, Erwachsenen-Diagnostikstellen, psychiatrischen Praxen, Psychotherapeut:innen und suchtmedizinischen Angeboten. Die Suchthilfe muss ADHS nicht selbst diagnostizieren und auch keine Medikation bewerten. Sie kann aber Hinweise strukturieren, Betroffene auf eine qualifizierte Abklärung vorbereiten und im Behandlungsverlauf eine wichtige Brückenfunktion übernehmen.

Gerade hier liegt eine große Chance: Wenn ADHS-Symptome angemessen behandelt werden, kann sich auch die suchttherapeutische Arbeit verändern. Konsumziele, Rückfallprophylaxe und Emotionsregulation lassen sich realistischer bearbeiten, wenn Aufmerksamkeit, Impulsivität und innere Unruhe nicht dauerhaft gegen die Behandlung arbeiten. ADHS-Medikation ist also bei Sucht weder automatisch angebracht noch automatisch ausgeschlossen. Entscheidend sind Diagnostik, Indikation, Monitoring und eine gute Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Hilfesystemen.

Bonusmaterial für Fachkräfte: Zwei Praxisvignetten zu ADHS und Sucht

ADHS-Medikation bei bestehender oder zurückliegender Suchterkrankung wird in der Versorgungspraxis oft ambivalent diskutiert. Einerseits kann eine unbehandelte ADHS Symptomatik Konsumdruck, innere Unruhe, Impulsivität und Selbstmedikationsmuster verstärken. Andererseits wirft der Einsatz von ADHS-Medikation bei Menschen mit Suchtgeschichte wichtige Fragen auf: Wie lässt sich eine sinnvolle Behandlung ermöglichen, ohne suchtbezogene Risiken zu übersehen? Welche Rolle spielen Aufklärung, Monitoring und fachliche Abstimmung? Und woran kann sichtbar werden, ob eine Medikation stabilisierend wirkt oder selbst Teil einer problematischen Dynamik wird?

Die folgenden Vignetten sind keine Fallberichte im engeren Sinn. Sie beruhen auf typischen fachlichen Konstellationen, sind jedoch stark verfremdet, verdichtet und didaktisch zusammengesetzt. Namen, biografische Details, zeitliche Abläufe und Behandlungskontexte wurden verändert oder kombiniert. Die Vignetten bilden also keine konkreten Personen und keine einzelnen Behandlungsverläufe ab. Sie sollen vielmehr fachliche Dynamiken sichtbar machen, die in der suchttherapeutischen und psychiatrischen Arbeit mit ADHS und Sucht wiederkehrend relevant sein können


Fallvignette 1: Jonas M. – Medikation als stabilisierender Baustein

Bei Jonas M. war ADHS bereits im Jugendalter diagnostiziert worden. Damals hatte er auch eine ADHS-Medikation erhalten, diese jedoch irgendwann eigenmächtig abgesetzt. Rückblickend beschrieb Jonas diese Zeit ambivalent: Einerseits hatte die Medikation ihm geholfen, konzentrierter und strukturierter zu sein. Andererseits war sie für ihn auch mit dem Gefühl verbunden, dass andere über seinen Körper, seine Konzentration und sein Verhalten bestimmten.

Im weiteren Verlauf entwickelte sich über Jahre ein Substanzkonsum, der auch als Versuch der Selbstregulation verstanden werden kann. Zunächst konsumierte Jonas vor allem Cannabis, später zunehmend auch Alkohol. Beides half ihm kurzfristig, innere Unruhe, Anspannung und Überforderung zu dämpfen. Langfristig wurde daraus …

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