Rückfälle verstehen

Rückfälle werden in der Suchtbehandlung heute nicht mehr nur als Scheitern einer Abstinenzentscheidung verstanden, sondern als Prozesse, die sich häufig ankündigen und therapeutisch bearbeiten lassen. Dabei ist nicht jeder erneute Konsum automatisch ein vollständiger Rückfall in alte Muster. Die Folge unterscheidet zwischen einzelnen Vorfällen, schleichenden Rückfällen und länger anhaltenden Rückkehrbewegungen in frühere Konsumweisen. Entscheidend ist, welche Risikosituationen vorausgehen, wie mit Suchtdruck umgegangen wird und ob nach einem Konsumereignis wieder auf vorhandene Bewältigungsstrategien zurückgegriffen werden kann.
Die Folge erklärt das Rückfallmodell nach Marlatt und zeigt, wie unausgewogene Lebenssituationen, scheinbar irrelevante Entscheidungen, verringerte Selbstwirksamkeit und positive Erwartungen an die Substanz ineinandergreifen können. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der sogenannten Error-Related Negativity, also der neuropsychologischen Verarbeitung von Fehlern, die sich bei Abhängigkeitserkrankungen verändern kann und möglicherweise mit Rückfallrisiken zusammenhängt. Deutlich wird: Rückfälle entstehen häufig nicht plötzlich, sondern entwickeln sich über eine Kette von Entscheidungen, Erwartungen und Belastungen, die sich im Nachhinein nachvollziehen und für die weitere Behandlung nutzen lassen.
Hier kommt ihr zu einer bildlichen Darstellung des Rückfallmodells nach Marlatt und Gordon.
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Rückfälle verstehen
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PODCAST-METADATEN
Folge: 25
Erscheinungsdatum: 17.06.2021
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Rückfälle verstehen
Sprecher: Stefanie Bötsch
Typ: Transkript
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Transkript Beginn
00:10
Psychoaktiv, euer Drogen- und Alkohol-Podcast mit Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein! Jo Freunde, was geht und willkommen zurück bei meinem Podcast. Heute bin ich tatsächlich mal wieder alleine am Start. Ich fühle mich schon ganz komisch so alleine vor meinem Mikro. Aber ja, heute mal kein Gast, nachdem ich drei Gäste hatte.
00:38
Und genau, um was geht’s heute? Und zwar war der Wunsch von der Community auf Instagram, ja gerne mehr suchttherapeutische Inhalte zu machen. Und da ich ja gerade in der Ausbildung zur Suchttherapeutin bin, mache ich das natürlich sehr, sehr gerne, weil ich muss nächstes Jahr auch noch die Prüfung schreiben und sprechen und sie hat ganz viele verschiedene Teile, diese Prüfung. Und
01:02
Ja, ich muss dafür auch lernen und ich bin gar nicht mal so gut im Lernen und auswendig lernen. Dementsprechend ist es vielleicht auch für mich persönlich gar nicht so eine schlechte Taktik, wenn ich einfach Podcast-Folgen einspreche zu den Sachen, die ich behandle, weil dann kann ich mir die einfach vor der Prüfung schnell reinziehen. Ich finde das eigentlich eine ziemlich gute Lerntaktik. Und hey, ihr dürft alle dabei dran teilhaben und euch an meinen Inhalten freuen.
01:27
Genau, genug vor Geplänkel, schauen wir doch mal das Thema heute an. Heute geht es nämlich darum, um Rückfälle. Es geht darum, Rückfälle zu verstehen. Deswegen werde ich am Ende, also im letzten Teil, ein Rückfallmodell erklären und ein bisschen erklären, wie es zu Rückfällen kommt.
01:48
Und ich habe noch ein paar richtig coole, spannende Side-Facts für euch. Aber schauen wir uns doch erstmal ein bisschen die Geschichte an, weil das ist recht spannend, denn früher war es so, da wurde über Rückfälle einfach nicht geredet. Man hatte so ein bisschen die Haltung, jo, ganz oder gar nicht, wie kannst du denn nur von Rückfällen reden? Damit triggerst du es ja eigentlich schon an, damit provozierst du das schon. Also entweder du entscheidest dich jetzt für die komplette Abstinenz
02:18
Oder sonst müssen wir hier gar nicht weitermachen. Jetzt mal auch ein bisschen übertrieben gesprochen. Aber so in die Richtung ging das. Und dass innerhalb der Therapie wirklich über Rückfälle gesprochen wird, als Teil der Erkrankung, als eine Sache, auf die man sich vorbereiten muss, das ist noch nicht so alt. Aber inzwischen ein sehr, sehr wichtiger Teil der suchttherapeutischen Interventionen.
02:43
Früher war es nämlich oft in Rehas so, dass wenn man einen Rückfall hatte, man eigentlich oft sofort rausgeschmissen wurde. Ich muss leider sagen, dass es immer noch Rehas gibt, die genau so arbeiten. Ich kritisiere das sehr, also ich finde das nicht mehr zeitgemäß, nicht mehr an modernen Studien angelegt.
03:01
Aber ja, ist leider manchmal noch so. Auf jeden Fall ist aber jetzt eigentlich der Standard, dass es in Rehas Rückfallprophylaxe-Gruppen gibt. Das bedeutet, dass man wirklich aktiv in Gruppenarbeit Rückfälle beherrscht.
03:15
einmal, ja, Prophylaxe heißt ja eigentlich, dass Rückfälle nicht stattfinden, aber auch den Umgang damit lernt, was man machen kann, wenn ein Rückfall stattfindet. Und wenn ich jetzt zum Beispiel nur in der Einzeltherapiesitzung bin, arbeite ich halt mit meinen Klienten auch so ein bisschen das individuelle Rückfallmodell. Okay, was sind Risikosituationen, was nicht? Wie geht man damit um? Also es wird einfach aktiv aufgebaut.
03:38
Es ist auch ein bisschen so, dass mir persönlich das eher, ja, Sorge nicht, sondern eher ein bisschen so ein Alarmsignal ist, wenn eine Klientin so gar nicht über Rückfälle reden möchte. Also wenn sie tatsächlich diesen…
03:53
puristischen Ansatz haben von, nee, darüber müssen wir gar nicht reden, ich bin jetzt für immer abstinent und das wünsche ich mir natürlich, wenn die Abstinenzvorsatz da ist für die Person sehr. Das will ich gar nicht irgendwie, dass es komisch rüberkommt, aber es ist halt auch so, wenn man nicht drüber redet, kann man sich nicht darauf vorbereiten und ja, dass Rückfälle passieren, ist halt statistisch schon einigermaßen wahrscheinlich.
04:22
Denn wenn wir mal je nach Studie gucken, dann haben wir ungefähr so ein Drittel der Alkoholabhängigen, die rückfällig werden und ungefähr die Hälfte von Drogenabhängigen im ersten Abstinenzjahr. Und die ersten 50% der Rückfälle sind auch gleich in den 6 Wochen nach der stationären Reha. Und ich habe so ein bisschen Schwierigkeiten damit, weil…
04:45
Ich oft gefragt werde, naja, wie erfolgreich ist denn überhaupt so eine Suchttherapie? Und oft wird so in der allgemeinen Meinung den Erfolg einer Suchttherapie an der andauernden Abstinenz gemessen und das würde ja sozusagen einen Rückfall schon entwerten, dem Erdbeben.
05:01
Ist aber nicht so, denn wenn eine Person mit einer Abhängigkeitserkrankung gelernt hat, mit einem Rückfall umzugehen und seine Strategien anwendet, sei es den Notfallplan, okay, ich gehe jetzt in die Suchtberatung, ich telefoniere mit irgendeiner Person, was es auch immer noch für Strategien dafür gibt, dann ist das nicht so.
05:19
dann kann es eben sein oder dann ist es ja wahrscheinlich, dass es eben bei diesem Rückfall bleibt und man danach wieder zur Abstinenz zurückkehrt. Das heißt, wir haben hier keine gescheiterte therapeutische Intervention. Und ich finde es auch sehr drastisch, das dann auch immer so drastisch darzustellen, weil es ist halt einfach nicht so. Im Fachjargon unterscheiden wir da ein bisschen unter Vorfall und Rückfall.
05:44
Und ein Vorfall ist eben genau das, was ich beschrieben habe. Man hat eine Abstinenzzuversicht, man hat eine Abstinenzentscheidung, man wird rückfällig, man wendet Strategien an und ist wieder abstinent.
05:55
Das ist ein Vorfall. Ein Rückfall ist eher so, dass man rückfällig wird und dann denkt, okay, jetzt habe ich irgendwie einmal Kokain gezogen, ich habe einmal Alkohol getrunken, jetzt ist eh alles vorbei und jetzt kann ich auch eigentlich wieder ganz normal so konsumieren wie früher. Und da haben wir eben Rückfall, also diesen Rückfall in wirklich alte Konsummuster und genau, und das ist dann sozusagen das, was auch wahrscheinlich länger anhalten wird.
06:23
Kleine Warnung am Rande. Ich kenne das nämlich so ein bisschen, dass Rückfälle gerne mit dieser Unterscheidung auch ein bisschen runtergespielt werden. Ach, das war doch nur ein Vorfall und ich bin jetzt schon wieder abstinent.
06:37
Und da gibt es eben so einen Punkt, das nennt sich der schleichende Rückfall. Und das ist sozusagen eine Aneinanderreihung an Vorfällen, die man nicht wirklich ernst nimmt und sozusagen langsam dazu führt, dass man wieder zu alten Konsummustern kommt. Das heißt, das ist eben nicht so snap auf einmal, sondern es ist wirklich schleichend so, ah, okay, gut,
07:01
Das neulich habe ich ja auch schon geschafft, wieder abstinent zu werden, dann mache ich das jetzt nochmal, dann kann ich ja nochmal ein Bier trinken, dann kann ich nochmal eine Line ziehen und langsam, aber sicher schleicht es sich eben in alte Muster rein und das wäre dann ein schleichender Rückfall, eine langsame Aneinanderreihung von Vorfällen, bis man am Ende wieder bei einem Rückfall ist.
07:21
Und um eben solche Muster und solche Strukturen für sich zu erkennen, ist eben die Rückfallprophylaxe, das Behandeln des Rückfalls sehr wichtig. Und deswegen ist auch ein Rückfall in einer stationären Reha oder in einer ambulanten Reha kein Weltuntergang. Denn wenn man das offenlegt und in die Kommunikation mit seinen Therapeuten, seiner Therapeutin tritt, dann kann man da sehr viel auch nochmal für sich daraus lernen.
07:46
Und vielleicht auch ein kleiner spannender Side-Fact. Es gibt eine Studie, also jetzt hat mich krass belegt, aber die hat eben einen Zusammenhang hergestellt von Menschen, die von Rückfällen träumen. Die werden weniger rückfällig. An was liegt das? Ähm…
08:03
Es gibt einmal so diese Traumerklärung, dass man sagt, okay, wenn man etwas im Traum schon mal durchspielt, ist es wie üben und dann kann man das im Real Life auch. Das ist eine Hypothese dazu. Die andere Hypothese dazu ist aber, dass dadurch, dass wir davon träumen, man sozusagen mit einer Angst, mit einer Sorge konfrontiert ist…
08:21
Und man aufgrund dessen das zum Beispiel in der Therapie zum Gespräch macht. Man setzt sich aktiv mit der Angst auseinander, man hatte diesen Traum, hat einen Anhaltspunkt, mit seinem Therapeut, seiner Therapeutin darüber zu sprechen und geht so eben in die Verarbeitung und in die Vorbereitung von diesen Gefühlen und von einem eventuellen Rückfall. Bevor ich mit euch gleich das Rückfallmodell durchspreche, rede ich erstmal mit euch über Error-Related Negativity.
08:51
Ich habe ja gerade erzählt, dass die meisten Rückfälle im ersten Jahr passieren und von diesen ganzen Rückfällen, davon sind immer noch die allermeisten in den ersten sechs Wochen. An was liegt das? Und da gibt es eben eine Antwortmöglichkeit, eine Theorie, dass das eben an dieser Error-Related-Negativity liegt.
09:15
Und das fand ich super spannend. Ich habe mich ein bisschen reinverfahren in das Thema. Ich hoffe, ich kann das einigermaßen gut erklären. Ich finde es ein bisschen kompliziert, wenn man da nicht vom Fach kommt und ich komme da auch nicht vom Fach, weil da geht es so ein bisschen um Neuroscience, also mehr so in die psychologie-medizinische Richtung. Aber ich hoffe trotzdem, dass ich es einigermaßen richtig und verständlich erkläre.
09:35
Also Error-Related Negativity oder auch auf Deutsch fehlerbedenkte Negativität ist im Prinzip eine Komponente von ERP, also Event-Related Potential. Und im Prinzip ist das super vereinfacht einfach, dass im Prinzip wir elektrische Ströme im Gehirn haben und je nachdem,
09:57
Was für Stimuli auf uns eintreffen, sei es ein Bewegungsstimulus, sei es irgendwie was Visuelles, reagiert unser Gehirn. Und das kann man im Prinzip im EEG sehen in so Wellen. Das ist jetzt mal wirklich ganz basisch. Das heißt zum Beispiel, ich sehe ein Baby, mein Gehirn macht was und im Prinzip, was mein Gehirn macht, kann ich im EEG nachmessen.
10:21
Und von diesen Wellen geht es eben diese Error-Related Negativity und wie man sich vielleicht schon denken kann, ist da die Welle unten. Also es geht in den Negativen. Error-Related Negativity ist nämlich dann noch zusätzlich mit einem Absinken von Endorphin und Dopamin in Verbundenheit gebracht worden. Und ja, ganz praktisch kann man sich das so vorstellen oder am besten kann man das vielleicht nachvollziehen, wenn man sich überlegt, man ist in einem Quiz und
10:50
Und das ist nicht so schwer und man hat aber Zeitdruck und muss ganz schnell irgendwelche Sachen machen. Und dann verhaut man irgendwie eigentlich eine super leichte Aufgabe, weil der Zeitdruck zu hoch war und man deswegen Flüchtigkeitsfehler gemacht hat. Und dann ist man ja immer so, ah scheiße, das war falsch. Ich weiß nicht, ob ihr das, ja ich bin gerade so zusammengezuckt, ob ihr das so nachvollziehen könnt.
11:14
Und das ist im Prinzip das, was Irrelated Negativity ist. Also diese Reaktion auf einen Fehler, obwohl ich einen anderen Handlungsplan auch hatte. Genau, also im Prinzip beschreibt es sozusagen das Gefühl und diese Gehirnaktivität und…
11:33
Das kann man jetzt in Verbindung mit Substanzkonsum bringen und das fand ich wirklich interessant und vielleicht auch wichtig für Menschen, die gerade am Ausstieg vom Substanzkonsum sind, um vielleicht ein bisschen was besser einordnen zu können. Denn im Prinzip ist der ERN, ich nenne es mal auf Deutsch ein bisschen leichter, also ERN for Error Related Negativity,
11:58
ist unser Fehlerdetektor. Er hilft uns sowohl bewusste als auch unbewusste Fehler zu sehen, zu spüren und sie am besten nicht wiederzumachen. Also es leitet uns ein bisschen durchs Leben und das haben wir eben auch durch diesen Dopaminabfall. So, jetzt gibt es mehrere Komponenten, die spannend sind in Verbindung mit Substanzkonsum. Auf der einen Seite ist es, dass Menschen innerhalb von einer Abhängigkeitserkrankung
12:26
wenn sie Alkohol konsumieren, komplett ihren ERN verlieren. Das heißt, sie sind absolut fehlerblind. Und man muss ja auch überlegen, es gibt ja mehrere Arten von Menschen, die eine Alkoholabhängigkeit haben. Und ja, es gibt halt eben auch die, die eher auch einen Spiegel halten. Das heißt, im Prinzip für mich bedeutet das, dass sie ja eigentlich immer komplett fehlerblind sind, also überhaupt auch kein Gespür haben,
12:52
noch über den Rauschzustand hinaus, wenn ihr versteht, was ich meine. Und ich habe mich echt gestern versucht, in diese Situation, in dieses Gefühl, versucht hineinzuversetzen, was es bedeutet,
13:07
Also, nehmt euch gerne mal ein bisschen Zeit und macht dieses Gedankenexperiment. Ja, ich fand es fast ein bisschen ulkig, ohne jetzt despektierlich zu sein, weil es ist definitiv nicht ulkig, aber ich kann es mir also gar nicht vorstellen und stelle mir dann eher so eine sehr dümmliche Steffi vor, die irgendwie richtig viel komische Sachen macht. Also…
13:34
Ja, denkt mal drüber nach. Ich konnte da nicht wirklich zu einer guten, richtigen State of Mind so kommen, wie ich dann am Ende wirklich bin, wenn ich keinen ERN habe. Aber ich fand es auf jeden Fall sehr spannend. Und das Gleiche hat man eben auch bei Menschen mit Kokainabhängigkeit herausgefunden. Und auch da fand ich es sehr spannend, denn bei Menschen mit Kokainabhängigkeit hat sich gezeigt, bei dieser Studie, dass sich sogar über…
14:02
den Konsum hinaus, also sozusagen, wenn man einen Entzug gemacht hat in den körperlichen, der ERN bis zu drei Monaten nicht mehr normalisiert. Das heißt, man hat trotz Abstinenz eben noch ein extremst geringen bis gar keinen ERN. Das heißt, man hat eben kein Gespür für seine Fehler, keine Modellierungsfunktion und das macht, glaube ich, ein Leben echt unfassbar kompliziert. Und
14:27
Und genau, was sie in der Studie gesagt haben und das fand ich auch wirklich spannend, haben sie ja gemeint, naja, an sich könnte man ja noch in der Entgiftung den IRN messen, denn es ist aufgefallen, dass umso geringer der IRN in der Entgiftung schon ist, umso höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Person verursacht.
14:47
rückfällig wird und zwar auch mehrmals rückfällig in der Zeit nach der Entgiftung. Das heißt sozusagen, ein niedriger IRN war sozusagen in dieser Studie ein Hinweis darauf, dass diese Person rückfällig wird. So, und die zweite Komponente ist noch viel
15:04
Arschiger. Also sorry, anders kann man es gar nicht sagen. Es ist im Prinzip so, dass nach einer Abhängigkeitserkrankung, nach einer gewissen Länge, der Körper, also der Geist, wie man es auch immer nennen möchte…
15:18
Fehler und richtig anders bewerten. Das heißt, der Konsum wird als richtig bewertet und das Nichtkonsumieren als Fehler. Man kann sich das im Prinzip so vorstellen, dass, nehmen wir mal an, man hat ein negatives Gefühl, man ist super traurig. Und normalerweise hat man früher immer, also wirklich immer, ein Bier getrunken oder vielleicht auch fünf, weil wir reden ja hier auch im Rahmen von der Abhängigkeitserkrankung.
15:45
Und jetzt ist es so, dass die Person eine Abstinenzentscheidung getroffen hat, dies, das, eine Therapie gemacht hat.
15:52
Aber der Körper, der checkt das ja nicht einfach mal so schnell. Das heißt, er bewertet jetzt, wenn die Person traurig ist, aber dafür nicht trinkt, das erstmal als Fehler und bestraft ihn sozusagen damit mit einem IRN und damit auch wieder mit einer zusätzlichen Dopaminabsenkung. Das heißt, es kommt einem erstmal falsch vor, nicht zu trinken beim negativen Gefühl, obwohl man einen Abstinenzvorsatz hat, weil das eben so eintrainiert ist.
16:21
und das ist halt echt sorry, wie scheiße ist das denn? Dann bleibt man jetzt schon in so einem traurigen Moment stark und sagt, okay, nein, ich konsumiere jetzt halt nicht, ich habe eine Abstinenzentscheidung getroffen und der Körper sagt, du machst einen Fehler, wie scheiße ist das denn? Und daher kommt das halt eben auch, dass
16:41
Das erste Jahr und auch die ersten sechs Wochen, aber vor allem auch das erste Jahr, so das härteste ist und man sagt, nach dem ersten Jahr wird es besser. Das liegt sehr viel auch daran, dass sich nach einem Jahr dieser ERN wieder normalisiert, unser Körper langsam sich umprogrammiert und sagt, abstinenz ist super, konsumieren ist scheiße und dann auch unser Fehlersystem und unser Fehlerdetektor wieder richtig funktioniert.
17:05
Aber bis dahin muss man halt eben durchhalten und es auch manchmal in Kauf nehmen, dass diese Entscheidung für den Nichtkonsum sozusagen mit einem noch größeren Dopaminabfall genau sanktioniert wird, sagen wir es mal so. Aber die gute Nachricht ist ja, es wird wieder besser und es dreht sich wieder um. Werbung
17:30
So, kommen wir zum letzten Part dieser Folge und zwar werde ich jetzt ein Rückfallmodell vorstellen. Jetzt könnte man sich vielleicht erstmal ein bisschen fragen, okay, für was braucht man denn ein Rückfallmodell? So komplex ist es doch eigentlich nicht, man wird rückfällig und fertig. Und viele meiner Klienten und Klientinnen haben auch immer so das Gefühl, so ein Rückfall kam aus dem Nichts.
17:54
Nun ist es nun mal so, dass wenn wir der Meinung sind, die Annahme haben, etwas kam aus dem absoluten Nichts, dann kann man ja nicht mehr so viel dran ändern und dann hat man ja auch nicht mehr so viele Einflussmöglichkeiten in die Zukunft. Und meistens, also wirklich in den meisten Fällen, kommt das auch nicht wirklich aus dem Nichts, so zack und plötzlich ist da was, sondern da hängen immer viele Faktoren miteinander zusammen.
18:20
Und über das Rückfallmodell, über was wir jetzt reden, da geht es vor allem auch um die Faktoren, die so einen Rückfall begünstigen. Und zwar ist es ja ein sehr grundlegendes Rückfallmodell und zwar das Rückfallmodell nach Malat. Und ja, da führe ich euch jetzt einfach mal durch. Im allerersten Schritt geht es erstmal um die Frage, ist der Klient, die Klientin, ist die Person, die rückfällig geworden ist,
18:49
worden ist erstmal der Chor mit ihrer Abhängigkeitsdiagnose. Denn wenn jemand gar nicht denkt, dass er wirklich abhängig ist, eine Abhängigkeitserkrankung hat, dann
19:03
dann ist das schon mal der Punkt, wo man als erstes ansetzen muss und nochmal die Diagnose mit der Person zu prüfen, zu gucken, okay, wie kam es denn dazu? Und das wäre sogar erstmal der allererste Schritt. Denn wenn er sagt, ja, das ist eine Tatsache, mir ist klar, dass ich eine Abhängigkeitserkrankung habe, dann ist gut, dann geht es sozusagen zu Schritt 2. Aber wenn nicht, geht es erstmal darum zu gucken, okay, wie ist es denn mit der Abhängigkeitsdiagnose? Und schon
19:28
Schon gleich am ersten Punkt wird es ein bisschen tricky, wenn wir von…
19:34
Wenn man von mehreren Substanzen redet, sagen wir zum Beispiel, jemand war kokainabhängig, hatte aber noch nie ein Problem mit Alkohol. Dann ist es bei vielen so, dass sie sagen, ja klar, ich habe eine Kokainabhängigkeit, das sehe ich absolut ein, aber ich hatte ja noch nie Probleme mit Alkohol. Und es zählt ja trotzdem in der konservativen Suchttherapie als Rückfall, wenn man Kokain konsumiert.
19:59
dass man über diese Punkte streiten kann. Das ist eher ein bisschen was ja noch fast Philosophisches, deswegen möchte ich darüber nicht tiefer eingehen, sondern bleibe jetzt einfach mal beim Grundthema. Aber ich habe an mehreren Punkten eigentlich so ein bisschen Kritik. Aber wie gesagt, bleiben wir beim Thema. So, gucken wir mal.
20:17
Es kann zu einer Suchtverlagerung kommen, es kann zu einer Suchtverlagerung kommen, dass man sozusagen seine Sucht von einer Substanz auf die nächste verlagert oder der Konsum von Alkohol kann Türen öffnen für den Kokainkonsum und und und.
20:38
Das heißt, im allerersten Schritt wird erstmal grundlegend geklärt, wie steht der Klient, die Klientin zu ihrer Abhängigkeitsdiagnose und welche Substanz wurde überhaupt konsumiert, wenn wir eben mehrere Substanzen im Spiel hatten. Im zweiten Schritt schauen wir uns erstmal an, ob der Abstinenzvorsatz da ist.
21:00
Denn es gibt keinen Rückfall ohne Abstinenzvorsatz. Easy. Wenn ich sage, ich möchte gar nicht abstinent sein oder ich konsumiere hier und da mal oder ich möchte gerne kontrolliert konsumieren, dann ist kein Abstinenzvorsatz da und ohne Abstinenzvorsatz gibt es keinen Rückfall. Das heißt, das wäre dann meine zweite Frage erstmal. Wie läuft es mit der Diagnose? Sind Sie sich da irgendwie…
21:23
Ja, der Akkord, dass Sie eine haben, sehen Sie das ein bzw. können Sie das nachvollziehen und im zweiten Schritt, ja und wollen Sie gerne abstinent sein, haben Sie einen Abstinenzvorsatz. Wenn diese zwei Punkte geklärt sind, erst dann schauen wir uns die Komplettsituation an.
21:40
Einem Rückfall liegt zugrunde nach Malat erstmal ein unausgewogener Lebensstil. Und ein unausgewogener Lebensstil kann erstmal beschrieben werden, dass das Sollen größer ist als das Wollen. Man hat das Gefühl,
21:56
ach, man ist im Hamsterrad, man kann irgendwie nichts machen, man hat ein geringes Gefühl von Selbstbestimmtheit und naja, eigentlich will man das alles gar nicht, was man gerade macht, aber man soll, man muss das machen und man lebt sozusagen ein Muss aus. Daraus entwickelt sich sozusagen ein Wunsch nach Befriedigung, ein Wunsch nach, ich möchte mal wieder was für mich tun, ich möchte irgendwie, ja, einfach mal aus diesem ganzen Muss-Kontext ausbrechen.
22:25
Daraus entsteht dann ein Verlangen, einen Suchtdruck. Das muss auch nicht erstmal gleich voll einschlagen, sondern auch vielleicht sich langsam entwickeln. Und dann kommt es oft zu einer Art Rationalisierung und Leugnung von scheinbar irrelevanten Entscheidungen. Was meine ich damit? Ich gebe euch mal ein Beispiel. Sagen wir mal,
22:49
Ihr wart früher mit eurem Dealer befreundet oder die Klientin war früher mit dem Dealer befreundet. Aber es war halt eher eine Dealerfreundschaft. Also man geht da hin, man kauft was, man schmart ein bisschen. Und plötzlich kommt man auf die Idee, ach ja, ich könnte ja mal wieder zu Thomas, ich nenne ihn jetzt einfach so,
23:12
Er war zwar mein Dealer, aber wir waren doch eigentlich echt dicke Freunde. Oh, oder wir haben doch auch immer Mario Kart zusammen gezockt. Ha, ja, boah, Mario Kart habe ich schon echt lange nicht mehr gespielt. Boah, ich glaube sogar, der hat die neue Wii-Version davon. Ach, komm, ich gehe einfach zu Thomas, zock mit ihm ein bisschen Mario Kart. Ich will auch nur Mario Kart zocken, aber auf was anderes bin ich gar nicht aus.
23:37
Versteht ihr, was ich meine? Hier habe ich eine extreme Rationalisierung von der Situation, dass ich im Prinzip wieder zu meinem Dealer gehe. Also man begibt sich persönlich in eine Risikosituation, aber da spaziert man nicht einfach blind rein, sondern man fängt an, das zu rationalisieren oder auch zu leugnen, um was es eigentlich wirklich geht und gibt dem anderen einen anderen Frame.
24:02
So, und dann komme ich zu Thomas und da liegt schon das Kokain auf dem Tisch. Schon aufgehackt, weil er hatte eben gerade was konsumiert, ist noch ein bisschen was übrig. Also im Prinzip werde ich von meiner Triggerdroge komplett, von meiner Hauptsubstanz komplett empfangen. Und das ist sozusagen der nächste Schritt. Ich bin in meiner persönlichen Risikosituation. Ich werde von dem Kokain abgehackt.
24:29
konfrontiert und habe dann spontan erstmal keine Bewältigungsmöglichkeit verfügbar. Eine Bewältigungsmöglichkeit wäre, einfach zu gehen.
24:39
Aber die Frage ist halt, man ist ja wahrscheinlich gar, also unterbewusst ist man gar nicht mit einem anderen Vorsatz dahin. Also warum sollte man dann gehen? Das heißt, spontan ist keine Bewältigungsmöglichkeit am Start und ich habe das Gefühl von einer verringerten Selbstwirksamkeit. Das heißt, ich sage, oh,
25:01
ich schaffe es nicht und gleichzeitig kommt eine positive Erwartung an das Suchtmittel. So, ach ja, aber komm, eine Line, das macht das alles weg und mein Suchtdruck und hier und mein ganzes Leben, das ist ja eh gerade kacke, aber so eine Line, das macht den Unterschied.
25:19
Und in der kurzzeitigen Konsequenz löst dann das Kokain sozusagen die momentanen Probleme. Man hat also sozusagen kurzfristig ein positives Erlebnis und somit kommt es eben zur Fortsetzung des Konsums. Und so haben wir jetzt zum Beispiel ein sehr klassisches Beispiel an einem Rückfall, dass man ja im Rückfallmodell nach Malat sozusagen entlang gehangelt hat.
25:44
Genau, das war es im Prinzip auch schon mit diesem Modell und jetzt gibt es natürlich da weiter, wie man weitermacht. Also ist das für mich jetzt, wo ich sage, okay, jetzt bin ich rückfällig geworden, jetzt muss ich, kann ich, habe ich eh verloren oder irgendwann unterbricht man den Konsum, weil irgendwann ist er halt dann auch zu Ende.
26:02
Und dann geht man damit arbeiten und geht in seine Suchtberatung, geht in die Therapie, je nachdem, wo man auch gerade angegliedert ist oder sucht sich eine neue Anlaufstelle, Selbsthilfegruppe und arbeitet den Rückfall auf. Denn Rückfälle gehören zur Abhängigkeitserkrankung dazu. Und das ist keine Ausrede, aber es ist eine Entlastung und es soll eine Entlastung sein. Denn man kann damit arbeiten und man kann auch wieder zur Abstinenz zurückkehren.
26:30
wenn man das gerne möchte. Ja, meine Lieben, das war es schon mit der Rückfallfolge und ich bin echt froh, dass es mal wieder ein bisschen eine kurze und knackige Folge war. Vielleicht noch kurz ein paar Worte dazu, warum ich in der Mitte so ein bisschen gestockt habe.
26:50
Ich bin nicht gegen die Abstinenz, das auf gar keinen Fall. Also ich finde Abstinenzansätze richtig wichtig und total gut, dass es die gibt und dass wir die Möglichkeit haben, in Therapie eben Menschen so ausführlich zu behandeln.
27:07
Ich bin aber auch der Meinung, dass abstinenzorientierte Ansätze und vor allem stationäre abstinenzorientierte Ansätze nicht unbedingt das Herzstück unserer Suchthilfe sein muss, wie es gerade gehandhabt wird, sondern dass wir ein sehr breit ausgelegtes Angebot brauchen.
27:26
Und wir haben ja schon sehr viel Energie, sehr viel Wissenschaft in abstinenzorientierte Ansätze gesteckt und ich bin einfach der Meinung, jetzt sind auch andere dran. Ich habe mehrere Hypothesen, mehrere Ideen, die ich auch mehr oder weniger selbst anfangen werde zu erforschen.
27:43
wo es einfach auch ein bisschen darum geht, was gibt es denn noch für Ansätze. Weil man muss sich halt auch überlegen, wir forschen auch die ganze Zeit immer nur in die gleiche Richtung. Wir erforschen Menschen, die schon in stationären Rehers sind. Das heißt, es sind Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung, Menschen, die schon dem System und unseren Grundsätzen ausgesetzt worden sind. Und im Prinzip drehen wir immer nur an den gleichen Schrauben ab,
28:09
Und ja, verfeinern im Prinzip unser abstinenzorientiertes Konzept. Ich glaube aber, wenn man mal allein anschaut, wie wenige Menschen mit Konsumproblematiken man mit diesem Konzept erreicht, dass wir neue Konzepte brauchen und deswegen…
28:25
möchte ich auch solche Abstinenzansätze nicht als die einzige Wahrheit hier verkaufen. Und deswegen bin ich dann auch manchmal so ein bisschen am Hadern. Das sind aber auch keine wissenschaftsuntermauerten Ansätze, die ich euch hier präsentieren kann, sondern viele Dinge, die ich durch all das, was ich lese, durch das, was ich erfahre, durch das, was ich mit meinen Klienten und Klientinnen mache, stark in Frage stelle, ob es da nicht noch andere Wahrheiten nebendran gibt. Und ich bin auch kein Mensch, für den es Ja oder Nein gibt.
28:54
sondern ich glaube, dass alles existieren darf, also sowohl die abstinenzorientierte Therapie, aber dass vor allem daneben es mehr harm-reduction-therapeutische Ansätze braucht, um mehr Menschen erreichen zu können. Das heißt, ja, ich lerne auch in meiner suchttherapeutischen Ausbildung vor allem diesen abstinenzorientierten Ansatz,
29:18
Aber ich hoffe, so krass und ich weiß nicht wann und das kann auch ewig dauern, dass ich irgendwann mit meiner Arbeit an den Punkt komme, dass ich wirklich wissenschaftlich basierte Ergebnisse herausbringen kann, wo ich irgendwie auch neue, frische Ansätze mit neuen Erkenntnissen präsentieren kann. Das wäre richtig killer.
29:39
Aber nur, dass ihr ein bisschen versteht, warum ich manchmal so zögere, weil ich mich sehr dagegen sträube, einfach das Rad genauso zu drehen wie alle anderen, ohne das zu hinterfragen. Trotz allem sind die Theorien mega wichtig und werde ich euch auch nicht vorenthalten. Aber nur das so als kleines Framing. Und jetzt mache ich wirklich Schluss. Wenn ihr mit mir reden wollt, folgt mir gerne auf Instagram, findet ihr mich unter psychoaktiv.podcast.
30:06
Oder unter meiner E-Mail psychoaktiv.podcast at gmail.com. Ich bin aber auch auf LinkedIn zu finden oder auch auf Twitter. Also eigentlich bin ich recht einfach zu kontaktieren. Ihr könnt mir gerne Rückmeldungen geben, aber auch Wünsche für neue Folgen. Ich bin eigentlich für alles offen. Ich freue mich auch einfach über nette Tratsch- und Klatschgeschichten. Bin ich auf jeden Fall auch dabei. Ich wünsche euch eine wunderschöne Zeit und bis zum nächsten Mal. Tschüss.
30:42
Das war psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Steffi.
