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Das Potenzial der E-Zigarette mit Prof. Dr. Heino Stöver

E-Zigaretten unterscheiden sich von klassischen Zigaretten vor allem dadurch, dass kein Tabak verbrannt wird. Stattdessen wird ein Liquid erhitzt und verdampft, wodurch deutlich weniger Verbrennungsprodukte entstehen. Gleichzeitig ist Dampfen nicht risikofrei: Je nach Gerät, Temperatur, Liquid und Nutzungsverhalten können weiterhin reizende oder potenziell schädliche Stoffe aufgenommen werden. Entscheidend ist deshalb vor allem der Vergleich zur Verbrennungszigarette. Aus Sicht der Tabakschadensminderung kann die E-Zigarette für Menschen relevant sein, die weiter Nikotin konsumieren, aber die gesundheitlichen Risiken des Rauchens reduzieren möchten.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Heino Stöver geht es um den Forschungsstand zu E-Zigaretten, mögliche Risiken, Passivdampfen und die Frage, welche Rolle sie beim Rauchstopp spielen können. Die Folge spricht über EVALI, Unterschiede zwischen E-Zigaretten und Tabakerhitzern, die Bedeutung von Langzeitstudien und darüber, warum der Umstieg manchen Raucherinnen und Rauchern leichter fällt als klassische Entwöhnungsmethoden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Tobacco Harm Reduction und der deutschen Tabakkontrollpolitik. Dabei wird diskutiert, wie Steuern, Werbung und unabhängige Beratung gestaltet sein müssten, damit weniger schädliche Nikotinprodukte tatsächlich als Alternative zur Verbrennungszigarette genutzt werden können.


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Das Potenzial der E-Zigarette mit Prof. Dr. Heino Stöver

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PODCAST-METADATEN

Folge: 22
Erscheinungsdatum: 19.05.2021
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Das Potenzial der E-Zigarette mit Prof. Dr. Heino Stöver
Sprecher: Stefanie Bötsch, Prof. Dr. Heino Stöver
Typ: Transkript

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Transkript Beginn

00:09

Psychoaktiv, euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein! Willkommen bei einer neuen Podcast-Folge und heute habe ich wieder einen ganz besonderen Gast am Start, meinen Professor, Professor Dr. Heino Stöber. Er leitet meinen Studiengang, den Master Suchttherapie und Sozialmanagement in der Suchthilfe und ich freue mich, dass Sie heute da sind. Hallo Herr Stöber!

00:40

Hallo Frau Bösch. Sie beschäftigen sich sehr viel mit E-Zigaretten. Ich habe schon sehr viel über E-Zigaretten in meinem Studiengang bis jetzt von Ihnen auch gelernt. Starten wir heute erstmal ganz grundlegend rein, weil das ist ja auch das Thema für heute. Was ist eigentlich genau eine E-Zigarette? Ja, E-Zigaretten gibt es etwa seit zehn Jahren. Es ist eine chinesische Erfindung und der Mechanismus deutet sozusagen so einen Paradigmenwechsel in der Nikotinaufnahme an.

01:09

Bei der Verbrennungszigarette wird eben der Tabak verbrannt und im Verbrennungsprozess entstehen eben ganz viele potenziell krebserregende Schadstoffe, werden da freigesetzt. Und bei der E-Zigarette ist es so, dass eine Flüssigkeit verdampft, erhitzt wird, nicht verbrannt wird,

01:26

Ein bestimmtes Liquid wird erwärmt und daraus wird eben sozusagen der Rauch gezogen und dieses Liquid kann Aromen enthalten oder auch Nikotin oder beides und das ist sozusagen der Gewinn für den Dampfer.

01:44

Das hat sich eingebürgert. Die DampferInnen setzen sich eben stark ab von den RaucherInnen und zeigen damit eben auch an, diesen unterschiedlichen Mechanismus, dass die Flüssigkeit, das Liquid, eben verdampft wird. Das Liquid besteht…

02:00

Die Trägerflüssigkeit aus Propylenglykol und Glycerin, das sind beides Lebensmittelzusatzstoffe, die auch in der Lebensmittelindustrie verwendet werden. Und das ist sozusagen nichts Neues, sondern die sind lebensmitteltechnisch auch kontrolliert und verwendet.

02:19

Dadurch sozusagen entstehen weniger Risiken. Jetzt hat sich aber in den USA ja mehrere gesundheitliche Fälle verbreitet, die auch ein bisschen nach Deutschland wenigstens von den Informationen rübergeschwappt werden. Und zwar Fälle von EVALI. EVALI steht für E-Cigarette or Vaping Product Use Associated Lung Injury.

02:39

Oder kurz zu deutsch eben ein Lungenversagen, zugeführt durch E-Zigaretten. Haben wir das Problem hier in Deutschland auch? Wie ist das denn entstanden, wenn im Prinzip die E-Liquids, wie Sie sagen, nur aus einem Zusatzstoff besteht, also dass die Trägerflüssigkeit eigentlich nahrungstechnisch okay sind?

02:59

Ja, das ist eine ganz andere Situation in den USA gewesen. Diese Evali-Fälle, die ja sehr großen Schaden angerichtet haben bei Menschen, Lungenschäden, es sind mehrere Menschen daran gestorben. Das geht zurück und ist auch eindeutig erforscht worden vom Center of Disease Control in Atlanta.

03:19

auf illegal vertriebene, mit Cannabinoiden versetzten Flüssigkeiten, die die Menschen dann geraucht haben. Das sind also alles illegale Straßensubstanzen gewesen. Evali gibt es nicht außerhalb der USA und außerhalb einiger Bundesstaaten in den USA. Nirgendwo in der Welt sind solche Fälle danach aufgetreten oder währenddessen.

03:44

Im Gegenteil, ich würde sagen, dass in Deutschland, aber auch in Europa, aber für Deutschland kann ich es mit Sicherheit sagen, diese Zusatzstoffe, die Trägersubstanzen eben auch stark lebensmitteltechnisch kontrolliert werden. Also es sind saubere Produkte, die hier verkauft werden.

04:02

Man muss vielleicht ein bisschen vorsichtig sein, was man im Internet bekommt. Aber hier sind diese Substanzen kontrolliert und sauber und sind insofern auch, was die Wali-Risiken angeht, unbedenklich. Wissen Sie zufälligerweise, weil es werden ja schon vor allem zur Zeit gerade sehr viele Liquids vertrieben mit synthetischen Cannabinoiden.

04:25

dementsprechend auf dem illegalen Markt. Ist darüber irgendwas bekannt, wie das da mit Evali ausschaut? Oder sind wir da in der Forschung noch nicht so weit? Naja, es sind schon Fälle aufgetreten von Liquids mit synthetischen Cannabinoiden, Einzelfälle. Aber von Evali ist nie wieder berichtet worden. Es ist auch in den USA jetzt nicht mehr. Es ist ein abgeschlossenes Phänomen.

04:52

was aber über eine gewisse Zeit, mehrere Monate wirklich Todesopfer und wie gesagt hohe andere körperliche Risiken beinhaltet hat. Davon ist hier weiter nichts bekannt. Die Problematik bei E-Zigaretten ist ja so ein bisschen oder was so am meisten für Gegenstimmen kommen ist ja, wir besitzen keine Langzeitstudien. Woher wollen wir wissen, dass E-Zigarette

05:15

nicht eigentlich auch irgendwas noch in den Liquids drin hat, was vielleicht doch schädlich sein kann. Können Sie uns vielleicht einen kleinen Überblick über den Forschungsstand und Langzeitstudien zu E-Zigaretten und den Schaden erzählen? Ja, wir haben es schon mit den Liquids und mit den E-Zigaretten mit mehreren Substanzen zu tun. Ich habe eben die Trägersubstanzen genannt, aber…

05:40

Bei mehr Hitzen der Liquids entstehen eben die Substanzen Acetaldehyd und Formaldehyd. Das sind, wie wir alle wissen, Substanzen, die die Haut reizen und die Schleimhäute reizen, die Atemweh schädigen können und sind auch potenziell krebserregend. Aber die Aufnahme…

05:58

dieser Substanzen ist eben ganz stark vom Nutzungsverhalten abhängig. Und allgemein sagt man, und das ist auch unwidersprochen so, bei den E-Zigaretten zumindestens, es ist noch ein bisschen anders bei den Tabakerhitzern, aber bei den E-Zigaretten ist es so,

06:12

dass die Forschung davon ausgeht, dass die Nikotinaufnahme oder das Dampfverhalten 95 Prozent weniger schädlich ist als die Aufnahme von Nikotin oder das Rauchen von Verbrennungszigaretten. Diese 95 Prozent beziehen sich natürlich immer auf gesunde Menschen, die keine Vorerkrankungen haben, was den Respirationstrakt anbelangt.

06:34

Insofern ist das nicht für alle Menschen gleichermaßen zutreffend, aber das gibt uns schon ein bisschen eine Ahnung darüber, wie das Gefahrenpotenzial im Vergleich zur Verbrennungssigarette zu bewerten ist.

06:52

nämlich erheblich niedriger. Und darauf würde ich mich auch mal wieder beziehen. Es wird in der Tat ganz oft verlangt, Langzeitstudien, ja gern, aber das Bundesministerium für Gesundheit oder andere Ministerien geben gar keine Langzeitstudien in Auftrag in Deutschland, sondern die ganzen Forschungsergebnisse beziehen wir eigentlich aus England und aus den Staaten, zum Teil aus Kanada.

07:16

In England, das King’s College in London insbesondere, ist weltweit führend in der Erforschung, sowohl sozialwissenschaftlich, aber auch toxikologisch, der E-Zigarette. England hat sehr früh begonnen, die E-Zigarette für die Menschen zu empfehlen, die auf andere Art und Weise ihr Rauch nicht aufgeben können, als sozusagen Mittel zur Rauchentwöhnung.

07:43

Und demgemäß hat England eben auch sehr viel Geld in Forschung gesteckt. Zum Teil hat die Tabakforschung das 10- oder 20-fache des Budgets, was wir in Deutschland für die Forschung zur Verfügung haben, im Deutschen Krebsforschungsinstitut zum Beispiel. Also da blicken wir neidvoll hin und England macht eben auch Langzeitstudien. Und da sehen wir auch, obwohl es schwierig ist, Menschen zu finden, die nur E-Zigarette genutzt haben in ihrem Leben im Vergleich zur Verbrennungszigarette,

08:12

Da sehen wir auch, dass die Schadstoffbelastung dieser Menschen, die nur E-Zigarette nutzen oder irgendwann umgestiegen sind, um ein erhebliches niedriger sind als die Menschen, die eine lange Zeit Verbrennungszigaretten genutzt haben. Also das stimmt uns alle sehr zuversichtlich. Gleichwohl ist, wie gesagt, auch das Dampfen kein gesundes Verhalten. Das wird immer so ein bisschen postuliert als wäre es,

08:39

Nichts davon ist gesund. Da kann man nur von abraten. Das Dampfen ist auch nicht gesund. Und das Passivdampfen ist auch nicht gesund. Natürlich alle Substanzen, die wir der Lunge zuführen, dem Respirations-, dem Atemwegstrakt, sind schädigende Substanzen. Waldluft und Spaziergänge in der Waldluft sind allemal besser. Aber wir müssen eine…

09:04

eine Risikoabwägung vornehmen. Die E-Zigarette ist ja nicht gedacht für junge Menschen, sondern für Menschen, die das Rauchen auf andere Art und Weise nicht aufgeben können. Und für diese Personengruppe im dritten, vierten Lebensjahrzehnt stehend, das ist die Hauptzielgruppe, ist die E-Zigarette eben eine Alternative. Und die gestaltet sich tatsächlich sehr viel risikoärmer als die Nikotinaufnahme über die Verbrennungssigarette.

09:32

Auf den Punkt werde ich gleich nochmal zurückkommen, was mich erst nochmal kurz interessiert. Sie haben gerade schon das Passivdampfen erwähnt und wir haben ja bei der Zigarette den Hauptstromrauch und den Nebenstromrauch und der Nebenstromrauch, also im Prinzip das, was PassivraucherInnen aufnehmen, ist ja nochmal deutlich schädlicher. Wissen Sie, wie das bei der E-Zigarette ist? Wie ist denn das Passivdampfen von der E-Zigarette zu bewerten? Ja.

09:55

Es ist in der Tat, kann es ähnlich zu Atemwegsreizungen führen, wenn jemand unmittelbar neben mir dampft. Also auch da müssen Etiketten eingehalten werden. Allerdings ist da die Forschung nicht so weit, dass wir sagen können, da gibt es Morbiditäts- oder Mortalitätsfälle dazu, wie anders als bei der Verbrennungssigarette, wo wir von 200, 300 Todesfällen pro Jahr ausgehen, die durch Passivrauchen entstehen.

10:22

Das ist eben bei der E-Zigarette nicht erforscht und auch nicht so wahrscheinlich, weil, wie gesagt, das krebserregende Potenzial bei der E-Zigarette eben um vieles, vieles geringer ist als bei der Verbrennungssigarette. Macht die Wattzahl, die kann man ja einstellen bei manchen E-Zigaretten, einen Unterschied bei der Schädlichkeit? Ja, also wir haben dadurch ja auch eine viel intensivere Qualität in der Aufnahme der Substanzen

10:49

Und sicherlich macht das Nutzungsverhalten etwas aus in der Risikoexposition, also welche Risiken wir uns aussetzen. Das haben wir ja bei der Verbrennungstigarette auch, die bis zum Schluss, bis zum Filterrauchen oder wie wir uns damit verhalten. Das geht dann sehr ins Detail und da muss man dann sehr genau gucken,

11:08

welches Nutzungsverhalten vorliegt und wie die Schäden und Risiken dann sind. Sie haben ja vorhin auch schon vom Tabakerhitzer geredet. Es gibt drei Begriffe, die mir bei E-Zigaretten sofort in den Kopf kommen. Das ist einmal E-Zigarette, E-Shisha und natürlich dann der Tabakerhitzer. Vielleicht erst mal, gibt es einen Unterschied zwischen E-Zigarette und E-Shisha oder ist das einfach ein Synonym? Nein, das ist kein Synonym. Das ist schon ein anderes Verfahren. Aber auf das gehen Sie ja mit einem späteren Beitrag nochmal ein.

11:36

Lassen Sie mich vielleicht mal sagen zu Tabakerhitzern, E-Zigarette und Tabakerhitzer. Auf so einer Risikoskala würde ich die Tabakerhitzer etwas weniger unnötig

11:46

schadstoffarm einstufen, weil hier eben noch echter Tabak erhitzt wird, auch nicht verbrannt wird. Dann hätten wir dieselben Schädlichkeitsformen wie bei der Verbrennungssigarette. Aber dieser Tabak wird erhitzt und der Tabak ist natürlich auch mit, kommt darauf an, aber mit verschiedenen Pestiziden behandelt worden in der Regel. Und darüber gibt es eben auch eine weitere Risikoexposition, die wir bei den reinen Liquid-Tabak,

12:14

eben nicht haben. Sondern da ist ja Tabak gar nicht mehr im Spiel. Wir können Tabakaromen dazu mischen, aber Tabak selbst ist nicht mehr am Start. Sie haben ja auch vorhin erwähnt, an sich sind E-Zigaretten oder wäre schön, wenn E-Zigaretten nur für Menschen wären, die eben aus dem Rauchen aussteigen. So jetzt erstmal aus der subjektiven Wahrnehmung bei mir aus der Praxis, wenn ich mit Jugendzentren oder so rede,

12:37

Es kommen oft Fragen zurück zu E-Zigaretten und E-Shishas und dass eben irgendwie die Jugendlichen das schon super interessant finden. Ich meine, es ist ein modernes Produkt. Es ist elektrisch. Es schaut cool aus. Man kann da viel mit rumspielen. Sorgt nicht einfach die Tabakindustrie darum, dass der Markt nicht abbricht? Ja, man muss die Tabakindustrie sehr genau beobachten, welche Strategien sie fährt. Und natürlich ist die E-Zigarette wichtig.

13:03

Kann sie tendenziell zum Lifestyle-Produkt werden und auch beworben werden? Wir haben das in den USA gesehen, diese Jewel-Mania, also Jewel mit einem sehr starken und hohen Nikotingehalt, die sind dann von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr stark genutzt worden. Dieser hohe Nikotingehalt, das ist in Deutschland nicht möglich. Aber diese…

13:28

Ja, die Geräte sind eben glücklicherweise noch nicht so in die Jugendkultur eingezogen, wie man das vielleicht befürchten könnte. Auch die Daten aus der DEBRA-Studie, das ist die größte deutsche Studie zum Aufverhalten der Deutschen, zeigen uns, dass die E-Zigarette zwar von immer mehr Jugendlichen mindestens einmal im Leben genutzt wird, aber der Anteil der regelmäßigen E-Zigaretten-Nutzerinnen sehr, sehr gering ist. Und wir eigentlich davon ausgehen können…

13:57

dass die E-Zigarette, das wird ja immer in so einer Gateway-These behauptet, nicht den Einstieg in die Verbrennungssigarette gibt, sondern das ist zweierlei. Viele Menschen und ich meine, so wie die E-Zigarette gehypt wird unter Erwachsenen, ist vollkommen klar, dass die Jugendlichen aus Neugier damit experimentieren. Gar keine Frage. Also die Lebenszeitprävalenz, mindestens einmal im Leben die E-Zigarette genutzt zu haben, das wird steigen.

14:26

Aber wie gesagt, die Inzidenz regelmäßigen Dampfens, das ist glücklicherweise sehr gering und gibt keinen Anlass jetzt zur Sorge, dass darüber vermehrt Jugendliche in den Verbrennungszigarettenkonsum reinrutschen. Im Gegenteil, wir haben ja seit 20 Jahren dramatische Rückgänge beim Nutzen von Verbrennungszigaretten unter Jugendlichen.

14:52

Gerade in der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen sind es nur mehr 7 Prozent, die angeben, in der letzten Woche geraucht zu haben. Das ist wirklich dramatisch zu nennen und es ist nur noch ein Drittel der Zahl, die wir vor 20 Jahren hatten. Dasselbe erleben wir beim Alkohol übrigens. Also die Jugendlichen ersetzen aber auch diesen Rückgang im Rauchverhalten nicht durch E-Zigaretten glücklicherweise. Wie gesagt, sie experimentieren, aber regelmäßige Nutzung ist sehr, sehr, sehr gering.

15:21

Werbung Sie propagieren, was heißt propagieren, Sie forschen ja vor allem viel oder Ihr Forschungsschwerpunkt geht viel in Richtung E-Zigarette als Rauchausstieg. Das ist ja sozusagen genau dann das Gegenteil von was wir gerade gesprochen haben. Wie schaut denn ein Rauchausstieg ganz praktisch mit einer E-Zigarette aus? Kaufe ich mir einfach eine E-Zigarette und dann ist gut? Ja.

15:47

Naja, die E-Zigarette hat schon neuen Wind reingebracht in die Rauchentwöhnungsstrategie. Das muss man ihr lassen. Und auch andere Gerätschaften, die jetzt seit zehn Jahren entwickelt werden, haben sehr viel Bewegung in die vorher über 50 Jahre sehr starre Rauchentwöhnungspolitik gebracht.

16:09

Bevor die E-Zigarette auf den Markt kam, hatte man ja eigentlich nur zwei Botschaften. Die Engländer sagen dazu, quit or die. Entweder sie hören auf oder sie sterben früher.

16:20

Und das heißt, Abstinenz war das einzige Gebot. Und wenn sie nicht abstinent werden wollen, das Rauchen nicht aufgeben wollen oder können, dann werden sie mit Sicherheit früher sterben, weil das Krebsrisiko unter RaucherInnen eben massiv gestärkt oder massiv viel höher ist als unter Nichtrauchern. Die E-Zigarette…

16:45

hat neuen Wind in Rauchentwöhnungsstrategien deshalb gebracht, weil man mit der E-Zigarette das Rauchen relativ gut imitieren kann.

16:56

Es ist also ein Gerät, was das Haptische bedient, also etwas zwischen den Fingern zu haben, das Orale, das Olfaktorische, den Geruch und die Geselligkeit. Und das armt die Zigarette am besten nach und ersetzt sie am besten. Besser jedenfalls als Nikotinpflaster, Nikotindrops, Tragees, Sprays oder was auch immer. Diese Methode wird tatsächlich einerseits als Goldstandard ausgegeben

17:26

Kurz, was ist ein Goldstandard? Der zentrale, der Königsweg sozusagen der Rauchentwöhnung, gekoppelt mit kognitiv-behavioraler Therapie, also Verhaltenstherapie, abends bei der AOK Sitzungen, in denen wir über unser Aufhalten sprechen und

17:41

uns kontrollieren, uns vielleicht Tagebuch führen und so weiter. Da hat die E-Zigarette tatsächlich frischen Wind reingebracht. Ja, weil sie eben das Rauchverhalten am besten imitiert und Raucherinnen sozusagen da eine Zeit lang mit E-Zigaretten experimentieren können.

18:02

Das ist eine tolle Sache und wir erleben jetzt, dass sozusagen der Erfolg der E-Zigarette, was die Rauchentwöhnung anbetrifft, die Zahlen der Nikotin-Ersatzproduktlösungen weit übertreffen und fast das Doppelte an Erfolgen vorzuweisen haben, als das Rauchen aufzugeben mit tatsächlich Nikotinflastern und anderen Nikotin-Ersatzprodukten.

18:27

Aus persönlicher Erfahrung kann ich das ja auch bestätigen. Ich habe den längsten Rauchstopp überhaupt über ein Jahr durch die E-Zigarette gestartet.

18:36

Und inspiriert durch sie. Und das war tatsächlich genau dieser Punkt, so dieser Ausstieg durch eigentlich noch das gleiche Tun, aber halt Nikotingehalt weglassen. Und dann irgendwie so nach einem Monat oder so habe ich komplett dann alles aufgehört. Und das war nicht dieser klare Cut, den man irgendwie hat, so okay, und jetzt verbiete ich mir alle Zigaretten. Sondern das war ja so, ja.

18:57

kann man auch wieder lassen und so hat sich das dann erledigt gehabt. Fand ich auf jeden Fall eine sehr spannende Erfahrung. Ich meine, jeder Raucher, jede Raucherin, die hat wahrscheinlich ein paar Versuche hinter sich und das ging bei mir persönlich tatsächlich recht vergleichsweise einfach, weil sich das einfach so ergeben hat aus einem Nichtzwang und ich glaube, das ist auch sehr wichtig.

19:21

Wir erleben ja, dass etwa 75 Prozent, so sagt man, der RaucherInnen ambivalent sind. Das heißt, einerseits genießen sie die Zigarette, finden die sehr funktional in ihrem Leben und Alltag und andererseits wissen sie, dass das schädlich ist und sie das eigentlich sein lassen sollten. Das ist eine Hassliebe. Und ja, der

19:43

Allerdings der größte Erfolg und die erfolgreichste Methode, das Rauchen aufzugeben, ist die Schlusspunktmethode, mit der auch ich das Rauchen aufgegeben habe vor 37 Jahren. Also von einem Tag auf den anderen aufzuhören und erst mal drei Tage niemandem erzählen, damit man nicht bei dem wiederholten Rückfall möglicherweise wieder schief angesehen wird von der Partnerin oder den Freunden.

20:08

Diese Schlusspunktmethode ist für etwa 75 Prozent aller erfolgreichen Rauchausstiegsversuche verantwortlich. Also das ist bei Weitem die wichtigste Methode. Witzigerweise wird sie kaum beworben.

20:23

Und witzigerweise kümmert sich niemand so richtig darum, wie man Schlusspunktmethode, so nennt man das ja, wie man die noch verbessern kann. Vielleicht könnten wir da auf 85 Prozent irgendwann mal kommen, weil natürlich der Umstieg auf E-Produkte auch nicht das Ultima Ratio ist. Die

20:43

die Ultima Ratio, sondern es ist eine weitere, denn auch sehr viel geringere Aufnahme von möglicherweise schädlichen Stoffen. Also gar nicht zu rauchen und gar nicht zu dampfen ist mit Sicherheit der beste Weg.

20:55

Aber wie gesagt, viele Menschen haben eine Karriere vieler erfolgloser Versuche hinter sich und leiden auch zum Teil sehr darunter, dass sie das Rauchen nicht aufgeben können. Und gerade für diese Menschen kann man jetzt seit zehn Jahren etwa, hat man mehr Pfeile im Köcher, mehr Angebote, die man ihnen machen kann. Ob sie mal sowas probieren, die E-Zigarette, den Tabakgehitzer oder Nikotinbeutelchen, die sie nutzen können.

21:23

um tatsächlich dann darüber auch einen Komplettausstieg hinzubekommen. Das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig. Wir haben dazu einen Ratgeber entwickelt. Ratgeber E-Zigarette. Einsteigen, umsteigen, aussteigen heißt der. Also da geht es natürlich auch darum, wie man aus der E-Zigarette insgesamt auch wieder aussteigt.

21:42

Dieser Ratgeber ist schon in der dritten Auflage im Fachhochschulverlag in Frankfurt erhältlich und gibt Raucherinnen eine gute, glaube ich jedenfalls, eine gute Orientierung, was sie zu bedenken haben und wie sie am besten den Rauchausstieg vorbereiten können. Den Link werde ich dann auch in die Shownotes packen, da könnt ihr die dann auch finden.

22:09

So, jetzt habe ich ja letzte Woche, vor zwei Wochen, also in der letzten Folge, mit Julian viel über Tabakindustrie geredet und denke mir so, boah, Rauchausstieg mit E-Zigaretten ist ja schön und gut, aber mit wem ich eigentlich im Gesundheitssystem gar nicht kooperieren möchte, ist das ja nicht so.

22:24

Wenn man schon ein bisschen guckt von Jules, gab es ja zum Beispiel den Skandal, oder ich meine, es ist irgendwie auch kein Skandal, weil es nicht richtig durchgesickert ist, dass die zwei sozusagen Pots, also die, die man draufsteckt, wo das Liquid drin ist, mit weniger Nikotin rausgebracht haben, aber gleichzeitig maschinell den Docht verändert haben, damit man trotzdem mehr Nikotin aufnimmt. Das heißt, es wird getrickst ohne Ende, um im Prinzip den Endkonsument, die Endkonsumentin,

22:52

schlichtweg zu verarschen. Müsste es nicht eine medizinisch hergestellte E-Zigarette geben, die keinerlei Manipulationen zulässt und ein sicheres Produkt sind? Und wir sagen, okay, die Tabakindustrie hat eigentlich in einem Gesundheitsfrage überhaupt nichts zu suchen und wir machen unser eigenes Produkt als Medizinprodukt, das wir zum Tabakausstieg anbieten. Ja, das wäre eine gute Sache. Leider hält sich die Politik

23:19

sehr zurück, was die möglicherweise Zertifizierung von Geräten oder Gütesiegel, Qualitätssiegel, sowas könnte man sich ja alles überlegen. Und da fehlt einfach die Betreuung der Raucherinnen und Raucher durch unsere Gesundheitsagenturen, zum Beispiel Deutschlands Krebsforschungszentrum in Heidelberg oder die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen oder

23:45

die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Und deswegen haben wir ja nun gerade, weil es alles fehlt, diesen Ratgeber geschrieben und Konferenzen veranstaltet, Online-Webinare und vieles andere mehr, weil eben tatsächlich aus Angst, wahrscheinlich was Falsches zu sagen, die Raucher und die Umsteigerinnen relativ alleine gelassen werden in Deutschland.

24:08

Und das ist dramatisch, schon allein deshalb, weil das Rauchen das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland ist. Also wir müssen uns das bildlich so vergegenwärtigen, dass täglich ein Jumbo-Jet über Deutschland abstürzt. Täglich haben wir 300 bis 350 vorzeitige tabakbedingte Sterbefälle zu beklagen in Deutschland. 110 oder 120.000 im Jahr. Das muss man sich mal vergegenwärtigen, dass so eine

24:36

mittlere Kleinstadt ausradiert wird jedes Jahr. Und darüber wird relativ wenig geredet in Deutschland. Das ist so verwunderlich. Und das würde eben erfordern, dass wir sehr viel mehr Planken den Raucherinnen und Rauchern geben, sozusagen hier entlang. Und das ist weniger schädlich, das ist aber unbequemer.

24:58

Das ist unklar. Diese Gerätschaften sind vielleicht unklar. Einzig das Bundesinstitut für Risikobewertung hat tatsächlich mit ihren Forschungen uns ein bisschen mehr Klarheit verschafft und das ist diesem Institut hoch anzurechnen. Das Einzige, finde ich, was uns wirklich eine Orientierung gibt,

25:20

Unsere Gesundheitsagenturen haben schlichtweg Angst, etwas Falsches zu sagen oder in eine Double-Bind-Situation hineinzugeraten, die E-Zigarette zu positiv darzustellen und dann in Verruf geraten, die zu sehr zu favorisieren. Das ist eine riesige Lücke in Deutschland. Die werden alleine gelassen, die Raucherinnen und die Leute, die umsteigen wollen, die Ambivalenten, von denen ich gerade gesprochen habe. Und das ist eben, wie gesagt, sehr, sehr schade. Das Größte

25:49

vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland. Und da würde ich mir von der Politik einfach mehr Initiative, mehr Engagement erwarten, um darauf hinzuzugehen, wie das bei anderen Krankheitsfällen ja auch der Fall ist, die vermeidbar sind. Das Rauchen, die

26:10

Die rauchbedingte Sterbezahl sprengt da wirklich alle Vorstellungen. Wenn wir jetzt mal kurz rüber nach Neuseeland schauen, die haben sich verpflichtet, bis 2025 die Raucherquote unter 5 Prozent zu bekommen. Ich habe jetzt also noch nicht so tief reingestiegen, aber die machen ja wirklich ernst. Sei es von Generationsverkaufsverbote zu Verkaufsverboten.

26:31

naja, wir haben diese hässlichen Tabakbeutel, dass die die irgendwie in der Einfarbe machen und, und, und. Also die sind da richtig am Vorbrechen. Und ich meine, 25, das ist in vier Jahren. Jetzt haben Sie auch gut gesagt, so Deutschland hat…

26:43

Angst? An was liegt diese Angst, dass sie irgendwie selbst sich irgendwo verpflichten, die Tabakquote runterzubekommen? Ich meine, die Drogenbeauftragte war ja neulich auch wieder auf irgendeiner Konferenz zum Tabakstopp. Also es wird ja so getan, als wird was gemacht. Aber ich meine, in Konferenzen verändert sich ja erstmal nicht viel. Wo ist der Aktivismus in Deutschland und warum findet der nicht statt? Oder sehe ich den einfach nicht?

27:10

Sie sehen den nicht, weil er nicht da ist. Der Punkt ist, dass wir in Deutschland eine ziemlich hohe Tabakverbreitung, eine ziemlich hohe Verbreitung von Raucherinnen und Rauchern haben, 28%.

27:25

Und das ist im europäischen Schnitt sehr viel, sehr hoch. In der Altersgruppe der erwachsenen Menschen tut sich auch relativ wenig über die letzten 20, 30 Jahre. Wie gesagt, dramatische Rückgänge bei den jungen Leuten, 12 bis 17, aber in der Erwachsenenbevölkerung relativ wenig Veränderungen, bei den Männern noch ein bisschen mehr als bei den Frauen.

27:46

Aber Deutschland hat für 2030 ausgegeben, dass sie die Rauchprävalenz auf 19 Prozent drücken möchte. Im Vergleich zu Neuseeland ist das natürlich ziemlich schlapp. 19 Prozent. Neuseeland will 2025 schon nur noch 5 Prozent haben. Aber das zeigt einfach, wie sehr wir im Hintertreffen sind. Deutschland ist ein Entwicklungsland, was Tabakkontrollpolitik angeht. Alkoholkontrollpolitik übrigens auch.

28:16

Über andere Politiken zu Drogen will ich gar nicht reden. Das wird nirgendwo stärker illustriert als in den Zahlen der Tabak-Kontroll-Skala, die jährlich im Abstand oder zweijährlich im Abstand entwickelt wird. Und da wird sozusagen gemessen, welche von der WHO empfohlenen Maßnahmen die einzelnen Länder umgesetzt haben zur Verbesserung der Tabak-Kontrolle.

28:43

Zum Beispiel Werbeverbot, die Höhe des Preises, die Investitionen in Behandlung und viele andere. Man kann 100 Punkte erreichen auf dieser Tobacco Control Scale und 36 Länder sind da drin. Und Deutschland hat den geringsten Score mit 34 oder 33 und ist auf dem letzten Platz.

29:07

Ist sogar noch abgesackt in den letzten Jahren auf den letzten Platz. Also der letzte Platz von 36 untersuchten oder mitmachenden Ländern. Das heißt schon, dass wir in Deutschland die evidenzbasierten, von der Wissenschaft fundierten Maßnahmen der WHO nicht oder nur sehr, sehr gering umsetzen.

29:27

Und das hat natürlich eine Verbindung zur Rauchverbreitung. Wir haben, wie gesagt, wir sind auf dem letzten Platz dieser Tobacco Control Scale in Europa und haben eine Rauchprävalenz von 28 Prozent. Und auf dem ersten Platz, also das Land, das am meisten, die meisten dieser Empfehlungen umgesetzt hat, ist UK, England. Die haben über 80 Punkte und haben eine Rauchprävalenz von 14 Prozent.

29:55

14 Prozent der erwachsenen Briten rauchen nur noch, bei uns doppelt so viel, aber wir sind auch, wie gesagt, am unteren Ende dieser Tabakkontrollskala. Das heißt, da ist in den vergangenen Jahren ganz viel versäumt worden von der Gesundheitspolitik, die sich sehr echauffiert zum Teil über Cannabisgebrauch, Kokaingebrauch. Ich will nicht sagen, dass es unwichtig ist, aber die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht.

30:18

Die Drogenbeauftragte nimmt eigentlich erst jetzt den Tabakgebrauch ins Visier, ohne allerdings auch schon konkret irgendwie Vorschläge zu machen, wie was besser zu machen ist. Das müssen wir alles im Rahmen einer Gegenöffentlichkeit machen. Wir veröffentlichen ja jährlich den alternativen Drogen- und Suchtbericht und da stellen wir regelmäßig auch neue Vorschläge zur Tabakkontrolle vor, die eben die von der WHO empfohlenen Maßnahmen im Wesentlichen vorsehen.

30:46

Ein Beispiel lässt sich das sehr gut zeigen. Deutschland ist Weltmeister im Zigarettenautomaten aufstellen. Wir haben 340.000 Zigarettenautomaten in Deutschland. Die gehören zum Stadtbild. Und was zum Stadtbild gehört, da kann der Inhalt ja so schädlich eigentlich gar nicht sein. Seit wenigen Jahren haben wir da erst auch eine Altersverifikation, dass wir Jugendliche versuchen dadurch abzustrecken, indem man dann Personalausweis oder eine Bankkarte durchziehen muss. Aber auch das ist ja…

31:14

Erhältlich von älteren Geschwistern oder von den Eltern. Also kein anderes Land hat auch nur annähernd so viele leicht zugängliche Geräte für das Ziehen von Tabak. Als ich noch geraucht habe, war mir das natürlich sehr lieb, weil ich dann 24 Stunden, sieben Tage Zigaretten bekommen konnte. Aber die Diskussion ist heute eine andere.

31:36

Wir gehen mit Tabak und auch mit der Tabakindustrie sehr viel anders um, sehr viel misstrauischer, sehr viel vorsichtiger. Und die Morbiditätsrisiken, die Erkrankungsrisiken und die Mortalitätsrisiken sind eben sehr viel klarer gegenwärtig. Und deswegen hat Tabak

31:54

bei uns einen ganz anderen stellen wird. Es ist eine Loserdroge geworden. Diejenigen, die sich noch bei kaltem Wetter draußen vor dem Eingang riesige Hochhäuser aufhalten und ihre Zigarettenpause machen, die werden schon von den

32:08

mitarbeitenden Kolleginnen etwas schäl angeguckt, warum sie denn immer noch rauchen. Und manche von ihnen haben Angst, dass sie für Unterschichtsangehörige gehalten werden, weil ja klar ist, dass das Rauchen in bildungsfernen Schichten am stärksten verbreitet ist in Deutschland. Also das ist der Zustand. Um es kurz zu sagen, was die Tabakkontrollpolitik angeht, ist Deutschland ein Entwicklungsland.

32:32

Es tut sich auch sehr wenig. Wir haben erst letztes Jahr das Tabakwerbeverbot eingeführt, aber das gestreckt auf vier Jahre. 2024 werden wir dann überhaupt keine Werbung mehr haben. Und auch da war Deutschland das letzte Land in Europa, das sich dieses Tabakwerbeverbot auferlegt hat. In jedem anderen Land war das schon früher verboten. Ich hatte lange Zeit einen ganz tollen Gag mit Bulgarien.

32:57

Bulgarien und Deutschland waren lange Zeit die einzigen Länder. Und ich habe das immer auch mir auf der Zunge zergehen lassen, wenn ich so im Ministerium gesprochen habe oder auf Konferenzen. Bulgarien und Deutschland in einem Atemzug genannt und alle sind zusammengezuckt. Jetzt hat Bulgarien aber viel früher als Deutschland das Tabakwärmeverbot erlassen und die haben einen ganzen Gag kaputt gemacht. Und lange Zeit war eben Deutschland das einzige Land. Jetzt, wie gesagt, mit diesem langwierigen Ausstiegsplan

33:27

Bis 2024 haben wir eben die Werbung verboten. Und lassen Sie mich das noch anfügen, am Beispiel dieses Tabakwerbeverbots wird deutlich, wie stark die Tabaklobby in Deutschland noch verankert ist.

33:42

Also wir hatten einen Gesetzentwurf zum Tabakwerbeverbot sogar von der CDU-CSU-Fraktion erarbeitet. Und dieser Gesetzentwurf lag in der Schublade von Volker Kauder, dem langjährigen Fraktionsvorsitzenden der CDU. Er persönlich war derjenige, der sich sozusagen verschrieben hat, dass man kein Tabakwerbeverbot einführen sollte.

34:07

Und natürlich hat das auch damit zu tun, dass die Tabakindustrie Parteitage finanziert oder mitfinanziert, der CDU, aber auch der SPD. Und die Lobbyarbeit ist sehr, sehr gut, der Tabakindustrie, sehr perfekt. Und das ist tatsächlich etwas, was wir sehr vorsichtig und misstrauisch beäugen müssen. Weil in der Tat hat die Tabakindustrie einen guten Ruf verspielt.

34:37

den sie vielleicht mal vor 60, 70 Jahren hatte oder einen Ruf verspielt, sagen wir es mal so. Und man muss jetzt wirklich sehr misstrauisch sein über die Vertriebswege, Vertriebspolitiken, über die

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über auch technisch Gerätschaftspolitiken und Praktiken. Deswegen ist es umso nötiger, dass wir eigentlich eine unabhängige Stelle gerne hätten, unsere Gesundheitsagenturen, die uns ein bisschen berät, die uns begleitet und betreut, diejenigen, die umsteigen wollen. Und das fehlt leider immer noch. Und Menschen, die interessiert sind, umzusteigen, die werden jetzt nur von den Händlern beraten

35:19

von den Händlern der E-Zigaretten, im Internet, in manchmal zweifelhaften Foren oder eben von der Tabakindustrie, von der Werbung. Und das ist in der Tat, sorry, in der Regel haben die ihre eigenen Interessen und verknüpfen ihre Aufklärung mit ihren jeweiligen eigenen Interessen. Wir brauchen eine unabhängige Institution, die diese Menschen berät und betreut und weiteres empfiehlt. Werbung

35:51

Da haben wir schon mal eine ganz klare Empfehlung von E-Zigaretten als Harm-Minimization-Produkt. Wo sehen Sie die E-Zigarette noch im Tabakkontrollgesetz? Wie schätzen Sie zum Beispiel ein, dass auch die Werbung zu E-Zigaretten verboten wird? Zwar als letztes, aber es wird ja auch mit verboten. Welchen Platz hat die E-Zigarette im Tabakkontrollgesetz und was sind Ihre Empfehlungen dahingegen? Wir reden ja jetzt gerade auch über eine Erhöhung und Modernisierung der Tabaksteuer.

36:20

Und da ist das Kind leider mit dem Bad ausgeschüttet worden. Also die E-Zigaretten werden jetzt stärker besteuert und zwar in einem Maße, dass sich ein Umstieg monetär für viele Menschen nicht mehr lohnt. Wenn die E-Zigarette genauso stark besteuert wird und genauso teuer wird wie die Verbrennungszigarette, werden sich viele fragen, warum soll ich denn umsteigen? Sorry, geltlich spare ich da nichts ein und ich werde bei der Verbrennungszigarette dann bleiben.

36:49

Ist mir sowieso viel lieber, weil der Umstieg, das ist ja immer was Neues im Alltag. Und Veränderung, das betrifft uns ja oftmals alle oder betrifft uns wahrscheinlich alle. Veränderung ist ja nicht immer so gern gesehen und da muss man so ein bisschen dran arbeiten. Also wenn das der Effekt ist, der Tabaksteuerpolitik, dann ist das ja auch ein bisschen ein Problem.

37:09

Noch ist da nicht alles gesagt, aber dann wäre das wirklich ein Schuss, der nach hinten losgeht und wäre sehr, sehr bedauerlich. Und dann haben die Verantwortlichen das Ziel nicht verstanden.

37:21

Die grüne Fraktion, Grüne Bündnis 90 im Landwirtschaftsausschuss, der dafür zuständig ist, haben ganz klar einen tollen Vorschlag gemacht. Die haben gesagt, die Steuerpolitik soll sich orientieren an der Gefährlichkeit der Produkte. Und da würde man eben der E-Zigarette weniger Gefährlichkeit zumessen. Und das wäre eben sehr viel geringer besteuert dann auch.

37:47

Steuern sollen eigentlich von Steuern kommen. Mit diesem Wortspiel seien wir vielleicht gestattet. Also man will ja mit Steuern menschliches Verhalten steuern.

37:57

Man kann ja Anreize schaffen, Photovoltaikanlagen aufs Dach zu bringen und den Menschen, die das tun, einen finanziellen Anreiz geben, um das zu tun. Und das hat ja funktioniert. Und das würde auch funktionieren im Rauchausstieg. Da bin ich mir absolut sicher. Die meisten Menschen nehmen diese monetären Vorteile gerne mit und verändern dann auch ihr Verhalten damit.

38:21

Also das ist ja nicht aussichtslos, sondern da wird aber leider jetzt, geht man da in die völlig falsche Richtung mit der Erhöhung der Tabaksteuer. Ja, Sie fragten eben noch nach dem Tabakwerbeverbot, auch für E-Zigaretten. Es gibt eine Übergangsfrist, E-Zigaretten werden dann als letzte verboten. Da hat die Tabakindustrie jetzt vielleicht noch ein paar Jahre Zeit, auch sich mit guten, aufklärerischen Botschaften an die Konsumenten zu wenden.

38:48

Ich weiß nicht, ob sie den Ball aufnimmt. Ich habe allerdings das Gefühl, dass es eher darum geht, die E-Zigarette so ein bisschen als Lifestyle-Produkt zu bewerben, sehr cool, sehr sexy, sehr attraktiv zu machen, mit unklaren Botschaften zum Teil oder sogar mit verharmlosenden Botschaften.

39:09

In Social Marketing ist das ja oft zu sehen. Also wenn Werbekampagnen durchgeführt werden auf Events, auf Konzerten und so, das sind ja zum Teil schon sehr, sehr…

39:22

randständige, übergriffige Strategien, das ist nicht heilsam und das bringt die ganze E-Zigarette auch wiederum in Verruf. Also ich würde schon sehen, dass die E-Zigarette oder die Hersteller sich darstellen als, ja, auch als Umsteighilfen

39:42

Aber Sie haben es ja eingangs erwähnt, man kann die Tabakindustrie jetzt nicht als Gesundheitsorganisationen und Agenturen wahrnehmen. Das sind sie nun wahrhaftig nicht. Sie wollen jetzt E-Zigaretten verkaufen statt Verbrennungszigaretten, das ist vollkommen klar. Als Erster hat das der Geschäftsführer oder der CEO von Philip Morris gesagt vor einigen Jahren, der der Verbrennungszigarette den Tod erklärt hat, das auserklärt hat schon vor vielen Jahren.

40:10

Und das ist auch so. Also der hat es als erster erkannt, ist da von den übrigen Branchenkollegen noch angegriffen worden. Aber mittlerweile sehen das Big Tobacco alle so, dass sie diese Produkte, die anfangs ja Nischenprodukte waren, entwickeln müssen und dass sie in den Markt reingehen müssen, weil die Verbrennungszigarette ist tot. Die liegt, um das mal bildlich zu sagen, in den letzten Zügen. Zumindest in der westlichen Welt. In der westlichen und in der nördlichen Hemisphäre.

40:39

Da haben Sie vollkommen recht. Jeder dritte Raucher lebt in China. Also da gibt es noch viel zu tun. Aber in der nördlichen Hemisphäre unserer Welt ist die Zigarette out. Ähnlich und Analogie, die bemühe ich dann immer mit dem Verbrennungsmotor, wird es wahrscheinlich 2030, 2035 so sein, dass wir für beide Geschichten Alternativen entwickeln müssen oder nur noch Alternativen auf dem Markt sind.

41:07

Und die elektrische Zigarette ebenso wie der E- oder wasserstoffgetriebene Motor, das werden die Konzepte der Zukunft sein. Es gibt keine positiven Argumente für die Verbrennungstzigarette. Sie ist einfach nur schlecht, schädlich. Natürlich ist sie auch genüsslich, gar keine Frage, deswegen rauchen ja viele Menschen. Aber dieser Genuss ist eben teuer erkauft mit doch sehr vielen Morbiditäts- und Mortalitätsrisiken.

41:33

Und man muss halt dazu auch noch unterstreichen, dass der Genuss vor allem durch die extremst schnelle Abhängigkeit entsteht und man sozusagen sich die schnellen Entzugssymptome wieder wegraucht und dadurch ein ganz großer Teil des Entspannungsgefühls eigentlich nur kommt, sich die schnellen Entzugssymptome wieder wegzurauchen. Das ist ja so ein bisschen auch der andere Part des Genusses. Ja, genau. Und der Genuss liegt natürlich auch im Nikotin.

41:57

Nikotin ist ja eine Substanz, die wach macht, die alert macht, die Konzentrationsfähigkeit steigert. Nikotin wird ja auch therapeutisch eingesetzt in der Alzheimer-Therapie usw.,

42:10

Nikotin ist hier so ein Verdammnis in vielen Bereichen. Und viele Menschen, es gab gerade eine Untersuchung in den USA unter Ärztinnen, da waren 80 Prozent der Überzeugung, das Nikotin ist verantwortlich für den frühzeitigen, vorzeitigen Rauchertod. Also eine völlige Fehlannahme. Das Nikotin selbst ist stark abhängig machend, wie Sie das gerade gesagt haben, Frau Böttsch.

42:39

aber es ist nicht verantwortlich dafür, dass Menschen vorzeitig sterben, sondern es sind die Verbrennungsprodukte oder es sind die Prozesse, die in der Verbrennung von Tabak und Papier entstehen. Über 80 kanzerogene Stoffe werden da freigesetzt, aber nicht das Nikotin. Das Nikotin selbst ist nicht krebserregend. Es ist eine Substanz, die viele Menschen mögen, wie gesagt, weil sie konzentrationsfördernd ist, wachmachend ist usw.,

43:07

aber die man eben auf weit weniger schädliche Art und Weise zu sich nehmen kann. In Kaugummis, in kleinen Nikotinsäckchen in Schweden. Die haben eine Rauchprävalenz in Schweden von 6 Prozent unter den Männern.

43:21

Aber dort ist eben Snooze sehr weit verbreitet. Also dass die Nikotinsäcke die Backentasche legt und in die innere Wangentasche und die tatsächlich dann so langsam das Nikotin absondert innerhalb eines braunen Schleims, den man dann im Mund hat. Aber das ist eben sehr weit verbreitet. Es gibt mehr Snooze-Gebraucher als Raucherin. Und wie gesagt, Schweden hat es darüber geschafft,

43:45

die Raucherquote gering zu halten und hat auch erhebliche Erfolge in der Lungenkrebsbekämpfung erreicht dadurch. Natürlich ist das auch nicht der letzte Schritt, dass Snooze sozusagen, das aber nirgendwo anders in Europa zugelassen ist übrigens. Aber jetzt kommen eben die Tabak-, die nikotinhaltigen Beutel auf den Markt. Das wird schon, gibt auch schon weitere Alternativen dazu. Aber Schweden hat ohne Frage einen wesentlichen Erfolg dazu errungen.

44:14

Ich sehe das immer unter dem Gesamtthema Tobacco Harm Reduction. Das ist ein neues Wort, ein Schlagwort. Wir kannten ja die Strategie Harm Reduction eigentlich immer nur in Bezug auf illegale Drogen, Heroin, Spritzenvergabe, Methadon und so weiter.

44:32

Aber ich bin sehr stark eingestiegen in die Bearbeitung dieses Konstrukts Tobacco Harm Reduction. Ich werde auch dazu ein Buch machen im Herbst erscheint das und auch eine Konferenz im Herbst, im Oktober. Vielleicht können Sie die Daten ja nochmal reingeben, da wo es passt. Sehr, sehr gerne. Und auch ein Webinar am 2.6. zu Tobacco Harm Reduction.

44:57

Und das muss man wirklich sehen, dass wir zwischen den Polen Abhängigkeit und Abstinenz durchaus noch andere Verhaltensmuster haben, wo Menschen Nikotin aufnehmen wollen, aber möglichst unschädlich und schadhaft.

45:11

Und denen müssen wir einfach Alternativen anbieten, damit sie ihre eigene Wahl treffen können. Was ihnen passt, passt ihnen die E-Zigarette oder der Tabakerhitzer, wo man noch einen Umgang mit Tabak hat, oder passen ihnen Nikotinbeutelchen. Also die

45:27

Die Bandbreite ist da sehr viel größer geworden. Wir müssen den Menschen eben diese Alternativen nahe bringen, auch mit der richtigen Information. Gegenwärtig ist es so, dass zwei Drittel der Deutschen immer noch glauben, dass die E-Zigarette gleich oder sogar schädlicher sei als die Verbrennungssigarette. Also das hat die Nichtbefassung unserer Gesundheitsagenturen geschafft. Und wenn das so ist, dann…

45:49

fragen sich zwangsläufig viele RaucherInnen, lohnt sich denn der Umstieg? Wenn das sogar noch schädlich ist oder genauso schädlich, nein, dann bleibe ich bei einer Verbrennungssigarette. Diese Botschaft

45:59

Das ist natürlich falsch. In England ist es genau umgekehrt. Also das Gesundheitsministerium Public Health England sagt, wenn Sie mit einer anderen Methode das Rauchen noch nicht abschaffen können, beenden konnten, dann versuchen Sie es mit der E-Zigarette. Und die Daten, die wir aus den Begleitstudien erreichen, sind äußerst vielversprechend.

46:25

Und das wäre ja schön, wenn Deutschland sich auch einfach mal zu Aussagen rauslehnt und nicht immer nur so im halbgeilen Topf rumrührt.

46:35

Ja, Herr Stilber, ich glaube, wir sind langsam zum Ende gekommen. Wir haben super viel gemacht über alles Allgemeine zu E-Zigarette, zu E-Zigarette als Ausstiegsprodukt und auch noch zum Tabakkontrollgesetz und was uns eigentlich alles fehlt. Haben Sie zum Ende noch irgendwas, was Sie gerne loswerden möchten? Naja, ich wünschte mir wirklich von den Gesundheitsagenturen und ich bin auch dabei, die auch anzusprechen.

47:01

viel mehr Orientierung, viel mehr sachgerechte Hilfe, Betreuung der Menschen, die umsteigen wollen. Ich lege mich sehr ins Zeug für Tobacco Harm Reduction, also für Zwischenschritte, die nötig sind, um den finalen Schritt auch raus aus dem Dampfen zu machen.

47:18

All das wird wenig bespielt, weil man Angst hat, man besudelt die so schönen, reinen Botschaften zur Abstinenz, das Rauchen aufzugeben. Und das wissen wir aus anderen Bereichen. Das ist ja wunderschön, solche hehren, edlen Botschaften zu haben, abstinent zu werden. Aber oftmals hat es mit der Lebensrealität vieler Menschen gar nichts zu tun. Die können das im Moment nicht, wollen das nicht oder können das noch nicht aussteigen und abstinent werden.

47:47

Und deswegen muss man eben Zwischenschritte, gangbare, lebensweltnahe, zielgruppenspezifische Zwischenschritte offerieren, die es ihnen möglich machen, dann doch am Ende auszusteigen.

48:01

Damit beschäftige ich mich sehr seit einigen Jahren, weil, wie gesagt, für mich das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko, Lungenkrebs und viele andere Krebsformen, die mit Rauchen verbunden sind, zu reduzieren auf europäischer Ebene.

48:18

und auch auf deutscher Ebene. Und dazu fände ich es gut, wenn sich da mehr Menschen engagieren. Super wichtiges Thema, das ganz dringend viel mehr Aufmerksamkeit auch braucht. Vielen Dank, Herr Stöber, dass Sie heute da waren. War eine richtig schöne Folge mit Ihnen. Dankeschön, Frau Bösch. Das war Psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Steffi.

49:05

Untertitelung des ZDF, 2020


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