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TikTok, Instagram & Co. – Sind wir Social Media süchtig?

TikTok, Instagram und andere soziale Netzwerke verbinden Menschen, ermöglichen kreativen Ausdruck und machen Informationen für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich. Gleichzeitig kennen viele das Gefühl, nur kurz aufs Handy schauen zu wollen und sich deutlich später noch immer durch Reels oder Videos zu bewegen. In dieser Folge geht es darum, wann eine intensive Social-Media-Nutzung lediglich zur Gewohnheit geworden ist, wann sie belastende Folgen entwickelt und unter welchen Voraussetzungen von einer Social-Media-Nutzungsstörung gesprochen werden kann. Entscheidend ist dabei nicht allein die Bildschirmzeit, sondern wie stark Kontrolle, Alltag und Wohlbefinden beeinträchtigt sind.

Die Folge erklärt, wie Infinite Scroll, personalisierte Algorithmen, intermittierende Verstärkung und fehlende Stoppsignale dafür sorgen, dass Nutzungsmuster zunehmend automatisch ablaufen. Es geht um mögliche Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Schlaf und psychische Gesundheit, die besondere Anfälligkeit von Kindern und Jugendlichen sowie konkrete Möglichkeiten, den eigenen Konsum bewusster zu gestalten. Die Verantwortung liegt jedoch nicht allein bei den Nutzenden: Plattformen sind gezielt darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden, weshalb neben individuellen Strategien auch transparente Algorithmen, Einschränkungen manipulativer Designs und politische Schutzmaßnahmen notwendig sind.

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TikTok, Instagram & Co. – Sind wir Social Media süchtig?

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PODCAST-METADATEN
Folge: 113
Erscheinungsdatum: 22.05.2025
Podcast: Psychoaktiv
Titel: TikTok, Instagram & Co. – Sind wir Social Media süchtig?
Sprecher: Stefanie Bötsch

Typ: Transkript

Transkript Beginn

00:01
Und das ist erstmal ganz wichtig zu verstehen. Wir reden hier nicht von komplett neutralen Netzwerken, die uns lassen machen, was wir wollen. Sie bauen halt wirklich diese Mechanismen ein, die diesen Suchtfaktor mit sich bringen. Musik

00:18
Den gesellschaftlichen Umgang mit Social-Media-Plattformen, mit unserem früheren Umgang mit der Tabakindustrie verglichen. Also wir lassen den Tabakfirmen freien Lauf und wer mit seinem Tabakkonsum nicht klarkommt, selber schuld, soll er halt aufhören zu rauchen.

00:56
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Psychoaktiv. Schön, dass du wieder mit eingeschalten hast. Psychoaktiv ist dein Podcast zur wissenschaftlichen und akzeptanzbasierten Auseinandersetzung zum Themenkomplex Drogen, Konsum und Sucht. Und hier erwartet dich jeden zweiten Donnerstag

01:16
ausführliche Recherchen zu diesen Themen und das ganz ohne Vorurteile. Heute kommen wir zu einem Thema, das ich wirklich sehr häufig in meinem Dokument für Folgenwünsche gewünscht wurde und zwar TikTok und Instagram-Nutzung. Und ich weiß nicht, wie es dir mit dem Thema geht. Ich war ja die letzte Woche ziemlich, ziemlich krank.

01:38
Übrigens deswegen, meine lieben Mitglieder, konnte ich euch am Montag leider die Folge nicht schon vorzeitig zur Verfügung stellen. Ich hatte einfach keine Stimme, das ging nicht. Naja, und da lag ich die ganze Zeit ziemlich krank im Bett und meine Zeit ist einfach so explodiert, also meine Bildschirmzeit ist so explodiert, weil mir war einfach langweilig, ich wollte eigentlich Sachen tun, ich war aber viel zu fertig, um Sachen zu tun.

02:02
Und ja, Konsequenz war leider, ich habe ziemlich viel am Handy rumgedaddelt. Und naja, gleichzeitig merke ich natürlich, dass das überhaupt nicht gut ist für meine Kopfschmerzen. Die werden stärker. Ich lege genervt das Handy weg. Dann ist mir aber wieder langweilig. Und ja, tatsächlich geht dann so das den ganzen Tag weiter, bis ich wieder gesund bin. Es ist sehr nervig. Gut, man kann das jetzt natürlich auch als Sondersituation abstempeln. Ich war krank. Natürlich kann es dann sein, dass ich mich anders verhalte wie im Alltag. Gerade für das Thema…

02:30
TikTok oder Social-Media-Sucht ist ja deutlich interessanter, wie geht man damit im Alltag um. Und vielleicht kennt ihr das ja, ihr wollt eigentlich gar nichts checken, habt aber trotzdem immer mal wieder euer Handy in der Hand und schaut dann mal kurz, gibt es vielleicht eine neue Nachricht, gibt es vielleicht einen neuen Like oder naja, man geht ohne Handy nicht mehr aufs Klo, weil man ja diese kurze Zeit dazu nutzen kann, um nochmal schnell ein bisschen was auf seinem Handy zu gucken.

02:59
Und naja, anstatt die 10 Minuten, die geplant waren, sind es dann halt plötzlich 40 Minuten, die man durch die Reels scrollt, ja, in der Hoffnung, was eigentlich zu finden. Das ist irgendwo die interessante Frage.

03:13
Social Media ist einfach bei vielen Menschen inzwischen Teil des Alltags. Doch ab wann wird es denn wirklich problematisch? Ab wann ist man süchtig? Das Wort süchtig, das fällt ja leider inzwischen viel zu oft für irgendwelche Verhaltensweisen, wo man vielleicht nicht sofort einen Stopp findet. Und genau das

03:32
wollen wir uns an dieser Stelle und in dieser Folge genauer anschauen. Ab wann wird es problematisch? Was kann man tun? Und ist es nicht vielleicht auch ein bisschen Zeit, dass da politisch ein bisschen mehr passiert?

03:44
Doch bevor wir gleich in dieses super, super spannende Thema starten, möchte ich erstmal wieder die neuen Steady-Mitglieder begrüßen, die diesen Podcast, die dieses Format überhaupt möglich machen mit ihrer Unterstützung. Und im Mai kam bis jetzt dazu Kerstin, Mareike, Volker, Anche, Bianca, Frauke, Teresa, Gerda und Katrin. Und ein besonderer Dank geht auch raus an Nadja für das Buchen des 10-Euro-Pakets.

04:09
Liebe geht raus, dieser Podcast finanziert sich durch Steady-Mitgliedschaften. Wenn du also auch Fan dieses Podcasts bist und Bock auf einen werbefreien Podcast inklusive Bonusfolgen hast, findest du den Link für Steady in der Folgenbeschreibung. Und jetzt lasst uns in diese Folge rein starten. Musik

04:29
Und bevor wir uns mit den Problemen befassen, starten wir doch erstmal positiv. Denn ich habe schon das Gefühl, dass immer wenn man über Social Media mal so ein bisschen reflektiv spricht, sofort richtig so eine Antistimmung hochkommt. Und ich finde, man darf einfach nicht vergessen in diesem ganzen Kontext, was Social Media uns auch einfach ermöglicht und was es für Vorteile einfach auch bringt.

04:56
Die grundlegende Idee von Social Media war ja wirklich einfach mal, sich auch sozial zu verbinden. Dass wir mit Freunden, Familie oder Bekannten einfach in Kontakt bleiben können, unsere Erlebnisse teilen können. Und das sowohl aktiv durch Nachrichten, aber auch passiv, indem wir Fotos gepostet haben. Und das macht es auch noch bis heute. Ich habe da ganz aktuell auch ein Beispiel dafür. Denn ich habe eine Freundin in Auckland besucht und sie habe ich damals, als ich 15 war, in Uruguay kennengelernt.

05:24
Und sie ist deutlich fleißiger auf Social Media als ich. Ich poste privat gar nichts, also absolut gar nichts. Aber dadurch, dass sie auf Instagram immer mal wieder so ihre großen nächsten Schritte und Erlebnisse teilt, habe ich echt viel mitbekommen von ihr über die Zeit und hatte auch eine Idee, wie sie sich entwickelt hat. Und das hat das Wiedersehen nach über sechs Jahren geholfen.

05:46
so viel einfacher gemacht, beziehungsweise so viel mehr Gesprächsthemen angeboten. Und es war einfach so ein schönes Erlebnis. Die sechs Jahre konnten wir dadurch meiner Meinung nach viel, viel schneller überbrücken. Und das war einfach ein total schönes Erlebnis. Und das ist für mich zumindest so das Herz, für was Social Media mal ganz

06:07
Grundlegen stand, also nicht nur Selbstinszenierung, sondern wirklich das Verbinden und die Erleichterung des Erhalts von sozialen Kontakten. Aber ich habe ja gerade Selbstpräsentation ein bisschen negativ konnotiert, aber das muss es halt auch gar nicht unbedingt sein. Denn Selbstpräsentation bedeutet ja auch, dass man eigene Werte ausdrücken kann, Einstellungen und Überzeugungen und dadurch eben auch Gleichgesinnte findet. Ohne

06:34
Social Media könnte ich meine Arbeit, meine Aufklärungsarbeit über Drogen, Konsum und Sucht überhaupt nicht machen. Es wäre gar nicht so einfach, so viele Menschen zu erreichen, die interessiert an meinen Inhalten sind oder sich auch mit mir austauschen wollen. Und vor allem auch meine starke akzeptanzbasierte Haltung, die würde ich vielleicht offline häufig nicht so widergespiegelt finden, was einen dann auch vielleicht manchmal ein bisschen einsam macht.

06:57
So über Social Media haben wir viel mehr die Möglichkeit, uns auszutauschen, voneinander zu lernen und auch Leute zu finden, die ähnliche Haltungen und Interesse haben und das eben gemeinsam weiterzuentwickeln. Dann haben wir natürlich auch noch den ganzen Aspekt der Informationsweitergabe, also Informationen über Politik, Gesundheit, Trends und Weltgeschehen, also einfach Nachrichten.

07:19
Social Media hat einfach die Möglichkeit, diese ganzen Inhalte auch für verschiedene Zielgruppen sehr viel passender bereitzustellen. Klar, wir haben hier in dem Rahmen auch die Probleme mit Fake News, aber es gibt natürlich auch seriöse Informationsquellen, wie zum Beispiel die öffentlich-rechtlichen, die ja eben inzwischen auch auf Facebook, Instagram, TikTok und Co. Nachrichten verbreiten und damit einfach auch eine größere Zielgruppe erschließen können.

07:48
Aber vielleicht auch an dieser Stelle ein kleiner Disclaimer, weil es gerade passt auch zum Thema Fake News. Wir gehen heute nicht auf die inhaltlichen Problematiken von Social Media ein, sondern wir konzentrieren uns wirklich auf das Konsumverhalten.

08:03
Denn das ist einfach auch das Thema der Folge. Also ich habe ganz bewusst die Konsequenzen, die daraus entstehen, dass Musk oder Zuckerberg aktuell mit Trump schmussen, weitestgehend rausgelassen. Es geht halt hier im Podcast eher um Sucht. Sprechen trotzdem später so ein bisschen die politische Verantwortung an, aber…

08:22
das hätte die Folge einfach gesprengt, wenn wir da zu krass in die Tiefe gehen würden. Und mein letzter Punkt ist natürlich auch, dass Social Media einfach auch gut entertainen kann. Es gibt super lustige Videos, Memes oder auch einfach Inhalte, die einfach sehr wholesome und schön sind und

08:40
Es muss ja nicht immer einen größeren Zweck haben, sondern es darf ja auch einfach mal lustig und entertainend sein. Und auch dafür ist Social Media meiner Meinung nach echt super und darf auf jeden Fall nicht einfach unter den Tisch fallen. Kurz, Social Media einfach nur als schlecht zu sehen und als den Untergang der Menschheit, das ist natürlich Quatsch.

08:59
Und genau dieser Idee wollte ich gleich zu Anfang etwas entgegensetzen, damit wir nicht gleich mit so einer negativen Stimmung in dieses Video starten. Aber trotz allem, jetzt geht es ans Eingemachte. Wir schauen uns jetzt an, wie Social Media so eine Sogwirkung, so ein Strudel, aus dem man irgendwie nicht mehr das Gefühl hat, rauszukommen, verursachen kann. Wir würden nicht heißen, dass die nicht gut… Äh, Nadia? Nicola hat

09:33
Oh, verdammt, stimmt. Ich wollte ja meine Podcast-Folge weitermachen. Ich wollte eigentlich aber auch nur ganz kurz meine Instagram-Nachrichten checken. Ja, und dann ist es leider doch wieder länger geworden, wie ich es eigentlich wollte und habe dabei vergessen, dass ich ja eigentlich diese Folge aufnehme. Kennt ihr genau dieses Gefühl, was ich gerade nachgeahmt habe? Dass man sich denkt, ach ja, nur mal ganz kurz aufs Handy gucken und dann so, what the fuck, 40 Minuten sind vorbei. Was ist eigentlich passiert?

10:02
Das ist allerdings kein Zufall und hat auch nichts damit zu tun, dass du vielleicht besonders wenig diszipliniert bist.

10:09
Nein, Social Media Plattformen wie TikTok oder Instagram zielen genau auf das ab. Sie wollen, dass du eine sehr hohe Nutzungsdauer hast. Und um das zu erreichen, gibt es eben verschiedene Maßnahmen, die sie eben dazu nutzen, dass man absolut die Zeit vergisst. Wenn du dich durch Reels oder TikTok-Videos scrollst, dürfte dir vielleicht aufgefallen,

10:33
aufgefallen sein oder vielleicht hast du auch noch nie drüber so wirklich bewusst nachgedacht, aber sie haben kein Ende. Wenn du auf einem Video verweilst, fängt es einfach wieder von vorne an. Und naja, wenn du es weiter klickst, wirst du auch nie an ein Ende von Kurzvideos kommen. Damit wurde das sogenannte Stopping Queue eliminiert. Ich meine, früher war halt Schluss, wenn der Film vorbei war oder die Zeitung eben durchgelesen war.

11:01
Aber dieses Ende sucht man halt bei Social Media vergeblich. Es geht immer weiter, der Content ist endlos.

11:07
Und damit hast du schon mal kein natürliches Ende von deinem Konsumprozess. Dazu kommt zusätzlich, dass die Social Media Plattform durch unser Verhalten lernt, was uns eigentlich gefällt. Ich weiß noch, als ich mich ganz frisch auf TikTok angemeldet habe, waren die Videos, die mir vorgeschlagen wurden, voller richtig weirder Tanzvideos. Also nicht die, die man kennt, sondern, naja, ich kann es ehrlich gesagt nicht beschreiben. Das war absoluter Fiebertraum.

11:36
Und ich war auf jeden Fall hart irritiert. Aber ihr könnt euch wahrscheinlich denken, dass das aktuell nicht mehr der Fall ist. Denn jetzt bekomme ich maßgeblich Buchvideos und, ach ja, relativ viel Anabolika-Content, weil ich habe dazu für meine letzten Folgen im letzten Monat sehr viel auch auf TikTok recherchiert.

11:53
Also der Algorithmus sieht, okay, für was interessiere ich mich, letzten Monat anscheinend für Anabolika und dann kriege ich immer und immer und immer wieder die Videos ausgespielt, die mich anscheinend interessieren und mich damit eben auch länger auf der Plattform halten.

12:07
Die Plattform lernt also durch unser Interaktions- und Swipe-Verhalten und sorgt durch algorithmusgestützte Vorschläge, dass sie aus unserem Vorhaben, nur mal kurz Insta-Checken, plötzlich 40 Minuten werden können. Und genau dieser Mechanismus, dieses Ziel, dass man ja viel mehr Zeit am Ende auf der Social-Media-Plattform verbringt als geplant, das sorgt auf jeden Fall auch für dieses super ambivalente Gefühl, dass man eigentlich weiß, dass Social Media vor allem auf die lange Zeit einem nicht gutkommt,

12:36
gut tut, aber man macht es trotzdem immer wieder und deutlich länger, als man es sich eigentlich vorgenommen hat. Aber warum haben solche Algorithmen überhaupt die Möglichkeit, uns als Menschen so an einer Plattform zu halten? Um dafür mehr Antworten zu finden, müssen wir uns mal die neuropsychologische Ebene anschauen, was da eigentlich genau passiert.

13:04
Wenn wir Social Media nutzen, wird unser Belohnungssystem aktiviert. Und zwar durch Likes, durch neue Follower oder auch einfach durch das nächste Reel. Und besonders stark reagiert es, wenn die Reize unerwartet kommen. Man nennt das auch einen Reward Prediction Arrow. Also einen Moment, in dem wir mehr Belohnung bekommen als erwartet.

13:27
Das feuert dann Dopamin und was wir ja schon in der Folge zur Neurobiologie der Sucht gelernt haben, Dopamin ist unser Motivator und sorgt dafür, dass wir etwas nochmal machen wollen. Und besonders effektiv wird das Ganze, wenn die Belohnung nicht immer kommt. Nicht jeder Post bekommt gleich viele Likes, einer performt mal richtig gut und manche halt gar nicht. Nicht jedes Video ist interessant und wir bleiben dran hängen, sondern zweipen einfach weiter, bis uns wieder etwas wirklich catcht.

13:55
Und das nennt man in der Lernpsychologie „intermittierende Verstärkung“, also eine Belohnung, die unregelmäßig auf ein Verhalten folgt. Und genau diese Unvorhersehbarkeit treibt uns an und sorgt immer für neue Dopaminschübe. Und was daraus entsteht, sind eben Nutzungsmuster, die sich ja wie verselbstständigen. Das nennt man dann Habitualisierung, also das Verhalten wird zur Gewohnheit.

14:20
Es ist also nicht mehr bewusst gesteuert, sondern läuft automatisch wie eine Maschine ab, fast wie so ein Reflex. Und oft aktiviert das halt schon ein kleiner Reiz, zum Beispiel, wenn man die App auf dem Homescreen hat. Und dann gibt es die Handlungskette. Öffnen, scrollen, Zeit vergessen und irgendwann fragt man sich, warum man schon wieder 40, 50, 60 Minuten am Handy klebt. Und bei Jugendlichen kommt halt nochmal zusätzlich etwas dazu.

14:47
Denn das junge Gehirn ist besonders empfänglich für Belohnungen und zur gleichen Zeit ist die Selbstregulation eben noch nicht ausgereift. Und damit sind sie halt besonders empfänglich für das System, das Plattformen wie TikTok und Instagram bieten und sind viel, viel mehr von dieser Sogwirkung auch noch betroffen, als das jetzt zum Beispiel auch Erwachsene sind. Und merkt euch das mal, darauf kommen wir später nochmal zurück. Musik

15:13
Aber was ist denn jetzt wirklich auch eine Social-Media-Sucht? Bin ich Social-Media-süchtig, weil es mir durchaus passiert, dass ich anstatt 10 Minuten plötzlich 40 Minuten am Handy klebe? Ist das eine Sucht? Wie häufig muss das eigentlich passieren? Und das wollen wir uns jetzt mal kurz anschauen. Denn ich bin Social-Media-Süchtig.

15:33
Hier ist es erstmal wichtig, einen Unterschied zu machen. Nicht jede exzessive Social-Media-Nutzung ist gleich eine Sucht. Viele Menschen verbringen super viel Zeit mit Instagram, TikTok oder YouTube, ohne dass es wirklich einen Leidensdruck bei ihnen verursacht. Entscheidend ist hier nicht nur die Dauer, sondern eben auch die Funktion von Social Media und die daraus entstehenden Konsequenzen. Also genauso wie wir das auch schon aus den Drogen kennenlernen.

15:59
ist es eben bei Social Media auch. Eine offizielle Social-Media-Sucht findet man im aktuellen Diagnosesystem der ICD-10 auch überhaupt nicht. Allerdings für die neue Auflage, die ICD-11, soll sich das dann ändern. Dort kann man dann

16:15
unter andere spezifische Verhaltenssüchte eine Social-Media-Nutzungsstörung klassifizieren. Also ja, es wird sozusagen als Erkrankung diagnostizierbar. Die Diagnose-Kriterien sind sehr ähnlich wie bei der Computerspielsucht. Es geht um eine geminderte Kontrolle, eine Priorisierung gegenüber anderen Aktivitäten und eine anhaltende Nutzung trotz Leidensdruck. Und viele, die eben viel Zeit auf Social Media verbringen, erfüllen diese Kriterien eben nicht.

16:43
Sie nutzen es zwar häufig, aber sie können auch pausieren, können auch Zeiten ohne Handy, sie machen noch ganz normal ihre Hobbys. Diese negativen Konsequenzen breiten sich also noch nicht so aus, obwohl Social Media viel genutzt wird. Und da würde man dann wahrscheinlich eher von einer problematischen Nutzung oder exzessiven Gebrauch sprechen. An dieser Stelle kommen wir jetzt auch zu einem Thema, was wir hier auch öfters im Podcast haben. Und zwar, es braucht ja überhaupt nicht das Suchtlabel,

17:10
damit etwas für jemanden Probleme verursachen kann, Herausforderungen verursachen kann. Das geht auch ganz ohne eine Suchtdiagnose. Und genau das schauen wir uns jetzt im nächsten Kapitel an. Auch wenn nicht jede Social-Media-Nutzung, die sehr lange und ausbordend ist, eine Sucht ist, heißt es allerdings nicht, dass genau dieses Verhalten Risiken mit sich bringt.

17:37
Eine hohe Bildschirmzeit, eine ständige Reizüberflutung, der soziale Vergleich oder auch die emotionale Abhängigkeit von Likes oder Kommentaren können natürlich erhebliche Belastungen erzeugen und das natürlich auch ohne, dass es eine Sucht ist.

17:54
In Studien konnte man zeigen, dass Jugendliche mit problematischer Social-Media-Nutzung deutlich häufiger über depressive Symptome, Angstzustände und auch Einsamkeit berichten. Und besonders hoch ist dann das Risiko, wenn gleichzeitige Phänomene wie FOMO, also die Fear of Missing Out, man hat immer das Gefühl, es passiert Social-Media irgendwas, was man auf gar keinen Fall verpassen möchte, hinzukommt, aber natürlich auch Socials.

18:18
Cybermobbing oder negatives Feedback auftreten, die man einfach irgendwie verarbeiten muss. Und das betrifft natürlich nicht nur Jugendliche. Erwachsene, die unter chronischem Stress stehen oder sich auch emotional ausgelaugt fühlen, nutzen eben Social Media häufig als Ersatzregulation, was zwar kurzfristig entlastet, langfristig aber zu Erschöpfung und Selbstentfremdung führen kann. Und in der Regel gibt sich eben daraus genau so ein Teufelskreis. Ich bin gestresst,

18:47
Also konsumiere ich TikTok und Instagram. Dadurch fühle ich mich zwar kurz besser, langfristig erhöht es aber meinen Stress und sorgt dafür, dass ich noch mehr auf Social Media rumhänge und so weiter und so fort. Und neuropsychologisch wissen wir außerdem, dass exzessive Nutzung die Aufmerksamkeit, die Selbstwahrnehmung und die Gewohnheitsbildung hemmt. Und das halt insbesondere bei Jugendlichen, deren Gehirn noch in Entwicklung ist. Musik

19:14
So, aber was machen wir denn jetzt mit der Erkenntnis? Das Handy aus dem Fenster werfen ist sicher keine Lösung. Und bevor wir uns jetzt gleich ein paar Strategien auf der individuellen Ebene anschauen, kommen wir erstmal zu einem viel wichtigeren Punkt aus meiner Sicht: Wie sollten wir in der Gesellschaft mit diesem Thema überhaupt erstmal umgehen? Psychische Probleme und Herausforderungen werden leider sehr, sehr gerne individualisiert.

19:39
Du hast ein Social-Media-Problem? Na, dann reiß dich doch einfach zusammen. Tja, und so einfach ist es halt nicht, vor allem, wenn Entwickler hinter diesen sozialen Plattformen sitzen, deren Aufgabe ist, ein Netzwerk zu schaffen, deren Erfolgsfaktor unsere Aufmerksamkeit ist. Denn umso mehr wir diese Aufmerksamkeit in Social-Media-Plattformen fließen lassen, umso besser für sie. Also aus

20:03
wirtschaftlicher Ebene macht es total Sinn, eine Plattform so zu bauen. Und das ist erstmal ganz wichtig zu verstehen. Wir reden hier nicht von komplett neutralen Netzwerken, die uns lassen machen, was wir wollen. Sie bauen halt wirklich diese Mechanismen ein, die

20:20
diesen Suchtfaktor mit sich bringen. Und daraus entsteht halt eine Verantwortung. Das kann man ja nicht einfach so machen und sagen, ja, aber wenn du Probleme hast, dann ist es nicht unser Problem. Ich habe dazu neulich auf LinkedIn einen Post gelesen, der hat das eigentlich ganz schön auf den Punkt gebracht. Er hat nämlich den Umgang…

20:36
den gesellschaftlichen Umgang mit Social Media Plattformen mit unserem früheren Umgang mit der Tabakindustrie verglichen. Also wir lassen den Tabakfirmen freien Lauf und wer mit seinem Tabakkonsum nicht klarkommt, selber schuld, soll halt aufhören zu rauchen. Und hier

20:52
stellt sich halt erstmal die grundlegende Frage: Finden wir es als Gesellschaft in Ordnung, dass die Social Media Plattformen, die uns zur Verfügung stehen, Mechanismen aufbauen, die uns so binden? Und wenn wir diese Frage mit Nein beantworten, ist der nächste Schritt nicht: Na dann nutzt es halt einfach nicht mehr.

21:10
Da wären wir wieder bei einer Individualisierung eines strukturellen Problems, sondern die Antwort bzw. die Lösung ist, wer hätte es gedacht, deutlich komplexer, denn komplexe Themen brauchen oder haben meistens auch eher komplexe Lösungsansätze. Aber es gibt halt auch schon sinnvolle Forderungen, wie man mit dieser Problematik umgehen könnte. Zum Beispiel eine Transparenzpflicht für Algorithmen oder das Verbot von besonders manipulativen Designs, sogenannten Dark Patterns.

21:39
Aber auch klare Schutzregelungen für Kinder und Jugendliche. Ein weiterer Vorschlag ist Werbeeinschränkungen. Da hat sich ja auch über die Zeit durchaus viel getan. Als ich noch bei Instagram gestartet habe, da mussten Werbungen noch nicht mal markiert werden. Und da wird ja durchaus immer wieder ein paar Rädchen gedreht. Aber ich habe das Gefühl, es sind wirklich, wirklich kleine Rädchen drin.

22:01
Und dann, und das finde ich auch sehr interessant, dass es vielleicht auch eine Möglichkeit wäre, dass man alternative Plattformmodelle fördert, dass man vielleicht auch eine staatlich geförderte Social-Media-Plattform macht, wie sehr die wirklich durchschlägt und dann wirklich auch eine Chance hat, gegen andere Plattformen, das sei mal dahingestellt. Aber ich hätte ehrlich gesagt schon gerne die Wahl, eine Social-Media-Plattform zu haben, wo mir noch viele der positiven Benefits gibt,

22:28
Aber eben nicht mehr diese krasse Sogwirkung hat. Und solche Ideen, Vorschläge, Regulierungen müssen vom Staat angesetzt werden und müssen Gesetze dafür stattfinden. Wir haben ja zum Beispiel bei der Alkoholindustrie dieses

22:46
Wilden Ansatz der Selbstverpflichtung, also dass die Alkoholindustrie sich selbst verpflichtet, um Aufklärung zu machen. Haben wir in Folge 104 drüber geredet, auch absoluter Wahnsinn. Nee, da braucht es eben staatliche Regulierungen, die halt die Firmen nicht einfach machen lassen, was sie wollen in Europa, in Deutschland.

23:08
Und das nennt man übrigens Verhältnisprävention. Man steckt einen Rahmen, in dem etwas geschehen soll. Man reguliert also etwas, anstatt es zu verbieten und versucht so, einen Schaden zu reduzieren bzw. im besten Falle ganz abzuwenden.

23:24
Aber leider malen die Mühlen sehr langsam bei solchen neuen Regulierungen. Also schauen wir uns trotzdem mal an, was man selbst tun kann. Ein erster Schritt kann sein, dass man sich seine eigene Social-Media-Nutzung erst mal sichtbar macht. Und da würde ich tatsächlich sehr ähnlich vorgehen, als wenn man auch seinen eigenen Drogenkonsum trackt. Ich

23:46
Ich mache mir also eine Tabelle mit unterschiedlichen Kategorien. Eine Kategorie ist was, also was konsumiere ich? Instagram, TikTok, Reddit, was auch immer. Dann die nächste Frage ist wann, also morgens, mittags, abends. Die andere Frage ist wie lange. Dann welches Gefühl hatte ich, welchen Zweck hatte es und wie ging es mir danach?

24:06
Allein diese Tabelle hilft uns erstmal zu reflektieren, was wir da eigentlich machen und hat häufig schon den Effekt, dass wir deutlich bewusster im Alltag mit unserem Social Media Konsum umgehen. Dann gibt es natürlich auf dem Handy einige Einstellungen, die unterstützend wirken können, zum Beispiel alle Push-Nachrichten ausstellen, eine zeitliche Einschränkung bei den Apps einstellen usw.

24:30
Es sollte eigentlich an sich alle neuen Smartphones haben. Es gibt auch Apps, die man Social Media Apps vorschalten kann, die einen vor dem Öffnen der App nochmal fragen, ob man das wirklich möchte. Und was mir persönlich auch super hilft, ist das Handy einfach komplett auf schwarz-weiß zu stellen. Damit ist alles wirklich deutlich weniger spannend.

24:50
und kann einfach eine super Unterstützung sein, dass es einfach nicht so eine Sogwirkung hat. Ein weiterer Punkt ist aber natürlich auch Alternativen schaffen. Also baue Offline-Hobbys auf, Sport, Lesen, was auch immer. Schwimmen ist hier besonders praktisch, weil da kann man sein Handy nicht mitnehmen. Also einfach bewusst…

25:07
Inseln schaffen, wo man am besten sein Handy gar nicht erst mit dabei hat. Dann natürlich auch der Aspekt, suche offline soziale Räume, zum Beispiel auf Veranstaltungen, Sportverein, in der Bibliothek, was auch immer, wo man auch in Kontakt kommen kann, falls

25:22
dir Social Media dazu dient, mit unangenehmen Gefühlen klarzukommen, gilt es aber natürlich auch, diese zu bearbeiten und dass man eben schaut, dass es einem grundlegend besser geht. Und das eben auch mit professioneller Unterstützung. Bei Kindern und Jugendlichen gilt allerdings auch ganz klar, hier sind die Eltern in der Pflicht.

25:40
Studien zeigen, dass Jugendliche deutlich seltener problematische Nutzungsmuster entwickeln, wenn die Eltern klare Regeln aufstellen und dazu gehört auch immer auch ein gutes Vorbild in die Richtung sind. Wir haben ja heute schon gelernt, dass Kinder und Jugendliche besonders anfällig sind, weil aufgrund des noch nicht fertig ausgebildeten präfrontalen Cortex-Systems

26:00
die Selbstkontrolle eben noch gemindert ist. Und diesen Part müssen Eltern einfach übernehmen. Ja, ihr Lieben, das war es schon wieder mit dieser Folge. Was nehmen wir heute mit? Was haben wir heute gelernt?

26:17
Auf der einen Seite kann Social Media wirklich uns toll verbinden und ein Mittel von kreativem Ausdruck sein. Auf der anderen Seite ist es eben auch so designt, dass wir kaum davon loskommen. Problematisch wird es, wenn die Kontrolle immer und immer mehr gemindert wird und die Nutzung als Belastung wird. Auch wenn man vielleicht das Label Sucht noch nicht erfüllt, unerwünschte Konsequenzen können auch früher eintreten und sollte man auf jeden Fall ernst nehmen. Und was mir besonders wichtig ist, Verantwortung tragen wir aber nicht nur selbst.

26:45
sondern eben auch die Plattform und vor allem auch die Politik, um genau hier Regularien festzusetzen. Ich hoffe, euch hat die Folge gefallen. Schreibt das gerne in die Kommentare. Und wenn ihr den Podcast supporten wollt, würde ich mich mega darüber freuen, wenn ihr eine gute Bewertung auf eurer Podcast-Plattform da lasst, dem Podcast folgt oder die Folge an jemand anderen beitragt.

27:06
der die Folge vielleicht einfach auch hören sollte. Und falls du noch einen Schritt weiter gehen magst, findest du den Link zur Steady-Mitgliedschaft in der Folgenbeschreibung. Ich würde mich auf jeden Fall freuen und sonst hören wir uns in der nächsten Folge wieder.


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