Fachwissen direkt auf dein Handy
Dreimal pro Woche bekommst du fundierte Impulse zu Drogen, Konsum und Sucht für deinen beruflichen Alltag.

Warum lohnt sich ein nüchternes Leben, Nathalie Stüben?

Abstinenz wird häufig als Verzicht, lebenslanger Kampf oder notwendige Einschränkung verstanden. Die Sobriety-Bewegung setzt diesem Bild eine andere Perspektive entgegen: Ein Leben ohne Alkohol kann Entlastung, Freiheit und persönlichen Gewinn bedeuten. In dieser Folge spricht Stefanie Bötsch mit der Journalistin und Autorin Nathalie Stüben darüber, warum Begriffe wie Nüchternheit, Abstinenz oder „trocken sein“ unterschiedlich erlebt werden und wie ein positiver Blick auf das Nichttrinken Menschen dabei helfen kann, ihren Alkoholkonsum früher zu hinterfragen.

Die Folge ordnet ein, wie öffentliche Erfahrungsberichte, Gemeinschaft und niedrigschwellige Angebote das gesellschaftliche Bild von Alkoholproblemen verändern. Es geht um die weibliche Prägung der Sobriety-Bewegung, den Umgang von Männern mit Gefühlen, die Normalisierung von Alkohol und den Einfluss der Alkoholindustrie. Deutlich wird: Ein nüchternes Leben ist weder nur eine Reaktion auf eine schwere Abhängigkeit noch Ausdruck eines Verbotsgedankens, sondern kann eine selbstbestimmte Entscheidung sein, durch die Menschen mehr Klarheit gewinnen und ein Leben gestalten, in dem es ihnen wirklich gut geht.

Unabhängige Aufklärung fördern. Fachlich weiterdenken.

Mit Psychoaktiv+ unterstützt du die Arbeit hinter Podcast und Magazin. Gleichzeitig kannst du mit der Vertiefungs-Mitgliedschaft auf exklusive Folgen und vertiefende Inhalte für Beratung, Therapie und Prävention zugreifen.


Warum lohnt sich ein nüchternes Leben, Nathalie Stüben?

=========================================
PODCAST-METADATEN
Folge: 117
Erscheinungsdatum: 17.07.2025
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Warum lohnt sich ein nüchternes Leben, Nathalie Stüben?
Sprecher: Stefanie Bötsch, Nathalie Stüben

Typ: Transkript

00:01
Die erste Reaktion ist immer, oh Gott, jetzt wollen sie uns auch noch den Alkohol verbieten. Nee, möchte keiner. Es geht darum, da eine Verhältnismäßigkeit herzustellen. Wie wichtig ist Alkohol innerhalb von alltäglichen Kommunikation von Männern, um auch wirklich tiefere Themen zu besprechen? Ich bin immer mehr so in die Frau hineingewachsen, mit der es mir gut geht. Musik

00:33
Psychoaktiv, dein Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein! Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Psychoaktiv, dein Podcast zum Themenkomplex Drogenkonsum und Sucht. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, dieses Thema so differenziert und von so vielen Richtungen wie möglich zu betrachten und

01:02
Und heute nehme ich die Folge nicht in Frankfurt auf, sondern ich sitze in Rosenheim bei Nathalie Stüben. Nathalie Stüben ist Journalistin und Autorin, über das Buch reden wir gleich. Und sie ist eine sehr wichtige Person in der Initierung der Sobriety-Bewegung in Deutschland. Hallo Nathalie, schön, dass du heute da bist. Hallo Steffi, danke für die Einladung. Ich spreche ja hier in meinem Podcast sehr viel auch über akzeptanzbasierte Ansätze und heute möchte ich…

01:30
Ich persönlich spreche tatsächlich auch ganz gern von Abstinenz. Für mich ist Nüchternheit einfach ein sehr schönes Synonym und das ist wahrscheinlich auch noch ein bisschen näher dran an dem englischsprachigen Begriff »sobriety«.

01:52
Also wenn du mich jetzt persönlich fragen würdest, für mich ist Abstinenz genauso positiv konjunktiert wie Nüchternheit. Das ist schön, weil ich glaube, es kommt auch viel aus der Richtung, dass eben Abstinenz dieser sehr stark pathologisierte Begriff ist und vielleicht auch eher negativ behaftet ist. Aber man kann sich natürlich auch das Wort zurückbeziehen.

02:08
Claiming. Genau. Und was ich auch echt spannend fand, ich habe mal mit einem Funktionär aus der Selbsthilfe gesprochen, mit Rolf Höllinghorst, der bei den Guthemplern ja sehr aktiv ist. Und der hatte mal über einen Text von mir gelesen und meinte dann, also dieses Wort Abstinenzler, Abstinenzlerinnen, das würde ich glaube ich nicht verwerten. Das klingt so ein bisschen abfällig. Und ich dachte, hä, findest du? Finde ich gar nicht. Und da dachte ich, ist ja interessant, für mich ist dieser Begriff so positiv übertrieben.

02:37
weil ich meine Abstinenz eben auch als so wahnsinnig positiven Weg erlebt habe und wahrscheinlich auch so weit entfernt war von diesem etablierten Suchthilfesystem, dass ich diese negative Konnotation gar nicht so aufgenommen habe. Also es ist auch etwas sehr Subjektives, ja. Und es ist halt auch einfach ein sehr vielverwendeter Begriff und den sozusagen einfach komplett rauszuschließen und sagen, okay, wir machen das Gleiche, wir sind nüchtern, wir konsumieren nicht mehr Abstand,

03:04
Aber sagen, dieser eine Begriff ist böse, ist ja irgendwie auch fast ein bisschen kontraproduktiv der Sache wegen. Ja, mir ging das dann eher mit dem Begriff trocken so. Da habe ich zum Beispiel gesagt, trocken, das klingt für mich eher so ein bisschen nach Kleinkind, das jetzt keine Windeln, also es hat was sehr infantilisierendes.

03:21
Und da habe ich für mich nüchtern als Passender empfunden, was ja Daniel Schreiber damals auch so in den Diskurs eingeworfen hat. Und da konnte ich mich zum Beispiel sofort mit identifizieren. Also es gibt schon Worte, mit denen ich jetzt nicht so wahnsinnig viel anfangen kann. Aber vielleicht können wir daraus auch einfach lernen, dass da jeder auch in sich reinspüren darf und gucken darf, okay, mit welchen Worten geht es mir denn gut? Absolut. Und das einfach für sich selbst bestimmen, weil…

03:48
Es ist halt nicht so dieser geradlinige Weg, der für alle absolut gleich ist, sondern das sind ja super individuelle Wege. Aber gehen wir vielleicht mal einen Schritt zurück und ich möchte dich erstmal ganz grundlegend fragen, was ist denn diese Sobriety-Bewegung, von denen die davon vielleicht noch nichts gehört haben, die vielleicht auch nicht in dieser Bubble unterwegs sind. Magst du uns da mal eine kleine Einführung geben? Ja, ja.

04:12
Also Sobriety-Bewegung, Nüchternheitsbewegung, so beschreibe ich das in meinem Buch, unterscheidet sich jetzt so von den, ich sag mal, eher traditionellen abstinenzorientierten Linien. Vor allem, glaube ich, durch drei Punkte. Zum einen dadurch, dass wir offen und öffentlich über unsere Alkoholproblematiken sprechen, also auch mit Klarnamen, mit Gesichtsschweiß.

04:36
Dass wir so von der Rhetorik her weg sind von diesem Kampf und dieser lebenslangen Bedrohung hin zu, hey, wenn du aufhörst zu trinken, dann ist das ein Gewinn und es ist vor allem auch eine Entlastung. Also weg von diesem, ich muss aufhören, hin zu, oh, ich darf auch aufhören.

04:54
Und der dritte Punkt ist, dass ich in dieser Nüchternheitsbewegung mehr Graubereich sehe. Also früher war das sehr stark geprägt von extremen Geschichten und jetzt sehe ich da eher das gesamte Spektrum von Alkoholproblemen, weil Alkoholgebrauchsstörungen bewegen sich auf einem Kontinuum.

05:12
Und ich sehe in dieser Nüchternheitsbewegung viele Abstufungen. Also wenn man das so zusammenfassen würde, vielleicht sowohl von Lifestyle-Entscheidung bis hin zu sehen, ja, ich trinke Alkohol, ich habe vielleicht keine Probleme, aber ganz ohne Alkohol ist es vielleicht noch ein bisschen geiler bis hin von Alkohol beeinträchtigt mein Leben super stark und ich kann in dieser Gemeinschaft

05:37
Ich glaube, gerade der Aspekt Gemeinschaft eben so viel auch rausschöpfen, um Mut für meine Nüchternheit zu finden. Ja, genau. Also das finde ich einen interessanten Aspekt. Und was ich eben auch schön finde, ist, dass sich dadurch auch die Medienberichterstattung verändert. Also das war ja bis vor, ich sage jetzt mal zehn Jahren, auch immer so, wenn Betroffene da in

05:59
getreten sind oder in Teilerscheinungen, dann war das anonym, teilweise bebildert wie Schwerverbrecher. Ich habe auch so einen Beitrag im Kopf, da haben sie jemandem sogar die Stimme verzerrt. Also so von hinten und das wurde mit irgendwelchen Schattenrissen bebildert und so. Also diese komplette Bildsprache und diese komplette Inszenierung sprach schon von

06:19
Hilfes musst du unbedingt verstecken, wenn du praktisch an Sucht erkrankt bist. Und diese komplette Bildsprache hat mir damals auch signalisiert, das ist wirklich etwas, für das ich mich richtig schämen muss.

06:31
Und das verändert sich natürlich dadurch, dass jetzt immer mehr Leute auch mit ihrem Gesicht und mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen, dass die Realität dieser Suchterkrankungen einfach sichtbar wird. Nämlich, es kann wirklich jeden treffen. Es geht von rechts nach links, es geht von sozioökonomischem Status ganz unten bis nach ganz oben. Das ist so präsent. Und da diese Gesichter in die Öffentlichkeit zu holen,

06:55
halte ich für so wichtig und das kommt jetzt eben, wie gesagt, in der Medienberichterstattung auch an. Und die Bilder haben sich da Gott sei Dank auch verändert. Und ich glaube, das verändert dann wiederum auch etwas in den Köpfen von Menschen und auch in der Bereitschaft, sich selbst gegenüber zu erkennen, okay, anscheinend habe ich da ein Problem und ich kann da was dran verändern. Du hast ja, dein erstes Buch ist jetzt auch schon ein paar Jahre her, »Ohne Alkohol mit Nathalie«.

07:21
Und es ist ja schon so, dass dein Buch, aber auch dein Auftritt, deine Geschichte, die du erzählt hast, da schon wirklich einen Stein ins Rollen gebracht hat. Wie war das für dich, da Vorreiterin zu sein? Also ich weiß, dass der Verlag mein Buch damals auch eingekauft hat als dieses, okay, das wird jetzt das erste Buch in Deutschland sein.

07:42
das für dieses Thema steht und das wird wahrscheinlich sehr, sehr groß. Das heißt, es war nicht so, dass das in die Bestsellerlisten geschossen ist und ins mediale Bewusstsein und ich total überrascht war. Ich hatte da auch schon mit gerechnet. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann war das eine sehr anstrengende Zeit, weil ich natürlich unwahrscheinlich viele Anfragen bekommen habe und vorher auch gesagt habe,

08:07
Solange dieses Thema Aufmerksamkeit erhält, solange werde ich die Welle reiten, weil ich mich der Sache so verpflichtet fühle. Die Welle hat aber halt Jahre angehalten. Und irgendwann war ich dann da an dem Punkt, dass ich gesagt habe, okay, ich muss diese Presseauftritte jetzt reduzieren. Weil das zwar etwas ist, das ich glaube ich ganz gut kann, das mir jetzt aber nicht so wahnsinnig viel Freude macht. Also mir macht es vor allem Spaß zu recherchieren und zu schreiben und zu verstehen und mich auszutauschen und so.

08:36
Und da tanke ich meine Energie. Und das ist eine Zeit lang zu kurz gekommen. Und diese Aufmerksamkeit, ich stand ja vorher schon so ein bisschen in der Öffentlichkeit durch meine Arbeit beim Bayerischen Rundfunk. Und das war okay. Das war okay.

08:52
Und was hat sich denn daraus weiterhin ergeben? Du hast ja inzwischen auch ein Programm Ohne Alkohol mit Nathalie und es hat sich ja wirklich sehr viel Gemeinschaft gebildet. Könnte man sagen, das ist eine moderne Selbsthilfegruppe? Ist Selbsthilfegruppe das, was ihr eher ablehnt? Wie seht ihr euch selbst? Ja, guter Punkt. Also nein, ablehnen tue ich Selbsthilfe gar nicht. Selbsthilfe hat ein paar so wunderschöne Aspekte.

09:17
Das Schönste ist dieses, okay, krass, ich bin gar nicht der schlimmste Mensch der Welt, es geht anderen genauso. Und zwar mit allem, mit allem, was du irgendwie fühlst, du kannst davon ausgehen, es geht jemandem genauso. Und ich finde diese Worte, ich auch oder ich verstehe dich, es ist einfach krass, was für eine heilsame Kraft darin liegt, das ist irre.

09:36
Ich betrachte mein Unternehmen mittlerweile so ein bisschen als Hybrid. Auf der einen Seite haben wir diese Selbsthilfegruppen-Aspekte, diese Community-Aspekte. Auf der anderen Seite sind wir aber auch sehr professionell aufgestellt. Also ich bilde mich seit Jahren weiter, promoviere ja auch zu dem Thema und mein Team ist ebenso professionell. Ich habe psychologische Psychotherapeutinnen im Team, Suchttherapeutinnen,

10:02
Einige meiner Mitarbeiterinnen haben eine Ausbildung zur Suchtberaterin absolviert. Wir gucken, dass wir da echt up to date bleiben, wenn wir an unsere Live-Klassen denken. Da halten auch Leute aus dem Suchthilfesystem Klassen. Aber das Besondere ist halt bei uns, die meisten, die bei uns als Experte auftreten, waren halt auch selbst betroffen.

10:23
Und das ist so ein Asset, das ist mir letztens mal aufgefallen, als ich eine Live-Klasse von Sebastian Müller geguckt habe, von der Caritas Traunstein, den ich ja sehr schätze. Und der so von seiner eigenen Zigarettenabhängigkeit erzählte. Und ich finde diese Kombi so geil aus, ich habe dieses Fachwissen, ich kann euch Wissen vermitteln, auf Grundlage dessen ihr euer Verhalten ändern könnt oder es einfacher wird, Verhalten zu verändern. Und dann aber gleichzeitig noch diese emotionale Schiene mit an Bord zu haben, dieses Wissen.

10:53
Und ich verstehe es übrigens auch wirklich, nicht nur theoretisch, sondern ich weiß, wie sich das anfühlt, in so einem Kreislauf drin zu stecken. Ich weiß, wie sich das anfühlt, plötzlich aus dem Nichts ein Craving zu bekommen. Und ich weiß, wie sich das anfühlt, dann über dieses Wissen zu verfügen, das mir ermöglicht, eine andere Entscheidung zu treffen als früher.

11:14
Und so sehe ich uns mittlerweile. Wir vereinen da ein paar Aspekte. Ist ja auch wirklich super spannend, wie sich das eben entwickelt hat. Ich meine, ich war das letzte Mal, vor drei Jahren haben wir gesprochen. Ja, es ist schon drei Jahre her, als ich das erste Mal bei dir war.

11:29
Und wie sich das halt immer weiterentwickelt. Ich glaube, am Anfang war es ein Newsletter, ganz, ganz, ganz am Anfang. War es ein Podcast, ja. Genau, und das Programm waren Mails. Genau. Und Schritt für Schritt bist du jetzt eben hier und hast das immer stetig weiterentwickelt und erreichst dir inzwischen auch unfassbar viele Menschen, ne?

11:46
die man wahrscheinlich auch mit der traditionellen Suchthilfe teilweise wahrscheinlich eher nicht so gut erreicht. Ja, ich erreiche sie auch früher. Also das ist natürlich dann auch sehr niedrigschwellig, mal eben zu googeln und dann ein YouTube-Video zu gucken oder mal eben einen Podcast zu hören. Das ist niedrigschwellig, um das einfach mal zu verschicken.

12:04
Und Leute darauf hinzuweisen, es ist aber auch niedrigschwellig, sich einfach mal so einen Podcast anzumachen und eine Runde spazieren zu gehen. Das ist ja viel einfacher, als irgendwo hinzugehen. Ich meine, wie viel braucht es da, irgendwo hinzugehen und zu sagen, ich habe ein Problem. Und dann auch noch das Risiko einzugehen, dass mein Gegenüber mich nicht ernst nimmt.

12:24
Was eigentlich nicht das Risiko sein sollte, wenn man in eine Suchtberatung geht. Nee, genau. Also bei der Suchtberatung lese ich es seltener, aber leider lese ich es immer wieder. So bei Hausärzten lese ich es. Ich habe wirklich den Eindruck, ich trinke zu viel. Ach nein, reduzieren Sie einfach mal ein bisschen. Ihre Leberwerte sind in Ordnung. Was ja auch gerade das Thema war in der letzten Interviewfolge. Könnt ihr einfach reinhören. Das müsste zwei Folgen vor dieser Folge sein. Musik

12:52
Es ist ja schon so, wenn wir nochmal zur Sobriety-Bewegung kommen, dass man schon sagen könnte, dass die sehr weiblich geprägt ist. Ja. An was liegt das denn? Tja…

13:03
Da habe ich mir schon viele Gedanken drüber gemacht. Jetzt mal so auf mein Unternehmen bezogen, da dachte ich am Anfang, vielleicht liegt es daran, dass ich halt eine Frau bin, dass ich so viele Frauen erreiche. Also ich habe ja im Zuge meiner Doktorarbeit mein 30-Tage-Programm ausgewertet und da sind 82,56 Prozent, also so knapp 83 oder ungefähr 83 Prozent weiblich.

13:26
Und dachte dann, vielleicht liegt das auch an der Farbauswahl. Ich habe ja so einen Rosenholzton. Also das wirkt schon alles sehr feminin. Aber es geht ja weiter. Diese komplette, also ich sage mal, so die führenden Köpfe dieser Sobriety-Bewegung sind eigentlich alle weiblich, wenn ich mich jetzt gerade nicht vertue. Und ich vermute, und das haben wir im Buch auch geschrieben oder so als These aufgestellt, dass das daran liegt, dass diese traditionelle Suchthilfe und die traditionelle Selbsthilfe

13:56
eher männlich geprägt ist, was ja auch logisch ist. Also sehr viele Jahre waren Männer absolut in der Mehrheit, wenn es darum ging, diese Suchthilfe, diese Systeme zu gestalten, aber eben auch in der Mehrheit, wenn es darum ging, wer wird hier eigentlich abhängig. Ich meine, das verändert sich ja gerade, immer mehr Frauen bekommen eben auch Probleme mit Alkoholabhängigkeit.

14:15
Aber etabliert haben es halt Männer, dann eben auch für Männer. Und ich schätze, dass das Internet dann eine Möglichkeit geboten hat, dass da andere Sichtweisen eben auch platzieren.

14:26
Platz finden und eben Sichtweisen wie zum Beispiel, ich möchte mich nicht Alkoholikerin nennen. Und für mich war das kein Kampf. Für mich war das ein Gewinnen aufzuhören. Und ich betrachte mich nicht als ein Leben lang krank. Ganz im Gegenteil. Also ich bin so viel stärker aus dieser Sucht jetzt herausgegangen, als ich reingekommen bin. Und für mich ist das zum Beispiel total wichtig, dass ich sagen kann, ich bin gesund. Und ich bin so gesund.

14:54
Und ich fürchte nicht jeden Tag, dass ich rückfällig werde. Solche Sachen. Und ich glaube, dass das Internet da einfach eine gute Möglichkeit geboten hat, sowas einfach mal auszusprechen und damit eben auch anderen die Möglichkeit gegeben hat, da vielleicht auch so anzudocken innerlich. Ah, ich muss mich gar nicht Alkoholikerin nennen, cool. Also mir hat das zum Beispiel total erleichtert aufzuhören und mir hat das total erleichtert, so Motivation zu finden für mein Leben ohne Alkohol.

15:23
Aber wie gesagt, das sind jetzt so die Thesen. Hast du denn noch eine Idee? Ich habe mich ehrlich gesagt gerade gefragt, ob das in den USA, wo die Sobriety-Bewegung ja schon ein bisschen älter ist, anders ist. Weißt du das zufälligerweise? Also für mich sind da die zentralen Stimmen ebenfalls weiblich.

15:40
Allerdings habe ich mir auch gezielt Vorbilder gesucht und vielleicht sind die Frauen in meinem Kopf dann auch lauter, weißt du? Ich glaube so ein bisschen das Ding ist, was jetzt so hypothetisch aufmachen könnte, dass Männer sich untereinander ganz anders organisieren oder verhalten.

15:56
nicht organisieren. Ich glaube, das ist eher der springende Punkt. Während Frauen viel eher auch über Gefühle sprechen, es mehr gewohnt sind, sich in Freundschaften wirklich auf eine tiefe Art und Weise zu verbinden und auch zu unterstützen und auch über Probleme zu sprechen und Probleme anzusprechen auch einfach besser funktioniert unter Frauen. Während ich das halt bei Männern häufig eben beobachte, dass die überhaupt keinen männlichen Ansprechpartner für tiefere Probleme haben. Die haben dann mal eine Freundin.

16:23
oder also entweder eine Partnerin oder eine Freundin, dass unter Männern einfach dieser Bund nicht besteht und dass das auch relativ schwierig ist, das eben aufzubauen. Während ich mir gut vorstellen kann, dass wenn eine Frau geht und offen darüber spricht, dass es für viele andere Frauen, die in ähnlichen Problemlagen sind, es einfacher ist, sich eben dem anzuschließen, sich zu identifizieren.

16:47
Weil wir es auch ein bisschen gewohnt sind. Ja, interessanter Aspekt, da fällt mir ein, dass Falk, also Falk Kiefer, mit dem ich mein zweites Buch Frauen und Alkohol auch geschrieben habe, dass der nach einem Interview, das ich mit den Frauen vom Soda-Club geführt habe, meinte, ah hier, die Mia hat was Interessantes gesagt, nämlich, dass das Männliche eher so top-down funktioniert, also sehr viel durch Willenskraft, durch Kampf, Disziplin funktioniert.

17:11
Und das tatsächlich auch im Suchthilfesystem so lange vorherrschte. Und dass dieses Bottom-up, dieses, hey, ich gucke mal, wo macht es denn Spaß ohne Alkohol? Was gewinne ich? Also, dass ich mir praktisch erlaube, da auch Freude dran zu finden und die positiven Aspekte zu sehen und so mein Gefühlsleben da mit an Bord habe und das nicht nur so kognitiv runterdiktiere sozusagen. Das hat er dann eher so als weiblich definiert.

17:36
und sagte, das tut den Männern natürlich auch total gut, ist aber eigentlich auch eher etwas…

17:40
Wir reden natürlich jetzt hier sehr schwarz-weiß, aber ist eher etwas Weibliches. Und das fand ich eben auch spannend. Und es geht ja in eine ähnliche Richtung. Ich glaube, ein Punkt, der mir gerade noch eingefallen ist, ich bin ja super ländlich aufgewachsen und auch sehr viele Männer dominiert, wenn man es so sagen möchte. Und das Bier ist, wenn es bei Männern um Gefühlen geht, der einzige Zugang zu Gefühlen.

18:07
Also dieses Klassische von, ah, meine Freundin hat Schluss gemacht. Ja, okay, komm, wir trinken jetzt erstmal ein Bier. Und dann nach dem zweiten, dritten wird dann in der Männerfreundschaft auch mal über Gefühle gesprochen. Und wenn das mein Zugang ist, auch irgendwie in meinem sozialen Umfeld mit meinen Kumpels über meine Gefühle zu sprechen…

18:28
Und dann soll ich plötzlich über Aufhören sprechen. Also ich habe ein emotionales Thema, ich soll über Aufhören sprechen, aber kann natürlich über das Aufhören, weil es ja ein emotionales Thema ist, nicht erst mal mit drei Bier anfangen. Ja, ja, sehr guter Punkt. Das nehme ich immer mit, das ist ein interessanter Gedanke. Also auch einfach so die Frage, wie wichtig ist Alkohol innerhalb von alltäglichen Kommunikation von Männern, um auch wirklich tiefere Themen zu besprechen. Mhm.

18:57
Ich habe ja in meiner Community oder in meiner Online-Gruppe, besser gesagt, auch ein paar Männer. Wie gesagt, es sind zwar sehr viele Frauen, aber es sind auch Männer. Und die reden sehr offen. Also das ist vielleicht auch so eine Umfeldsache. Und das weiß ich jetzt nur vom Hörensagen. Aber das hast du ja in vielen Selbsthilfegruppen dann doch auch, wenn das Setting stimmt. Wenn du weißt, hier brauchst du dich für nichts zu schämen und hier sind Leute, die verstehen dich und so.

19:23
dass das schon gute Umfelder sind, um zu lernen, das eben auch nüchtern zu machen. Absolut. Aber das ist halt der Punkt, das auch zu lernen. Und ich glaube, und da bin ich super dankbar für, dass weibliche Sozialisierung zum Glück häufig mitbringt, dass man nicht erst mal lernen muss, über Probleme zu reden, weil es einfach Teil von Freundschaften ist. Und wie gesagt, es ist plakativ gesprochen, aber es ist ja schon auch ein Muster, das man immer wieder erkennt. Musik

19:50
Du hast es ja schon erwähnt, da wollte ich jetzt als nächstes drauf zu sprechen kommen, weil du hast ja ein Buch rausgebracht, jetzt erst dieses Jahr, »Frauen und Alkohol«.

20:01
Warum braucht es ein Extrabuch für Frauen bezüglich Alkoholkonsum? Also wir haben ja gerade schon drüber gesprochen, dass vielleicht so von der Ansprache und der Kommunikation sich da was anderes eignet. Aber kommen wir doch mal zu Konsummustern und warum du sagst, okay, es braucht unbedingt ein Buch, wo du den Alkoholkonsum spezifisch für Frauen in den Blick nimmst. Also so aus meiner persönlichen oder wenn ich es persönlich erkläre, dann…

20:28
lag das daran, dass ich in Interviews immer wieder mal gefragt wurde, trinken Frauen denn eigentlich anders? Und ich immer dachte so, ja, aber nein, aber ja schon, aber das müsste ich mal recherchieren. Und dann kam diese Idee auf mich zu.

20:47
Dieses Buch zu schreiben und das war so eine Phase, in der ich sehr, sehr viel zu tun hatte. Und bevor ich in diesen Call gegangen bin, habe ich zu meiner Assistentin gesagt, sag vorher, mach das auf keinen Fall. Und dann kam ich da raus und habe gesagt, das mache ich auf jeden Fall. Das ist richtig geil. Und ich wollte das verstehen deswegen, weil ich gespürt habe, dass es da Unterschiede gibt zwischen

21:10
Aber ähnlich wie in anderen medizinischen Bereichen, Frauen natürlich einfach echt vernachlässigt wurden. Und wie gesagt, in der Selbsthilfe auch. Der Mann ist der Standard und Frauen wurden dann ebenso als Anhängsel betrachtet. So kam es, dass wir dieses Buch da recherchiert haben. Und es gibt eben auch einige Unterschiede. Klar, es gibt viele Parallelen, aber es gibt eben auch einige Unterschiede. Und wenn du so die Trinkmuster ansprichst,

21:39
Das ist natürlich immer so eine Sache mit Statistik, das ist ja schlussendlich Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das heißt, es gibt jetzt nicht den Unterschied, aber es gibt halt statistische Unterschiede. Das heißt, wenn wir uns ganz, ganz viele Fälle anschauen, dann zeigen sich Unterschiede oder Tendenzen. Und in Sachen Konsummuster können wir sagen, statistisch betrachtet trinken Männer am allerhäufigsten Wein.

22:01
Um gesellig zu sein, also fürs Miteinander, um miteinander in Kontakt zu treten. Passt ja auch voll zu dem, was du gerade gesagt hast. Um vielleicht mal wirklich miteinander zu sprechen. Um Sozialleben so möglich zu machen sozusagen oder zu begleiten. Und das machen Frauen auch. Aber im Gegensatz zu Männern trinken Frauen eben viel häufiger auch, um Stress zu betäuben, um depressive Verstimmungen zu betäuben, um Angst zu betäuben. Klammer auf.

22:28
Aus den Daten lässt sich jetzt nicht ablesen, inwiefern sind denn Stress, Angst und Depression durch den Alkohol bedingt, Klammer zu. Aber was da eben daraus hervorgeht ist oder was ich daraus interpretiere, Frauen trinken viel häufiger, um zu funktionieren und eben viel häufiger, um für andere auch zu funktionieren. Und das passt dann wiederum auch ziemlich gut zu den Gründen, aus denen Männer und Frauen abstinent werden wollen.

22:52
Erfolg sagt er immer so schön, Menschen hören ja nicht auf zu trinken, um abstinent zu werden. Das ist nicht das Ziel. Es steckt also immer ein größeres Wofür dahinter. Und bei beiden Geschlechtern können wir da sagen, es dominiert der Wunsch danach, unabhängig und selbstbestimmt zu leben. Also wieder in der Lage zu sein, gute Lösungen für die Probleme zu finden, die das Leben so mit sich bringt. Das motiviert Menschen. Und dann zeigen sich aber Menschen,

23:21
die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Und bei Männern steht an zweiter Stelle am häufigsten der Wunsch nach Bindung, also ihrer Rolle sozusagen gerecht zu finden, in einer intakten Familie zu leben, in einer intakten Partnerschaft zu leben. Und bei Frauen steht an zweiter Stelle zum einen der Wunsch danach, sich nicht mehr so schuldig zu fühlen, sich nicht mehr so schämen zu müssen, also eher so ein Weg von, ich will mich nie wieder so fühlen.

23:48
Aber eben auch der Wunsch danach, sich selbst zu verwirklichen und Sinn zu finden und ihren Selbstwert zu stärken und herauszufinden, so wer bin ich eigentlich und wofür will ich einstehen und was ist mir eigentlich wichtig, weil ich weiß das nicht und ich will das jetzt endlich wissen. Und als ich das gelesen habe, das hat total mit mir resoniert, weil das war so auch eins zu eins meine Geschichte, dass ich aufgehört habe zu trinken und dann plötzlich dachte, ja,

24:14
Ich weiß gar nicht, wer ich bin. Ich weiß gar nicht, was mir wichtig ist. Beziehungsweise von den Dingen, von denen ich meine, dass sie mir wichtig sind, weiß ich gar nicht, welche sind mir wirklich wichtig und welche glaube ich, dass sie mir wichtig zu sein haben. Und ich wusste auch nicht so richtig, wo ich eigentlich hin will. Und das war dann eben auch ein Ziel in meiner Abstinenz, dass mich über so die ersten…

24:37
Cravings und schwierigen Phasen und so auch echt hinweg gerettet hat. Diese Suche von wer bin ich eigentlich und ich möchte wirklich erfahren, wer ich bin.

24:48
Oh Gott, das habe ich vor Ewigkeiten gelesen, deswegen, I don’t know, wie belastbar das jetzt ist, aber ich glaube, im Rahmen von Medikamentenabhängigkeit habe ich mal gelesen, dass bei Frauen es viel prädestinierter ist, eine sogenannte Niedrigdosisabhängigkeit. Also nicht ganz viel auf einen Schlag, was ja im Prinzip beim Alkohol das Äquivalent von Binge-Drinking wäre, sondern eher ein Glas Wein zwischendurch, ein Bier dann, also eher so einen Pegel haltend.

25:15
anstatt immer wieder wirklich auf die gezielten Exzesse hinzugehen. Und ich glaube, ich bin jetzt nicht ganz fit in Statistiken zu Alkohol, dass Binge-Drinken auch bei Frauen zunimmt, zu Grundlegen. Aber wenn man jetzt das Große und Ganze anschaut, würdest du auch sagen, dass genau dieses Art von Konsummuster, also nicht dieses gezielte Binge-Drinken, sondern eher auch dieses konstante Trinken eher was Weiblicheres ist? Kann ich so nicht beantworten.

25:41
Müsste ich mit der Frage im Kopf echt noch mal in die Daten schauen. Also beim Binge-Drinking wissen wir, Gen Z, da trinken mittlerweile genauso viele Frauen regelmäßig oder mindestens einmal in den letzten 30 Tagen bis zum Rausch. Das ist bei den Männern ein Drittel, bei den Frauen ein Drittel, was krass ist. Das ist wirklich krass. Also deswegen zucke ich auch innerlich immer so ein bisschen zusammen. Wenn es heißt, oh, die jungen Leute, die trinken viel weniger. Ja, es gibt mehr Leute, die ganz wenig trinken oder gar nicht trinken.

26:08
Aber so der andere Pol, der geht dafür richtig steil. Und die haben nichts davon, dass sie sehr viel mehr abstinent sind. Also das differenziert sich so aus. Ob dieses konstante Trinken eher etwas Weibliches ist, weiß ich nicht. Müsste ich mal nachschauen. Also ich war ja Binge-Drinkerin und kenne auch viele Frauen, bei denen das so das Trinkmuster war. Was aber…

26:30
Jetzt nichts über die Allgemeingültigkeit aussagt, müsste ich nachschauen. Wäre auf jeden Fall nochmal spannend, auch zu gucken, wie groß da der Teil ausmacht, weil ich könnte mir das eben schon verstellen, weil du hattest ja eben auch gerade den Aspekt gehabt, dass viele Frauen trinken, um zu funktionieren und man funktioniert natürlich besser auch im Alltag oder auch im Stress, wenn man eben nicht Binge-Drinkt. Ja, ja.

26:50
Wobei Binge-Drinking, ich meine, das sind je nach Definition vier bis fünf Standard-Drinks pro Gelegenheit. Also das kannst du abends schon mal machen und am nächsten Tag trotzdem, ne?

27:00
Um Gottes Willen, ich will jetzt hier nicht anregen. Aber das ist halt vielleicht auch ein guter Aspekt, darüber zu sprechen, wo Binge-Drinking eigentlich per Definition anfängt. Und Standarddrinks ist ein kleines Bier zum Beispiel oder 0,1 Glas Wein. Also wenn wir sagen, eine Flasche Wein hat 0,75, dann ist es ein bisschen mehr wie eine halbe Flasche Wein. Wenn das das Binge-Drinking definiert, dann, wie du schon sagst, ich glaube, da ist man manchmal schneller, als man gucken kann.

27:31
Es gibt ja noch einen weiteren Aspekt. Du hast gerade schon im medizinischen Bereich gesagt, dass sozusagen der Mann ist der Standardkörper. Und lass uns doch mal ganz kurz drauf schauen, auf den Impact, den Alkohol auf den weiblichen Körper hat. Weil das ist halt eben auch nochmal anders. Und vielleicht macht es da mal Sinn, den Scheinwerfer drauf zu richten. Ja.

27:49
Also das war mir vor der Recherche zum Buch zum Beispiel auch nicht bewusst. Mir war bewusst, Alkohol ist toxisch und es ist auch so. Alkohol ist für jeden Körper toxisch. Es ist ein Zellgift und es ist für jeden Körper toxisch.

28:03
Für Frauenkörper ist aber nochmal giftiger als für Männerkörper, weil Frauen im Vergleich zu Männern mehr Fett und weniger Wasser im Körper haben und Alkohol auch langsamer abbauen. Das heißt, wenn wir ähnlich viel trinken, dann ist Alkohol im Vergleich höher konzentriert und auch länger im System verwendet.

28:22
Das führt dann zu etwas, das in der Fachsprache Teleskopeffekt genannt wird. Das heißt, wir spüren sowohl die psychischen als auch die körperlichen negativen Folgen vom Alkohol schneller. Dazu zählt sowas wie nachlassende Motivation und Konzentration, erhöhtes Stressempfinden, Schlafstörungen, Reizbarkeit, so eine emotionale Instabilität, die ich zum Beispiel auch krass hatte, wenn ich so zurückblicke.

28:48
Also depressive Verstimmungen bis hin zu Depressionen, das haben wir eben schon mal angesprochen, Angststörungen und das betrifft auch alle möglichen Krebsarten. Das war mir zum Beispiel lange nicht klar mit dem Krebs beim Rauchen. Klar, Rauchen verursacht Krebs. Beim Alkohol war mir das lange nicht klar. Und was mir eben auch lange nicht klar war, war, wie stark der auf die Psyche wirkt.

29:07
wie krass der emotional destabilisiert, wie stark der eben auch so kognitive Fähigkeiten einschränkt und benebelt, wie sehr, wie krass der einen klein macht. Also das war mir zu Alkoholzeiten überhaupt nicht klar. Ich hatte irgendwie so eine Vorstellung von, ja, okay, da kann man süchtig werden und irgendwie eine Leberzirrhose bekommen. Und ansonsten wusste ich über diese Folgen nicht Bescheid. Hast du das Gefühl, dass die Vorstellungen,

29:31
die Folgen transparenter jetzt sind in der Gesellschaft? Ja, ich habe das Gefühl, dass sich da etwas verändert. Vor allem dadurch, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung jetzt auch ihre Empfehlungen geändert hat und jetzt auch sagt,

29:44
Null Gläser Alkohol sind am sichersten, am gesündesten ist eben die Abstinenz und dadurch ist jetzt auch in der Medienberichterstattung in den Fokus geraten, wenn du Alkohol trinkst, läufst du eben nicht nur Gefahr, abhängig zu werden und an Leberzirrhose zu erkranken, sondern das verursacht oder fördert über 200 Krankheiten.

30:05
Ich finde das ganz interessant. Ich habe ja mein Buch mit dem Toxikologen Fabian Peter Steinmetz geschrieben und er kommt natürlich aus einer ganz anderen Richtung. Und er meinte mal zu mir, er findet es ganz interessant, in welchen Mittelpunkt die Sucht immer gerückt wird als Konsequenz, weil…

30:23
alles in alle Richtungen fängt ja viel früher an. Also die meisten Menschen, die konsumieren, entwickeln keine Sucht. Aber auf der anderen Seite können sie durchaus schon Probleme entwickeln, sei es physische oder psychische Probleme, die sich dadurch entwickeln. Und immer nur an dem einen Pol zu argumentieren,

30:40
Was ist denn mit dem ganzen Rest? Was ist denn auch mit den ganzen Schieflagen vorher? Aber diese Sucht nimmt so, so, so viel Platz ein. Und das ist halt einfach sehr auch an der Realität von vielen Konsumierenden voll vorbei. Da fällt mir was Cooles ein, was anscheinend eher Männer anspricht.

30:56
Das ist nämlich hier die ganzen Wearables, Smartwatches und Whoop-Armbänder und so weiter, die einfach knallhart aufzeigen, wie krass dein Schlaf schon gestört ist, nach einem Glas Wein oder so. Und ich habe mit einer Hotelbesitzerin mich unterhalten, die meinte, oh, mein Mann, das hat mich immer so… Also die hat gar nicht getrunken oder trinkt gar nicht und ihr Mann immer mal so ein, zwei Gläser. Also jetzt mal so gemessen an dem, was in Deutschland Usus ist, total harmlos. Und…

31:25
Er sagte, immer wenn er getrunken hat, mich hat das so gestört und ich wusste ja, dass das auch schon schädlich ist und so. Und dann hat sie ihm so ein Fitnessarmband geschenkt und dieses Fitnessarmband hat ihm dann halt am nächsten Tag attestiert, wie schlecht sein Schlaf war und dass sein Energielevel einfach an den Tagen, nachdem er getrunken hat, irgendwie auf einem krass niedrigeren Prozentsatz so unterwegs ist als vorher. Und er trinkt jetzt keinen Alkohol mehr.

31:50
Und die meinte so, oh mein Gott, das hat sie natürlich schon ein bisschen getroffen, dass dieses Fitness-Armband überzeugender war als sie. Aber sie meinte, diese Daten, das ist so eine objektive Wahrheit, aber es ist natürlich auch eine Form von Wahrheit. Und du siehst da, ah, und das verdeutlicht so gut, es fängt nicht erst an, wenn du…

32:09
morgens verschläfst, weil du verkatert bist oder so. Es fängt nicht erst an, wenn du einen Unfall baust oder wenn du stolperst, weil du betrunken bist oder so, sondern das fängt schon bei so vermeintlich kleinen Sachen an, wie dass du einfach nicht so gut schläfst. Und wer nicht gut schläft, ist am nächsten Tag gereizter und kann sich nicht so gut konzentrieren. Und das ist halt so diese…

32:28
die sich dann so langsam in Gang setzt und dann eben nach und nach alles mit sich reißt und dann natürlich irgendwann auch in der Sucht münden kann. Aber da gehe ich voll mit deinem Co-Autoren zusammen

32:39
Das ist so eine Verzerrung, dieser ewige Fokus auf die Sucht. Ja, und das ist ja im Prinzip auch das, was ich im Psychoaktiv mache, indem ich über alle einzelnen Substanzen spreche. Weil ich denke so, vor allem gerade bei illegalisierten Drogen hat man das ja richtig krass im Sinne von, das ist eine illegale Droge, die macht abhängig. Ja, aber die macht halt auch noch sehr viel mehr. Und deswegen lohnt es sich einfach, sie auch differenziert anzuschauen. Musik

33:06
Wir haben ja darüber gesprochen, dass es sich durchaus auch verändert langsam, wie darüber gesprochen wird. Aber wie schaut es eigentlich mit dem Gegenwind aus? Also wir haben eine sehr starke Alkohollobby. Ich habe erst neulich mal eine Podcast-Folge über die Alkohollobby gemacht. Ich fand das so frustrierend. Ich habe leider keine Zeit. Eigentlich wollte ich hier, Kim, sehe ich, weiß nicht, ob du den gemacht hast, den Bierlehrpfad machen. Nein, den habe ich nicht gemacht. Nein.

33:29
Ja, ja, warte, jetzt kommt’s. Ich wollte das aber nicht machen, weil ich dachte, ich lerne da sehr viel über Bier, sondern weil ich auf Reddit gesehen habe, dass die eine Tafel da haben in diesem verdammten Bierlehrpfad, das über die Gesundheitsbenefits von Bier aufklärt. Das hat mir, ich habe letztens eine Fortbildung in Statistik gemacht.

33:49
Und der Professor, der die macht, hat mir diese Tafel geschickt. Ja, die ist bei euch um die Ecke. Ich kenne die. Ja, ja. Ich habe die neulich auf Reddit gesehen und ich dachte, ich wollte den machen, weil ich dachte so, ich mache darüber irgendeinen, weißt du, weil differenzierter Aufgrill, das ist so dieses, so da gehst du zu diesem Bierlehrpfad, der ist ganz offiziell auf dieser Seite beworben. Und dann kriegst du so eine fette Tafel von, ach, ich hätte sie mitnehmen sollen. Ich habe sie, ich habe ja das Foto. Warte mal, soll ich es mal gerade raussuchen? Ja, ja, hol mal. Ja.

34:19
Bier um der Gesundheit willen. Genau. Bier ist gesünder als sein Ruf. Die moderne Wissenschaft beweist, wenn Bier in Maßen konsumiert wird, hat es eine Reihe verblüffender positive Effekte auf unserer Gesundheit und unser Wohlbefinden. Denn Bier enthält wichtige Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Blablabla. Ach, ja. Oh, Entschuldigung. Besonders schön. Maas voller Biergenuss kann auch vor Krebs schützen. Ja.

34:51
Es ist absurd. Das ist so krass. Ach, das ist allerdings der Samerberger Bier, der Pfad. Ist der das, den du meintest? Nee, der ist hier 15 Kilometer. Bin ich der Meinung? Ja, das ist der wahrscheinlich. Dann ist er das, ja.

35:03
Aber also das, genau was du nämlich meintest, das steht auf diesen Tafeln und das hat direkt so einen offiziellen Touch. Hier ist keine Quelle angegeben. Natürlich nicht. Das ist die moderne Wissenschaft. Die moderne Wissenschaft. Studienbeweisung. Quelle, die moderne Wissenschaft. Sponsort bei den Tadeberger. Das ist, glaube ich, eine andere Meinmarke. Ja.

35:30
Also ich hatte bei uns im Newsletter mal einen Beitrag dazu, dass die Alkoholindustrie sogar eine Ärztefortbildung gesponsert hat zum Thema Krebs. Da ist eine Pathologin, die durch mein Programm nüchtern geworden ist, darauf aufmerksam geworden ist.

35:44
Die hat das dann aber tatsächlich auch gemeldet und diese Fortbildung gibt es nicht mehr. Also das war echt, aber das war krass. Ich habe dann Ulrich John, der emeritierter Public Health Professor an der Uni Greifswald, ist kontaktiert, der sich viel damit auseinandergesetzt hat und der meinte, ja, die werden sich auf die Schulter klopfen. Das da, ach, habe ich glaube ich auch im Buch erwähnt, dass sie es schaffen, da eine Ärztefortbildung zu sponsern. Ja, also klar gibt es ja Gegenwind.

36:10
Und klar bekommt das dann alles möglichst auch immer einen wissenschaftlichen Touch, weil das natürlich auch etwas ist, das in Deutschland und Österreich und in der Schweiz so anerkannt ist. Aber die Evidenz ist halt so klar. Also selbst wenn du hier und da einen mini-mini-Benefit mal rausrechnen und erkennen kannst, wenn du dir das komplette Bild anguckst, ist es einfach eine Substanz, die dem Körper schadet. Du gehst ein Riesenrisiko ein, wenn du Alkohol trinkst.

36:38
Und da gibt es natürlich dann immer wieder auch Journalisten, denen das nicht so gefällt und die das dann mit Gesundheitsfanatismus und so weiter labeln. Und da gibt es übrigens auch einen sehr, sehr schönen Text von mir, vom Soda Club zu trinken ist keine Rebellion, wo sie sich auch schön damit auseinandersetzt. Also insofern, ich glaube, das ist nicht mehr so.

37:05
Und das ist auch gut so. Und es ist ja fein, die Menschen können ja trinken. Ich fände es eben nur fair, dass sie die Möglichkeit erhalten,

37:16
Ich glaube, was halt auch so ein bisschen der Aspekt ist, weil ich argumentiere ja sehr viel akzeptanzbasiert, auch über alle psychoaktiven Substanzen hinweg.

37:39
Ich bin immer ein großer Fan von erstmal, genau was du sagst, jeder sollte erstmal die Chance haben, informierte Entscheidungen zu treffen und nicht ein Glas Rotwein für seinen Blutdruck zu trinken. Einmal diesen Aspekt. Dann kommen wir aber gerade bei Alkohol noch zu einem anderen Punkt, dass es keinen Nichttrinkerschutz gibt und dass gerade diese Schieflage, die wir in der Gesellschaft haben,

38:01
auch klarere Gegenbewegungen definitiv braucht, weil wir hier eher das Problem haben, dass es einem so erschwert wird, nicht oder wenig zu trinken, dass es

38:15
okay ist, ha, komm, trink doch noch ein. Dass so Sachen wie die Person trinkt nicht, ich glaube, ich mische hier mal einen Schnaps in den Orangensaft. Überlegungen sind, die stattfinden, weil man das so nicht akzeptieren kann, dass andere nicht trinken. Natürlich, extremes Beispiel, aber das ist eine Straftat. Und das ist halt so ein bisschen auch

38:35
Wo wir gesellschaftlich ankommen, dass Volksfeste nicht ohne Alkohol funktionieren. Es sind Volksfeste, das sind Kinder, wo ist sozusagen die Familienorientierung in dem Sinne. Und dass es gerade dazu klare Aufklärung gibt, aber auch sowas wie Nicht-Trinkerschutz einfach auch mehr ein Begriff wird. Zu sagen, okay, Partys, die ohne Alkohol funktionieren oder die das nicht als Zentrum haben, wo es einfach alles ein bisschen anders aufgezogen wird und

39:02
Das ist ja irgendwo auch das Schöne, dass es dadurch eben jetzt durch den Start der Nüchternheitsbewegung wirklich auch ein Gegenmodell gibt, wo Menschen, die ein anderes Leben führen möchten oder Alkohol nicht in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen möchten, sondern ganz im Gegenteil ihn gar nicht dabei haben möchten, auch wirklich eine Gemeinschaft und eine Entwicklung erleben. Ja, voll. Dazu fällt mir auch noch etwas ein. Ich habe mal auf einem Suchkongress die Frage gestellt,

39:27
Wie kam es, dass das bei den Zigaretten plötzlich möglich wurde, dass da so ein umfassendes Gesetzespaket ausgerollt wurde, EU-weit und dann eben in Gesetze übersetzt? Und da sagte der Referent durch Whistleblower, also da haben Leute eidesstattlich ausgesagt, wir wurden dazu angehalten zu lügen. Wir wussten, Nikotin macht süchtig, wir wussten, Zigarettenrauchen verursacht Krebs, aber wir wurden dazu angehalten zu lügen.

39:56
Und dann habe ich mich noch mit einer Epidemiologin unterhalten und habe mit ihr so darüber gesprochen. Die meinte, ja, das, Whistleblower und…

40:04
dass wissenschaftlich aufgezeigt und datenbasiert erwiesen wurde, was für krasse Auswirkungen Passivrauchen hat. Das hat auch dazu beigetragen und deswegen kümmert sie sich jetzt zum Beispiel auch darum, die Auswirkungen des Passivtrinkens eben zu belegen. Da habe ich auch eine Podcast-Folge zu, die verlinke ich auch in den Shownotes, habe ich auch ein Interview geführt vom Jahr, glaube ich. Ah, sehr gut.

40:26
Also mal gucken, ob es dann schlussendlich dazu beiträgt, dass sich da mal auf politischer Ebene etwas bewegt. Aber ich finde diesen Gedanken vom Nichtraucherschutz und wirklich auch vom Kinderschutz,

40:36
Ja, das ist so schön.

40:57
Die gehen in den Supermarkt und wenn wir eine Milch aus dem Kühlschrank nehmen, müssen wir uns nur einmal umdrehen und dann steht da ein meterlanges Regal mit Weinflaschen, die teilweise, meine Tochter ist zum Beispiel, die kommt sehr stark nach meiner Mutter, so ästhetisch sehr affin und die sagt dann manchmal so, oh ist das eine schöne Flasche und ich denke mir immer schon so, boah ist das ein Verbrechen. Also das ist so krass, dass das so selbstverständlich ist in deren Leben, dass

41:21
Und dann zu argumentieren, ja, deswegen sollte man Kindern ja beibringen, verantwortungsvoll zu konsumieren. Also was für ein absurder Ratschlag sollen wir Kindern auch beibringen, verantwortungsvoll zu rauchen und verantwortungsvoll Heroin zu spritzen. Also da kriege ich wirklich so eine Wut. Und anstatt sich mal Gedanken darüber zu machen, wäre es vielleicht nicht viel sinnvoller für die Entwicklung von Kindern, Räume zu schaffen, in denen Alkohol gar nicht so eine große Rolle spielt.

41:46
Und ich bin da immer wieder so glücklich, dass, also keine Ahnung, ich war alkoholabhängig, meine Kinder sind offensichtlich gefährdet. Ich denke immer so einem sehr, also ich bin mal gespannt, wie sich das entwickelt, wenn die in die Pubertät kommen, wenn das Thema wird und so. Ich werde natürlich offen mit denen darüber reden und denen sagen, eure Mutter war alkoholabhängig, ihr müsst da wirklich ganz besonders aufpassen. Aber wer weiß, in der Pubertät, wenn das cool ist.

42:16
Mal schauen. Was mich aber echt beruhigt, ist, dass sie zumindest ein Elternhaus haben, in dem sie beobachten können, hey, Mami und Papi führen ein richtig cooles Leben, eine gute Beziehung und da spielt Alkohol keine Rolle. Dass sie das gelernt haben.

42:32
Ich hoffe, dass das trägt, aber zumindest das kann ich Ihnen mitgeben. Ja, und es ist ja eben im Prinzip genau auch diese Entwicklung, die ich neulich in der Folge zur Social-Media-Abhängigkeit schon besprochen habe, die wir damals beim Rauchen hatten, wie du schon erwähnt hast, dieses extreme Individualisieren des Problems und damit das Freimachen für die Industrie. Das heißt, Alkohol ist super, wenn du ein Problem hast, ist das dein Problem.

42:56
Und Rauchen ist super und wenn du es nicht im Griff hast, das ist dein Problem und wir haben es auch mit Social Media. Wir schränken Social Media nicht ein und sagen, naja, wenn du die ganze Zeit vor deinem Handy rufst, mach halt mal dein Handy aus. Und immer wieder dieses Ausweichen zu sagen, und das hat man ja auch in der Prävention, dass man sagt, ach,

43:13
wir brauchen mal mehr Alkoholprävention. Und was sich die Menschen darunter vorstellen, ist, es gibt irgendwie wieder einen Schulworkshop. Noch eine Plakatkampagne. Genau. Aber dass eigentlich die wirksame Prävention darin geht, sich wirklich ganz tolle Gedanken darüber zu machen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Und das geht halt eben nur mit Regulierung. Und ich war jetzt…

43:32
sehr viel reisen und in sehr vielen Ländern, Australien, Neuseeland, whatsoever, bei denen Alkohol immer in diesen Extraräumen ist oder gar nicht im Supermarkt mit drin ist, wo du halt erstmal, musst du erstmal finden, wenn du ein Bier willst. Es ist einfach nicht der Hauptteil eines Ladens und es geht und es ist auch nicht so schwer. Und da sind wir immer noch weit weg vom Verbot. Also das ist ja auch so eine Reaktion, die völlig an der eigentlichen Forderung vorbeischießt, wenn du von Regulierung sprichst, wenn du davon sprichst,

44:01
Alkohol in getrennten Abteilungen oder in getrennten Läden zu verkaufen,

44:06
dann hat das wenig mit einem Verbot zu tun. Aber klar, die erste Reaktion ist immer, oh Gott, jetzt wollen sie uns auch noch den Alkohol verbieten. Nee, möchte keiner. Es geht darum, da eine Verhältnismäßigkeit herzustellen. Und der Punkt ist, Verbot ist eine unfassbar schlechte Regulierung. Also da haben wir super viele Beispiele mit anderen Drogen, dass wir im Verbot überhaupt keine Handhabe haben, außer uns an einer Illusion festzuhalten, dass wir es schaffen, eine Droge komplett einzudämmen. Und das wird

44:32
nicht funktionieren und wenn wir Alkohol verbieten würden, würden wir Tür und Tor wieder für die ganzen schönen Kellerbrauereien und Kellerbrennereien öffnen und das kann keiner wollen, vor allem nicht aus einer gesundheitspolitischen Ebene. Also

44:47
Es kommt dann immer so diese Übertreibung. Ich denke mir so, ja, aber Verbot ist eine schlechte Regulierung. Das will keiner, hoffe ich zumindest. Nee, also ich will es nicht. Ich meine, ich denke, es werden die Baby-Steps. Es wäre ja schon mal ein super guter erster Schritt, wenn dieses begleitete Trinken aus dem Gesetz verschwindet, wenn wir die hochprozentigen Trinken

45:05
Kleine Flaschen aus dem Kastenbereich kriegen, wenn wir vielleicht das Verkaufsalter auf 18 anheben. Ich meine, das ist alles nicht das, was zählt nicht zu diesen Best Buys. Also es zählt nicht zu den WHO-Maßnahmen, die einfach mit relativ wenig Aufwand sehr wirksam sind, aber immerhin. Also…

45:23
Man muss irgendwo anfangen. Es ist ja völlig illusorisch zu sagen, wir sind so low in der Alkoholregulation und fangen jetzt sofort an, richtig krass Alkohol ab 21 und in Extraläden und, und, und. Das ist halt illusorisch, wie du schon sagst.

45:42
In all der Zeit, wo du dich für dieses Thema einsetzt, es hat sich was verändert. Es wird anders darüber berichtet, es passiert ja was. Und ich glaube, die Geduld muss man am Ende auch einfach haben, dass Veränderungen immer, immer Zeit brauchen. Und dass es halt eben laute Stimmen braucht, die sich dafür einsetzen. Ja, und was uns noch zugutekommt, ist, dass generell das Gesundheitsbewusstsein steigt und auch das…

46:07
von Menschen danach, einfach möglichst lang ohne Krankheit zu leben. Also Stichwort Longevity, das kann man sicherlich auch übertreiben. Aber das sind so angrenzende Bubbles, die auf unser Ziel auch einzahlen, weil die natürlich sich auch die Studien angucken, auch den…

46:25
den wissenschaftlichen Forschungsstand angucken und sagen, also als allererstes mal, um nicht irgendwie frühzeitig krank zu werden, höre ich mal auf, Alkohol zu trinken und zu rauchen, ist ja völlig klar. Wenn man trinkt und raucht, ist das tatsächlich der erste und einfachste Schritt, will ich gar nicht sagen, aber es ist ein wirkungsvollster Schritt, was für seine Gesundheit zu tun, auf jeden Fall. Zum Abschluss, als kleine letzte Frage und als kleine letzte Antwort, wollte ich einfach noch fragen,

46:54
Nathalie, was gewinne ich durch eine Abstinenz? Boah, dieser Gewinn ist so groß, dass es mir gerade schwerfällt, das auf den Punkt zu bringen. Ich habe durch meine Abstinenz ein Leben erstellen können, in dem es mir wirklich gut geht. Also ich habe mir so ein Biotop gebaut, in dem ich tatsächlich aufblühen konnte. Ich habe Vorstellungen von mir, wie ich zu sein habe, so nach und nach gehen lassen können. Und ich habe mir so ein Biotop gebaut,

47:25
Und bin immer mehr so in die Frau hineingewachsen, mit der es mir gut geht. Und Abstinenz hat mir die Energie und so den Startschuss dafür ermöglicht, auch mich mal mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen, mit meinen Gedanken, mit meinen ehrlichen Meinungen und Ansichten. Und es gibt in der positiven Psychologie diesen schönen Grundsatz, werde, wer du bist, lernend.

47:53
In der humanistischen Psychologie ist das so dieses Konzept der Selbstaktualisierung. Und ich finde das so schön, weil es geht darum, immer wieder durch neue Erfahrungen noch mehr zu der zu werden, die du bist. Und das entlastet auch total, weil du musst nicht irgendwie ein Jahr, nachdem du nüchtern geworden bist, dann herausfinden, okay, das bin ich, das werde ich sein und das ist jetzt praktisch so hier mein Selbstbild, sondern du darfst das immer wieder auch neu herausfinden und gleichzeitig herausfinden,

48:19
stehst du mit jedem Jahr auch stärker. Und das hat Abstinenz mir ermöglicht, das zu erkennen, dieses Leben echt zu wertschätzen. Also das ist vielleicht auch etwas, das meine Sucht mir ermöglicht hat. Ich bin so dankbar dafür, wie stabil mein Leben jetzt ist und ich weiß das so sehr zu schätzen, weil ich halt weiß, wie es sich anfühlt, wenn es nicht so ist.

48:41
Und ich bleibe da bei dem ersten Buchtitel. Das war tatsächlich die aller, aller, allerbeste Entscheidung meines Lebens. Und ich finde das ein wunderschönes Schlusswort. Danke, dass du heute ein Gast in meinem Podcast warst. Das war wie immer wunderschön. Danke für die Einladung.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner