Mikas Geschichte mit dem Alkohol beginnt lange vor ihrem ersten eigenen Konsum: Schon als Kind lernt sie, dass Alkohol etwas Heimliches sein kann, etwas, über das nicht gesprochen wird. In der Folge erzählt sie, wie sich dieses frühe Erleben später mit ihrem eigenen Trinken verbindet – mit Scham, Heimlichkeit, Kontrollverlust, depressiver Stimmung und dem Versuch, durch Alkohol zumindest kurz Entlastung oder Ruhe zu finden. Dabei wird deutlich, dass problematischer Konsum nicht plötzlich entsteht, sondern sich oft über Jahre entwickelt und eng mit Lebensumständen, psychischer Belastung und fehlenden hilfreichen Räumen zum Sprechen verbunden ist.
Im Gespräch mit Mika geht es außerdem darum, warum klassische Bilder von Sucht – etwa „Rock Bottom“, lebenslange Defizite oder die Vorstellung, man müsse erst ganz unten sein, bevor Hilfe möglich ist – für viele Menschen eher abschreckend als hilfreich sind. Mika beschreibt, wie wichtig für sie neue Vorbilder, andere Narrative von Nüchternheit und eine Perspektive auf ein gutes Leben ohne Alkohol wurden. Die Folge ordnet persönliche Erfahrung, ADHS, Stigma und Kritik am Hilfesystem miteinander ein und zeigt, warum Recovery nicht nur als Verzicht verstanden werden sollte, sondern auch als Entwicklung von Hoffnung, Selbstvertrauen und neuer gesellschaftlicher Sichtbarkeit.
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Über ADHS, Sucht und Geheimnisse mit Mika Döring
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PODCAST-METADATEN
Folge: 134
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Über ADHS, Sucht und Geheimnisse mit Mika Döring
Sprecher: Stefanie Bötsch, Mika Döring
Typ: Transkript
00:02
Mikas Geschichte mit dem Alkohol beginnt deutlich vor ihrem ersten Schluck. Schon mit 5 Jahren lernt sie, dass Alkohol ein Geheimnis ist, dass man darüber nicht spricht, dass es irgendwie mit Scham verbunden ist. Diese frühen Erfahrungen begleiten sie noch lange, auch als sie selbst anfängt zu trinken und der Alkohol nach und nach mehr Raum in ihrem Leben einnimmt.
00:24
Wie sich diese Dynamik entwickelt hat und warum es so schwer war, sie zu durchbrechen, und wie sie es am Ende doch geschafft hat, erzählt sie uns in dieser Folge.
00:44
PSYCHOaktiv, euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötzsch. Zieht’s euch rein.
00:56
Hallo Mika, schön, dass du heute da bist.
00:58
Hi Steffi, finde ich auch.
01:00
Ich freue mich total, dass du als Gästin für dieses neue Format da bist. Und ich würde sagen, wir starten sofort rein. Und mich würde als allererste Frage interessieren: Wenn du deine Geschichte mit dir und dem Alkohol erzählst, wo fängt die für dich an?
01:16
Oh, spannend. Also ich glaube, dass sie in meiner Auseinandersetzung damit immer zu anderen Zeitpunkten anfing. Ich glaube, dass ich immer, je länger ich nüchtern bin, desto früher fange ich an. Und ich glaube, heute würde ich anfangen bei meiner allerersten Erinnerung an Alkohol.
01:38
Und ich würde da anfangen, weil ich glaube, dass es für viele dieseerste Erinnerung an Alkohol sehr weit vor dem ersten Konsum liegt. Und für mich auch. Also ich war, keine Ahnung, 5 vielleicht. Und wir haben damals in einem Mehrfamilienhaus gewohnt, in so einer sehr engen Gemeinschaft.
01:58
Und unten hat eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Sohn gewohnt. Und diese Mutter war, wie ich später erfahren habe, ich habe das nicht gecheckt damals, aber war sehr schwer alkoholabhängig. Und ich erinnere mich daran, wie er, mit dem ich mich gut verstanden habe, das war so ein Chaostyp.
02:18
Und ich habe irgendwie damals, glaube ich, schon irgendwie so eine Liebe zu Chaostypen gehabt, so. Wir hatten irgendwie einen guten Draht miteinander und waren dann auch befreundet. Er war ein bisschenälter als ich. Auch das zieht sich, glaube ich, irgendwie durch mein Leben. Also der war so drei Jahreälter als ich. Also war, glaube ich, gerade so in der Schule oder so, ne?
02:36
Und der hat mich irgendwann, wollte der mir was zeigen. Und ich weiß halt noch, wie heimlich das irgendwie alles war.
02:47
Also ja, der hat mich dann so, hat mich dann irgendwie so zum Schlafzimmer seiner Mutter mitgenommen und hat die Decke vom Bett so zurückgeschlagen und darunter waren ganz viele leere Flaschen. Und er hat draufgezeigt und hat gefragt: „Weißt du, was das ist?“ Und ich wusste, dass irgendwie,
03:07
ich wusste es nicht so wirklich, aber ich wusste natürlich, das sind Flaschen, aber ich wusste nicht, was es bedeutet. Das Einzige, was ich verstanden habe in dem Moment damals schon, ist, dass das ein Geheimnis ist. Dass ich da niemals drüber reden werde. Weil das zwischen ihm und mir ist.
03:22
Ich meine, natürlich weiß ich jetzt als Erwachsene, dass jetzt nicht er und ich die wirklichen Geheimnishüter dieser Alkoholabhängigkeit waren, so, weil natürlich wussten das irgendwie alle Erwachsenen. Aber es hat halt niemand drüber gesprochen. Und ich habe noch, genau, ich habe so Erinnerungen daran. Ich habe die total geliebt, beide, mega geliebt.
03:45
Und ich weiß auch noch so, wie sie manchmal aber auch auf dem Sofa lag und manchmal ausgerastet ist und ich habe nicht verstanden, warum. Oder wie panisch er war, wenn ich irgendwie sie wecken wollte und irgendwas von ihr wollte, weil ich irgendwas zeigen wollte, weil ich habe das nicht verstanden. Und genau, das ist so,
04:05
das ist so dieerste Erinnerung, wo ich anfangen würde, glaube ich, weil ich da schon was gelernt habe. Und zwar, dass man darüber nicht spricht. Und dass es irgendwie zwei Arten von Trinken gibt. Weil meine Eltern haben jetzt nie problematisch getrunken, aber haben auch getrunken, ne? Also so, das war irgendwie schon da und das war sichtbar.
04:27
Und das andere war halt unsichtbar. Das andere war unterm Bett, unter so einer Decke.
04:32
Ja, und ich habe dann irgendwann gedacht, so ja, das war so ein bisschen so wie dann später, als ich dann so Mitte, Ende 20 war und auf meinen eigenen Alkoholkonsum geguckt habe in meinem Leben und den irgendwie gesehen habe oder gleichzeitig nicht gesehen habe und irgendwie verstanden habe, dass Alkohol ein Problem ist und es gleichzeitig nicht verstanden habe.
04:52
Und irgendwie wusste, es ist geheim, aber gleichzeitig auch irgendwie ja gar nicht geheim. Und dieser Mindfuck, ich glaube, der war schon ganz, ganz früh da.
05:02
Was für eine krasse Geschichte, dass du mit fünf Jahren sozusagen von deinem Nachbarskind so ins Vertrauen gezogen wirst und dann sozusagen für dich der Alkoholkonsum schon mit so einem Geheimnis startet oder gestartet ist und dir völlig klar war, darüber darf man nicht reden.
05:23
Wie hat sich dann dieses Geheimnis bei dir selbst sozusagen durch deinen eigenen Konsum gezogen?
05:31
Also ich habe recht früh angefangen, selber zu trinken, so mit 13, so den ersten Absturz auch gehabt und auch den Absturz immer wieder auch gesucht. Und ich glaube, das Geheimnis war immer, wie wichtig mir das ist.
05:49
Also weil das Trinken an sich war eine ganze Zeit lang zu einem großen Teil recht öffentlich. Ich habe natürlich schon was vor meinen Eltern verheimlicht, wie Teenager was vor ihren Eltern verheimlichen, so. Das würde ich jetzt auch noch nicht irgendwie als die Grundanlage einer Sucht oder sowas sehen, aber natürlich hatte das schon was davon, dass ich vielleicht irgendwie das Gefühl hatte, ich kann zu Hause darüber nicht reden.
06:09
Zumindest nicht, wie viel ich trinke oder wie gerne ich trinke. Und dann später würde ich sagen, je mehr ich getrunken habe, desto größer ist dieser Anteil der Heimlichkeit geworden. Also es gab immer einen öffentlichen Teil des Trinkens auf Partys. Ich war auch bekannt dafür, dass ich gerne trinke.
06:28
Und ich, also da, also ich war für viele auch im Freundeskreis die Person, mit der sie irgendwie, die halt noch eine Flasche Wein irgendwie im Kühlschrank hat. Was die Leute nicht gesehen haben, ist, dass ich halt zum Beispiel schon eine halbe Flasche Wein vorher getrunken habe oder auch manchmal auch eine Flasche. Oder dass ich nach der Party noch beim Kiosk vorbeigegangen bin und mir noch zwei Bier geholt habe,
06:48
auch wenn ich schon eigentlich rotzevoll war, so. Und dann irgendwie bei mir zu Hause auf dem Sofa noch, um runterzukommen in Anführungsstrichen, halt noch weitergetrunken habe. Und das waren, das war das Trinken, was ich auch niemandem erzählt habe.
07:04
Welche Sogwirkung hatte für dich der Rausch?
07:09
Also, ja, gute Frage. Also ich,ähm, da gibt’s ja irgendwie so vielleicht verschiedene Stadien, ne, weil ich, also der Sog, also der, bevor man trinkt, also sagen, ne, ich war schon sehr gewöhnt,
07:28
sagen wir mal jetzt so Mitte 20 oder so, wo ich schon sagen würde, da hatte ich eine handfeste Abhängigkeit. Ich habe mit 29 aufgehört.
07:40
Und da natürlich hat sich das immer so jeden Tag so ein bisschen aufgebaut, wenn Stress da war und ich hatte irgendwie keine anderen Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich bin auch immer irgendwie depressiver geworden und so. Heute verstehe ich auch, warum. Also weil Alkohol halt ein Depressivum ist und einen langfristig natürlich die Stimmung dämpft und so weiter. Das habe ich halt überhaupt nicht verstanden.
07:59
Ich dachte halt, diese permanente Unterströmung von Unglück in meinem Leben sei halt einfach nur mein Leben, so. Und dass aber so dieser, diese Dissonanz, die sich dann den Tag über so aufbaut: Trinke ich, trinke ich nicht? Ach, ich wollte ja eigentlich nicht. Und ich sollte vielleicht auch mal weniger und so.
08:17
Ach, aber komm, eins ist doch nicht. Und das ist so eine Dissonanz, die sich meistens dann so, keine Ahnung, ab 14 Uhr oder so angefangen hat, so aufzutun. Und dann war der Sog eigentlich auch der Wunsch, diese Dissonanz zu beenden. Also diesen, diese Spannung des mich nicht Entscheiden-Könnens: Soll ich trinken,
08:39
soll ich nicht trinken? Und dann einfach die Entscheidung zu treffen, in Anführungsstrichen Entscheidung, ne, so: Ach komm, dann trinke ich ja heute, dann mache ich das morgen, so. Und dann gibt’s halt den Sog, der passiert, wenn, also wenn vielleicht schon, wenn ich schon irgendwie angetrunken war oder so, nicht aufhören zu wollen.
09:01
Und manchmal gab’s auch den Sog, da musste ich doch auch dran denken, weil du hast ja neulich auch eine Folge gemacht zu dem Thema so Selbstbestrafung, ist Konsum Selbstbestrafung.
09:10
Und ich hatte schon, also gerade in Phasen, in denen es mir echt schlecht ging, diesen Wunsch irgendwie so ganz unten zu sein oder irgendwie mich zu zerstören oder mich zu bestrafen oder einfach so mich so in die Handlungsunfähigkeit zu trinken, dass ich auch keine Verantwortung für mich tragen mehr tragen kann und auch nicht mehr muss, so, weil ich das als so belastend empfunden habe.
09:34
Das finde ich total interessant unter dem Aspekt, dass du ja gerade auch schon gesagt hast, ne, Alkohol ist ein Depressivum. So diese extremst negative Selbststimmung kam halt maßgeblich auch vom Alkohol. Und dann ist natürlich der selbstbestrafende Aspekt, der ja auch mit ein depressives Symptom sein kann,
09:54
ja auch ein großer Faktor davon, dass man sagt: „Na ja, mir geht’s nicht so schlecht, mir geht’s schlecht, ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut.“ Und das auszudrücken, sorgt dann weiterhin dafür, dass man dann weiter trinkt und weiter konsumiert, um halt eben dieses depressive Gefühl, was gleichzeitig auch schon vom Alkohol ausgelöst wird,
10:12
weiter zu vertiefen und in seinem Konsum auch auszuleben.
10:18
Und das ist was, was ich nie verstanden habe, dass das schon Entzugssymptome sind, die ich hatte. Also weil ich dachte immer, Entzugssymptome fangen mit Händezittern an. Dass Entzugssymptom schon ist, dass meine Stimmung, also dass ich immer fahriger und immer trauriger werde, weil mein Körper sich schon so daran gewöhnt hat,
10:37
dass ich gleich sozusagen wieder, dass ich gleich wieder trinken werde, dass das im Grunde schon ein Gewöhnungseffekt ist und irgendwie dann auch schon ein Entzugssymptom ist. Das habe ich nicht, ich wusste das nicht. Und ich glaube, das wissen ganz viele Leute nicht.
10:53
Das glaube ich auch nicht, gerade weil auch, selbst wenn man sagt: „Na ja, ein Entzugssymptom kann sich auch psychisch niederschlagen“, hat es ja unfassbar viele Facetten je nach betroffener Person. Und auch so der Aspekt, dass zum Beispiel dieses Craving und dass du dich dann besser gefühlt hast, es geht ja,
11:11
also dieser Sog, der geht ja wirklich bei alles Hand in Hand. Auf der einen Seite so dieses Craving, dieses Aushandeln, von dem du gerade erzählt hast über den ganzen Tag: „Trinke ich, trinke ich nicht, sollte doch mal weniger.“ Und dann einmal so diese Entlastung davon: „Okay, jetzt habe ich eine Entscheidung für den Konsum getroffen, mir geht’s besser.“ Gleichzeitig hast du die depressive Komponente,
11:31
die da natürlich auch mit reinspielt, wo wir eben diesen starken Gewöhnungseffekt haben, der natürlich dann die Erleichterung auch nochmal betont und ja verfestigt, wenn man dann wieder trinkt. Und dann halt noch diesen selbstbestrafenden Aspekt, weil man eben diese depressive Grundhaltung hat und dann eben der Konsum sozusagen die Möglichkeit gibt,
11:52
auch das auszuleben, diesen selbstbestrafenden Aspekt auszuleben. Das geht sich ja wirklich alles ganz krasse Hand in Hand. Und wie du schon auch sagst, woher soll man das wissen?
12:04
Ja, also zu dem Zeitpunkt hat da im Grunde niemand drüber geredet. Wenn ich irgendwie versucht habe, irgendwas rauszufinden, dann waren eigentlich alle Quellen, die ich dazu so gefunden habe, halt super medizinisch. Da war dann immer von irgendwie Delirium, Tremens und ja, so irgendwie auch so super medizinisch einfach.
12:25
Und für mich war diese medizinische Komponente noch gar nicht so relevant, sondern es war irgendwie, es war eine psychische, es war irgendwie auch ein bisschen vielleicht eine spirituelle Komponente, eine lebensweltliche Komponente und auch einfach eine große, große Wissenslücke über die Wirkung von Alkohol. Ich wusste da ganz viel nicht drüber und ich wusste auch nicht,
12:46
dass ich ADHS habe. Das kommt vielleicht nocherschwerend hinzu. Also ich habe meine Diagnose, ich glaube, zwei Jahre, als ich, ich war zwei Jahre nüchtern, da habe ich meine Diagnose bekommen.
12:55
Und das hat natürlich auch total damit reingespielt, ne, also sich ein bisschen weird fühlen mit Gesellschaft, soziale Ängste haben, gleichzeitig permanent so ein bisschen auch sowieso so ein Gefühl von Kontrollverlust über das eigene Leben, also nicht so richtig verstehen, warum manchmal Sachen so gut gehen und manchmal so gar nicht gehen.
13:15
Manchmal zum Beispiel habe ich das total genossen, verkatert zu sein, weil mein Kopf dann so dumpf und so langsam war, dass ich endlich mal in Ruhe zum Arbeiten kam. So, also dann konnte ich mal einen Text schreiben, ohne dass meine Gedanken in so eine Million Richtungen abgebogen sind. Und natürlich waren da soerschwerende Umstände,
13:35
dass ich total müde war, dass mir übel war oder dass ich irgendwie Kopfschmerzen hatte. Aber gleichzeitig war halt dieser Ruhemoment auch was, was ich so dann nur von Alkohol eigentlich kannte. Und ich weiß noch sehr genau, als ich daserste Mal Medikamente für ADHS ausprobiert habe, hatte ich so einen Aha-Effekt, dass ich dachte: „Ach so,
13:54
ich glaube, das war das, was ich immer gesucht habe.“ So ein halbwegs, also einfach ein Moment von Ruhe.
14:07
Wie war das dann, als du mit Ende 29, jetzt springen wir ein bisschen ab, wenn du mit Ende 20 nüchtern geworden bist, wie ist das dann mit deiner ADHS weitergegangen? Ich kann mir vorstellen, dass da die Symptome, die auch erstmal ordentlich um die Ohren geflogen sind.
14:20
Ja,ähm, ja, gute Frage. Also ich war erstmal, glaube ich, dass mir ein paar Dinge, die mit ADHS zu tun haben, sehr zugute kamen zu dieser Zeit. Und zwar mich extrem für etwas begeistern zu können und Dinge zum Projekt zu machen.
14:41
Und ich habe wie noch nie zuvor in meinem Leben das Nüchternwerden und das neue Leben in Anführungsstrichen zum Projekt gemacht. Podcast gestartet, ja, sofort angefangen zu bloggen, natürlich.
14:54
Ja, geil.
14:56
Und aber irgendwie darüber habe ich Mia Gato kennengelernt, mit der ich ja dann den Sodaclub-Podcast gestartet habe. Den machen wir ja jetzt auch,ähm, fünfeinhalb, sechs Jahre so.
15:06
Ja, krass, wir haben gleichzeitig angefangen.
15:08
Ungefähr, ja.
15:09
Naja, schon verrückt.
15:10
Also unsereerste Folge ist im September 2020 rausgekommen.
15:14
Ja, meine auch. Wir haben wirklich gleichzeitig angefangen.
15:17
Okay, super weird, ja. Ja, manchmal ist die Zeit halt reif, so, ne? Und dann entstehen unabhängig voneinander,ähm, einfach gute Projekte. Und auch voll schön, dass wir da so langlebig sind, beide, ne?
15:29
Ja, voll.
15:32
Ähm, ja, und habe halt irgendwie alles gelesen dazu und habe Podcasts gehört ohne Ende. Und,ähm, das, also dieses mich so richtig in sowas rein vertiefen zu können,ähm, das hat mir total geholfen. Und gleichzeitig, genau, wurde das dann,ähm,
15:53
ja, wurde das halt schwierig dann irgendwann. Also ich habe halt, als ich nüchtern geworden bin, auch sofort meinen Job gekündigt, weil ich so dachte: „Okay, ich packe das nicht.“ Ich habe dann, war dann arbeitslos, erstmal für ein halbes, dreiviertel Jahr oder so und habe mich halt wirklich nur darum gekümmert, ums Genesen, so, und irgendwie Projekte machen. Und ja,
16:13
dann wurde das halt immer dann natürlich, wenn es irgendwie was Neues gab, worauf ich mich stürzen konnte, wurde es, also war es ganz gut. Und dann, wie man das halt kennt, nimmt das irgendwann ab. Und dann wird’s schwer und dann muss ich anfangen zu kämpfen. Und meine Wohnung war auf jeden Fall so eine Mega-Baustelle.
16:35
Ich bin einfach, ich habe in vielen Bereichen einfach kein Bein an die Erde gekriegt. Also ich habe halt erstmal gedacht: „So, okay, das Trinken war jetzt mein Hauptproblem und das habe ich jetzt gelöst und die meisten anderen Probleme werden sich dann zumindest verbessern.“ Und es gab aber ein paar Sachen, die einfach nicht besser geworden sind.
16:53
Also,ähm, Inkassobriefe, weil ich es nicht geschafft habe, irgendeine Rechnung zu überweisen, obwohl ich das Geld auf dem Konto hatte. Es wurde mal wegen Betruges gegen mich ermittelt, weil ich irgendein Geld nicht zurücküberwiesen habe. Auch wieder nicht, weil ich irgendwen betrügen wollte, sondern einfach nur, weil ich so überfordert war mit meinem Papierkram.
17:15
Meine Pflanzen sind ständig gestorben, meine Wohnung ist ständig irgendwie im Müll versunken. Ich hatte ein Zimmer, das ich Müllzimmer genannt habe.
17:23
Okay, krass.
17:24
Also ich habe eine kleine Dreizimmerwohnung und ein Zimmer davon war halt jahrelang einfach das Müllzimmer, wo ich irgendwann aufgegeben habe. Ist es inzwischen nicht mehr. Ähm, so, und das,ähm, ja, das waren so Sachen, wo ich irgendwann so gemerkt habe, so das, ich verstehe es nicht,
17:45
ich verstehe es nicht, ich verstehe nicht, warum ich so bin, warum bin ich so? Das war so eine Frage, die ständig mich begleitet. Dieses „Warum bin ich so? Warum schaffe, warum verkacke ich ständig? Warum werde ich einfach nicht erwachsen? Warum kann ich diese Billo-Aufgaben, warum kriege ich das einfach nicht hin?“ So, ich bin noch nicht doof.
18:05
Also diese Diskrepanz auch zwischen dem, von was ich dachte, was ich vielleicht könnte, und dem, woran ich immer wieder gescheitert bin, war so groß und das war so ein Schmerz auch. Ähm, ja, und dann hat mich jemand mal darauf hingewiesen, eine Podcast-Hörerin, ob ich vielleicht ADHS haben könnte. Und dann dachte ich: „Fuck.“
18:26
Krass, auch noch vom Podcast sozusagen der Hinweis, das ist ja richtig heftig.
18:32
Ja, man muss auch sagen, ich war in psychiatrischer Behandlung zu dem Zeitpunkt auch. Ich habe Antidepressiva gekriegt, ich hatte auch meine Verhaltenstherapie Mitte 20 und so. Da war weder Alkohol noch ADHS irgendwie, hat da jemals, war da jemals Thema wirklich.
18:46
Mhm, weil es nicht gefragt wurde oder? Also ADHS ist natürlich die Frage, ob das diagnostisch erfasst wird, aber auch Alkohol wurde es nie gefragt oder hast du da aktiv das für dich behalten?
18:58
In meiner Verhaltenstherapie war das so, das war, also das wurde abgefragt und zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade eine nüchterne Phase und weil sonst hätte ich es auch gar nicht geschafft, in dieser Praxis anzurufen und da zu so einem Termin zu gehen. Ich hatte immer wieder diese nüchternen Phasen. Und dann hat die mich,
19:18
dann war das auf diesem Fragebogen und ich habe da aber die Mengen angegeben, die ich vor dieser jungen Abstinenz, dieser vorübergehenden Abstinenz, getrunken habe. Und da hat die gesagt: „Ja gut, dass Sie aufgehört haben zu trinken, weil dieser Konsum spricht nicht für eine Person,
19:37
die sich mit sich selbst auseinandersetzen will.“ Das weiß ich noch wie heute. Und.
19:43
Boah, sorry.
19:45
Ja, die Psychotherapeuten, ne? Nein, natürlich, not all, not all Psychotherapeuten natürlich.
19:51
Ja, nee, überhaupt nicht. Ich bin gerade, du siehst ja gerade in der Reaktion, ich bin ein bisschen schockiert.
19:57
Ja, ich habe das überhaupt nicht hinterfragt. Ich habe einfach nur gedacht: „Fuck, ja gut, dass ich aufgehört habe, sonst kann ich keine Therapie machen.“ Also, was hat sie auch gesagt? Sie hat gesagt: „Ja, das würde halt einer Therapie im Wege stehen.“ Und dann habe ich irgendwann wieder angefangen und habe es halt nicht gesagt.
20:19
Sie hat auch nicht gefragt. Und beziehungsweise habe vielleicht gesagt, dass ich mal was getrunken habe, aber habe es halt total runtergespielt. Und weil das halt einfach, weil ich halt einfach der festen Überzeugung war, und heute weiß ich ja auch, dass das stimmt, dass ich mit einer aktiven Alkoholabhängigkeit keine Verhaltenstherapie machen kann.
20:39
Und es wäre damals so wichtig für mich gewesen, einen Raum zu haben, in dem ich darüber sprechen kann. Weil ich glaube, das war, ich keine Ahnung, ob das schon wirklich, es war eine beginnende Abhängigkeit oder also mindestens missbräuchlicher Konsum. Wahrscheinlich hätte ich auch die Diagnosekriterien von einer Abhängigkeit erfüllt, aber es hatte sich noch nicht so krass verschärft.
21:01
Und es wäre super hilfreich gewesen, da verhaltenstherapeutisch eine Intervention zu bekommen, wo ich einfach einen Raum habe, so: „Ja, warum trinken Sie denn so viel? Was sind denn das für Situationen?“ Ich war auch, ich war da auch wegen die ganzen typischen ADHS-Sachen, Chaos. Ich habe im Studium kein Bein an die Erde gekriegt, habe irgendwie meine Scheine nicht gemacht,
21:21
hatte überhaupt keinen Überblick. Das waren alles typische ADHS-Sachen und natürlich auch Sachen, die sich durchs Trinken total verschärft haben.
21:30
Voll.
21:30
Ja, und das war, das habe ich lange gedacht. Ich habe lange gedacht, ja, die hat recht. Eine Person, die viel trinkt, die will sich mit sich selber nicht auseinandersetzen. Das war auch ganz lange mein Selbstbild.
21:39
Ich finde, ich finde diesen, also diese harte Verallgemeinerung, eine Person, die trinkt, die ist das und das. Das ist einfach so ein krasser Spiegel der institutionellen Stigmatisierung, die wir halt eben im Hilfesystem haben, womit so extrem Verallgemeinerungen gearbeitet wird.
22:00
Und ja, dafür sorgt, dass du nicht offen in der Therapie sein kannst, ist leider auch, also es wurde jetzt zum Glück verändert von den Psychotherapierechtlinien, aber damals war es ja noch so, dass du in zehn Sitzungen deine Nüchternheit nachweisen musst, sonst ist halt Schluss. Und mich macht das immer total betroffen, weil ja auch in meiner Praxis ich wirklich einige Klienten habe,
22:20
die in Psychotherapie sind und sagen, sie gehen zu mir, weil sie merken, sie müssen über ihre Sucht sprechen, aber sie können es nicht in der Psychotherapie besprechen, weil sie sonst ihren Therapieplatz verlieren. Und ich hätte lieber eine leere Praxis, businesstechnisch eine Katastrophe, aber von mir,
22:39
von meiner Haltung stehe ich da absolut dazu, anstatt dass eben diese Stigmatisierung weitergeführt wird. Und eine Psychotherapie, die den Konsum nicht mit einschließt, die wird nur einen Bruchteil der Wirksamkeit bis sehr wenig Wirksamkeit ausmachen.
22:59
Wie war es denn für dich? Wie wirksam hast du denn die Psychotherapie konsumierend, ohne dass du darüber reden konntest, wahrgenommen?
23:07
Also ich sage mal so, ja, das war schon irgendwie stabilisierend. Das waren halt so ganz klassische verhaltenstherapeutische Mittel, die wir da, die ich da, also viel so Psychoedukation. Ich war da vor allem wegen einer Angststörung, habe also Panikattacken in geschlossenen Räumen gekriegt.
23:25
Und das war, ja, also es war jetzt nicht komplett unhilfreich, weil es einfach gut war, mal irgendwas zu machen. Also es war halt besser als nichts. Aber ich weiß, mit, also mit dem Wissen, was ich heute habe, hätte es auch deutlich wirksamer sein können. Und ich habe auch noch so ein paar andere Kritikpunkte an der Therapeutin,
23:46
die müssen wir jetzt hier nicht ausführen. Aber das war, ja, was ich halt, es hat halt diesen Glaubenssatz nochmal so viel stärker gemacht, dass es was ist, worüber man nicht reden darf. Also das war, wenn die, wenn eine Therapeutin, ich wusste es ja nicht, ich wusste nicht mal, dass es getrennte Systeme gibt.
24:05
Ich dachte, wenn man eine Sucht hat, dann geht man zu einer Psychotherapie. Keine Ahnung, ob das eine Psychotherapie oder Suchttherapie ist. Wusste ich, woher soll man das denn wissen? Und was bei mir halt passiert ist, war so: „Ach so, ja, wenn ich trinke, kann ich keine Therapie machen. Das heißt, wenn ich so trinke, wie ich trinke, dann kann ich auch keine Hilfe kriegen.“ Und das war so dieses Ding,
24:26
weil ich war halt so: „Ja, aber ich will ja nicht so trinken, wie ich trinke. Und ich will ja mich mit mir selber auseinandersetzen. Sonst würde ich ja hier nicht bei der Therapie sitzen.“ Aber scheinbar bin ich, wenn ich trinke, kein Mensch, der das verdient hat. So.
24:40
Es tut mir total leid, dass das sozusagen das war, was dich dann in der Zeit, wo du selbst gesagt hast, das war noch nicht so prekär, da ist eine gewisse Flexibilität, war noch da. Es hätte dir super gut getan, in der Zeit auch nochmal darüber zu sprechen. Und was sich aber verfestigt hat, ist, der Alkohol bleibt unter der Bettdecke,
25:00
weil wenn ich dazu offen stehe, dann bin ich die Person, die sich nicht mit mir auseinandersetzt, also mit sich selbst auseinandersetzen möchte.
25:07
Ja.
25:08
Du meintest, du hattest in der Zeit gerade eine Nüchternheitsphase. Die hattest du immer wieder. Und du hast aber auch gerade gesagt, so als du die Therapie warst, war es noch nicht so verschärft. Wie hat es sich dann verschärft?
25:17
Ich würde sagen immer so, auch irgendwie in Phasen. Also, boah, er ist schwer. Also, ich glaube, so jetzt rückblickend würde ich sagen, es ist halt irgendwie einfach immer mehr geworden, ne? Also so ein bisschen typisch. Ähm, ich habe immer wieder versucht, das in den Griff zu kriegen, in Anführungsstrichen. Ich habe immer wieder versucht, also entweder mir Trinkregeln aufgestellt.
25:39
Und ich habe, letztendlich ist es halt, naja, stellst halt eine Regel auf und die hält halt immer kürzer nur, ne? Also so, das ist der Klassiker. So, du versuchst es immer wieder, dann willst du mal irgendwie ein paar Tage nicht und dann passiert doch wieder was und irgendwie fängt das Wochenende aus, weil es eben doch schon Mittwoch an und,ähm, so, das,ähm, und dann hatte ich irgendwann,
26:00
dann hatte ich einen Job, in dem ich, also habe 40 Stunden gearbeitet und das hat mich völlig gekillt. Also, weil ich, das ist auch was, was ich jetzt rückblickend mit ADHS auch so ein bisschen verstehe, aber ich wusste einfach nicht, wie Leute das schaffen, 40 Stunden zu arbeiten und danach noch zu irgendwas zu gebrauchen zu sein. Und für mich war es so,
26:21
diese, diese Aufmerksamkeit, acht Stunden am Tag oder halt länger im Büro zu sitzen. Und ich, also ich bin da einfach, ich, das war so, das war so anstrengend für mich.
26:34
Und dann bin ich halt nach Hause gegangen und das Einzige, wofür ich irgendwie noch Kraft hatte oder wo das mir dann noch eingefallen ist oder um irgendwie doch noch so in Anführungsstrichen was vom Tag zu haben, war halt zu trinken. Und das, und dann wurde es immer schwieriger, das nicht zu machen. Dann war ich,
26:55
boah, was war, ich kriege die Timeline ist so schwer, weil sich das natürlich, ich durfte dich kurz einhaken.
27:01
Ja, bitte.
27:02
Weil du hast gerade gesagt, um irgendwas noch vom Tag zu haben, hast du dann getrunken. Was hattest du dann vom Tag?
27:11
Du meinst durch das Trinken?
27:12
Ja, also jetzt halt auch aus der Sicht von damals, nicht jetzt aus der Reflexion.
27:15
Ja, noch irgendein gutes Gefühl mitzunehmen.
27:19
Ah, also so oder noch so einen Moment von Erleichterung oder so, irgendwas, was mir signalisiert, dass jetzt Feierabend ist.
27:31
So, ja.
27:35
Ja, ja. Und natürlich wusste ich das dann auch irgendwann, dass es halt nicht gut ist und dass ich bin immer verkaterter zur Arbeit gegangen. So einmal habe ich, habe ich einfach verschlafen und es war dann so 11 Uhr mittags oder 12 Uhr oder so. Meine Kollegin hat mich angerufen, meine Chefin hat mich angerufen und ich war so, ich habe einfach verschlafen.
27:56
Ich habe einfach verschlafen. Das ist einmal passiert, so. Aber mir sind dann natürlich nach und nach immer mehr Sachen irgendwie auch auseinandergebröselt, so. Und ich bin auch immer labiler geworden und immer, immer schneller irgendwie angefasst und hatte irgendwie die ganze Zeit das Gefühl, so boah, wenn jetzt noch irgendwas passiert, dann falle ich einfach um, dann zerbreche ich einfach, so.
28:17
Also ich war so überhaupt nicht bei mir und gleichzeitig hatte ich überhaupt kein Vertrauen mehr da rein, dass ich irgendwas daranändern kann. Weil ich ja die Erfahrung gemacht habe, dass ich es immer wieder versuche und es dann immer wieder nicht klappt. Und diese, diese Veränderungs, dieser Mut irgendwie,
28:38
was verändern zu können oder so diese, diese Energie, die man irgendwie auch dafür braucht, die, die ist mir einfach immer mehr abhandengekommen. Und dieses Vertrauen auch, was man in sich braucht, um irgendwie so die ersten nüchternen Schritte vielleicht gehen zu können, habe ich, es ist halt total zerrieben in diesem, in dieser kognitiven Dissonanz, von der ich vorhin gesprochen habe,
28:58
ne, von diesem soll ich, soll ich nicht und am Ende mache ich es ja doch. So, wie soll ich mir überhaupt noch irgendwas glauben? Ich habe mir nichts mehr geglaubt.
29:06
So die Fähigkeit, also so Fähigkeitenpräsenz als Teil des Selbstwerts, also dieses, dieses Glauben an sich selbst, dass man eine Fähigkeit hat, etwas in seinem Leben zuändern, ist über die Zeit krass zerbröselt.
29:18
Und das ist inzwischen was, wo ich auch so ein bisschen allergisch drauf reagiere, dass wenn Leute immer sagen so, ja, wenn man aufhört, die Leute brauchen Leidensdruck, ne, also auch diese Erzählung vom Rock Bottom und so, ne, die Leute, also wenn man die, die Süchtigen, die brauchen Leidensdruck. Und ich denke mir immer so, ja, also gut, ich hätte noch ein bisschen mehr, also ich sage mal, ich hatte einen High Bottom,
29:39
ja, verhältnismäßig. Also mir ging es schon schlecht genug so, ne, aber ich hatte noch nichts ernsthaft verloren. Also, ne, ich war gesund, ich hatte einen Job, ich hatte eine Wohnung und so, also das war irgendwie alles da. Ich hatte auch eine Beziehung. Und trotzdem, ja,
29:59
ist es, braucht man halt nicht nur Leidensdruck, weil Leidensdruck halt nirgendwo hinführt. Sondern du brauchst halt, wenn Leidensdruck da ist, brauchst du halt auch noch das andere. Du brauchst halt auch Mut. Du brauchst halt auch Hoffnung. Du brauchst halt auch Vertrauen. Du brauchst auch, vor allem brauchst du auch Unterstützung. Und du brauchst den Glauben, dass irgendwas anders sein kann.
30:20
Weil wenn du das nicht glaubst, wenn du das einfach nicht für möglich hältst, weilst du dir ja selber auch immer wieder bewiesen hast, so ja, dann wie soll man dann auf die Idee kommen, wasändern zu können?
30:31
Absolut.
30:32
Und gerade dieses Rock Bottom oder der Leidensdruck, das ist eigentlich schon seit 15 Jahren plus klar in der Suchtforschung, dass das ein tradiertes Bild von Suchterkrankung ist und dass es gerade auch im Rahmen von Entstigmatisierung sehr wichtig ist, das loszulassen, aber
30:51
leider auch weiterhin bestehen bleibt und viele wirklich denken, das ist der Punkt. Und was auch vor allem auch nicht bei anderen Erkrankungen so krass in den Vordergrund gestellt wird wie bei Sucht. Und der Punkt, was ich gerade gedacht habe, ist so, man braucht eigentlich ein Hilfesystem,
31:09
das einem so früh wie möglich die Hand reichen kann und nicht erst wartet, bis der Krankheitszustand so prekär ist, dass natürlich auch die Flexibilität der Hilfen deutlich mehr eingeengt werden.
31:24
Ja, deswegen kann ich es auch sehr gut verstehen. Und der Leidensdruck ist ja in der Regel fast immer da, wenn man sehr viel trinkt. Und wer bestimmt denn da bitte auch einen Tiefpunkt?
31:34
Ja.
31:36
Schwierig.
31:38
Ich, also sowohl ich als auch viele andere, mit denen ich gesprochen habe über die Jahre, und das sind ja inzwischen einige, haben halt irgendwann mit dem System eine Erfahrung gemacht, die dazu geführt hat, dass sie sagen, da entweder ich kann da nicht hin oder da will ich nicht hin oder da wird mir eh nicht geholfen. So, sei es jetzt das Suchthilfesystem,
31:57
sei es das Gesundheitssystem, sei es das Hilfesystem im Allgemeinen. Wie gesagt, von außen hat man, also das ist ja total, das ist ja total die Binnensicht, ne, jetzt vom Suchthilfesystem zu sagen, ja, aber wir haben ja ein tolles Suchthilfesystem. Von außen ist das überhaupt nicht klar, dass das irgendwie unterschiedliche Systeme sind. Ich finde es auch völlig banane, dass es so ist.
32:17
Aber,ähm, dass von, wenn du betroffen bist und irgendwie einfach nur irgendwo Hilfe suchst und die ersten Erfahrungen, die du machst, sind, ja, hier kannst du damit nicht sein. Dann, warum sollst du dann irgendwo woanders noch hingehen?
32:32
Bist du mal in die Suchtberatung gegangen?
32:35
Ja, zweimal, glaube ich. Daserste Mal Anfang 20. Und da war so ein bisschen der Punkt, so ja, kommen sie wieder, wenn sie ein richtiges Problem haben. Also so, so kam es bei mir an. Fairerweise. Vielleicht habe ich meinen Konsum auch ein bisschen runtergespielt,
32:57
ja? Oder die Dramatik etwas runtergespielt. Das ist da, das kenne ich auch von mir, dass ich, wenn ich eigentlich Hilfe suche, der anderen Person erstmal erkläre, warum ich eigentlich gar nicht auf die Hilfe angewiesen bin, so. Insofern will ich die jetzt irgendwie auch ein bisschen in Schutz nehmen.
33:17
Aber es war schon so ein bisschen, dass irgendwie hatten die, also Anfang 20, hatten die nicht wirklich was für mich in petto gefühlt. Und dann bin ich nochmal auch in einer nüchternen Phase, ich habe das immer in nüchternen Phasen gemacht, nie in Trinkphasen, sondern immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, jetzt kann ich, jetzt schaffe ich es auch überhaupt mal irgendwo hinzugehen.
33:36
Das ja total nachvollziehbar ist, wie soll man in so einer High-End-Konsumphase, ist es für die meisten unfassbar herausfordernd, sich Hilfe suchen zu gehen. Und wenn man es schafft, in einer Zeit, wo es gerade besser läuft und ein paar Kapazitäten freigeschaltet sind, dann sich, das ist ja irgendwie die logische Konsequenz.
33:52
Auch vielleicht, weil die Scham in dem Moment nicht so akut ist, ne?
33:55
Ja.
33:56
Naja, und dann das zweite Mal, das war dann irgendwie so, die, die war dann so, ja, sie ist jetzt erstmal bald im Urlaub und dann soll ich in ein paar Wochen nochmal wiederkommen und dann könnte man überlegen, ob man eine Suchttherapie macht und ich bin dann einfach nie wieder hingegangen. So, weil das, auch ich glaube,
34:15
weil ich, ich hatte Schiss, damit aktenkundig zu werden, also wirklich in so eine offizielle Suchtbehandlung einzusteigen, da hatte ich irgendwie das Gefühl, so, aber so schlimm ist es bei mir ja noch gar nicht.
34:27
Ja.
34:28
Ich bin auch total der Meinung, es wäre richtig viel gewonnen, wenn wir die ganzen Suchtberatungsstellen in Konsumberatungsstellen umbenennen würden. Weil es gibt sehr viele Menschen, die das Gefühl haben, sie haben ein Konsumproblem. Aber das Suchthilfesystem mit seinen Suchtberatungsstellen ist allein von der Terminologie schon so hochschwellig,
34:49
weil du dir im Grunde schon deine eigene Sucht diagnostizieren musstest und dir das schon in Anführungsstrichen eingestehen musstest, um dann überhaupt irgendwie zu denken, dass du da richtig bist, so. Also, naja, ist jetzt nur so ein persönlicher Seitengedanke.
35:07
Was hätte dir denn geholfen? Also, wenn du jetzt halt nochmal in die Suchtberatung zurückdenkst, was glaubst du, oder auch gerade an daserste Mal, wo du hingehst und versuchst auch erstmal das runterzuspielen und erstmal zu erklären, dass du kein Problem hast, was wäre denn für dich die Veränderung gewesen in einem Gespräch, dass dir wirklich weitergeholfen wäre?
35:27
Also, ich glaube, was mir erstmal geholfen hätte, wäre so ein, hey, du musst keine handfeste Sucht haben, um so ein Angebot in Anspruch zu nehmen. Es kann auch einfach erstmal sein, dass du über diesen, über deinen Konsum nachdenkst oder vielleicht daran was verändern möchtest. Das ist schwer, so,
35:47
und da ist es irgendwie, da kann man gut Hilfe, das ist völlig in Ordnung, dafür Hilfe anzunehmen, so.
35:54
Ich, ja, gute Frage.
36:01
Ich glaube, was mir halt damals gefehlt hat, war halt eine Perspektive nach vorne. Also irgendwie eine Idee davon, wie ein Leben sein kann. Weil ich konnte so weit nicht denken. Also ich konnte schon so weit denken, zu sagen, ah ja, dann gehe ich irgendwie in eine Suchtberatung und dann sagen die mir da irgendwas und dann mache ich vielleicht ein Konsumtagebuch.
36:22
Weiß ich, mache ich eh nicht, weil ich nichts so lange durchziehe, sonst könnte ich auch aufhören zu trinken. Also, naja, so. Wenn ich, und ich wollte es auch gar nicht so genau wissen. Ich wusste schon, es ist zu viel, warum soll ich jetzt so ein Konsumtagebuch führen? Und das,
36:41
was aber dann danach kommt, also da gab es nichts, was mich zieht. Ich hatte halt dieses Bild, okay, trockene Alkoholikerin, ist erstmalultra peinlich. Und okay, auf jeden Fall, ich werde eh rückfällig, weil das ist, was sie einem immer sagen. Rückfälle gehören ja dazu und jeder wird immer, also Suchtkranke werden halt rückfällig.
37:04
Und ich werde immer Suchtdruck haben. Also das dachte ich ja. Ich dachte, ich werde dann immer Suchtdruck haben. Dieses Verlangen wird nie aufhören. Es wird nie leicht werden. Ich werde nie wieder Spaß haben.
37:17
Ich werde, ich sage das immer so, mich vor jeder Schnapspraline bekreuzigen müssen und in Gemeindekellern sitzen und Abbitte leisten. So, das war so mein Bild. Und ganz ehrlich, da habe ich lieber weitergetrunken.
37:36
Ich sage, wenn meine Klienten so auch mit so einer ersten Idee kommen von, wie könnte ein nüchternes Leben aufstehen und tatsächlichähnliche Dinge aufzählen, dann sage ich immer so, das hört sich ja wirklich nicht nach einem attraktiven Ziel an.
37:46
Nein. Und sollte man das wollen.
37:49
Und ohne attraktives Ziel wird man nicht loslaufen und einfach keinen Alkohol zu trinken ist kein attraktives Ziel, wenn da nichts Positives hintendran steht. Und wenn man das nicht entwickelt, warum sollte man loslaufen? Das kann ich sehr gut nachvollziehen.
38:06
Also diese, auch diese, also dieses immer wieder betonte, es ist eine chronische Krankheit. Weiß ich, was bei mir dann im Kopf ist, ist, ich werde daran auf jeden Fall sterben und es wird nie besser. Das kommt in meinen Kopf, wenn ich chronische Krankheit höre. Und ich werde das nie überwinden können. So, das ist jetzt für immer. Und ich,
38:27
das war so eine Hürde. Also das so sehen zu müssen, war einfach, ich für Alkoholikerin ist man für immer.
38:36
Es ist total brutal. Und wenn ich das auch nochmal so aus deiner Sicht, wie dich das im Prinzip auch abgeschreckt hat, eine Hilfe annehmen zu können oder für dich auch als lohnenswert zu erachten. Ich glaube, das ist es eher, weil du hast ja Hilfe gesucht und sie hast sie nicht als lohnenswert erachtet. Und es ist die Aufgabe des Suchthilfesystems, eine lohnenswerte Hilfe anzubieten,
38:55
wo Menschen sich sozusagen wiederfinden und sagen, japp, da gehe ich jetzt mal einen Schritt weiter, schauen wir mal, wie es läuft. Und im Prinzip hattest du, wenn ich das so richtig raushöre, hast du an deinem Konsum gezweifelt, du wusstest, dass es irgendwie nicht so gut läuft. Und das Sucht, kann man so sagen, das Suchthilfesystem. So, ich will es nicht kleinsprechen.
39:18
Nee, nee, nee, das stimmt. Also stopp, lief nicht so gut.
39:22
Ja, und das Suchthilfesystem hat dir aber angeboten, oder den Kontakt mit der Drogenberatung hat dir angeboten, wenn du jetzt zu uns kommst, dann kaufst du die chronische Erkrankung ein.
39:31
Ja, kann man sagen.
39:32
Und wenn du aber nicht kommst, dann kannst du die chronische Erkrankung vermeiden. Weil dann musst du ja sozusagen in dieses Eingeständnis nicht rein.
39:40
Ja, das ist, glaube ich, so ein, ist auch so ein recht klassischer Mechanismus, ne?
39:47
Ja.
39:48
Ja.
39:49
Was hat sich mit 29 geändert, als du dachtest, ich ziehe die Reißleine?
39:58
Da kamen so verschiedene Sachen zusammen. Also erstmal hat sich mein Konsum immer weiter zugespitzt und ich habe dann irgendwann im Grunde täglich getrunken und habe irgendwie, bin da immer mehr dran verzweifelt, war immer mehr verkatert. Das Leben war ganz schön anstrengend und ich war ziemlich traurig und hatte,
40:19
wie gesagt, damals auch eine Beziehung und der hat keinen Alkohol getrunken, was auch so ein bisschen so ein, also so irgendwie ein Fun Fact.
40:27
Krass.
40:29
Also ich habe mir ausgerechnet, ich habe zweimal in meinem Leben Abstinenzler gedatet, völlig irre. Wahrscheinlich, also so erkläre ich mir das, weil die halt was hatten, was ich immer wollte und es nie geschafft habe, mühelose Nüchternheit. Also ein Leben, in dem Alkohol keine Rolle spielt. Und ich bin so dankbar,
40:48
dass ich damals mit diesem sehr, sehr netten Mann zusammen war, mit dem wir auch, wir verstehen uns auch immer noch, wir waren drei Jahre zusammen. Weil ich glaube, wenn ich damals, ich sag mal, mit jemandem zusammen gewesen wäre, der so getrunken hätte wie ich, weiß ich nicht, was dann mit mir geworden wäre.
41:06
Auf jeden Fall waren wir zusammen in Urlaub und sind zu seiner, zu seinen Eltern gefahren. Die hatten so einen Hof in Serbien, also kam aus Serbienursprünglich. Und da gab es zum Beispiel kein Internet und er hat nun keinen Alkohol getrunken und seine Eltern irgendwie auch nicht. Und dann war ich irgendwie,
41:27
erstmal hatte ich total Schiss vor diesem Urlaub und war so, das ist ja nun irgendwie auch, das kann es ja nun nicht sein. Also da habe ich mich schon erstmal über mich selbererschrocken, dass ich so war, dass eigentlich ich mich überhaupt nicht darauf freuen konnte, sondern die ganze Zeit dachte, ja, aber wie mache ich denn das dann? So, wie trinke ich? Ich wusste schon, in seiner Gegenwart kann ich nicht so trinken,
41:46
wie ich trinken will und werde jetzt irgendwie zwei Wochen lang dieses Verlangen an der Leine halten müssen und ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll. Und das war dann gar nicht so schwer. Ich habe ein bisschen getrunken in der ersten Woche, aber sehr viel weniger, weil es irgendwie, weiß ich nicht,
42:06
es gab irgendwie keinen Stress, es war ein neues Umfeld, wahrscheinlich auch ein bisschen wie so ein Klinikeffekt eigentlich, ne? Du bist in einem ganz anderen Kontext, es ist auch gar nicht so verfügbar. Ich habe mich noch einmal so richtig abgeschossen mit Selbstgebranntem von den Nachbarn. Da habe ich mit den Nachbarn dann getrunken, das war so mein letzter richtiger Rausch.
42:23
Und dann bin ich total krank geworden und dann, wir wollten nach Griechenland weiter, ich wollte unbedingt auf den Olymp steigen und dann war ich aber richtig,
42:37
richtig heftig krank und habe dann die ganze Zeit im Hotel gelegen und habe irgendwie, ich habe und dann habe ich mir angefangen, Hörbücher reinzuziehen über Nüchternheit. Ich hatte eins, hatte ich mir schon mal runtergeladen, hatte im Alltag angefangen, das zu hören, habe es dann sofort wieder aufgehört. Habe die ganze Zeit auf diese,
42:58
ich weiß das noch, ich lag in diesem Bett in diesem Ferienresort, es war halt Offseason, so, deswegen war auch kaum jemand da und es war recht günstig und dann lag ich aber halt in diesem Bett. Ich habe ihn dann immer losgeschickt, er sollte halt diese ganzen Ausflüge ohne mich machen. Dann lag ich da und habe die ganze Zeit auf diese Weinflasche gestarrt, die uns geschenkt wurde an der Rezeption zur Begrüßung,
43:19
die ich auch noch angenommen hatte, weil ich noch gar nicht so richtig gefestigt war in der Entscheidung. Und aber ich war einfach, ich hatte einfach überhaupt gar keine Lust zu trinken, weil ich war so krank. Und dann habe ich mir, ich nenne das immer so die Gehirnwäsche, also diese so nüchterne Gehirnwäsche gegeben und habe halt angefangen, alles Mögliche zu hören, zu lesen.
43:41
Und dann, ja, bin ich so langsam wieder so, war fast wieder gesund, als wir zurückgeflogen sind. Und da war ich dann eine Woche nüchtern und habe mich erstmal krankschreiben lassen, weil ich hatte so Angst, ich hatte so Angst davor, zurück in meinen Alltag zu gehen, weil ich irgendwie das Gefühl hatte,
44:00
so, es hat sich jetzt irgendwas, irgendwas hat sich geändert, irgendwas in mir hat aufgegeben, irgendwie kapituliert, also wie man das bei den AA ja auch sagt, so dieses Zugeben, dass man dem Alkohol gegenüber machtlos ist. Also ich wusste irgendwie, dass es mir nicht gut geht und ich wusste auch,
44:20
dass der Alkohol was damit zu tun hat. Und ich dachte, es reicht, ich kann nicht mehr. So, ich will, ich will leben, aber ich will so nicht leben. So, dieses so nicht. Und gleichzeitig auch so dieses ich will leben, das war so zum ersten Mal eigentlich so eine wirklich aktive Entscheidung dafür. Ich war nie suizidal oder so,
44:41
aber ich habe mich auch nie wirklich dafür entschieden, dass ich dieses Leben leben will. Und das war so ein Moment, wo ich irgendwie dachte, so, nee, ich will das aber. Und ich glaube, wenn ich das nicht, wenn ich nicht etwasändere, dann werde ich nichts von diesem Leben haben.
44:56
Das heißt, die Nüchternheit wurde durch diese Auseinandersetzung mit anderen Vorbildern, die schon nüchtern sind, zum attraktiven Ziel?
45:06
Ja, und das waren zum Teil, das waren auch Vorbilder, die zum Beispiel gesagt haben, ja, das Alkoholiker-Label ist halt irgendwie veraltet.
45:13
So, oder die mir erklärt haben, was eigentlich passiert im Kopf oder die, also gerade von Frauen, diese Stimmen, die sagen so, ja, das man kann ein gutes Leben führen oder es ist vielleicht auch cool oder es ist irgendwie auch schick oder es ist auf jeden Fall ein Leben, das man wollen kann.
45:31
So, und das gab es damals nur auf Englisch und dann hat sich in Deutschland das aber ja auch ein bisschen verändert.
45:40
Das stimmt, einmal mit Natalie Stüben, einmal mit euch, ganz krass, finde ich auch, ne? Ich meine, ihr habt ja auch jetzt seit schon fünfeinhalb Jahren euren Podcast. Es gibt ja immer mehr Menschen, die auch allgemein über ihre Erfahrungen sprechen und offen sprechen und es viel mehr, ja, Identifikationsfiguren gibt als Menschen aus der professionellen Suchthilfe.
46:02
Und wie mich auch, die halt eben vielleicht die Theorie auffächern. Aber das kann halt einfach auch nur ein Teil des Ganzen sein und darf auch nur ein Teil des Ganzen sein. Und auch da ist es einfach wichtig, dass so auch die moderne Suchthilfe mehr Gesicht bekommt, weil, wie du das beschreibst, das, was so immer noch sehr in den Köpfen festsitzt,
46:23
ist ja eigentlich was, wo viele meiner jungen Kollegen und Kolleginnen uns einig sind, dass das Schnee von vor 20 Jahren ist, aber im allgemeinen Suchtverständnis noch so verankert ist, dass so die neuen Haltungen gar nicht erst rüberkommen.
46:40
Ja, das, das so hat ja Sodaclub hat ja auch irgendwie so angefangen, dass Mia und ich uns irgendwie erstmal gegenseitig unsere Erfahrungen erzählen und gleichzeitig auch mit so einem Hä? Also dass die Erfahrung der Nüchternheit so anders war als das,
47:01
wie es uns in Anführungsstrichen verkauft wurde. Also dass sich das so gut angefühlt hat, nicht immer leicht so. Also Mia hatte zum Beispiel nie Suchtdruck, ich schon so. Es gab auch ein paar Momente, gerade so im ersten Jahr, wo ich sagen würde, das war vielleicht auch knapp. Aber im Großen und Ganzen diese Überzeugung,
47:23
dass das das Richtige ist und dass das Schöne ist und dass es ein besseres Leben ist und dass mir nichts fehlt, sondern dass vielmehr, dass sich neue Sachen aufgetan haben, dass mein Leben so viel reicher geworden ist dadurch. Das war so, hä, warum redet da denn keiner drüber? So, und das war dann auch der Grund natürlich,
47:44
dass wir Sodaclub gestartet haben, weil wir haben auch von Anfang an gesagt, wir wollen Masse produzieren. Also weil uns das, weil das selber uns so stabilisiert hat, auch in der frühen Nüchternheit einfach immer irgendwas auf den Ohren haben zu können. Und das so ein bisschen so eine Suchtverlagerung auf Podcasts. Inzwischen gibt es ja so viel, ne?
48:02
Also das ist ja mega, weil das war für mich auch, war das so wichtig, dass ich permanent irgendwelche Stimmen hören kann, die mich da drin bestärken, dass es das Richtige ist und dass es gut ist.
48:13
Und dann erst ist mit der Zeit auch ein bisschen so bei, also bei mir auch so ein politischer Veränderungswunsch dazugekommen und auch ein Wunsch oder auch so, auch angefangen mit so einem Hä in Bezug aufs Suchthilfesystem, dass ich sagte, hä, was machen die denn da?
48:33
Irgendwie kommt mir das alles so ein bisschen komisch vor. Da muss man doch mal irgendwie was sagen. Und ich glaube, das ist auch kein Zufall, dass wir jetzt mit Recovery Deutschland e.V., also dem Verein, den ich mitgegründet habe, also dass ich zum Beispiel nie im System war, sondern wirklich so von außen da drauf geguckt habe und dachte so, hä?
48:52
So. Und natürlich weiß ich inzwischen auch, dass es richtig viele tolle Angebote gibt und richtig viele tolle engagierte Leute und dass tolle Sachen in der Forschung passieren und dass es mega gute Projekte gibt. Und das ist ja auch mir ein Anliegen, diese Sachen groß zu machen, weil es ja total wichtig ist, dass die Leute nicht das Gefühl haben,
49:11
was ich damals hatte, dass man, dass da irgendwie nichts für einen zu holen ist in diesem System, weil das stimmt auch nicht. Und gleichzeitig glaube ich, man könnte noch ein bisschen was an der Kommunikation verbessern.
49:23
Das ist halt der Punkt, es stimmt nicht und wir haben irgendwo schon auch recht, dass wir ein sehr ausgefeiltes Suchthilfesystem hat, was sich sehr intensiv mit dem Thema Sucht beschäftigt. Aber wir haben ein brutales Kommunikationsproblem, weil das einfach nicht mit eingepreist wird in die ganze Arbeit, muss man auch einfach sagen. Wo kein Geld ist, wo man kommunizieren kann, wie will man da kommunizieren?
49:43
Also ganz intern haben wir da einfach massive strukturelle Probleme, also finanziell strukturelle Probleme. Und das andere ist aber auch, wir haben Imageprobleme und da sind wir brutal selber dran schuld.
49:54
Und das liegt auch einfach daran, dass, was ich schon vorhin gesagt habe, dass so auch, wie das Suchthilfesystem entwachsen ist und wie überhaupt das System entwachsen ist, dass es überhaupt zwei Systeme gibt und sowas. Das kommt ja nicht von ungefähr. Es ist ja sehr historisch davon gewachsen, auch wie man Alkoholabhängigkeitserkrankungen, Abhängigkeitserkrankungen in sich gesehen hat.
50:14
Und daraus ist ja dieses Extra-System entwachsen, eigentlich mit einer guten Intention im Sinne von, naja, wir möchten gerne auch Menschen mit Suchterkrankungen auch behandeln und ihnen was anbieten. Und rausgekommen ist aber halt auch, dass man nie so richtig rausgekommen ist aus so einem artdisziplinarischen Image.
50:34
Und Disziplin hat halt nichts zu suchen in der Psychotherapie. Also das ist jetzt sehr absolut gesprochen, aber Disziplinarität, also wir sind ja nicht rechtschaffen in dem Sinne, sondern wir sollen behandeln.
50:47
Und man muss auch sagen, dass das Suchthilfesystem in Deutschland eigentlich auch ein sehr schwieriges Erbe hat.
50:53
Also in der Eugenik, in der Rassenhygiene und unter den Nationalsozialisten, wo auch die deutsche Suchthilfe sich auch mit an der Verfolgung und Zwangssterilisierung und auch der Internierung von Suchterkrankten auch wirklich aktiv beteiligt hat. Ich meine, das mache ich denen jetzt heute nicht mehr zum Vorwurf, ne?
51:15
Aber ich glaube, dass sich, dadurch, dass es nie aufgearbeitet wurde, hat es auch nie so ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs darüber stattgefunden, wie wollen wir eigentlich mit Menschen mit einer Suchterkrankung umgehen. Und das halt ganz viel von diesem Stigma, glaube ich schon, dass das auch ein Stück weit auch aus dieser Zeit kommt, als Suchterkrankte und insbesondere Menschen mit Alkoholabhängigkeit,
51:37
die ja den Großteil ausmachen, halt irgendwie als gemeinschaftsschädlich, als asozial, ne? Alles in Anführungsstrichen, ne? Alles Nazi-Begriffe abgestempelt wurden. Und es bis 2020 gedauert hat, bis der Deutsche Bundestag einen Antrag beschlossen hat, der gesagt hat, dass also Menschen, die als asozial und Berufsverbrecher verfolgt wurden, nicht zu Recht im KZ waren.
51:59
Dass es bis 2020 gedauert hat. Also, ne, das ist sozusagen dieser ganze Komplex, dass also eine Suchterkrankung auch diese lange Historie hat, dass es wie so eine soziale Diagnose ist. Das macht ja für die Betroffenen auch ganz oft ein Teil dieser Scham aus, dass sie sagen, wenn ich sage,
52:18
ich bin meinetwegen Alkoholikerin oder ich habe ein Alkoholproblem oder ich bin abhängig, dass dann sofort die Schubladen aufgehen. Die ist asozial, die ist charakterschwach, das ist ein moralisches Problem, das ist ein Verhaltensproblem. Wieso hat die sich nicht im Griff? Die ist arbeitsscheu, also wieder auch zum Teil Nazi-Begriffe, aber diese Schublade geht auf.
52:39
Und ich kenne das auch von ganz vielen Freunden, Freundinnen, die eine Abhängigkeit überwunden haben, dass sie ganz oft sich so vorauseilen, so rechtfertigen, sagen: „Aber ich habe immer gearbeitet.“ So, ich bin nie jemandem zur Last gefallen, heißt das.
52:54
Und dass es auch immer noch diesen Verweis gibt: „Ja, es sind ja nicht alle Alkoholabhängigen leben unter der Brücke oder so.“ Und ich denke mal so: „Nein, hör auf mit diesem Scheißverweis darauf, dass irgendwelche Leute noch schlechter dran sind als du.“ Weil das immer der Versuch ist, sich abzugrenzen von so einem Vorwurf, der in Anführungsstrichen „Asozialität“. Und ich glaube,
53:13
dass wir da einfach auch im System und auch also unter Betroffenen, dass wir diese ganzen Unterscheidungen, dass wir damit aufhören müssen, mit dieser ganzen Abgrenzungsgymnastik, so, ne? Also dieses Ganze, jetzt komme ich in so einen Rant rein, aber also mich beschäftigt das natürlich schon total. So,
53:31
wie können wir, wie können wir auch zeigen, dass es ein großes Spektrum gibt an Suchterkrankungen und dass es keine Wertung ist, sondern dass es darum geht, dass Menschen in jedem Stadium die Hilfe bekommen, die sie brauchen. So, darum geht es mir. Und ich glaube, dass eben die Stigmatisierung oder diese Bilder, die da im Kopf entstehen, die man manchmal auch unbewusst weiterträgt, nicht helfen.
53:55
Ja, und dafür müsste es aber auch ein Angebot geben für jeden, für das komplette Spektrum, und das ist ja auch nicht der Fall. Genau. Also ich möchte sagen, dass Drogenberatungen sich da, glaube ich, auch sehr weiterentwickelt haben, denen ich am meisten eigentlich die Aufgabe drin sehe, gerade so, ich nenne es mal,erste Schieflagen gut aufzufangen,
54:15
zu begleiten und wieder in die Balance zu bringen. Und ich glaube auch, dass viele Drogenberatungen das ganz großartig machen. Aber gleichzeitig ist es so, dass man als betroffene Person seine Drogenberatung nicht frei wählen darf, sondern halt dahin geht, die zuständig ist. Und wenn man da sich nicht wohlfühlt oder da vielleicht auch nur eine Beratung ist,
54:34
die, wo es menschlich nicht fittet, so, das hat gar nicht damit zu tun, dass die Beratung vielleicht auch nicht so gut ist, sondern vielleicht auch einfach, dass es menschlich nicht klappt und man mit der Person nicht arbeiten kann, dann hat man ja schon mal ein Problem. Weil das ist ja im Prinzip die zugewiesene Drogenberatung, ne?
54:51
Und es braucht halt wirklich ein Angebot für das komplette Spektrum von Suchterkrankungen. Das ist für mich eine, also ein Punkt der Aufklärung, dass eben Substanzgebrauchsstörungen, deswegen finde ich es irgendwie total schade, dass wir in der ICD-11 dieses Leichtmittel schwer nicht haben, weil ich dachte, das wäre wenigstens diagnostisch eine Möglichkeit, dieses Spektrum widerzuspiegeln. Stattdessen haben wir die Schwelle jetzt runtergesetzt,
55:12
das zeigt sich auf jeden Fall in den ersten Studien. Das heißt, die Suchterkrankung kann deutlich früher diagnostiziert werden, aber ein Spektrum gibt es trotzdem nicht wirklich und eine Differenzierung gibt es trotzdem nicht wirklich. Und da haben wir meiner Meinung nach total was verpasst. Auch einfach, weil ich dachte halt, naja, wenn wir Leichtmittel schwer haben,
55:31
dann ist die logische Konsequenz, dass wir für Leichtmittel schwer auch unterschiedliche Hilfsangebote konzipieren, die eben auf die unterschiedlichen Art und Weisen der Flexibilität eingehen können.
55:41
Ja, absolut. Und ich meine, das andere Problem, glaube ich, wirklich ist, dass das Suchthilfesystem häufig so gut die Leute auch sind, die da drin arbeiten und die Angebote gut sind. Es ist aber ein Silo. Und das erlaubt, dass,
56:00
also dass wir überhaupt sozusagen kein Extra-Suchthilfesystem haben, ein Stück weit erlaubt das überhaupt, dass, ich sage mal, in vielen anderen Bereichen die Not gar nicht, die Notwendigkeit gar nicht so gesehen wird, sich überhaupt mit dem Thema Suchterkrankung auseinanderzusetzen. Und die Leute schlagen ja häufig nicht zuallererst im Suchthilfesystem auf,
56:18
sondern die schlagen eben bei den Psychotherapeutinnen auf, weil sie irgendwie so komisch diffus traurig sind oder irgendwie so Angst haben oder weil sie, oder sie schlagen beim Hausarzt auf, bei der Hausärztin, wo irgendwie die Werte nicht mehr so stimmen oder so. Oder, also ne, und das kann man natürlich total auch noch weiter fassen,
56:37
dass auch sowas, also Hilfen bei FASD oder so, dass das so unbekannt ist, dass Ergotherapiepraxen nicht wissen, was das ist, zum Beispiel. Das sind alles so Bereiche, in denen wir so viel mehr Aufklärung bräuchten, weil Substanzkonsum halt in der Mitte der Gesellschaft stattfindet und das nicht die anderen sind,
56:58
für die wir sozusagen ein Extra-System, ja, wir haben für sie ein Extra-System gebaut, aber eigentlich sind die ja, sind wir ja überall und auch, naja, ich sage mal, was ich zum Teil so gehört habe von Leuten, die zum Hausarzt, zur Hausärztin gegangen sind, zu Psychologinnen gegangen sind mit einem Alkoholproblem und was die dann zum Teil so gehört haben,
57:20
sowas wie: „Ach naja, ein bis zwei Flaschen Wein am Tag ist doch noch im Rahmen.“ Oder: „Naja, so ein bisschen, also wie wäre es denn, wenn Sie mal wieder anfangen würden zu trinken, um ein bisschen Normalität in Ihr Leben zu lassen?“ Oder: „Naja, also machen Sie sich darüber mal nicht so Sorgen, so mit Ihrer Depression, da können Sie schon was trinken.“ „Ach, mit den Antidepressiva?
57:41
Ja, da können Sie schon was trinken.“ Mein Hausarzt, der gesagt hat, das zitiere ich so gerne, als ich zu ihm gesagt habe, wegen Rauchen, da war ich schon nüchtern, aber als ich zu ihm gesagt habe, ich habe ein Suchtproblem, er einfach nur gesagt hat: „Ja, ich auch.“ Und ich so: „Ja.“ Also, ne, das sind irgendwie so Sachen, wo man sich denkt,
58:00
ja, irgendwie, und den Suchtkranken wirft man vor, die wollen ja nicht. Also, ich glaube, das System will nicht.
58:12
Ja, also ich kann dir ganz gut zustimmen. Wir sind so ein bisschen.
58:17
Ach so, es tut mir leid. Du kannst das alles rausschneiden.
58:19
Nein, nein, alles gut. Ich finde, also das ist ja so ein bisschen der Punkt, ne, wir sind ja das, ich lasse es auch alles drin, weil das Format ist neu und mir ist es total wichtig, dass auch meine Hörer und Hörerinnen, die ja wirklich auch zu einem sehr großen Teil aus Fachkräften bestehen,
58:39
und genau sozusagen, ne, beides so mitbekommen, so persönliche Geschichten, aber auch einen Blick von außen auf das Suchthilfesystem, weil, oder allgemein auf das Gesundheitssystem, weil das Problem ist ja wirklich, dass man ja so ein bisschen in seinem eigenen Sumpf sitzt, ne, und wenn man nicht zuhört,
58:57
wie Menschen von außen sozusagen das Hilfsangebot wahrnehmen und immer nur so in unseren Expertengremien uns so ein bisschen überlegen, was könnte man verbessern, dann bleibt man halt in seinem eigenen Sumpf, ne. Und dementsprechend finde ich es auch total wichtig,
59:17
eben da so eine Außenperspektive aufzubauen und ich finde es vor allem auch deswegen super schön oder finde es total spannend, wie du es sozusagen von deinem eigenen Weg dich hin in eine hohe politische Aktivität dann auch gemacht hast. Du bist ja Vorsitzende des Recovery Vereins und hast es ja dann auch, der wurde letztes Jahr gegründet, oder?
59:36
Ja, am 27. März haben wir unser einjähriges.
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Total schön. Und wir haben darüber auch eine Podcast-Folge gemacht, schon wir beiden, Mika und ich, die, dass ich natürlich auch verlinke. So, jetzt noch mal zum Ende dieser Folge im Kontext vom Recovery Verein. Und was wäre dein ideales Ziel?
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Wo willst du hin mit all deiner Wut, die zu Recht da ist, deinem Aktivismus, deiner Aufklärungsarbeit?
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Also, ich möchte, dass Menschen mit einer Suchterkrankung oder auch mit einer überwundenen Suchterkrankung eine bessere Lobby haben, weil ich glaube, dass, also Präventionsarbeit total schön, nichts dagegen,
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aber mir fehlt manchmal auch dieser Blick darauf, wie können wir denn als Gesellschaft dafür sorgen, dass wir es Menschen nicht so schwer machen, mit ihrer Abhängigkeitserkrankung umzugehen, langfristig gesund zu sein. Also zu gucken, was sind denn gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die zu einem gesunden, stabilen, zufriedenen Leben in Recovery beitragen.
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So, das ist so eine Frage, die mich umtreibt, das sind die Menschen, für die ich mich einsetzen will. Und ich meine, da gibt es halt so verschiedene Szenarien, ne. Also, Georg Schomerus hat das mal erzählt oder hatte das mal als Beispiel und das hat sich bei mir so auch sehr eingeprägt, diese Idee,
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da kommt jemand stark intoxikiert in eine Notaufnahme und jemand sagt zu dieser Person: „Gut, dass Sie da sind.“ So, und das ist was, wo ich denke, da müssen wir hinkommen, dass, wenn Menschen Hilfe suchen, egal in welchem Zustand sie gerade sind, und ich verstehe, dass das oft auch schwer ist und dass Notaufnahmen, was auch immer,
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Praxen, dass sie oft nicht gut ausgestattet sind, personell und sonst wie. Also, ne, ich verstehe, dass das auch da oft schwierig ist und dass oft Stresssituationen sind, aber da müssen wir auch eigentlich hinwollen, zu sagen, dass die Leute, die kommen, Hilfe suchen, erstmal angenommen werden, aufgenommen werden,
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dass sie das Signal bekommen: „Gut, dass du da bist.“ Und sie nicht mit vielen, vielen nötigen oder unnötigen Regeln irgendwie zu überhäufen: „Du musst jetzt aber erstmal das und das und das, du musst jetzt erstmal abstinent sein, bevor du Hilfe kriegst.“ So, wo ich so denke, das hilft doch nicht. Also, und dann ist irgendwie gerade,
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was halt Alkohol angeht, ja, glaube ich, brauchen wir eine bessere Gesetzgebung. Aber auch was andere, also was andere Substanzen angeht, ne, also brauchen wir insgesamt eine Gesetzgebung, die halt Menschen schützt und nicht Konzerne schützt und die Lobby schützt und nicht die Profitinteressen schützt.
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So, wir sehen das ja auch ein Stück weit bei Cannabis, ne, dass jetzt, also dass du halt an jeder Stelle irgendwie Cannabis angedreht kriegst. So, oder dass du beim Glücksspiel, sehen wir es genauso, ja, also dass wir uns als Gesellschaft überlegen, was sind denn Rahmenbedingungen dafür,
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dass Menschen freie Konsumentscheidungen treffen können. Und das ist letztendlich eine Frage, die uns alle was angeht. Und wenn wir, ich glaube, wenn wir da besser werden, dann wird es auch leichter, über Suchtprobleme zu sprechen, dann wird es leichter, diesen Mantel des Schweigens, diese Decke des Schweigens irgendwie zurückzuwerfen und zu sagen: „Okay,
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dann gucken wir mal.“ Dann heißt es auch, dass es leichter wird, für Angehörige darüber zu reden und Hilfe zu bekommen, Unterstützung zu bekommen.
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Und diesen ehrlichen Umgang damit, das ist, glaube ich, da und zu verstehen, dass Suchtprobleme keine individuellen Probleme sind und dass Alkoholprobleme auch oft weiter gefasst sind als einfach nur Suchtprobleme. Also, dass wir da, dass wir es da mit einem großen Komplex zu tun haben,
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und das ist natürlich immer so ein bisschen schwierig, weil das ist halt sehr unsexy, wenn man sagt: „Ja,
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wir müssen hier so gesamtgesellschaftlich und so.“ Aber ich glaube, so im ganz Kleinen will ich einfach, dass Menschen, die in so einer Problematik drinstecken, irgendwie eine Perspektive angeboten bekommen, ein Leben, zu dem sie hinwollen und dass wir diese Menschen als Ressourcen begreifen.
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Weil ich glaube, das ist eine wahnsinnige Ressource, gerade in dieser Zeit. Menschen, die eine Suchterkrankung überwunden haben, sind Ressourcen für ihr direktes Umfeld, für die Gesellschaft, und ich glaube, wir verlieren sehr viel, wenn wir das nicht verstehen.
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Das finde ich noch mal einen sehr schönen Punkt zum Abschied, ne, diesen, das fand, das hat jetzt bei mir auch richtig eingeschlagen, dass man sozusagen Menschen, die nüchtern sind, wo zu unsere Gesellschaft ja gerade so bei, gerade bei Alkohol so neigt, so: „Oh nein, du darfst nie wieder trinken, nicht mal an Weihnachten, nicht mal an Silvester,
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nicht mal zum Essen, nicht mal zum Essen, nicht mal an deinem, nicht an meinem Geburtstag.“ So, dass das Menschen sind, die nicht nur Wahnsinniges vollbracht haben und zwar sich einer psychischen Erkrankung gestellt und den Mut aufgebracht haben, etwas für sich zu verändern,
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sondern ganz auf einen systemischen Blickwinkel Ressourcen für unsere Gesellschaft sind, das Konsumproblem unserer Gesellschaft, das nicht wegzuargumentieren ist, in eine positive Art und Weise zu beeinflussen. Und dass das Menschen sind, die Vorbilder sein können, und dafür braucht es keine Suchtproblematik,
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keine Konsumproblematik bei jedem Einzelnen. Aber es lohnt sich ja schon mal, überhaupt mal seinen Konsum zu denken, und jede Person, die seinen Konsum beendet, stößt in seinem Umkreis in der Regel ja auch mal so ein Denken an, mal wenigstens sich selbst zu fragen: „Wie ist das eigentlich bei mir?“
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Und ich glaube, ich will dazu unbedingt mal ein Forschungsprojekt machen, also falls jemand zufällig Geld übrig hat. Aber, und zwar glaube ich, dass es, es gibt ja diesen Begriff vom posttraumatischen Wachstum, und ich glaube, dass es das in Bezug auf Sucht auch gibt, also Post-Dependency Growth würde ich das nennen.
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Vielleicht gibt es das auch schon, keine Ahnung, aber müsste, hätte ich vielleicht mal googeln sollen vorher. Aber da denke ich immer wieder drüber nach, weil ich das so häufig sehe in meinem Umfeld im Verein, Menschen, die aufblühen, wenn Geheimnisse wegfallen, wenn dieses Ziehen und Zerren wegfällt, wenn sie,
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wenn Menschen dazu stehen können, wenn sie die Möglichkeit bekommen, den Rückhalt bekommen und dazu stehen können und sagen können, wer sie sind und wie es ihnen geht, dass die Welt dann besser wird einfach und dass diese Menschen auch eine, dass dann Kräfte freigesetzt werden. So, und die eben über das Individuelle hinausstrahlen,
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sondern eben dann sowas entsteht wie zum Beispiel der Recovery Walk, den wir innerhalb von Monaten aus dem Boden gestampft haben, weil das ist ja auch so ein Ding. Also Menschen mit Suchterkrankung, nicht alle, aber viele haben halt irgendwie, da ist schon ordentlich auch Druck auf dem Kessel, ja, und wenn das halt, wenn man das schafft zu kanalisieren, so, dann wird da so viel Kraft frei.
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Also ich liebe diese, ich liebe diese Leute einfach, so.
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Ja, und Mika, an dem Punkt würde ich das Gespräch beenden, möchte mich aber auch noch mal so von Herzen bei dir bedanken für all die Arbeit, die du machst, ne, sei es deine Aufklärungsarbeit, deine Ehrlichkeit im Sodaclub, deine Ehrlichkeit heute in dieser Folge, dein Engagement im Recovery Walk und einfach die wunderbare Ressource, die du für unsere Gesellschaft bist.
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Danke, gleichfalls, Steffi. Das war schön.
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Und dann freue ich mich aufs nächste Gespräch. Bis dann.
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Ja, bis dann, bye.
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Noch ein paar Worte zum Abschluss. Wie ihr gemerkt habt, das ist ein neues Format. Ich habe vorher nicht komplette Folgen mit Menschen mit Suchterfahrung oder auch Konsumerfahrung gemacht. Wir hatten das ja bis jetzt immer in kleinen O-Tönen in manchen Folgen. Deswegen interessiert mich natürlich brennend, wie euch das Format gefallen hat,
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ob ihr da mehr davon wollt oder vielleicht möchtest du ja selbst Interviewgast sein. Du kannst dafür einfach die Spotify-Kommentare oder die YouTube-Kommentare nutzen oder mir auf psychoaktiv@stephanieboetsch.de schreiben. Ich bin total gespannt auf deine Rückmeldungen auf dieses neue Format.
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Und dann hören wir uns in der nächsten Folge wieder. Lasst doch psychoaktiv eine gute Bewertung da, folgt dem Podcast, schlagt ihn gerne Freunden und Mitarbeitern vor. Das würde dem Podcast auf jeden Fall mega helfen. Bis zur nächsten Folge, tschüss.

