Sucht kann auch die Beziehung zum eigenen Körper verändern. In dieser Folge geht es darum, warum sich das eigene Bauchgefühl nach längeren Konsumphasen manchmal fremd, unzuverlässig oder sogar „falsch“ anfühlen kann. Ausgangspunkt ist die Interozeption – also die Fähigkeit, innere Körpersignale wie Herzschlag, Anspannung, Hunger, Unruhe oder Erschöpfung wahrzunehmen und einzuordnen. Das Bauchgefühl entsteht dabei nicht aus dem Nichts, sondern aus einem Zusammenspiel von Körperwahrnehmung, Erfahrung, Bewertung und Kontext.
Bei regelmäßigem Substanzkonsum kann der Körper lernen, bestimmte drogenbezogene Zustände als vertraut, regulierend oder normal abzuspeichern. Wird der Konsum verändert oder beendet, kann sich Nüchternheit deshalb zunächst irritierend, leer oder falsch anfühlen. Die Folge erklärt, warum Craving auch körperlich verankert sein kann, welche Rolle die Insula und gelernte Körpermuster dabei spielen und wie Körperwahrnehmung, Achtsamkeit, Bewegung und Therapie helfen können, wieder mehr Vertrauen in die eigenen Signale aufzubauen.
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Sucht & Bauchgefühl: Wenn sich der eigene Körper fremd anfühlt
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PODCAST-METADATEN
Folge: 125
Erscheinungsdatum: 04.12.2025
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Sucht & Bauchgefühl: Wenn sich der eigene Körper fremd anfühlt
Sprecher: Stefanie Bötsch
Typ: Transkript
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Und mit der Zeit entsteht daraus ein gelerntes Körpermuster, das der Drogenwirkung den Status von einer inneren Balance verleiht. Wir wissen häufig intuitiv, wie wir zu einer Situation stehen, und das schon deutlich früher, als dass wir es rational fassen können.
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Unser Körper gibt uns eine spontane Rückmeldung und so auch Orientierung in unserem Alltag. Bei Menschen mit Suchterfahrung kann genau dieses Gefühl gestört sein, und der Körper fühlt sich an, als würde er einen in die Irre treiben. Doch warum ist das so? Das schauen wir uns in dieser Folge differenziert an.
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Psychoaktiv, euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein.
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Willkommen bei einer neuen Folge Psychoaktiv, der wahrscheinlich ausführlichste und differenzierteste Podcast zu den Themen Drogen, Konsum und Sucht. Ich arbeite ja schon über zehn Jahre mit Menschen mit Problemlagen in ihrem Konsum zusammen, und an die Situation,
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die ich euch jetzt schildern möchte, erinnere ich mich noch, als wäre es gestern. Ein ehemaliger Klient, schon ein paar Jahre her, wir nennen ihn hier einfach mal Lars, hat mir eine knifflige Situation geschildert, und ich habe ihn einfach mal gefragt: „Na ja, was sagt denn Ihr Bauchgefühl zu dieser Situation?“ Und Lars hat so ganz anders reagiert,
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als ich erwartet habe, und zwar mit ziemlicher Abwehr, und er meinte so was wie: „Was, mein Bauchgefühl? Sind Sie verrückt? Den trauen wir überhaupt nicht, das ist falsch, das führt mich eh nur in die Irre, also das Bauchgefühl, das beziehen wir einfach überhaupt nicht mehr mit ein.“ Und wir sind dann natürlich in das Thema tiefer reingegangen,
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und es wurde klar, dass er sein Bauchgefühl eher als Signal sieht, das er ignorieren sollte, das er auf gar keinen Fall nachgehen sollte, anstatt als ein Gefühl, das ihm spontan eine Richtung weist, denn dafür ist ja das Bauchgefühl eigentlich da.
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Es ist eine Art spontaner Kompass in unserem Alltag, aber für Lars war es eher so ein absolutes Irrlicht. Und einmal sensibilisiert für das Thema ist mir sehr schnell aufgefallen, dass wirklich viele meiner Klienten das Gefühl haben, ihr Bauchgefühl ist kaputt. Und da habe ich mich auf den Weg gemacht,
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um A) das Phänomen besser zu verstehen und B) natürlich, wie ich meine Klienten dabei unterstützen kann, besser ja ihren Weg zurückzufinden zu ihrem Bauchgefühl und diesem auch wieder zu trauen. Und natürlich teile ich meine Erkenntnisse heute mit euch in dieser Folge, und wir klären, was das Bauchgefühl überhaupt ist,
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warum dieses Bauchgefühl bei Menschen mit Suchterfahrung sich so unstimmig anfühlt, und am Ende schauen wir auch noch mal, was man tun kann, um die Beziehung zu seinem Bauchgefühl wieder zu stärken. Diese Folge haben wir letzte Woche übrigens auch als Live-Webinar bei Psychoaktiv Plus behandelt, natürlich mit PowerPoint,
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damit man eben dem Thema auch besser folgen kann. Und wie auch schon beim letzten Mal war der Austausch im Anschluss für mich mein absolutes Highlight. In der Mitgliedschaft kannst du dir auch den Mitschnitt des Webinars anschauen, und als kleines Dezember-Special bekommst du sogar den ersten Monat for free.
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Den Link zu Psychoaktiv Plus auf Steady findest du als allerersten Link in der Folgenbeschreibung, und dementsprechend möchte ich auch gerne Tamara, André, Tanja und Anna als neue Psychoaktiv Plus-Mitglieder seit dem letzten Mal begrüßen. Danke, dass ihr Psychoaktiv und damit Aufklärung zu dem Thema Drogenkonsum und Sucht supportet,
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das hilft mir enorm, und jetzt lasst uns in die Folge starten.
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Starten wir mal mit der nicht ganz so einfachen Frage: Was meinen wir eigentlich, wenn wir vom Bauchgefühl sprechen? Wenn ich zum Beispiel davon rede, mein Bauchgefühl sagt mir das oder das, dann meine ich damit, dass ich ganz instinktiv ein Gefühl zu einer Situation habe. Also bevor ich die Situation überhaupt rational zerpflückt habe,
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habe ich irgendwie eine Meinung zu der Sache.
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Kleines Beispiel vielleicht von gerade heute: Ich habe heute Morgen eine E-Mail für eine Anfrage für ein Interview bekommen, und meine Reaktion habe ich wirklich sofort gespürt, und das war irgendwie so ein Gefühl von: Das ist zu viel, ich habe dafür keine Zeit, und zu dem Zeitpunkt habe ich noch überhaupt nicht meinen Kalender gecheckt oder gar auf die Uhr geschaut.
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Was ist passiert? Körperlich ist nämlich mein Puls hochgegangen, ich war ganz aufgeregt, die Anfrage hat bei mir sofort eher so ein Gefühl von Stress ausgelöst. Und das einmal, weil ich sofort gemerkt habe, dass ein weiterer Task in nächster Zeit zu viel ist, aber auch, weil es mir so ein bisschen schwerfällt, Nein zu sagen. Das ist so ein bisschen mein ewiges Übungsfeld,
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und auch das löst natürlich Stress in mir aus. Ich habe diese Körpersymptome wahrgenommen, und es wurde ein Handlungsimpuls ausgelöst, und zwar: „Nee, das lehnst du mal besser ab, das ist too much aktuell.“ Was da passiert ist, decken wir teilweise mit dem Begriff Interozeption ab.
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Mit der Interozeption beschreiben wir nämlich die Fähigkeit, innere Körperzustände wahrzunehmen. Wir spüren also, wenn unser Herz schneller schlägt, wann wir hungrig sind, wann sich der Magen zusammenzieht oder sich auch die Muskeln anspannen.
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An sich ist das so ein ständiger Dialog zwischen Körper und Hirn, und jede Sekunde fließen Milliarden Signale über Nervenbahnen aus dem Körper ins Gehirn, und zwar über den Herzschlag, Atmung, Temperatur, Magen, Blutdruck. All das sind eben Informationen,
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die wir die ganze Zeit verarbeiten, und das Gehirn wertet diese Informationen aus, gleicht sie mit den Erwartungen ab und entscheidet: Fühle ich mich sicher oder fühle ich mich bedroht, fühle ich mich ruhig oder fühle ich mich angespannt, geht es mir gut oder bin ich eher krank? Und dieser Abgleich dient der Aufrechterhaltung der Homöostase,
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also unserem körperlichen Gleichgewicht. Und das, was wir dann als Gefühl erleben, ist sozusagen das Ergebnis dieses ständigen Dialogs. Unser Bauchgefühl ist also keine Eingebung aus dem Nichts, sondern eher ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Biologie, aus Erfahrung und deren Bedeutung.
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Und neurobiologisch betrachtet spielt dabei vor allem ein Bereich im Gehirn eine sehr zentrale Rolle, und zwar die Insula oder auch Inselrinde genannt. Die Inselrinde ist sowas wie ein Schaltzentrum zwischen Körper und Bewusstsein. Hier werden die körperlichen Signale gesammelt,
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interpretiert und in bewusste Gefühle übersetzt. Wenn wir also Angst spüren, registriert die Insula, dass unser Herz rast, sich die Muskeln anspannen und ordnet das als Angst ein. Umgekehrt entstehen natürlich auch positive Empfindungen. Wir reden hier gerade sehr viel von unangenehmen Empfindungen,
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aber natürlich können Ruhe, Freude und Verbundenheit ebenfalls aus körperlichen Zuständen von dem Gehirn interpretiert und bewertet werden. Die Insula arbeitet dabei eng mit dem anterioren singulären Kortex zusammen. Dieser verbindet diese Empfindungen mit Aufmerksamkeit und Handlungsimpulsen,
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und gemeinsam bilden eben Insula und der anteriore singuläre Kortex nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Relevanz und emotionale Bedeutung dieser Körperempfindung.
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Sie verknüpfen gemeinsam körperliche Signale mit motivationaler Dringlichkeit, also mit der Frage: Ist dieses Gefühl überhaupt wichtig und braucht es eine Reaktion? Außerdem wird die Interozeption zudem als Vorhersagesystem beschrieben.
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Das Gehirn wartet also nicht die ganze Zeit passiv auf Reize, sondern erwartet ständig, wie sich der Körper anfühlen sollte und bewertet dieses. Und wenn der Körper aber anders reagiert als erwartet, entsteht ein sogenannter Body Prediction Error. Das ist im Prinzip ein Abweichungssignal, das so sagt: „Hey,
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das fühlt sich anders an als erwartet.“ Das ist also erstmal nur ein Hinweis darauf, dass etwas neu oder unvorhergesehen ist. Kommen wir noch mal zu meinem Beispiel am Anfang zurück von der Anfrage zum Interview, weil eigentlich könnte man erwarten oder könnte auch mein Körper erwarten,
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dass ich mich über so eine Anfrage für ein Interview freue, weil an sich bedeutet das ja, dass ich mein Thema weiter nach außen bringen kann, es aufmerksam für meinen Podcast bringt, also echt alles top. Ich brenn für mein Thema, ich möchte unbedingt, dass wir besser und mehr über das Thema Sucht und Drogen sprechen. Also ist ja so eine Interviewanfrage spitze,
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und ich mache ja auch sehr viele Interviewanfragen, aber mein Körper reagiert mit erhöhtem Herzschlag und einer unangenehmen Aufregung, und hier entsteht dann der Body Prediction Error. Es ist also etwas anders als erwartet. Ich freue mich nicht, sondern ich bin gestresst. Und jetzt passiert noch ein weiterer Schritt,
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den wir auf jeden Fall mit einbeziehen möchten, denn diese körperlichen Abweichungen oder allgemein unsere Wahrnehmung von unserem Körper braucht eine Bedeutung, und diese Bedeutung und Einordnung entsteht im präfrontalen Kortex, dem Teil des Gehirns,
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der eben Erfahrungen und Erinnerungen und den Kontext miteinander verknüpft. Der präfrontale Kortex gleicht das körperliche Signal mit meinen früheren Mustern ab, zum Beispiel, dass ich aktuell viel arbeite, dass Anfragen für mich auf Druck bedeuten und das Nein sagen zu meinen lebenslangen Übungsfeldern gehört.
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Und aus diesem Abgleich heraus entsteht eben eine sehr schnelle Interpretation, und zwar: Das ist zu viel, das schaffe ich aktuell nicht. Diese Entscheidung ist also noch nicht rational verarbeitet, und mit rational verarbeitet meine ich in dem Rahmen, dass ich mir wirklich Zeit genommen habe, das abzuwägen, meinen Kalender zu checken,
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schauen, ob ich nicht doch irgendwie Platz finde, sondern das ist wirklich super schnell, dass ich zu diesem Punkt komme. Es ist im Prinzip ein automatisches Bedeutungsangebot des präfrontalen Kortex anhand der Gefühle, verbunden mit den Erinnerungen und dem Kontext, den ich eben habe.
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Der präfrontale Kortex versucht, den Prediction Error möglichst schnell zu lösen, indem er mir eine Handlung anbietet, die diese körperliche Unruhe eben auch reduziert. Eine intakte Interozeption ist entscheidend für unser emotionales Gleichgewicht, denn wer seinen Körper gut spüren kann,
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reguliert Gefühle besser, erkennt den Stress früher und kann seine Bedürfnisse differenzierter benennen. Ich komme ja gerade aus zehn Tagen Vipassana-Meditationsseminar. In diesen Tagen habe ich nichts anderes gemacht als zu meditieren, und Vipassana-Meditation hat seinen Hauptfokus auf Körperempfindungen.
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Im Januar mache ich übrigens auch noch eine Bonusfolge dazu im Psychoaktiv Plus, wo ich ein bisschen über diese Zeit erzähle und was man vielleicht auch zum Thema Sucht daraus mitnehmen kann. Das aber nur als kleine Side-Info. Aber aufgrund des Vipassanas merke ich zum Beispiel, dass ich meine Körperempfindungen auch sehr klar und deutlich wahrnehme,
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dass sozusagen der Fokus und die, ja, die Feinfühligkeit dahingehend echt anders ausgeprägt ist als zuvor.
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Psychische Erkrankungen hingegen können genau dieses System sehr stören, und in dem Rahmen stimmt dann die Kommunikation zwischen Körper und Gehirn nicht mehr ganz. Signale werden überhört, falsch interpretiert oder auch mit Angst oder Scham belegt.
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Und wie das genau bei regelmäßigem Konsum und Sucht ausschauen kann, das beleuchten wir jetzt.
12:45
Wir stellen uns jetzt natürlich die Frage, wie der Drogenkonsum genau auf dieses System eingreift, denn Forschungen zeigen, dass Drogenkonsum nicht nur das Belohnungssystem aktiviert, sondern eben auch direkt das interozeptive Netzwerk des Gehirns verändert.
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Jede psychoaktive Substanz erzeugt natürlich auch eine typische körperliche Empfindung. Alkohol kann zum Beispiel ein Wärmegefühl auslösen, Benzodiazepine entspannen den Körper, entspannen die Muskeln, Kokain aktiviert den Puls und, und, und.
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Das kann natürlich auch von Person zu Person ein bisschen unterschiedlich sein, aber grundlegend logisch ist es damit verbunden, welche Art von Substanz das ist, was es auch für ein Körpergefühl auslöst. Und diese Körpergefühle werden in der Insula als interozeptive Gedächtnisspuren gespeichert,
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also eine Art körperlich-emotionale Erinnerung, die zusätzlich auch noch mit Motivation und Belohnung verknüpft ist. Und mit der Zeit entsteht daraus ein gelerntes Körpermuster, das der Drogenwirkung den Status von einer inneren Balance verleiht. Unser Normal ist also mit psychoaktiven Substanzen.
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Das bedeutet, der Körper lernt, wie sich die Droge anfühlt, und irgendwann bei andauernder Wiederholung fühlt sich genau diese körperliche Empfindung mit der psychoaktiven Substanz an wie ein Stück Ich. Und die Insula interpretiert den Zustand mit Konsum als Sicherheit,
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vielleicht auch wirklich mit Normalität. Und wenn die Substanz aber dann fehlt, dann fühlt sich der Körper leer an, unruhig an, irgendwie falsch, weil wir uns ja an den Zustand mit Substanz körperlich gewöhnt haben. Und genau dieses Unbehagen löst auch Craving aus.
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Dazu gibt es auch sehr spannende Forschungen, zum Beispiel von einer Forschungsgruppe aus dem Jahr 2007, und die haben ehemalige Raucher untersucht, die aufgrund eines Schlaganfalls Teile der Insula verloren haben.
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Und einige dieser Menschen berichteten, sie hätten von einem Tag auf den anderen aufgehört zu rauchen, ohne Entzugserscheinungen, ohne Craving, ohne das gewohnte Verlangen, einfach von einem Tag auf den nächsten aufgehört.
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Dazu muss man aber sagen, nur kleine Side-Info: Nikotin und auch das Rauchen ist maßgeblich eine psychische Abhängigkeit. Das heißt, auch die körperlichen Entzugssymptome entstehen aus der psychischen Belastung aufgrund des Konsumstopps. Das heißt natürlich,
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wenn wir jetzt zum Beispiel von Opiaten sprechen würden, das ist jetzt meine Hypothese, aber die hört sich für mich sehr schlüssig an, ist natürlich der körperliche Entzug, weil ja Opiate körperlich abhängig machen, der hört ja deswegen nicht einfach auf. Der Körper muss ja entgiften. Das ist vielleicht wichtig, dass wir uns das im Hinterkopf behalten,
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um das richtig einzuordnen. Genau, aber kommen wir zurück zu den Rauchern. Die sagten zum Teil eben, der Körper habe wie das Bedürfnis nach dem Nikotin einfach vergessen. Wichtig ist aber bei der Studie, das galt nicht für alle.
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Im Durchschnitt hörten Menschen mit Insula-Schäden nicht häufiger auf mit dem Rauchen als andere Schlaganfallpatienten. Warum es trotzdem so interessant ist, ist, dass bei dieser kleinen Untergruppe trotzdem das Aufhören ungewöhnlich vollständig war, weil dieses Craving einfach verschwunden schien.
16:33
Und was die Forschenden dann für ein Fazit zogen, war, dass die Insula abspeichert, wie sich der Konsum im Körper anfühlt und macht dieses Gefühl eben im Alltag immer wieder abrufbar. Und wenn dieser Bereich eben teilweise zerstört ist, fehlt möglicherweise genau diese körperliche Erinnerung, und das Verlangen kann einfach nicht mehr gespürt werden.
16:54
Aber auch neuere Arbeiten aus der gleichen Forschungsgruppe zeigen, die Insula ist kein isoliertes Craving-Zentrum, sondern eher ein Teil eines größeren Netzwerks, das eben auch Motivation, Impulskontrolle, Entscheidungsfähigkeit und, und, und mit einbezieht.
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Menschen mit Insula-Schäden verlieren wahrscheinlich häufiger das Verlangen, das bewusste Verlangen, aber nicht unbedingt zwingend die Gewohnheit des Rauchens, was eben darauf hindeutet, dass die Insula vor allem das bewusst empfundene Craving verkörpert.
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Wenn Menschen ihr Konsumverhalten radikal verändern, zum Beispiel indem sie nüchtern werden, beschreiben viele zuerst eben auch so ein Gefühl der Entfremdung, genauso wie mein Klient damals meinte: „So, mein Bauchgefühl ist kaputt, mein Körper fühlt sich nicht richtig an, es ist halt irgendwie falsch.“ Und diese Kommunikation ist irgendwie,
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ich also meistens fehlen ja gerade auch für dieses Gefühl die Worte, weil das in der Regel ja so ein automatisiertes, schnelles, intuitives Gefühl ist, also unser Bauchgefühl, dass es ja auch schwierig ist, das wirklich zu erklären, dass es irgendwie defekt ist.
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An was liegt das? Die Insula reagiert nach langen intensiven Konsumphasen nämlich übermäßig stark auf drogenbezogene Körpersignaturen, also auf all die Empfindungen, die die Substanz selbst erzeugt hat oder die früher regelmäßig im Zusammenhang mit Konsum aufgetreten sind.
18:35
Und gleichzeitig reagiert sie zu schwach auf die normalen alltäglichen Signale des Körpers, wie zum Beispiel Herzschlag, Atmung, Hunger, Erschöpfung oder kleine Stimmungsschwankungen. Und damit entsteht eine Art fehlkalibrierte Körperkarte, weil die Insula ist so daran gewöhnt, bestimmte drogenassoziierte Muster stark zu verstärken,
18:57
dass sie die nüchternen Signale nicht mehr zuverlässig abbildet. Und auch hier spricht man von einem Body Prediction Error, denn wenn der Körper über Jahre gelernt hat, dass der Substanzzustand der richtige oder normale Zustand ist, dann wird genau das zum inneren Soll.
19:17
Und wird dann der Konsum gestoppt, entsteht ein massiver Body Prediction Error. Also der erwartete Körperzustand ist der mit Substanz, aber der tatsächliche, den man ja aktuell aufrechterhalten möchte, ist der nüchterne. Die Insula meldet genau diese Abweichung als körperliches Unbehagen,
19:38
also als etwas, das irgendwie nicht stimmt. Dann kommt der anteriore singuläre Kortex noch ins Spiel, der markiert dieses körperliche Unbehagen sofort als wichtig und dringlich mit: „Hallo, so soll das hier nicht sein, wir müssen etwas tun.“ Und der präfrontale Kortex greift auf das zurück,
19:57
was er während der Sucht gelernt hat und sagt: „Leute, ich habe die Lösung. Konsum war früher die schnellste Möglichkeit, diesen Zustand zu regulieren, konsumieren wir doch einfach.“ Und genau daraus entsteht Craving, nicht als Gedanke oder als äußerlicher Trigger, was nicht bedeutet, dass das auch Auslöser für Craving sein können.
20:17
Aber in diesem Konzept oder in diesem System ist es eher das körperliche verankerte Bedürfnis, die alte Balance wiederherzustellen. Und diese Unsicherheit hat natürlich auch eine emotionale Dimension, denn viele betroffene Menschen empfinden eine Scham darüber, dass sie ihr eigenes Empfinden nicht mehr einschätzen können.
20:35
Es verunsichert sie extremst im Alltag und sie zweifeln eben auch an ihrer Wahrnehmung. Und das Misstrauen richtet sich natürlich dabei auch gegen den eigenen Körper. Und genau diese Beziehung zum eigenen Körper und dessen Signale gilt es dementsprechend in der Therapie wieder aufzubauen.
20:58
Also, was sind Ansätze, die uns helfen, dass wir das wieder zurechtrücken? Und erstmal die guten Neuigkeiten, das interozeptive Netzwerk im Gehirn, die sind plastisch. Es ist also möglich, diese eingravierten Erfahrungen auch wieder zu überschreiben. Und ein wichtiger Faktor ist hier natürlich die Wiederholung.
21:18
Und die Insula lernt, wie sich der Körper anfühlt, indem sie ihn wieder spürt. Und mit jedem nüchternen Tag sammelt das Gehirn neue Daten darüber, wie Balance ohne Substanz ausschauen kann. Und mit der Zeit wird dieser nüchterne Zustand vertrauter.
21:35
Der anteriore singuläre Kortex ist nicht andauernd in Alarmbereitschaft und der präfrontale Kortex lernt: „Ich kann mich auch anders als mit der Substanz regulieren.“ Und ein wichtiger Hebel dabei ist natürlich die bewusste Körperwahrnehmung, aber auch Achtsamkeitsübungen. Ich habe ja vor zwei Jahren die Achtsamkeitstrainer-Ausbildung gemacht,
21:54
weil es mir einfach so deutlich wurde, wie wichtig das für meine Klienten ist. Ich lasse also immer wieder Achtsamkeitsübungen in meine Therapie mit einfließen, und das muss dabei nichts extrem Großes sein. Immer mal wieder einen achtsamen Atemzug zu nehmen und diesen nachzuspüren und das so häufig, wie es geht, in den Alltag einzubauen, das sind schonerste Schritte, eigene Selbstwahrnehmung im Alltag zu fördern.
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Was bewusste Körperwahrnehmung angeht, ist eben eine sehr effektive und gute Übung der Body Scan. Da gibt es natürlich auch Anleitungen auf YouTube, vielleicht nehme ich auch einfach mal eine auf. Und sonst gilt es natürlich auch für Sport und einfach auch viel Bewegung, denn das schafft neue Referenzpunkte. Wie fühlt sich mein Körper ohne psychoaktive Substanzen an?
22:36
Wie fühlt sich Erschöpfung an? Wie Erholung? Wie Freude? Die Psychotherapie in sich ist natürlich auch ein wichtiger Wirkfaktor, und in dem Rahmen kann man eben für sich neue Wege lernen und auch das nüchterne Leben weiter zu stabilisieren. Denn wir haben auch schon über Kampfnüchternheit gesprochen,
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also diesem Gefühl, einfach mit extremer Willenskraft irgendwie nur nüchtern zu bleiben. Und das ist eben auch ein großer Kampf gegen sich selbst und seinen eigenen Körper. Und wenn man aber schafft, sich über eine Therapie den nüchternen Zustand immer weiter aufzubauen und auch als wünschenswerten, schönen Zustand aufzubauen,
23:16
um eine Zufriedenheit darin zu finden, kommen wir eben auch schneller an das Ziel, dieses interozeptive System weiter zu stärken. In der Forschung wird außerdem diskutiert, ob sich das interozeptive Netzwerk auch medikamentös stabilisieren lässt.
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Dabei werden bestimmte Substanzen wie zum Beispiel Baclofen oder NMDA-Antagonisten erforscht, und in ersten Studien scheint es die Aktivität in der Insula zu modulieren und auch das Craving zu verringern. Das könnte zum Beispiel als Unterstützung angewendet werden.
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So, ihr Lieben, das war es schon wieder mit dieser Folge, und zum Abschluss möchte ich dir vielleicht noch einen Gedanken mitgeben, denn das Bauchgefühl, was ich jetzt schon öfters gesagt habe, dass man das Gefühl hat, das Bauchgefühl ist kaputt, finde ich nicht, dass das Bauchgefühl ist ein Schaden, den man reparieren muss. Und es ist auch nichts,
24:15
das man wirklich richtig machen kann, sondern es ist ein System, das sich an die Umgebung und an die Gegebenheiten anpasst. Und in den Konsumzeiten hat sich der Körper eben an den Konsum angepasst, um zu versuchen, trotz Konsum eine innere Balance herzustellen und unter Bedingungen,
24:36
die oft schwierig waren, eben ja eine gewisse Sicherheit aufzubauen im eigenen Körper. Es ist also nicht kaputt, sondern es hat einfach auf den Kontext reagiert, der in der Konsumzeit präsent war. Und das Gleiche ist eben jetzt halt bei der Nüchternheit. Es muss sich im Prinzip umlernen, sich neu tarieren, weil die Situation jetzt eine andere ist.
24:57
Plötzlich ist man nüchtern und alles fühlt sich anders an, und da muss sozusagen der eigene Körper erstmal nachkommen. Also, es gilt sich einfach, der neuen Situation anzupassen, und das ist natürlich ein Weg, der braucht einiges an Arbeit, dass das innere Navigationssystem sich wieder an die aktuelle Situation anpasst.
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Aber Ziel ist halt, wieder eine Balance herzustellen von einer früheren Balance in eine neue Balance. Ich bin total gespannt, wie euch diese Folge gefallen hat und auch das Thema gefallen hat. Ihr könnt das gerne, wenn ihr auf einer Plattform wie Spotify oder YouTube die Folge hört, auch einen Kommentar da lassen.
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Und zwei Erinnerungen noch einmal, wie gesagt, ihr bekommt Psychoaktiv Plus im kompletten Dezember, 30 Tage kostenfrei zum Testen. Und was mir auch total wichtig ist, das habe ich am Anfang vergessen zu sagen, es gibt eine Zuhörerumfrage, eine Psychoaktiv-Zuhörerumfrage, um mit euch das Jahr 2025 zu reflektieren,
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also was euch da besonders gut gefallen hat und was vielleicht auch nicht, damit ich das Jahr 2026 für euch besser planen kann. Also, ihr habt im Prinzip mit der Umfrage die Möglichkeit, Psychoaktiv aktiv mitzugestalten. Ganz viele Folgen, ganz viele Ideen, die wir dieses Jahr umgesetzt haben, kommen auch aus der 2024-Umfrage.
26:20
Das heißt, nehmt euch doch bitte die fünf Minuten Zeit, maximal, füllt die Umfrage aus. Auch die ist in der Folgenbeschreibung einer der ersten Links. Und sonst wünsche ich euch eine wunderbare Vorweihnachtszeit für mich, einer meiner Lieblingszeiten im Jahr. Und wir hören uns in zwei Wochen wieder. Bis dahin, tschüss.

