In dieser Folge geht es um Schmerzmittel – von frei erhältlichen Wirkstoffen wie Ibuprofen, Aspirin oder Paracetamol bis hin zu opioidhaltigen Medikamenten wie Tilidin, Morphin oder Fentanyl. Gemeinsam mit Pharmazeut Stefan Rack wird erklärt, wie sich Schmerzmittel in verschiedene Gruppen einteilen lassen, wie klassische NSAR wirken und warum Paracetamol pharmakologisch eine Sonderrolle einnimmt. Dabei wird auch deutlich: Bei einfachen Schmerzmitteln entsteht keine körperliche Abhängigkeit im engeren Sinne, weil keine typische Toleranzentwicklung oder körperliche Entzugssymptomatik auftritt – dennoch kann eine psychische Abhängigkeit von Schmerzfreiheit entstehen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Opioiden und dem Beispiel Tilidin. Die Folge erklärt, warum opioidhaltige Schmerzmittel medizinisch wichtig sein können, aber ein deutliches Abhängigkeitspotenzial haben – besonders, wenn sie ohne passende Indikation oder außerhalb eines medizinischen Kontexts eingenommen werden. Besprochen werden außerdem Risiken wie Atemdepression, gefährlicher Mischkonsum mit Alkohol oder Benzodiazepinen, der Entzug von Opioiden und die Frage, wie Medikamente auf den Schwarzmarkt gelangen können. Zum Schluss geht es um Schmerzmittel beim Alkoholkater: Paracetamol sollte wegen der Belastung der Leber eher vermieden werden, während Ibuprofen oder Aspirin zwar möglich sein können, aber besonders den Magen belasten.
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Paracetamol, Tilidin & Co. – Schmerzmittel mit Apotheker Stefan Rack
Folge: 10
Erscheinungsdatum: 03.12.2020
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Paracetamol, Tilidin & Co. – Schmerzmittel mit Pharmazeut Stefan Rack
Sprecher: Stefanie Bötsch, Stefan Rack
00:11
Psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Steffi. Zieht’s euch rein! Ja, hallo, herzlich willkommen zur nächsten Substanzsonntagsfolge. Heute ist eine sehr besondere Folge. Es ist die zehnte Folge und eine Jubiläumsfolge. Und da habe ich auch was ganz Besonderes für euch, den ersten Gast in meinem Podcast.
00:36
Hallo Stefan, schön, dass du dir Zeit genommen hast. Stefan ist Pharmazeut. Ja, hi Steffi, danke, dass ich dabei sein darf. Ja, freut mich riesig. Heute haben wir ein richtig cooles Thema und zwar geht es rund um das Thema Schmerzmittel. Schon Tilidin als Schmerzmittel ist ja zurzeit sehr in aller Munde. Und da dachte ich erstmal, ich mache eine Folge aber allgemein über Schmerzmittel. Und ja, weil Stefan da sicher um einiges mehr Ahnung hat als ich, freue ich mich, dass er dabei ist.
01:04
Ja, Stefan, erst mal so als erste Frage. Es gibt ja viele Schmerzmittel, so spontan fällt mir Aspirin, Paracetamol, Ibo, aber auch Morphin ein. Erst mal, wie kann ich denn so Schmerzmittel in Gruppen aufteilen? Also von den Schmerzmitteln, die man so gemein kennt, hat man im Grunde zwei große Gruppen. Du hast einmal die sogenannten NSAR, nicht-steroidale Antirheumatika. Das ist ein fürchterlicher und komplizierter Name. Das ist…
01:31
fast alles, was man so normal in der Apotheke over the counter bekommt, also ohne Rezept. Das ist Aspirin oder ASS ist der Wirkstoff aus Aspirin, Ibuprofen, Diclofenac, Metamizol ist verschreibungspflichtig, Novalminsulfon kennt man vielleicht mal, das kriegt man mal so nach einer Zahn-OP oder sowas, das ist schon ein etwas stärkeres Schmerzmittel. Das ist eine Gruppe, die haben alle einen sehr vergleichbaren Mechanismus im Körper, also machen sehr ähnliche Dinge und
01:58
Dann gibt es die Opioide. Das ist eine ganz eigene Gruppe. Die gehen auf ein bestimmtes Rezeptorsystem im Kopf vor allem, was wir normalerweise kaum kennen, weil es nur in Notsituationen ausgelöst wird vom Körper.
02:15
Und dann hat man noch Paracetamol, das ist so ein bisschen ein Außenseiter, auch noch ein schwaches Schmerzmittel, aber da kennt man den Mechanismus tatsächlich gar nicht so genau. Ja, spannend. Und sind die, also dann würde ich mich erstmal so ganz grundlegend machen, was sind denn die verschiedenen Wirkweisen? Also bei diesen NSAR, also Ibuprofen und so weiter, die hemmen ein bestimmtes Enzym im Körper an.
02:36
dass Stoffe herstellt, die unser Körper zur Schmerz- und Entzündungsvermittlung benutzt. Also Prostaglandine heißen die. Das ist, wenn man sich irgendwo verletzt oder irgendwo eben Schmerzen hat oder eine Entzündung, dann produzieren Zellen diesen Stoff oder diese Stoffe. Das ist eine ganze Klasse an Stoffen.
02:52
Das wird über ein bestimmtes Enzym gemacht. Das ist eine kleine Fabrik in den Zellen, die diese Stoffe herstellt. Ein Ibuprofen oder Diclofonac-Molekül kann sich in diese Fabrik reinsetzen und blockiert das Fließband. Dadurch wird dieser Botenstoff nicht mehr hergestellt und unser Körper kriegt nicht mehr mit, dass da Schmerzen sind oder auch eine Entzündung wird gestoppt.
03:14
Okay, das heißt aber an sich haben wir die Schmerzen, wir checken es bloß nicht mehr. Ja. Was sind denn Schmerzen? Schmerzen sind ja ein sehr subjektives Gefühl. Sind eine rein psychische Sache im Grunde. Unser Körper hat Wege gefunden, unserem Bewusstsein mitzuteilen, dass da gerade was los ist. Aber dieser Prozess, dass das überhaupt im Bewusstsein ankommt, den verstehen wir auch nicht. Das ist, glaube ich, eher auch so ein mystisches Thema. Ja.
03:44
Und wenn wir jetzt auf die einfachen Schmerzmittel, ich nenne sie jetzt mal einfache Schmerzmittel, also die man so in der Apotheke bekommt, schaut, was passiert denn da bei einer Dauereinnahme? Also ja, ich denke mal, viele kennen das, dass sie mal ein Paracetamol nehmen, weil sie Schmerzen haben, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen. Aber was passiert denn das, wenn ich das dauerhaft mache?
04:04
Man hat spannenderweise keinen Gewöhnungseffekt bei denen. Das heißt, nur solange man sie einnimmt, wird dann eben auch das gemacht, was die machen. Das Problem bei diesen Stoffen ist, die haben einen ziemlich bunten Strauß an Wirkungen. Also Hauptwirkungen und Nebenwirkungen sozusagen. Klar, einmal die erwünschten, das heißt Entzündungshemd oder Schmerzstillen. Aber die haben auch unerwünschte Wirkungen, zum Beispiel, dass dem Magen angegriffen wird. Das ist ja so ein Klassiker bei Ibuprofen oder Diclofenac.
04:34
oder auch, dass die Blutstillung nicht mehr richtig funktioniert. Das ist ja auch ein Klassiker bei Aspirin. Da nutzt man das auch wiederum als Medikament aus. Solange man diese Stoffe einnimmt, finden diese Effekte statt und der Körper braucht eine gewisse Zeit, um die dann wieder gerade zu biegen sozusagen. Das ist ein etwas unerwünschter Effekt, aber an sich…
05:03
funktioniert das alles nur, solange diese Stoffe auch da sind. Also wenn man jetzt Ibuprofen über längere Zeit nimmt und dann nicht mehr nimmt, geht der Körper halt zurück aufs Normale. Das heißt aber auch dann gleichzeitig, wenn ich mir das so anhöre, dass es gar nicht zu einer körperlichen Abhängigkeit kommen kann, sondern dass die dann eher psychisch ist. Ja, genau. Also es gibt keinen Abhängigkeitseffekt durch diese Stoffe, der jetzt irgendwie durch die körperlichen Wirkungen erklärbar wäre, ja.
05:31
Genau, und das, wenn ich dann weiterdenke, eine psychische Abhängigkeit, wenn man das mal in ein Beispiel zum Beispiel packt, wenn ich Rückenschmerzen habe, weil ich die ganze Zeit einen Sitzjob habe und dann eine Paracetamol nehme und dann aber in der langen Zeit, also auf Long-Turn, die Schmerzen anders bekämpfe durch Yoga, durch Rückenübungen, dann habe ich gar nicht so eine hohe Möglichkeit, eine psychische Abhängigkeit zu entwickeln, weil ich die Schmerzen anders angreife. Aber wenn ich sozusagen Paracetamol als Darmkontakt
05:59
Dauermittel nehme, um meine Rückenschmerzen zu bekämpfen, die ich eben vom Dauersitzen habe, dann kann es eben dazu kommen, dass ich eine psychische Abhängigkeit von einfachen Schmerzmitteln ähm
06:11
Ja, entwickle sozusagen eine Abhängigkeit davon, keinen Schmerz zu empfinden. Genau, ist ja eigentlich jetzt nicht verwunderlich, dass man keinen Schmerz haben möchte. Aber man bekämpft halt den Schmerz. Man ist nicht von der Substanz selbst abhängig, sondern natürlich von der Schmerzfreiheit. Aber wie man die erzielt, ist einem ja selber überlassen, klar.
06:33
Ich habe gelesen, dass wenn man eine längere Zeit einfache Schmerzmittel konsumiert, dass es dann zu einer paradoxen Wirkung kommt und man so Druckkopfschmerzen bekommt. Also das sozusagen als paradoxe Wirkung, eine Wirkumkehr. Ich nehme sie gegen Kopfschmerzen und bekomme davon Kopfschmerzen. Ab wann ist das der Fall? Hervorragende Frage. Also ja, ich kenne diese Wirkung. Ich kann sie dir aber nicht genau beschreiben. Also ich weiß, ich kenne genau den Mechanismus dahinter nicht und weiß nicht, ab wann das so eintritt.
06:59
Gibt es so ein Maximum an Schmerztabletten, an einfachen Schmerztabletten, die man nehmen sollte, also selbst unter Selbstregie? Ja, es gibt bestimmte Maxima. Einfach in der Apotheke nachfragen. Bei Ibuprofen sind das zum Beispiel 2400 Milligramm. Also wenn man mal rechnet, diese üblichen 400 Milligramm Tabletten, das wären dann sechs Stück am Tag, die soll man nicht überstreiten, weil dann eben diese unerwünschten Wirkungen, vor allem auf dem Magen, dann die schmerzstillende Wirkung überbrechen.
07:25
übertrumpfen sozusagen und dann ist es auch wieder nicht sinnvoll. Dann sollte man lieber mit dem Arzt nochmal darüber reden, ob man nicht ein anderes Schmerzmittel nimmt. Diese Mengen variieren je nach Schmerzmittel. Bei Paracetamol sind es 4.000 mg, also 8 Tabletten von den üblichen 500 mg. Am besten in der Apotheke nachfragen. Kann es denn bei den einfachen Schmerztabletten zu einer Toleranzbildung kommen? Meines Wissens nicht und wenn, dann ist sie nicht so besonders ausgeprägt.
07:56
Eine Toleranzbildung wäre ja dann auch gleichzeitig ein Hinweis auf eine körperliche Abhängigkeit, wenn ich so drüber nachdenke. Genau, Toleranz ist ein Teil von einer Abhängigkeit per Definition.
08:11
So viel auch mal zu den einfachen Schmerzmitteln. Jetzt kommen wir mal zu denen, wofür wir ein Rezept brauchen. Kannst du vielleicht erstmal den Prozess ein bisschen beschreiben, wie das so funktioniert, an Rezeptpflichtige zu kommen? Also wir haben ja sozusagen der Arzt, der verschreibt es, man geht an die Apotheke. Wie wird sowas nachkontrolliert, dass da kein Missbrauch stattfindet?
08:30
Gar nicht. Das liegt vollkommen in der Hand des Patienten. Also natürlich verschreibt der Arzt nur, oder soll er nur verschreiben, wenn eine Indikation vorliegt. Also Indikation heißt, es muss einen Grund geben dafür, dass verschrieben wird. Also der Arzt muss festgestellt haben, dass es da Schmerzen gibt und dass sie jetzt nur mit diesem bestimmten Medikament sinnvoll behandelbar sind.
08:53
Und der verschreibt das, man kann damit zur Apotheke gehen. Der Apotheker muss dann eben auch sicherstellen, dass es richtig eingenommen wird. Also der muss halt nachfragen, nehmen sie andere Medikamente, haben die irgendwelche Wechselwirkungen vielleicht. Also der muss sicherstellen, dass man es auch sinnvoll einnimmt und dann legt es natürlich in der Hand des Patienten.
09:11
Ja, weil dann hat man ja im Prinzip alle Tabletten zu Hause und wie man die dann wirklich einnimmt, das entscheidet man ja dann selbst. Ja, aber man sollte natürlich nicht drangekommen sein ohne einen bestimmten Grund. Wir haben ja bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten, auch die, die gerade über den Teledin-Missbrauch, der gerade viel in den Medien diskutiert ist, die große Gruppe der opiathaltigen Schmerzmittel. Wie schädlich sind die eigentlich? Ähm…
09:36
Opioide haben halt eine stark abhängigkeitsmachende Wirkung. Vor allem, wenn sie eben nicht im medizinischen Kontext eingesetzt werden, sondern man sie einfach so nimmt, also ohne ganz konkreten medizinischen Grund. Und diese Abhängigkeit ist natürlich schädlich, weil sie eben bestimmte andere Wirkungen dann wieder hat. Man wird ja ein bisschen lebensunfähiger und richtet sein Leben dann eben danach aus, dass man diese Substanz bekommt und diese Wirkung aufrechterhält.
10:04
Da hast du eine starke Toleranzbildung, gerade bei Opioiden. Das heißt, du wirst immer mehr brauchen und immer stärkere und das ist natürlich eine ganz fiese Abwärtsspirale.
10:14
Und das passiert ja eher, wenn man es missbraucht. Das heißt, ein Missbrauch findet immer dann statt, wenn ich opiathaltige Schmerzmittel, Opioidhaltige Schmerzmittel? Kannst du im Grunde ausdrücken, Opioide wäre korrekt. Okay, wenn ich Opioide nehme, ohne dass ich Schmerzen habe. Wie schaut es denn aus, wenn ich Opioide nehme, wenn ich wirklich Schmerzen habe? Dann ist das deutlich unproblematischer. Also dann nimmt man sie ja eben für die Schmerzstellung. Das ist natürlich auch psychisch ein ganz anderer Effekt.
10:40
Aber auch körperlich, klar, man hat immer noch diese Nebenwirkungen, sage ich mal, der Euphorie und dass man sich ein bisschen leichter fühlt, sage ich mal.
10:50
Aber wenn das eben in einem Kontext passiert, wo man stärke Schmerzen hat und nur dann soll man ja eigentlich Opioide bekommen, gehört das ja eher zur erwünschten Wirkung, dass man sich eben leichter fühlt und nicht mehr so beschwert, wenn man zum Krankenhausbett liegt. Ist so ein bisschen Euphorie nicht verkehrt? Wenn man jetzt zu Hause auf dem Sofa liegt und das macht, ja, dann wird es natürlich zu einer Wirkung, die man außerhalb dieses medizinischen Kontexts immer weiter anstrebt und schon kommt man schnell in diese Spirale rein.
11:18
Wenn ich jetzt mal wirklich die Nebenwirkungen fernab von der Abhängigkeit angucke, also wir haben ja auf der einen Seite die einfachen Schmerzmitteln, die aus medizinischer Sicht kein Abhängigkeitspotenzial haben, weil es eben keine Toleranzbildung gibt, keine Entzugssymptomatiken körperliche und wir haben Opioide, wo es eben sowohl eine Toleranzbildung als auch eine Entzugssymptomatik gibt.
11:40
Wie schaut es denn mit den anderen Nebenwirkungen, körperlichen Nebenwirkungen auf? Sind da Opioide schädlicher auch für den Rest unseres Körpers als einfache Schmerzmittel? Das ist schwer so pauschal zu sagen. Opioide haben ein paar sehr unangenehme Nebenwirkungen und eben auch welche, die dann eben auch im Zweifel tödlich sein können. Das kriegt man jetzt mit Ibuprofen oder ASS nicht so schnell hin, sich wirklich zu vergiften, dass es lebensbedrohlich wird. Ja, zumindest nicht so schnell, mit Paracetamol geht es leider.
12:10
Aber Opioide haben eine ganz fiese Nebenwirkung, und zwar die Atemdepression, die sogenannte. Das heißt, dass die Lunge irgendwann einfach aufhört zu atmen und das auch nicht kontrollierbar ist. Wenn man eine bestimmte Menge an Opioiden genommen hat, dann wird dieser Effekt einfach eintreten, vor allem in Kombination mit Alkohol zum Beispiel. Die verstärken sich gegenseitig, das ist dann eine sehr bösartige Synergie.
12:36
kann das sehr schnell zum Tode führen. Das ist dann eben eine berühmte Überdosierung oder es geht auch durch Mischkonsum. Ansonsten ist eine fiese Nebenwirkung, die jetzt nicht so dramatisch ist, aber sehr zuverlässig auftritt, sage ich mal, ist eine Verstopfung.
12:52
Weil Opioide auch aus einer Laune der Natur heraus den Darm lahmlegen im Grunde und man dadurch eben schlechter verdauert, man eine Verstopfung hat, was eben auch sehr unangenehm sein kann und eben auch immer wieder zu Problemen führt bei Leuten, die es aus medizinischen Gründen einnehmen müssen.
13:08
Und ich glaube, auch der Punkt, den du gerade angesprochen hast, dass der Mischkonsum eben auch so gefährlich ist, hatte ich auch in der früheren Folge über Benzodiazepine, dass Benzodiazepine und Opioide eine sehr gefährliche Mischung ist. Ja, absolut. Gerade dieser…
13:27
Effekt der Atemlähmung, da stapeln sie sich quasi. Benzodiazepine haben einen ähnlichen Effekt, die legen ja generell die Muskeln ein bisschen lahm. Und wenn du dann noch ein Opioid hast, was sowieso dann die Atmung lähmt, dann kann das ganz, ganz schnell ganz böse werden.
13:45
Ich habe ja schon am Anfang Tilidin angesprochen. Da würde ich gerne noch mal genauer drauf schauen. Da gab es ja diese eine Doku über Tilidin und seitdem wird das einfach heiß diskutiert, dass sich der Meertilidin einfach konsumiert wird, also missbrauchlich konsumiert wird. Was ist denn Tilidin genau? Tilidin ist ein Opioid. Opioide nennt man generell alles, was vom Morphium abgeleitet wird. Also man hat ja ursprünglich mal Opium gehabt. Das kommt aus einer Modenpflanze, aus einer bestimmten Mohnart.
14:14
Daraus gewinnt man Opium. Opium besteht dann zu großem Teil aus Morphium, also es ist einfach eine bestimmte Substanz, ein Molekül und man hat halt festgestellt, wie Morphium wirkt irgendwann, klar. Und dann versucht, das chemisch so zu verändern, dass bestimmte Wirkungen betont werden und andere eben abgeschwächt werden. Also Nebenwirkungen versucht man zu reduzieren und die Hauptwirkungen versucht man natürlich zu verstärken.
14:38
Und da ist dann ein sehr bunter Strauß aus ganz verschiedenen Substanzen rausgekommen, die wir Opioide nennen. Teledin ist eins davon. Das wird gerne eingesetzt, weil es ein bisschen schwächer wirkt als Morphium und relativ wenig Nebenwirkungen hat im Vergleich. Das heißt, es ist ein guter Einstieg sozusagen in die Welt der Opioide, sowohl im medizinischen als auch im missbräuchlichen Kontext.
15:00
Ja, da habe ich ja rausgefunden, dass die WHO sozusagen drei Verschreibungsstufen hat. Die erste Stufe, da geht es erstmal um einfache Schmerzmittel. Wenn die nicht reichen, kommt man in die zweite Stufe mit schwachen Opioiden, wo dann auch Tilidin, aber zum Beispiel auch Dramadol dazu gehört. Und dann die dritte Stufe, dann kommen wir wirklich zu den starken Opioiden wie Buprenorphin, was Heroin ist. Buprenorphin ist nicht Heroin selbst. Also Heroin ist auch ein Opioid, genau.
15:26
Buprenorphin ist einfach auch ein anderes Opioid-Molekül. Ist aber auch schon eins der deutlich stärkeren, ja. Genau, oder eben halt auch Morphin. Wie viel…
15:34
Wie stärker ist denn Morphin im Vergleich zu Teledin? Fünfmal. Das kann ich dir sehr genau auf den Punkt sagen. Es gibt tatsächlich so eine Skala. Man nimmt Teledin als Wert 1 und guckt dann, wie viel schmerzstellende Wirkung haben dann andere Opioide. Und Teledin liegt da genau bei 0,2, soweit ich weiß. Oder zwischen 0,1 und 0,2. Das heißt, Morphin ist fünfmal stärker. Und die Skala, das wird irgendwann sehr beeindruckend. Man kennt ja vielleicht Fentanyl.
16:02
als eines der stärksten Schmerzmittel, die wir überhaupt kennen. Du landest da im Millionenstel-Gramm-Bereich bei Fentanyl. Krass.
16:13
Wir hatten es ja vorhin von Benzodiazepin und da wird ja empfohlen, dass man das Medikament ausschleicht bei dem Entzug. Wie ist das denn eigentlich bei Opioiden? Macht man da einfach einen kalten Entzug? Kann man das auch alleine machen? Wie schaut es da aus? Also man muss das genauso machen wie bei Benzodiazepin. Man muss das stufenweise absetzen, weil das Entzugssyndrom sonst einfach sehr heftig ist. Also wir mussten es gerade selber nochmal nachschlagen, dass da so alles an Symptomen zusammenkommt.
16:39
Das ist ziemlich viel. Was haben wir hier? Eine sehr stattliche Liste. Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle, Erhöhung der Herzfrequenz, der Atmung, des Blutdrucks, Temperaturanstieg. Also es sind sehr, sehr heftige körperliche Symptome und das ist realistisch nur unter stationären Bedingungen durchführbar.
17:00
Selbst wenn man es versuchen würde, selbst mit starkem Willen, ist es praktisch unmöglich. So heftig sind die Symptome. Kann ich das dann sozusagen als Gleichung auch aufstellen, dass je nachdem wie stark das Opioid ist, umso stärker auch der Entzug? Das heißt, wenn ich in Anführungszeichen nur Teledin eine Abhängigkeit entwickle, ist der Entzug einfacher, angenehmer, als wenn ich zum Beispiel Morphin missbrauche? Ja.
17:25
Leider nein. Die Gleichung funktioniert leider nicht, weil es kommt letztlich auf die Dosierung an. Also du kannst mit Tilidin denselben Effekt erzielen wie mit Morphium, du musst halt fünfmal mehr nehmen. Und wenn man sich mal so die üblichen Dosierungen anguckt, die sind dementsprechend halt auch. Also eine normale Tilidin-Dosis wäre zum Beispiel 100 Milligramm über den Tag verteilt. Morphium gibt es Tabletten für 10 oder 20 Milligramm zum Beispiel. Also es ist genauso dieser zehn- bis fünffache Schritt in der Dosierung.
17:51
Und da man entsprechend eben eine höhere Dosierung hat und die dann, wenn man eine Abhängigkeit hat, auch immer weit hoch dosiert hat, wird der Entzug entsprechend genauso heftig. Okay, krass.
18:02
An sich ist es ja gar nicht mal so schwer, Medikamente sich auf dem Schwarzmarkt zu organisieren. Ich habe da ein bisschen recherchiert und wenn man da so in diversen Gruppen mal guckt, das kann man an sich bestellen. Woher kommen denn die Medikamente? Ich meine, wenn jetzt ein Dealer Tilidin anbietet in der Originalpackung, im Plister, die werden ja nicht in irgendwelchen Laboren hergestellt, in irgendwelchen Schwarzlaboren. Wie kommen die denn auf den Schwarzmarkt?
18:30
Nun, als Arzt hat man ja generell so ein Interesse daran, dass der Patient gesund wird oder keine Schmerzen leidet. Das heißt, wenn man jetzt zum Arzt geht und zum Beispiel unter starken Rückenschmerzen leidet, dann wird er dir sehr wahrscheinlich Teledin aufschreiben und es ist auch sehr schwer festzustellen, ob man lügt.
18:47
Und so kann man sich natürlich Rezepte erschleichen und dadurch dann an Teledin rankommen. Es gibt natürlich auch Rezeptfälschungen. Es gibt auch Ärzte und Apotheker oder Tierärzte auch oder alle, die halt irgendwie an Medikamente rankommen.
19:03
die selber welche nehmen möchten oder selber sie auf dem Spanienmarkt verkaufen. Also es gibt die üblichen schwarzen Schafe, sage ich mal, und natürlich gibt es eben Methoden, da ranzukommen. Wie leicht ist das für jetzt einen Apotheker oder Mediziner, sich diese Medikamente abzuzwacken?
19:20
Leicht. Na gut, in der Apotheke, es kommt ja häufiger zum Beispiel vor, dass jemand Altmedikamente abgibt, die dann abgelaufen sind oder die man einfach nicht mehr braucht, weil zum Beispiel der Partner gestorben ist und dann hat man halt ein paar Packungen Morphium zu Hause liegen und gibt die in der Apotheke ab zur Entsorgung. Ist nicht besonders schwer, diese Packung dann mit nach Hause zu nehmen.
19:48
Es ist natürlich illegal. Klar, macht man sich mit strafbar. Im Prinzip gibt es verschiedene Stufen. Teledin bekommt man auch auf einem normalen Rezept und das kann ein Arzt relativ problemlos ausstellen und das wird auch in der Apotheke nicht besonders nachverfolgt.
20:03
Das ist anders bei Betäubungsmitteln. Also Morphium zum Beispiel ist dann wieder ein Betäubungsmittel. Es unterliegt dem Betäubungsmittel Recht. Das heißt auch, es wird ganz anders nachvollzogen. Der Arzt muss das melden, wenn er ein Betäubungsmittel verschrieben hat. Die Apotheke muss es melden, wenn es das abgegeben hat. Und der Großhandel, der es an die Apotheke geliefert hat, muss auch nachweisen, wo wie viel hingegangen ist. Das heißt, du hast ein ganz anderes System der Nachverfolgung. Das
20:28
Das heißt, ein Betäubungsmittel ist dann schon mal deutlich schwieriger, sich irgendwie zu erschleichen oder auch als Gesundheitsberufler irgendwie mitzunehmen. Denn so ein einfaches Verschreibungspflichtiges Medikament wie Tilidin wird nicht besonders nachverfolgt und deswegen ist es leichter, da seine Hände dran zu kriegen.
20:48
Das ist super spannend, weil ich habe neulich auch gelesen, dass die Krankenkassen eben aufgrund dessen überlegen, Teledin als Betäubungsmittel einzustufen. Jetzt macht das auch um einiges mehr Sinn, wo da der Unterschied ist, weil ich das tatsächlich nicht ganz verstanden hatte. Ja, es liegt vor allem in der Nachverfolgbarkeit. Ich habe auf meinem Instagram-Account, bevor wir dieses Interview gemacht haben, mal gefragt, was denn euch so an Schmerzmitteln interessiert und…
21:14
Da kam tatsächlich ein Thema gehäuft vor und zwar ist es das Schmerzmittel und der Kater von Alkohol. Da gab es viele Fragen dazu und jeder hatte irgendwie so ein bisschen seinen eigenen Dreh, habe ich so über die Zeit mitbekommen. Nimm die Schmerzmittel kurz vorm Schlafen gehen mit einem Liter Wasser, nee erst am Morgen, Paracetamol ist schlecht für Kater, was?
21:36
Kannst du uns da vielleicht einfach mal aufklären? Das ist sehr schwierig. Und zwar, das hat verschiedene Gründe. Erstmal gibt es da so viele Mythen, es ist immer sehr schwer, Mythen auszuräumen. Keine Variante ist unproblematisch, möchte ich direkt vorweg sagen. Und wir wissen auch nicht so genau, wie ein Kater eigentlich funktioniert.
22:01
Und das macht das Ganze natürlich schwieriger, weil man guckt natürlich immer, was läuft da schief im Körper und mit welcher Substanz kann ich das vielleicht korrigieren. Also so denkt man so als Pharmazeut. Und wenn du gar nicht erst weißt, was da genau schief läuft, dann hast du natürlich Schwierigkeiten, das genau dann nachzuvollziehen. Was man generell sagen kann, man weiß…
22:18
dass bei einem Alkoholkater wahrscheinlich eine Art Entzündungsgeschehen stattfindet und die kann man generell immer gut mit diesem NSAR in den Griff kriegen, also Ibuprofen oder Diclofenac wären dann zum Beispiel Mittel der Wahl. Das große Problem bei denen ist, die gehen ziemlich auf den Magen. Die sorgen dafür, dass der Magen sich quasi selber angreift und wenn man einen Kater hat und der Alkohol den Magen schon ordentlich gereizt hat, dann ist das natürlich sehr ungünstig.
22:47
Paracetamol sollte man auf jeden Fall die Finger davon lassen, denn Paracetamol wird über die Leber abgebaut, genauso wie Alkohol und die Leber hat da schon genug zu tun, auf jeden Fall. Und deswegen sollte man von Paracetamol auf jeden Fall die Finger lassen. Wenn man ein Schmerzmittel nehmen will, weil man es echt nicht aushält, würde ich persönlich zu Ibuprofen oder Aspirin raten, aber vorher auf jeden Fall was essen, sonst greift das den Magen an und dann wird das Ergebnis auch nicht wünschenswert.
23:15
Ansonsten Wasser trinken, Elektrolyte nachfüllen und schlafen.
23:20
Und dazu ist auch noch zu ergänzen, dass der Kater sehr wichtig ist, was auch eine psychische Abhängigkeit von Alkohol angeht. Denn es wurde mal eine Studie gemacht, umso größer das Katererleben ist, beziehungsweise umso mehr man unter seinem Alkoholkonsum leidet, das senkt die Wahrscheinlichkeit, dass man eine psychische Abhängigkeit von Alkohol macht, weil man einfach dafür büßt, dass man seinen Körper vergiftet hat, um es mal platt zu sagen. Wenn man das nicht hat…
23:46
dann kann es dazu führen, dass man allgemein mehr trinkt, weil man eben keine Konsequenzen dafür tragen muss.
23:52
Genau, insofern lieber schlafen, als das alles mit Ibuprofen platt machen. Man hat sich den Kater ja auch irgendwie verdient. Und du denkst da auch keinen großen Unterschied, ob man das jetzt am Abend nimmt oder wirklich direkt nach dem Konsum, also nach dem Alkoholkonsum oder am nächsten Morgen? Wie lange wirkt so ein Ibuprofen? So eine 400, 400, 500 Stunden vielleicht ist das so im spürbaren Bereich. Und so viel Schlaf kriegt man ja hoffentlich doch. Also vielleicht hat es eine Wirkung, weil es halt diese Entzündungsprozesse unterdrückt, die da anscheinend abgehen.
24:22
Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass man am nächsten Morgen noch allzu viel davon spürt. Also wenn dann ordentliches Katerfrühstück, da eine Ibu drauf, da kommt der Körper wahrscheinlich am besten mit zurecht und man hat noch einen guten Effekt. Und am besten vielleicht ganz die Schmerzmittel weglassen und es einfach aussitzen, essen, Elektrolyte, Wasser und schlafen. Eine weitere Frage, die auch von der Community kam, war, wie kommt es denn eigentlich, dass man, wenn man Schmerzmittel nimmt, schneller betrunken ist? Das ist eine sehr gute Frage.
24:50
Das stimmt nicht. Ganz einfach. Das ist ein Mythos. Vielleicht liegt es daran, dass man sich mit Schmerzmitteln ein bisschen leichter fühlt und dass ja so ein bisschen der Alkoholwirkung dann, also der euphorischen Wirkung, sage ich mal, am Anfang vom Alkoholkonsum mit reinspielt dann. Aber so rein vom körperlichen Mechanismus her funktioniert das so nicht. Musik
25:17
Gibt es allgemeinen Mischkonsum mit einfachen Schmerzmitteln, den man vermeiden sollte? Alles, was irgendwie Magen oder Leber belastet, würde ich lassen. Auch die Niere. Dann hätten wir ja Alkohol dabei. Ja, deswegen sollte man es… Ah, okay. Also es macht nicht betrunkener, um das jetzt zusammenzufassen, aber es ist schlecht für die Leber. Und deswegen sagt man einfach auch, dass man keine Schmerzmittel mit Alkohol nutzen soll. Kommt das vielleicht daher, der Mythos? Das kann sein. Also generell jetzt diese einfachen Schmerzmittel, gerade wenn man eine niedrige Dosierung hat, also jetzt bei einer Ibu 400 oder sowas…
25:46
Das ist recht unproblematisch. Man muss wirklich auf den Magen aufpassen. Das ist eigentlich immer so der Knackpunkt dann bei solchen Dosierungen gerade. Ansonsten tun die beiden sich nichts. Die stören sich nicht weiter. Mit Paracetamol würde ich es eben aufpassen, weil die beiden über einen ähnlichen Weg abgebaut werden und sich dann vielleicht in die Quere kommen. Aber prinzipiell sind die einfachen Schmerzmittel mit Alkohol zusammen recht unproblematisch. Opioide sind dann halt wie eine komplett andere Geschichte. Genau, das hatten wir ja vorher, dass das ein absolutes No-Go ist.
26:17
Ja, Stefan, ich glaube, das war es von den ganzen Fragen, die ich aufgebaut habe. Wir haben heute super viel gelernt, haben einmal die einfachen Schmerzmittel angeschaut, aber auch die Opioid-haltigen und besonders auch Teledin, da das eben gerade ein wichtiges, großes Thema ist und den Mischkonsum von Alkohol. Danke, dass du da warst. Sehr gerne. Danke, dass ich da sein durfte.
27:04
Das war psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Steffi.

