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Kann ein Glas Wein pro Tag gesund sein?

Die Aussage, ein Glas Wein am Tag sei gesund, klingt eindeutig, die dahinterliegende Datenlage ist es jedoch nicht. Gesundheitliche Risiken durch Alkohol hängen nicht nur von der konsumierten Menge ab, sondern auch davon, welche Erkrankungen betrachtet werden, wie alt eine Person ist und welche anderen Risikofaktoren eine Rolle spielen. Während geringe Mengen in bestimmten statistischen Auswertungen mit einem niedrigeren Risiko für einzelne Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sein können, steigt gleichzeitig das Risiko für andere gesundheitliche Schäden. Ein möglicher Vorteil in einem Bereich bedeutet deshalb nicht, dass Alkohol insgesamt gesundheitsförderlich ist.

Die Folge nimmt eine große Analyse aus der Global-Burden-of-Disease-Forschung zum Anlass, unterschiedliche Risikokurven genauer zu betrachten. Im Mittelpunkt stehen das theoretische Minimum des Gesundheitsrisikos, die sogenannte Nichttrinkeräquivalenz und die Frage, warum sich diese Werte je nach Alter und Bevölkerungsgruppe verändern. Gleichzeitig wird erklärt, weshalb solche Durchschnittswerte kaum als persönliche Trinkempfehlung taugen: Genetik, Vorerkrankungen, individuelle Lebenserwartung und andere Faktoren lassen sich daraus nicht zuverlässig ableiten. Deutlich wird: Die Frage nach einem „gesunden Glas Wein“ lässt sich nicht mit einer festen Menge beantworten, weil mögliche Risiken und Vorteile immer von mehreren gesundheitlichen Faktoren gleichzeitig abhängen.


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Kann ein Glas Wein pro Tag gesund sein?

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PODCAST-METADATEN

Folge: 64
Erscheinungsdatum: 06.04.2023
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Kann ein Glas Wein pro Tag gesund sein?
Sprecher: Stefanie Bötsch
Typ: Transkript

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Transkript Beginn

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Unser Gesundheitsminister Karl Lauterbach stößt auf Empörung, als er meinte, dass ein Glas Rotwein oder ein Bier gut für die Gesundheit sei. Doch liegt er überhaupt damit so falsch? Ich bin in dieser Folge der Frage nochmal sehr ausführlich auf den Grund gegangen, um dieser eine etwas komplexere Antwort zu geben. Diese Podcast-Folge beschäftigt sich maßgeblich mit der Frage, ob es wirklich keinen risikofreien Konsum gibt,

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von ethanolhaltigen Getränken gibt. Und prüft dabei ganz genau, ob Karl Lauterbach vielleicht nicht doch mit gutem Gewissen sein Glas Rotwein trinken kann. Falls euch mein Podcast gefällt, freue ich mich darüber, wenn ihr ihm weiterempfehlt oder einfach auf eurer Lieblings-Podcast-Plattform bewertet oder folgt. Und jetzt viel Spaß beim Hören der Folge. Psychoaktiv, euer Drogen- und Alkohol-Podcast mit Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein!

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Willkommen bei einer neuen Folge Psychoaktiv. Schön, dass ihr wieder mit dabei seid. Ich freue mich. Ich beschäftige mich heute in meiner kleinen Alkoholreihe mit der Frage, ob es wirklich keinen risikofreien Konsum gibt. Ich hänge mich dabei ein bisschen an der Story von Karl Lauterbach auf. Einfach, weil die so nicht mal kontrovers diskutiert wurde. Er hat es gesagt und es gab einen Shitstorm. Naja…

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Ich wollte es aber natürlich ganz genau wissen und habe mich sehr in dieses Thema reingefressen und freue mich, euch heute eine sehr komplizierte…

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Antwort auf diese sehr einfache Frage zu geben. Dass es keinen risikofreien Konsum von ethanolhaltigen Getränken gibt, das ist ja eine Aussage, die wird ziemlich propagiert. Doch bevor wir uns gleich mit dem risikofreien Konsum bzw. ob es den überhaupt gibt beschäftigen, müssen wir uns vielleicht nochmal ganz grundlegend mit Ethanol beschäftigen. Und ja, ich weiß, das haben wir vielleicht in den letzten zwei Folgen genug gemacht, aber

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nochmal ein bisschen auf eine andere Art und Weise. Wenn wir an Alkohol denken, dann denken wir natürlich immer erstmal an Bier, Wein oder Spirituosen. Aber was wir vielleicht dabei nicht mit bedenken oder vielleicht auch schon, ist, dass das Produkte sind mit einer sehr, sehr hohen Dosierung von Ethanol.

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Ein kleines Bier hat einfach 13 Gramm Ethanol. An sich ist also Ethanol wirklich keine sehr potente Substanz oder fällt euch akut eine Substanz ein, die man so hoch dosieren muss, um einen Rausch zu verursachen. 13 Gramm gibt es sehr selten und ja, ich habe in meiner Berufspraxis durchaus schon Menschen erlebt, die so viel Gramm Amphetamin oder ähnliches pro Tag konsumiert haben.

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Aber die waren schon in einer schweren, schweren Abhängigkeit drin und hatten eine sehr hohe Toleranz, dass das überhaupt möglich war. Und bei Ethanol, da fängt es ja bei vielen bei 13 Gramm erst an, da oft eben mehr als ein kleines Bier getrunken wird. Vor allem, wenn man sich vielleicht auch wirklich dazu verabredet, Alkohol zu trinken.

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Also, was wir uns daraus mitnehmen, Ethanol in alkoholischen Getränken sehr hoch dosiert. Nicht normal oder nicht so vergleichbar mit den meisten anderen psychoaktiven Substanzen. Ethanol befindet sich allerdings nicht nur in alkoholischen Getränken, sondern auch in verschiedenen Lebensmitteln, wo wir vielleicht Ethanol gar nicht so vermuten, wie zum Beispiel im Apfelsaft, da hat man so um die 0,2%, Traubensaft 0,4%, im Weißbrot,

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sind wir bei 0,1%, bei Roggenbrot bei 0,3% und beim Sauerkraut sogar bei 0,5%. Und dabei entspricht immer 1% 1g Alkohol auf 100ml bzw. 100g. Klar, man könnte jetzt natürlich sofort gegenargumentieren, dass das ja total vernachlässigte Mengen im Essen sind.

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Und ja klar, das stimmt schon, wenn man das mit den alkoholischen Getränken vergleicht. Ich habe das mal für euch ausgerechnet. Um über Sauerkraut genauso viel Gramm Ethanol zu konsumieren, als wenn man ein kleines Bier konsumiert, müsste man 2,6 Kilogramm

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Kilogramm Sauerkraut essen. Das ist schlichtweg eine unrealistische Menge. Vor allem, wenn man sich damit vielleicht berauschen möchte und so viel Sauerkraut essen möchte, wie in drei kleinen Bier drin ist. Und dann müsste man einfach 7,5 Kilogramm Sauerkraut essen. Mir wird alleine von dem Gedanken richtig schlecht. Aber ich erwähne es erst einmal, damit wir den Grundsatz verstehen. Ethanol ist Teil unseres Alltags.

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Alltags und zwar nicht durch die alkoholischen Getränke, sondern schlichtweg durch die verschiedenen Speisen, die wir zu uns nehmen. Und das nicht erst seit Kurzen, sondern seit Jahrtausenden. Dementsprechend hat sich unser Körper an geringe Mengen Ethanol einfach gewöhnt. Relevant für die Toxizität, also der Schaden, der durch Ethanol entsteht, ist schlichtweg die absurde Menge an Ethanol, die Menschen zu sich führen, wenn sie sich betrinken beziehungsweise aber auch schon, wenn sie gemütlich ein bis zwei Bier trinken. Bisher

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Und hierhin könnte man also schon fast davon ausgehen, dass wenn wir von alkoholischen Getränken reden, dass es eventuell wirklich keinen risikofreien Konsum gibt. Aufgrund der hohen Mengen. Aber lasst uns an dieser Stelle tiefer eintauchen. Jetzt wird’s funky.

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Um das Ganze jetzt richtig auseinanderzunehmen, möchte ich euch von den Ergebnissen einer Studie zu dem Risiko durch Alkohol abhängig von der Menge, dem Alter, der Bevölkerungsgruppe, dem Geschlecht und das bezogen auf den Zeitraum von 1990 bis 2020 vorstellen. Die Studie ist für die Global Burden of Disease Study 2020 gemacht worden. Die GBD ist ein Projekt, das sich eben zur Aufgabe gemacht hat,

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Todesfälle, Krankheiten, Behinderungen und Risikofaktoren zu quantifizieren, und zwar aufgeteilt nach Regionen und Bevölkerungsgruppen. Für die Analyse wurden Kurven erstellt, die 22 alkoholbezogene Gesundheitsauswirkungen mit einbeziehen und die Dosis mit einem Gesundheitsrisiko in Relation stellen. Dabei wurde sowohl das theoretische Minimum eines Gesundheitsrisikos dargestellt als

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aber auch eine Nichttrinkerequivalenz. Die Nichttrinkerequivalenz bedeutet dabei, dass der Konsum ein genauso hohes Risiko birgt, als nicht zu konsumieren. Bei dem theoretischen Minimum des Gesundheitsrisikos wurde allerdings davon ausgegangen, dass es durchaus auch einen gesundheitsförderlichen Aspekt haben kann. Das geht eben aus den Kurven hervor.

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Die Basis war dabei die Nichttrinkerequivalenz. Also wenn man so möchte, war das der Nullpunkt und daran wurde sich eben hochgearbeitet oder runtergearbeitet. Und dieses theoretische Risiko eben darunter angesetzt ist. Ich habe euch übrigens die Studie in den Shownotes verlinkt. Da könnt ihr euch auch die Kurven während des Hörens anschauen.

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Vielleicht macht es das ein bisschen nachvollziehbarer. Ich werde sie auch auf Instagram posten. Falls ihr mir auf Instagram folgt, dann können wir darunter auch gerne diskutieren.

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Die Studie hat dabei herausgefunden, dass die Belastung durch Ethanol stark vom Alter und auch von der jeweiligen Region abhängt. Bei Menschen zwischen 15 und 39 lag das theoretische Minimum eines Gesundheitsrisikos mit einer eventuellen Gesundheitsförderung zwischen 0 und 0,603 Standarddrinks pro Tag.

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Und Standarddrinks sind in dieser Studie 10 Gramm reines Ethanol. Also das ist weniger als ein 0,33er Bier und ein bisschen mehr als ein 0,02er Bier. Die Äquivalenz eines Gesundheitsrisikos zu Menschen, die gar kein Ethanol in alkoholhaltigen Getränken konsumieren, lag bei 0,2 bis 1,75 Standarddrinks pro Tag.

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Bei Menschen ab 40 haben wir ein theoretisches Minimum eines Gesundheitsrisikos von 0,114 bis 1,87 Standardgläser pro Tag und eine Nichttrinkerequivalenz von 0,103 bis 6,94 Standarddrinks pro Tag.

07:57

Ja, und ich glaube, dass diese Zahlen jetzt erstmal nochmal erklärt werden müssen. Vor allem diese Nicht-Trinker-Äquivalenz von 6,94 Standarddrinks pro Tag, die haben bei euch vielleicht jetzt ein paar Fragezeichen aufgerufen. Um euch diese Zahlen zu erklären, muss ich das allerdings ein bisschen einschränken, welche Informationen ich euch weitergebe. Also beziehe ich alle meine Erklärungen ab jetzt auf Zentraleuropa, Osteuropa und Zentralasien.

08:22

Asien und hoffe damit, dass ich den Großteil meiner Hörer und Hörerinnenschaft abgedeckt habe. Und zwar schaut sich diese Studie verschiedene Erkrankungen an, die mit Alkohol in Verbindung gebracht werden. Und zwar Herzerkrankungen, Diabetes, Krebs, Leberzirrhose, Infektionen, aber auch Unfälle und andere Erkrankungen. Diese Erkrankungen werden an sich in zwei Teile geteilt.

08:43

Bei Herzerkrankungen und Diabetes wird ein geringer Alkoholkonsum eine positive Auswirkung auf die Erkrankung zugeordnet. So ein bisschen das Typische, was man auch sehr oft liest. Geringe Mengen Alkohol ist gut fürs Herz.

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Ganz so einfach ist es halt einfach nicht. Denn auf alle anderen oben genannten Erkrankungen wirkt sich jeglicher Alkohol negativ aus. Also ich kann im Prinzip nicht ein bisschen Alkohol fürs Herz trinken, aber dabei nicht den negativen Impact auf eine Krebserkrankung umgehen. Für die eine Sache ist eine geringe Menge gut und für die andere schlecht. Und das gibt es tatsächlich öfters und das ist halt einfach etwas, mit was man sich auch zu einem Punkt anfreunden muss. Es ist halt einfach kein Schwarz-Weiß-Denken möglich und vor allem nicht bei sowas

09:24

extrem komplexen wie psychoaktive Substanzen. So, und wie verändert sich das jetzt? Nun sind die verschiedenen Erkrankungen je nach Alter unterschiedlich relevant. Während bei jungen Menschen Verletzungen eine sehr viel größere Rolle spielen, umso weniger relevant sind zum Beispiel Herzerkrankungen bei sehr jungen Menschen. Und umso älter man wird, umso relevanter werden Herzerkrankungen und umso weniger relevant werden andere Erkrankungen.

09:48

Somit verändert sich die Einschätzung je nach Altersstufe, welchen Einfluss Alkohol auf die Gesundheit hat. Denn wenn Alkohol sich immer negativ auf Verletzungen auswirkt und in dem Alter Verletzungen eine sehr signifikante Rolle spielen, schlussfolgert sich daraus, dass Alkohol besonders schädlich in diesem Alter ist.

10:03

Versteht ihr, was ich meine? Und dieses ganze Konzept wurde dann auch in Standardgetränke umgerechnet. Dabei ist in Zentraleuropa die theoretische gesundheitsförderliche Alkoholmenge pro Tag zwischen 15 und 39, zwischen 0 bis 24 Jahren und 0,4. Und die Nichttrinkerequivalenz liegt bei denjenigen bis 39 Jahren bei maximal 0,5 Standardgetränke. Wir reden hier also von 5%.

10:32

5 Gramm Alkohol. Und ich bin mir tatsächlich nicht sicher, das hatten wir ja auch am Anfang dieser Folge, wie sehr da andere ethanolhaltige Lebensmittel mit einberechnet sind. Aber wir reden hier wirklich von einer sehr geringen Menge. Ab 40 steigert sich der gesundheitsförderliche Bereich nur sehr langsam. Mit über 80

10:49

ist man dann bei 0,9 Standardgetränke. Bei dem Nichttrinkerequivalent, also gleicher Status wie ein Nichtkonsument, steigert sich das tatsächlich so weit, dass man mit über 80 bei 5,3 Standardgetränken ist. Dass mit 80 die Standardgetränke jedoch so hoch sind, liegt übrigens maßgeblich daran, dass für die Statistik eine Lebenserwartung zugrunde liegt. Das ist jetzt etwas kompliziert zu erklären, aber um es mal kurz zu sagen, wenn man eh nicht mehr eine hohe Lebenserwartung hat,

11:17

Gemessen an der durchschnittlichen Lebenserwartung in der Region kann man auch nicht mehr so viel mit Alkohol kaputt machen. Dass diese Denke auf das Individuum nur schwer anwendbar ist, versteht sich, denke ich, von selbst. Denn keiner weiß, wie alt man am Ende wird. Vielleicht hat man mit 80 noch 20 Jahre zu leben und macht sich diese durch seine sechs Standardgläser kaputt. Wenn die Statistik aber eh nur davon ausgeht, dass du, sagen wir mal, 82 wirst, arbeitet sie auch nur mit den zwei Jahren. Auch wenn für den Einzelnen, also für das Individuum, 20 Lebensjahre relevant sind. Musik

11:46

Wenn wir nun nochmal auf unseren Gesundheitsminister Karl Lauterbach schauen, der sagt, dass es gesund sei, ein Glas Wein pro Tag zu trinken, liegt er nach dieser Studie falsch. Denn ein 0,2 Glas Rotwein hat 19 Gramm Ethanol, also wären es knapp zwei Standarddrinks.

12:07

Für einen 60-jährigen Mann würden allerdings nur 0,7 Standarddrinks als gesundheitsförderlich zählen, also 7 Gramm Ethanol. Das entspricht also ungefähr 0,07 Liter Rotwein. Allerdings erfüllt er mit seinem Glas Rotwein das

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Nichttrinker-Äquivalent. Also gleich einzuschätzen wie jemand, der gar nichts trinkt. Aber es wäre ja zu einfach, wenn man jetzt aus dieser Studie rausgehen könnte und sagt, super, ich bin 55 Jahre alt, 1,5 Standardgetränke sind so viel, als würde ich gar nicht trinken. Easy, das ist jetzt meine Konsumplanung. Doch an sich können solche Daten keine Konsumempfehlungen für das Individuum geben. Warum? Naja, ein Grund hat

12:47

wir gerade schon mit dem Durchschnittsalter in einer Bevölkerung. Aber grundlegend ist erstmal zu sagen, dass auch wenn diese Studie extremst umfassend ist, schaut sie sich einfach auch unfassbar viele Menschen an. Solche Statistiken sind immer nur sehr bedingt auf das Individuum anwendbar, denn es bezieht weder die Historie des einzelnen Menschen noch Komorbiditäten, also Begleiterkrankungen ein oder auch dessen Genetik oder ähnliches.

13:10

Wenn wir es wieder auf unser Beispiel mit Karl Lauterbach anwenden, ploppen da viele Fragen auf. Hat er eventuell eine Veranlagung zu verschiedenen Erkrankungen, wie zum Beispiel Diabetes in der Familie? Das würde die individuelle Einschätzung ändern. Aber noch viel schwieriger, wie hoch ist die Lebenserwartung unseres Gesundheitsministers? Wir haben ja vorhin auch besprochen, dass die Berechnung maßgeblich von der Lebenserwartung abhängt. Sollte Herr Lauterbach das deutsche Durchschnittsalter von 78,5 bei Männern deutlich überschreiten,

13:38

wirkt sich das maßgeblich auf die aktuelle Berechnung auf. Rein theoretisch würde er die Lebenserwartung deutlich unterschreiten, könnte er dann sogar rein statistisch für sich individuell wieder im gesundheitsförderlichen Konsum sein mit seinem Glas Rotwein. Aber das würde eben nur unter bestimmten Bedingungen und auch nur für ihn gelten.

13:58

Also um das hier kurz zusammenzufassen, der Individualfall ist super schwer aus dieser Statistik zu konstruieren. Trotzdem fragt man sich ja, na was bringt mir jetzt überhaupt eine solche Statistik und warum sollte ich mich überhaupt damit zu beschäftigen? Oder vielleicht fragst du dich, warum du dir gerade 20 Minuten einen Podcast darüber reinziehst. Wie ihr vielleicht auch gemerkt habt, ist der Konsum, der förderlich oder gleich mit einem Nichttrinker ist, sehr gering. Das decken Menschen auch schon ziemlich schnell mit einem Apfelsaft ab.

14:25

Doch die wenigsten Menschen, die Alkohol konsumieren, konsumieren tatsächlich nur diese täglichen Richtmengen, sondern deutlich mehr oder entwickeln halt im schlechtesten Fall eine Abhängigkeitserkrankung. Die WHO sagt, dass der risikoarme Konsum bei Frauen 12 Gramm und bei Männern 24 Gramm täglich ist.

14:41

Das ist übrigens auch die Empfehlung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dieses Papers. Sie haben nicht gesagt, Leute, schaut mal, es gibt einen gesundheitsförderlichen Konsum. Genau.

15:04

gönnt euch, sondern sie haben wirklich eher auf eine differenziertere Gesundheitspolitik gegenüber Alkohol plädiert. Ihr seht also, an sich ist die Aussage, es gibt per se keinen risikofreien Konsum, an sich nicht wirklich richtig, sondern maßgeblich abhängig von Geschlecht, Alter und Herkunft. Aber dann eben auch noch vom individuellen Fall, den man immer einzeln betrachten muss.

15:24

Es ist ein extrem komplexes Thema, wie ihr also merkt, aus dem in der Gesundheitskommunikation einfach geworden ist. Es gibt keinen risikofreien Konsum. Und ich kann auch verstehen, warum man auf so eine Vereinfachung zurückgreift. Ich meine, erklärt mal eben schnell das, was ich euch gerade versucht habe zu erklären. Es ist einfach kompliziert und ich saß auch echt lange an der Studie, um die für mich komplett zu entpacken.

15:45

Aber das Problem an dieser sehr vereinfachten Darstellung ist halt eben auch, dass es zu einer Stigmatisierung beiträgt oder zu einem Bild beiträgt, dass jeglicher Konsum von psychoaktiven Substanzen schädlich sei. Und das ist für illegalisierte Substanzen nicht wahr und das ist auch für Ethanol nicht wahr und ist auch einfach nicht so einfach zu beantworten. Wir müssen uns mit der Wahrheit anfreunden, dass es immer Bronchons gibt, die immer individuell abgewogen werden können und die man auch

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einfach nur bedingt vorhersagen kann für jedes Individuum. Ja, meine Lieben, das war es mit der heutigen Podcast-Folge. Ich hoffe, sie hat euch gefallen. Ich fand die Studie auf jeden Fall sehr interessant und hoffe, ihr konntet mir einigermaßen folgen. Ich weiß, es ist manchmal ein bisschen schwer, wirklich sehr konzentriert so eine Studie vorzustellen. Falls ihr ein bisschen Zeit habt, könnt

16:38

Da kann ich euch wirklich empfehlen, euch die ganzen Graphen mal anzuschauen. Es ist wirklich sehr, sehr interessant. Falls ihr Rückmeldungen, Fragen, Anmerkungen habt, ihr könnt mir gerne auf Instagram schreiben, psychoaktiv.podcast oder eine E-Mail schreiben unter psychoaktiv.podcast at gmail.com. Findet ihr auch alles in den Shownotes. Und sonst freue ich mich, wenn ihr meinen Podcast weiterempfehlt, ihn bewertet auf eurer Lieblings-Podcast-Plattform oder ihm folgt.

17:06

Und ich habe seit kurzem auch eine Steady-Seite. Und falls ihr auch meinen Podcast finanziell unterstützen möchtet, würde ich mich mega freuen. Auch dazu findet ihr einen Link in meinen Shownotes. Bis dann. Tschüss. Das war Psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Stefanie Bötsch.


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