Einmal süchtig, immer süchtig? Heilung und Sucht

Die Aussage „einmal süchtig, immer süchtig“ prägt bis heute viele Gespräche über Sucht, Abstinenz und Heilung. In dieser Folge geht es darum, diese Vorstellung genauer zu hinterfragen: Bedeutet eine überstandene Suchterkrankung automatisch, ein Leben lang krank zu bleiben? Oder kann es sein, dass Sucht zwar Spuren hinterlässt, Menschen aber trotzdem gesund werden und sich auch so beschreiben dürfen?

Die Folge ordnet ein, welche Rolle erlernte Konsummuster, Cue Reactivity, Craving, neurobiologische Veränderungen und das sogenannte Suchtgedächtnis spielen. Gleichzeitig wird kritisch gefragt, warum bei Sucht so viel stärker auf dauerhafte Krankheit beharrt wird als bei vielen anderen psychischen Erkrankungen. Deutlich wird: Heilung bedeutet nicht unbedingt, nie wieder Verletzlichkeit oder Suchtdruck zu erleben – sondern wieder mehr Handlungsfreiheit zu gewinnen und die eigene Erfahrung von Krankheit, Gesundheit und Genesung selbst einordnen zu dürfen.

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Einmal süchtig, immer süchtig? Heilung und Sucht

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PODCAST-METADATEN
Folge: 133
Erscheinungsdatum: 02.04.2026
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Einmal süchtig, immer süchtig? Heilung und Sucht
Sprecher: Stefanie Bötsch

Typ: Transkript

00:01
Einmal süchtig, immer süchtig. Es gibt kein „Er war mal Alkoholiker“, das heißt trockener Alkoholiker. Sucht ist nicht heilbar. Aber ist das wirklich so? Begleitet Betroffene die Sucht ihr Leben lang und bedeutet das, dass man auch für immer krank ist? Lasst uns in das Thema reingehen.

00:33
„PSYCHOaktiv“, euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötzsch. Zieht’s euch rein.

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Willkommen zu einer neuen Folge „PSYCHOaktiv“, dein wissenschaftlicher Podcast zu Drogenkonsum und Sucht. Und ich war neulich auf YouTube, bin ich öfters, leider manchmal ein bisschen zu oft, und habe ja mein normales YouTube-Ding durchgezogen und bin dann bei einem Video hängengeblieben, wo komplett anderer Kontext.

01:05
Da ging es darum, dass der Creator gemeint hat, er war mal Alkoholiker. Also, es war so ein Reaction-Video. Und dann wurde der gleich sehr stark in den Kommentaren zurechtgewiesen, dass man das nicht sagen darf, dass es so was nicht gibt wie „Er war mal Alkoholiker“. Menschen, die einmal Alkoholiker waren, sind immer Alkoholiker.

01:26
Und das heißt gefälligst trockener Alkoholiker. Ja, es ist das Internet, der Ton ist im Internet immer wieder ein bisschen rauer. Und dann im nächsten Video hat sich der Creator dafür entschuldigt und dann auch immer sehr betont, dass die Person ein trockener Alkoholiker ist. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe das geschaut und fand es ziemlich krass.

01:47
Also, irgendwie hat sich in mir alles zusammengezogen, auch diese Vehemenz, wie auf ja diesen Titel, dieses Label gepocht wurde.

02:01
Und dann dachte ich mir, wir sprechen einfach mal hier im Podcast darüber, über eine Frage, die vielleicht schon in manchen Folgen so ein bisschen mit angeschliffen wurde, aber wir noch nie wirklich ganz direkt darüber gesprochen haben. Und zwar beschäftigen wir uns heute mit der großen Frage: Ist Sucht heilbar?

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Und das ist eine Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist, denn man muss ja erst mal sich auch überlegen, was bedeutet überhaupt krank und gesund? Weil wir gehen hier in eine Debatte, die erst mal nur sehr viel Schwarz-Weiß-Denken erlaubt, weil es gibt im Prinzip zwei Seiten, es ist eine dichotome Debatte und im Prinzip muss man sich ja irgendwann entscheiden,

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ob man krank ist oder ob man gesund ist und ab wann man sich wie bezeichnen darf, in Anführungszeichen. Und gerade im Kontext zu Sucht ist das ja noch mal interessanter, weil gerade auch bei psychischen Erkrankungen ist es, glaube ich, dann auch ganz logischerweise manchmal nicht so klar, wann so ein Gesundheitsstatus eingetreten ist.

03:02
Also, ich meine, wenn wir uns einen Arm brechen, dann ist völlig klar, wenn die Knochen wieder zusammengewachsen sind, dann ist der Arm wieder gesund. Das ist bei vielen psychischen Erkrankungen und auch bei Sucht häufig nicht so, weil Erkrankungen eben auch manchmal Spuren hinterlassen.

03:21
Und dementsprechend im Kontext mit Sucht muss man dann sich natürlich fragen, was soll denn da zusammenwachsen? Also, was soll verschwinden? Ist es das Verlangen? Ist es das Verhalten? Ist es der Konsum? Ist es eine bestimmte neuronale Veränderung oder ist es auch die Identität als Suchtkranker, die einen tagtäglich daran erinnert,

03:41
dass ein Rückfall schon vor der Tür steht, wenn man nicht beharrlich aufpasst? Das heißt, wir starten diese Folge, damit erst mal grundlegend zu schauen, okay, welche Krankheitsmechanismen bei der Sucht eine Rolle spielen und wenn man vielleicht den Titel gesund haben möchte, was sich dafür verändern müsste, ob es das Verlangen ist,

04:01
das Verhalten, was auch immer, das schauen wir uns im ersten Part an und am Ende, und das finde ich auch relativ wichtig, ist, dass wir uns auch noch mal anschauen, warum ich diese Diskussion ganz grundlegend ziemlich wenig hilfreich finde, aber auch warum wir offensichtlich im Kontext von Sucht nicht drumherum kommen. Also lasst uns in dieses Thema reinstarten.

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Starten wir mal mit dem Modell, dass Sucht ein erlerntes Verhalten ist, das sich später unter anderem in einer sogenannten Q-Reactivity widerspiegeln kann. In der Regel entwickelt sich natürlich der Substanzkonsum nicht von heute auf morgen zu einem abhängigen Konsumverhalten. Das ist ein Prozess,

04:45
der sich häufig wirklich schleichend über Jahre etabliert. Bei manchen ist der Prozess kürzer, bei anderen ist der Prozess länger, aber grundlegend gibt es immer eine Entwicklungsphase der Erkrankung. Und damit sich dieser Prozess überhaupt so entwickeln kann, wie er sich entwickelt, spielen ganz grundlegende Lernmechanismen eine Rolle.

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Und das habt ihr bestimmt schon gehört, ist auf jeden Fall sehr bekannt, und zwar die klassische Konditionierung und die operante Konditionierung. Die klassische Konditionierung bedeutet, dass ein neutraler Reiz, also Orte, Personen, Stimmungen oder auch bestimmte Tageszeiten mit der Wirkung einer Substanz verknüpft werden.

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Das bedeutet ganz praktisch, man konsumiert immer auf Partys, Konsum wird mit dem Party-Setting verknüpft, man konsumiert immer am Feierabend, der Feierabend wird mit dem Konsum verbunden. Das kann allerdings auch auf Gefühlsebene stattfinden, also zum Beispiel, wenn man immer konsumiert, wenn man traurig ist oder wenn man immer konsumiert, wenn man glücklich ist, um das zu feiern.

05:45
Das heißt, das Gefühl des Glückes oder auch das Gefühl der Trauer wird ganz klar mit dem Konsum verbunden. Und die operante Konditionierung bedeutet, dass ein Verhalten immer dann wahrscheinlicher wird, wenn es zuverlässig eine Wirkung erzielt. Und das ist natürlich gerade am Anfang im Konsum stark im Vordergrund. Denn eins muss man sagen,

06:06
psychoaktive Substanzen wirken schon sehr zuverlässig. Das heißt, gerade am Anfang, wenn ich traurig bin und dann konsumiere, fühle ich mich in der Regel zuverlässig betäubt und dann speichere ich das als ein Verhalten ab, das sich beizubehalten lohnt. Ich fühle mich weniger traurig, ich muss mit meiner Trauer nicht so krass umgehen. Der Alkohol hat mir geholfen.

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Super, das kann ich mir so merken, das kann ich so weitermachen. Und so erlernt man eben, den Konsum in den unterschiedlichsten Situationen seines Lebens zu kontextualisieren. Und mit dieser Konditionierung steht im Zusammenhang die Q-Reactivity.

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Q-Reactivity beschreibt, dass aufgrund des erlernten Verhaltens man bei konsumbezogenen Reizen sofort eine emotionale und motivationale Reaktion bekommt, sobald man diesen eben ausgesetzt wird. Und genau diese Reaktion kann sich logischerweise auch in Verlangen bzw. Craving niederschlagen.

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Also immer, wenn ich Feierabend habe, bekomme ich ein starkes Craving, weil ein Feierabend ohne Bier seit Jahren gesetzt war. Und nun, wo ich mich vielleicht für eine Konsumveränderung oder eine Abstinenz entschieden habe, ist der Feierabend für mich ein sehr, sehr starker Reiz für den Konsum. Das geht aber natürlich auch bei Emotionen oder Langeweile oder auch bei Freundeskreisen,

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mit denen man immer gemeinsam konsumiert hat. Q-Reactivity erklärt also, wie das Craving in den unterschiedlichsten Situationen aufkommen kann. Und um mit diesem Reiz-Reaktions-Schema umzugehen, gilt es eben, neue alternative Handlungswege zu erarbeiten. Ihr könnt es euch vielleicht so vorstellen,

07:44
dass am Anfang einer Herausentwicklung aus dem süchtigen Verhalten der Konsum wie so eine fette Autobahn in unserem Kopf ist und alles, was wir Neues versuchen, ein ziemlich nerviger Trampelpfad, durch den man einfach nur super schlecht durchkommt. Unser Auto im Kopf will einfach über die Autobahn fahren,

08:03
das ist am leichtesten, das ist am bequemsten, da komme ich am allerbesten durch. Und wir müssen uns richtig anstrengen, um das Auto einmal von der Autobahn runter zu lenken und auf einen Trampelpfad zu bringen und es dann auch auf dem Trampelpfad zu halten. Das Gute ist, mit der Zeit verändert sich unsere innere Landkarte und umso mehr wir über den Trampelpfad fahren,

08:24
umso befahrener wird er, er wird breiter, er wird ebener, es wird einfacher. Und während wir die Autobahn einfach nicht mehr nutzen, verfällt sie, wächst sie zu und wird weniger relevant. Die Autobahn, also unsere Metapher für unser erlerntes Konsumverhalten, verschwindet dabei aber nicht ganz, wird aber zunehmend unrelevanter.

08:45
Und wenn wir gleich mal bei dieser Metapher bleiben, dann wird es ja sehr spannend für unsere Heilungsfrage. Wenn das alte Straßennetz nie komplett gelöscht wird, also wenn diese Autobahn nie komplett verschwindet, also dieses sehr starke, erlernte, eingravierte Verhalten, bedeutet das dann, dass man nie geheilt sein kann?

09:06
Oder aber bedeutet es einfach, dass stark gelernte Muster Spuren hinterlassen? Denn, und das ist einfach sehr wichtig, Lernen ist kein suchtspezifischer Mechanismus und Q-Reactivity ist auch kein suchtspezifisches Phänomen. Beides sind normale Eigenschaften unseres Nervensystems. Q-Reactivity bedeutet im Grunde einfach,

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ein Reiz löst eine vorbereitende Reaktion aus. Und dafür gibt es auch Beispiele außerhalb der Sucht. Zum Beispiel: Ich laufe durch die Straße, rieche frisch gebackenes Brot und bekomme sofort richtig Bock auf Brot und Bäcker, obwohl ich das gar nicht vorhatte. Oder mein Handy vibriert und ich schaue sofort drauf und habe irgendwie das Gefühl,

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antworten zu müssen oder interagieren zu müssen. Oder ich höre eine bestimmte Musik und es kommt eine emotionale Erinnerung und das macht etwas mit mir. Das ist erst mal grundlegend normales assoziatives Lernen, das uns in unserem ganzen Leben begleitet. Der Unterschied bei Sucht ist aber hier natürlich,

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dass es eine besonders motivationale, affektive Wucht hat. Also das Schema, das wir gerade kennengelernt haben, kennen wir auch aus dem nicht pathologischen Bereich oder das kennen wir alle. Aber bei Sucht ist natürlich die Reaktion, dieses Craving häufig extremst stark.

10:25
Es kommt zu einer fehlenden Handlungsflexibilität und auch zu einer Einengung des Verhaltensrepertoires. Also während ich easy am Bäcker vorbeilaufen kann, auch wenn ich jetzt halt richtig Bock habe, mir ein Brot reinzuziehen, habe ich noch sehr viel Flexibilität und kann sagen: „Nö, ganz ehrlich, ich habe keine Kohle, mache ich gerade nicht.“ Bei Sucht ist das was anderes.

10:44
Es ist anstrengend. Cravings können wirklich sehr stark und übermannend sein. Und sich hier neue Verhaltensweisen zu erarbeiten und einen Umgang mit Craving zu erarbeiten, ist ein großer, großer Teil der Suchttherapie.

10:55
Ich möchte es also mit dem Vergleich auf gar keinen Fall kleinreden, sondern euch einfach nur erklären, dass erst mal dieses grundlegende erlernte Verhalten wir auch aus unserem normalen Verhalten, unserem Lernverhalten kennen.

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Nur bei Sucht und gerade auch, wie psychoaktive Substanzen wirken und wie sich das eben in die unterschiedlichsten Situationen in unserem Alltag so hart in uns festbeißen, ist natürlich noch mal was ganz anderes. Und deswegen ist es logischerweise auch behandlungswürdig. Gut, that being said, lasst uns wieder mal auf unsere Frage schauen: Bin ich dann für immer krank?

11:30
Und wenn wir jetzt halt Sucht als erlerntes Verhalten, als grundlegendes Konzept nutzen, dann wäre ja die Frage: Okay, bedeutet es dann, gesund zu sein, nie wieder Craving zu verspüren oder dass es diese Reize nicht mehr gibt und dass sie einfach nicht mehr so eine Macht drüber hat? Was müsste sich verändern, um sich gesund zu fühlen?

11:50
Und ich finde, da lohnt es sich mal auch, in den Umgang mit anderen Erkrankungen zu looken.

11:57
Denn bei Sucht ist es ja häufig so, dass mit einer Behandlung undähm mit der inneren Arbeit, die Betroffene da krass leisten, dass sie Schritt für Schritt und über Jahre über Jahre immer besser mit diesen Reizen umgehen können und auch die Nüchternheit und die Abstinenz leichter wird oder routinierter wird.

12:17
Das ist bei jedem individuell, wie dieser Verlauf läuft, aber es findet ja logischerweise eine Veränderung statt. Was aber häufig bleibt, ist eine gewisse Vulnerabilität. Diese Vulnerabilität, die haben wir aber auch nicht nur bei Sucht, sondern auch bei vielen anderen Erkrankungen, die auch rezidivierend sind,

12:36
zum Beispiel Menschen mit einer früheren Depression, die halt unter Stress wieder in alte Denkmuster rutschen können und eine Zeit lang wieder eine depressive Symptomatik bis hin zu einer depressiven Episode haben können. Oder Menschen mit einer Angststörung, die auch immer noch körperlich reagieren können, obwohl sie rational schon wissen und damit gut bearbeitet haben, dass keine Gefahr besteht.

12:58
Häufig sind dann diese Ausbrüche, gerade wenn man in einer erfolgreichen Behandlung war, nicht so stark und nicht so intensiv. Und die Menschen können mit dem Ausbruch häufig auch sehr gut selbst umgehen. Und gerade im Kontext mit anderen Erkrankungen merke ich es nicht, bekomme ich es nicht mit, dass dieses „Ja, aber du bist dann für immer krank. Deine Angststörung ist überall einmal angstgestört,

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immer angstgestört“, also dass das überhaupt nicht so in den Mittelpunkt steht. Genauso wie mit „einmal depressiv, immer depressiv“. Das höre ich tatsächlich sehr selten. Es kann natürlich sein, dass es ein Bias ist, weil ich mich maßgeblich mit dem Thema Sucht auch beschäftige.

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Aber grundlegend ist es schon so meine Wahrnehmung, dass mit der Vulnerabilität und der Rückfallsgefahr von Depressionen oder Angststörungen, damit meine ich Rückfallsgefahr im Sinne von das Auftreten der Symptome, wieder erneut auftreten, einfach anders umgegangen wird und die Menschen deswegen nicht automatisch als dauerhaft krank gelten.

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Auch bei Sucht haben wir diese Vulnerabilität und Menschen berichten immer, dass sie auch noch jahrelang ab und zu wirklich starkes Craving verspüren oder auch in kleineren Situationen leichtes Craving, dass es immer mal wieder vorkommt. Und wenn jetzt unsere Definition von Sucht und krank und Heilung ist,

14:15
dass dieses Craving nie wieder auftauchen darf, dann muss man auch konsequenterweise sagen, dass wahrscheinlich die meisten Menschen ihr Leben lang suchterkrankt sind. Wenn wir sozusagen, wenn wir sagen: „Gesund bin ich nur, wenn ich nichts mehr von meiner Sucht spüre“, dann ist die Aussage, dass man eben im Prinzip immer süchtig ist,

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durchaus valide, würde ich sagen. Ich frage mich halt an dem Aspekt, wie fair das ist, weil deswegen habe ich eben auch die anderen Erkrankungen mit reingebracht, dass psychische Erkrankungen sehr häufig Spuren hinterlassen. Und das ist einfach Teil auch des Lebens und der Erfahrung, und mit der man arbeiten kann.

14:56
Und deswegen braucht man eine Krankheitsbegriff, finde ich, immer so ein sehr, sehrerschlagen. So, das ist ja auch eine ganz harte Selbstzuschreibung zu sagen, man ist sein Leben lang krank. Und deswegen ist halt die Frage, ob das denn unbedingt so sein muss, dass nur, weil man vulnerabel bleibt, dass das sozusagen den Krankheitsbegriff nährt.

15:16
Auf der anderen Seite, und das finde ich eben auch wichtig, kann es für manche Menschen total hilfreich sein zu sagen: „Okay, ich habe halt diese Suchterkrankung und die geht nie weg und das stabilisiert mich, weil sie im Prinzip wie so ein Mahnmal mich immer daran erinnert, dass Abstinenz, wenn das die Entscheidung war,

15:35
das ist, was mich eben durch mein Leben trägt und stabilisiert.“ Trotz allem bleibe ich dabei: Wenn ein Mensch Suchtdruck verspürt, ihn wahrnimmt, ihn regulieren kann und sich nicht von diesem Suchtdruck bestimmen lässt, ist es dann wirklich eine aktive Erkrankung?

15:50
Weil ich sehe da ehrlich gesagt ein Riesenstück Arbeit und eine wiedergewonnene Handlungsfreiheit dahinter und finde das dann eben schräg, dieses erfolgreiche Verhalten aufgrund des Symptoms weiter als Erkrankung zu labeln. Aber gut, so viel vielleicht zu diesem erlernten Verhalten im Kontext zu Craving.

16:11
Aber das ist ja natürlich nicht der einzige Aspekt, weil ich meine, gerade in diesem Krankheitsbegriff geht es natürlich sehr viel auch um die Neurobiologie der Sucht und um, was da häufig in den Kontext gesagt wird, dieses unlöschbare Suchtgedächtnis, was ja diesen Krankheitsbegriff nährt. Also lasst uns als nächstes noch mal darauf gucken. Werbung.

16:35
Das Lernverhalten ist für viele natürlich nicht ausreichend, um die Entstehung und Aufrechterhaltung von Sucht vollständig zu erklären. Und grundlegend reden wir ja auch bei Sucht immer von einem biopsychosozialen Suchtmodell, also dass sowohl biologische, psychologische als auch soziale Faktoren eine Rolle spielen. Und wir schauen jetzt eben auch noch mal drauf,

16:55
was im Gehirn passiert, denn ein wiederholter Konsum führt eben auch zu Veränderungen im Gehirn. Und hier fällt häufig ein Begriff, der in der Diskussion sehr schnell sehr mächtig wird: das sogenannte Suchtgedächtnis. Und wer psychoaktiv schon ein bisschen länger hört, weiß: Ich habe ein ziemlich großes Problem mit dem Thema Suchtgedächtnis bzw.

17:17
mit dem Begriff Suchtgedächtnis. Nicht, weil ich sage, es gibt keine neuronalen Veränderungen, sondern weil sich dieser Begriff Suchtgedächtnis schon richtig hart verselbstständigt hat. Und ich weiß, dass für viele so die Idee besteht, dass es irgendwo ein Gedächtnis gibt im Gehirn,

17:37
das nur auf die Sucht bezogen ist und das natürlich unlöschbar ist und für immer da ist. Und wenn ich da aber mit einer neutraleren wissenschaftlichen Komponente drauf schaue, ist es halt sehr schwierig, weil das Suchtgedächtnis schlichtweg eine Metapher ist. Und diese Metapher werden je nachdem,

17:56
welche Fachkraft man fragt, werden da einfach andere Konzepte reingesteckt, zum Beispiel die Q-Reactivity, die ich euch gerade erklärt habe. Es kann aber auch Sensibilisierungsprozesse sein oder Veränderungen im Motivationssystem oder stressbedingte Vulnerabilität.

18:16
Also das Problem entsteht eher, weil halt diese Metapher wortwörtlich genommen wird und sie auch gerne so als Totschlagargument genutzt wird. Und immer, wenn ich da frage: „Okay, was verstehst du unter Suchtgedächtnis?“, kommen halt manchmal sehr schwammige Sachen raus. Meine ich jetzt in Fachdiskussionen? Ja, deswegen habe ich ein bisschen ein Problem mit dem Thema Suchtgedächtnis.

18:38
Wichtig ist mir an diesem Punkt, dass klar ist, dass das Suchtgedächtnis eine Metapher ist dafür, dass eben Menschen noch sehr lange auch die Veränderung und auch die Folgen von süchtigem Konsum spüren, zum Beispiel in Form von Craving. Gut,

18:58
das als Vorwort. Schauen wir uns aber mal die neurobiologischen Prozesse an, weil wir können eben sehen, dass bei anhaltenden süchtigen Konsummustern es zu Anpassungsprozessen kommt und zwar sowohl in den Gedächtnissystemen als auch in den Motivationssystemen und im Stresssystem.

19:16
Und unser Körper muss halt mit diesem dauerhaften Konsum irgendwie umgehen. Und da ist ein Begriff ganz wichtig, und zwar das Allostase-Modell. Das Allostase bedeutet vielleicht vereinfacht gesagt eine Stabilität durch Veränderung. Man kann sich das also so vorstellen, dass,

19:34
wenn unser System wiederholt immer so stark beansprucht wird, in diesem Fall eben durch Substanzkonsum, versucht es sich so anzupassen, um wieder in Balance zu kommen und irgendwie das auszugleichen. Und dadurch verschiebt sich eine innere Balance. Und das führt ein bisschen dazu, dass am Anfang der Konsum vor allem positiv verstärkt,

19:55
also die Stimmung hochhebt. Wie ich schon gesagt habe, dass am Anfang sozusagen Konsum ja auch gut funktioniert für das, was wir vom Konsum möchten, aber später dominiert immer zunehmend mehr die negative Verstärkung. Das heißt, man konsumiert nicht mehr primär, um sich gut zu fühlen, sondern um sich nicht mehr schlecht zu fühlen.

20:15
Darüber haben wir übrigens auch schon ganz ausführlich in der Folge „Neurobiologie der Sucht“ gesprochen, und die Folge verlinke ich euch natürlich auch in den Shownotes. Und in diesem Allostase-Modell wird eben beschrieben, dass sich dabei auch der emotionale Grundzustand verschieben kann. Das heißt, die Belohnungssysteme reagieren weniger stark auf natürliche Reize,

20:36
Stresssysteme werden sensibler und mit dem Konsum entsteht eben ein sogenannter allostatischer Zustand, also eine chronische Abweichung vomursprünglichen Gleichgewicht. Und wenn Personen dann im Konsum, aber auch wenn sie dann nüchtern werden, ist es erst mal so, dass halt eben etwas, was einem früher Freude gemacht hat,

20:56
eben das weniger intensiv gefühlt wird, weil das Belohnungssystem sich eben dahingehend umreguliert hat, damit es mit dem ganzen Konsum umgehen kann. Gleichzeitig ist das Stresssystem viel sensibler und es sorgt eben dafür, dass der Organismus viel schneller in einen Zustand von innerer Anspannung, Dysphorie und auch Reizbarkeit gerät.

21:16
Wir haben also durch den Konsum eine Art neue Realität, die erst mal sehr runtergeregelt ist und die sich eben komplett auf den Konsum eingestellt hat, um mit dieser hohen Belastung umzugehen.

21:29
Und vielleicht kann man sich das so vorstellen, dass, wenn vorher das Normale null war, ist irgendwie mit dem süchtigen Verhalten das Normale eher so eine -5 und man trinkt da nur noch, um überhaupt mal auf null zu kommen oder konsumiert nur noch, um überhaupt auf null zu kommen, während man vielleicht früher bei null gestartet hat und mit dem Konsum bei +5 rausgekommen ist.

21:50
Die gute Nachricht ist aber auch: Allostatische Zustände sind plastisch, das heißt, die Stresssysteme können sich wieder stabilisieren, Belohnungssysteme können sich auch wieder sensibler werden und auch die präfrontalen Kontrollnetzwerke können durch Abstinenz, Therapie und vor allem neue Erfahrungen wieder gestärkt werden.

22:09
Was aber häufig bleibt, was wir auch schon bei den Lernerfahrungen haben, ist eben die Vulnerabilität unter der Belastung. Und ich weiß, dass ich mir hier vielleicht ein bisschen wiederhole, aber auch hier finde ich, wenn man das mit anderen Erkrankungen vergleicht, wie zum Beispiel Traumafolgestörungen mit sehr überempfindlichen Stressnetzwerken, die da meistens ausgelöst werden,

22:30
oder die Depression, die auch häufig dazu führt, dass es eben eine reduzierte Responsitivität im Belohnungssystem gibt. Diese Veränderung haben wir ja auch in anderen psychischen Erkrankungen und wir haben ja auch diese Vulnerabilität in anderen Erkrankungen. Und deswegen ist es für mich immer schwer, diese Vulnerabilität bei der Sucht so extremst hochzuhalten.

22:52
Und ich will damit nicht sagen, dass die Abhängigkeitserkrankung identisch ist mit diesen Erkrankungen, aber trotzdem ist es ja schon immer auffällig, was für einen Sonderstatus die Abhängigkeitserkrankung im Kontext zu anderen psychischen Erkrankungen hat.

23:06
Und deswegen möchte ich mich zum Ende auch noch mal fragen: Wenn wir bei anderen psychischen Erkrankungen zwischen Vulnerabilität und akuter Erkrankung unterscheiden können und bei Sucht würde ich sagen, dass die akute Erkrankung eben die ist, wo man auch krank ist. Das bedeutet nicht, dass mit der Abstinenz sofort die Erkrankung beendet ist, aber in der Zeit,

23:25
wo man erst mal lernen darf, mit dieser Erkrankung und den Herausforderungen umzugehen, wo man mit den Triggern lernt umzugehen, wo man schaut, was lag hinter der Sucht, wo ich versuche, diese Themen zu bearbeiten und wo ich Schritt für Schritt zur Stabilität gehe und zu einer Ausgewogenheit gehe. So, das ist für mich die Zeit,

23:44
wo man sagen könnte: „Okay, das ist da, wo ich die Erkrankung behandle, wo ich mich um die Erkrankung kümmere.“ Und die Zeit danach, in der man sich immer stabiler sucht und sich immer mehr von der Erkrankung entfernt, das wäre für mich die Zeit, wo man eben gesundet, gesund ist und weiter eben die Konsequenzen seiner Erkrankung, die Vulnerabilität mit sich trägt. Also warum?

24:04
Und das ist, das ist ein Verlauf. Sorry, dann noch mal, das ist ein Verlauf, den kennen wir eben aus den Heilungswegen von psychischen Erkrankungen. Das hat jetzt nicht nur die Sucht inne. Deswegen, warum finden wir das so schwer? Oder warum ist es gerade bei der Sucht so ein großes Thema, dieses einmal süchtig, immer süchtig? Dass es immer wieder so hart diskutiert wird,

24:23
weil diese Diskussion, ob man krank oder gesund ist, ich sehe sie nicht bei anderen psychischen Erkrankungen. Also warum bei der Sucht? Darüber möchte ich mit euch jetzt noch mal im nächsten Kapitel reden.

24:37
Und ich glaube, jetzt kommen wir zu einem ganz wichtigen Punkt, und zwar zu der Frage: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Heilung sprechen im Kontext von Sucht? Und ich finde, hier müssen wir als allererstes mal den Elefanten im Raum ansprechen. Denn Sucht hat die Besonderheit, dass es sich auf ein Verhalten bezieht,

24:58
das in unserer Gesellschaft sehr verbreitet ist, und zwar der Konsum von psychoaktiven Substanzen. Und Alkohol ist in unserer westlichen Gesellschaft wirklich allgegenwärtig, und selbst problematischer Konsum ist einfach sehr extremst normalisiert bei uns. Und nicht zu konsumieren, fällt auf, und das andauernd.

25:19
Und wenn man nun, ich bleibe jetzt mal beim Thema Alkohol, weil da wird es am offensichtlichsten, wenn wir nun von Alkoholkonsum sprechen und jemand hatte eine Abhängigkeitserkrankung mit Alkohol und entschließt sich zu einer Abstinenz und möchte gerne nüchtern bleiben, dann ist das etwas, was in unserer Gesellschaft gechallenged wird.

25:39
Also bei Rauchen ist das zum Beispiel nicht so. Bei Rauchen ist es so, dass, wenn jemand mit dem Rauchen aufhört, er sehr viel Props bekommt: „Ja, richtig geil, voll gut, dass du aufgehört hast, ist voll schädlich.“ Beim Alkohol ist das anders. Ich sage nur: „Wie, nicht mal ein Glas, nicht mal an Weihnachten, nicht mal an deinem Geburtstag? Aber ich heirate doch in drei Monaten,

25:59
dann trinkst du aber schon mit.“ Und was entsteht daraus? Das ist, glaube ich, relativ klar, denn in diesem Kontext wird der Status der Nüchternheit als krank gewertet. Und gleichzeitig wird auch der gesellschaftliche Ausschluss allgegenwärtig. Denn wenn man nicht mehr trinkt, ist es halt so in unserer Gesellschaft,

26:18
dass man in vielen Kontexten schwieriger stattfinden kann, weil entweder das Abhängen mit sehr betrunkenen Leuten keinen Spaß macht, weil Leute die eigene Nüchternheit nicht akzeptieren. Es gibt einfach ein gewisses Ausgrenzungsverhalten, wenn man komplett nüchtern ist und vielleicht auch nicht gerade so viele nüchterne Connections hat.

26:38
Und was daraus entsteht, ist dann im Prinzip eine Haltung: Das ist nur, wer normal trinken kann, der ist auch wirklich gesund. Und wenn wir das jetzt nehmen, dann ist es wohl so, dass Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung, die sich für ihre Heilung für eine Abstinenz entschieden haben, weil der Konsum eben für sie schnell problematisch wird, für immer krank sind,

26:57
weil sie ja nicht am normalen Konsum der Gesellschaft teilnehmen können. Und deswegen sind sie natürlich immer krank. Denn nur wer normal trinken kann, und ich hoffe, man hört die Anführungszeichen vom „normal“, der ist auch wirklich gesund. Und das heißt, wer nüchtern sein muss aufgrund einer Erkrankung, der ist dann auch immer krank. Aber könnte es auch nicht sein,

27:17
dass Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung für immer krank sein müssen, damit die konsumierende Gesellschaft weiter sich als gesund bezeichnen darf? Weil ich meine, das muss man sich halt auch mal überlegen, dass Menschen, die aufhören, psychoaktive Substanzen mit einem teilweise echt ordentlichen Schadenspotenzial zu konsumieren,

27:36
wir weiterhin als krank bezeichnen und auch darauf extrem bestehen. Ja, ich meine, schwere psychische Erkrankungen gehen mit einer Vulnerabilität einher, und das sorgt auch dafür, dass man sein Leben der Erkrankung anpassen darf, um eben Heilung und ein geregeltes Leben und ein gesundes Leben sich zu ermöglichen.

27:55
Und das haben wir bei wirklich vielen psychischen Erkrankungen. Das hat nicht nur die Sucht alleine inne. Doch was halt sehr auffällig ist, dass die Suchterkrankung eine ist, wo dieses einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker, einmal süchtig, immer süchtig, es so betont wird und mir das wirklich in ganz unterschiedlichen Kontexten immer wieder begegnet.

28:14
Deswegen möchte ich diesen Gedankengang gerne mit der Frage beenden: Ist die Person krank, die sich auf den Weg gemacht hat, ihre problematischen Konsummuster zu überwinden, oder ist die Gesellschaft krank, die genau diesen Weg nicht würdigt, ihn teilweise verhindert,erschwert und abwertet? Die immer eine gute Erklärung braucht, warum jemand bei diesem Konsumgame nicht mitmacht.

28:36
Nur eben, um in einer Illusion zu verweilen, dass das Konsumverhalten, das wir als Gesellschaft als normal bezeichnen, auch wirklich normal bleiben kann.

28:48
Puh, Freunde, das war am Ende ein bisschen emotional, aber ihr merkt vielleicht auch ein bisschen, mich fuchst das Thema ein bisschen, weil ich das auch einfach nicht nachvollziehen kann, warum gerade die Sucht so hardcore in der Diskussion auf so eine pathogenetische Sichtweise beharrt.

29:10
Also die Sucht beharrt da nicht drauf, die Menschen beharren da drauf und dass diese Krankheit im Vordergrund steht und dass Menschen mit Suchterfahrung, die sagen, sie fühlen sich gesund, ihnen das abgesprochen wird. Wie irre ist das denn? Dass Menschen, die sagen: „Hey, mir geht es super, ich habe mich aus meiner Erkrankung rausgearbeitet,ähm, ich bin nüchtern,

29:31
ich bin zufrieden nüchtern, das passt für mich so, ich passe auf mich auf, ich sehe vielleicht manchmal noch Herausforderungen, da gehe ich gut mit mir um und manchmal bin ich auch down und manchmal habe ich ein bisschen mehr Druck, aber alles in allem geht es mir gut, ich bezeichne mich nicht mehr als krank.“ Dass es Menschen gibt, die hingehen und sagen: „Nee, nee, süchtig bist du aber schon für immer, das kannst du jetzt nicht einfach sagen,

29:51
dass du gesund bist.“ Doch der Wahnsinn, das muss man sich mal vorstellen. Und was mir vielleicht an dem Punkt noch sehr wichtig ist, auch gerade noch mal zum Schluss zu sagen: Eine Suchterkrankung kann sich sehr stark chronifizieren, kann sehr schwer sein und kann einen unfassbar langen Behandlungs- und Leidensweg mit sich bringen.

30:10
Und das möchte ich mitnichten irgendjemanden absprechen. Und ich spiele das an diesem Punkt auch immer an die Personen selbst, die betroffen sind, zurück, sich hier ihre Deutungshoheit selbst zu schaffen. Es gibt viele Menschen, denen es hilft, sich ein Leben lang als Alkoholiker zu bezeichnen,

30:30
auch wenn sie schon jahrelang nüchtern sind, denen dieses Sucht ist chronisch und das begleitet mich jetzt auch mein Leben lang, dass es denen eine sehr sinnvolle Erklärung auch gibt für Suchtdruck, dafür auch, dass vielleicht manche Situationen besonders herausfordernd sind oder auch eine gewisse Ruhe gibt, weil man an gewissen Teilen im Alltag nicht mehr teilhaben kann.

30:52
Aber es ist auch so, dass Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen, dass es häufig ein sehr großes Spektrum an Schwere der Erkrankung eben auch mitbringt und es häufig ein sehr individueller auch Heilungsprozess ist. Und für mich ist es eh so, auch für mich ganz persönlich in meinem eigenen Leben,

31:11
dass ich krank und gesund nicht als zwei Seiten sehe, gerade was die psychischen Erkrankungen angeht. Ich habe das ja auch,ähm, mal in einer anderen Podcastfolge erzählt, dass ich selbst,äh, psychisch erkrankt bin und in Behandlung war und auch meine Zeit gebraucht habe, da wieder wegzukommen. Und ich merke auch die Vulnerabilität und auch die Veränderungen in meinem Leben,

31:31
die ich aufgrund dieser Erfahrung machen musste. Und trotzdem würde ich sagen, ich bin gesund. Und das liegt auch viel daran, dass ich eben Gesundheit und Krankheit eher als Spektrum sehe und dass man eben mehr in die eine Richtung gehen kann oder auch mehr in die andere Richtung geht. Salutogenese haben wir hier auch schon öfters im Podcast gesprochen,

31:51
dass sozusagen,ähm, die Range eher, also dass es eher als Range gesehen wird, wo man krank und gesund ist und dass es einfach nicht nur zwei Stati gibt: krank und gesund. Und das finde ich auch für mich persönlich auch das viel sinnvollere Sichtweise auf das Thema, das nicht so starr zu sehen. Denn grundlegend sind ja gerade so sehr enge dichotome Konzepte,

32:11
die nur zwei Möglichkeiten offenlassen, überhaupt nicht alltagstauglich, weil wir halt in einer sehr bunten, unterschiedlichen Welt leben, die halt auch unterschiedliche Aspekte mit sich bringt und dass es bei jedem sich auch einfach anders auszeichnen kann. Deswegen würde ich mich sehr freuen, wenn aufgehört wird, Betroffenen ihre Erfahrung abgesprochen wird,

32:33
sei es, dass sie sagen, sie sind gesund, oder sei es, sie haben die Haltung oder die Erfahrung, dass sie sich ein Leben lang krank fühlen, weil das ist, wie sie ihre Erkrankung und ihren Heilungsweg und ihren Status selbst wahrnehmen. Und dadurch, dass es sich gerade bei dem Thema fast mehr oder eigentlich mehr um ein philosophisches Thema handelt,

32:54
und zwar: Wie bestimmen wir Krankheit und Gesundheit? Können wir nicht sagen: Die Wissenschaft sagt, du bist für immer suchtkrank? Das gibt es einfach nicht her. Und ich finde, mit diesem Gedanken schließen wir die Folge für heute ab. Ich bin total gespannt auf eure Meinung. YouTube, Spotify, gibt es Kommentare?

33:10
Lasst mir gerne für den Podcast auch ein Like da oder folgt ihm oder empfiehlt ihm jemanden, fände ich super. Und dann hören wir uns sehr bald in der nächsten Folge wieder. Ich freue mich. Bis dann. Tschüss.


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