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Geistige Behinderung und Sucht

Menschen mit geistiger Behinderung können Substanzen aus denselben Gründen konsumieren wie andere Menschen auch: aus Neugier, zur Entspannung, gegen Langeweile, zur sozialen Zugehörigkeit oder um Belastungen zu regulieren. Gleichzeitig können bestimmte Lebensbedingungen den Umgang mit Konsum erschweren. Dazu gehören eine stärkere Abhängigkeit von Unterstützungssystemen, eingeschränkte Möglichkeiten zur Selbstregulation und die Erfahrung, im Alltag immer wieder von gesellschaftlichen Normen abzuweichen. Gerade der Wunsch, erwachsen und „normal“ zu sein, kann dazu führen, dass Alkohol oder andere Substanzen eine besondere Bedeutung bekommen.

Im Gespräch mit Thomas Abel und Tobias Löhrke geht es darum, wie geistige Behinderung verstanden und diagnostisch eingeordnet wird und was bei einer Substanzgebrauchsstörung zusätzlich berücksichtigt werden muss. Die Folge spricht über Entwicklungsstände, Selbstbestimmung, den Übergang in ambulante Wohnformen und darüber, warum Suchthilfe und Behindertenhilfe lange weitgehend getrennt voneinander gearbeitet haben. Für die Beratung sind vor allem kleinschrittiges Vorgehen, Wiederholungen, verständliche Sprache, kreative Methoden und die Zusammenarbeit mit Bezugsbetreuungen wichtig. Deutlich wird: Menschen mit geistiger Behinderung brauchen keine grundsätzlich andere Suchthilfe, sondern eine Beratung, die ihre individuellen Möglichkeiten ernst nimmt, verständlich arbeitet und bestehende Unterstützungssysteme sinnvoll einbezieht.


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Geistige Behinderung und Sucht

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PODCAST-METADATEN
Folge: 65
Erscheinungsdatum: 20.04.2023
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Geistige Behinderung und Sucht
Sprecher: Stefanie Bötsch, Thomas Abel, Tobias Löhrke
Typ: Transkript

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Transkript Beginn

00:02

Geistige Behinderung und Substanzgebrauchsstörung. Ein Thema, bei dem es so viele Berührungsängste gibt.

00:10

Ich habe tatsächlich durch Zufall mich relativ früh in meiner Beratungspraxis mit dem Thema beschäftigt und hatte auch Fortbildungen zu dem Thema und bin froh, dass wir in der heutigen Folge die zwei Hauptverantwortlichen meiner Fortbildung im Interview haben. Heute sprechen wir erstmal im ersten Schritt ganz allgemein darüber, was geistige Behinderung eigentlich ist, wie diese diagnostiziert wird und wie der Alltag von Menschen mit geistiger Behinderung ausschaut.

00:35

und tauchen dann in das Thema Substanzgebrauchsstörung ein. Was es für Besonderheiten gibt, wie sich diese entwickelt, auf was man achten muss und gehen aber auch wirklich am Ende darauf ein, wie so die Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung wirklich explizit in der Suchthilfe ausschauen kann. Ich selbst habe Erfahrung, meine Interviewgäste haben da noch ein bisschen mehr Erfahrung und ich freue mich mit euch eben dieses Wissen heute teilen zu dürfen.

01:01

Falls euch mein Podcast gefällt, falls ihr den gerne hört, liked ihn gerne, lasst gerne ein Follow da, kommentiert ihn oder schreibt eine Bewertung. Ich freue mich riesig darüber und nun viel Spaß beim Hören.

01:32

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Psychoaktiv. Wie der Titel schon verrät, geht es heute um geistige Behinderung und Sucht. Ein Thema, wo sich vielleicht viele noch gar nicht so viel Gedanken drüber gemacht haben.

01:48

Ich habe das Thema tatsächlich schon relativ früh in meiner Beratungspraxis gehabt und zwar tatsächlich, glaube ich, war ich im zweiten Monat in der Fortbildung, weil mein Träger Jugendberatung Jugendhilfe e.V. eben sich ein Projekt angeeignet hat und zwar das Projekt Aktion Beratung einfach gut beraten, wo es genau um dieses Thema geht.

02:10

Und weil ich halt am Anfang meiner Arbeit ein bisschen mehr Zeit hatte, bin ich auch in diese Fortbildung gegangen und musste mich oder durfte mich eher sehr früh mit diesem Thema beschäftigen, was tatsächlich mich vor allem auch am Anfang, wo ich noch gar nicht so viel Beratungspraxis hatte, auch vor viele Fragezeichen gestellt hat, war auch ein bisschen unsicher in dem Thema, bin ich teilweise immer noch, habe mich inzwischen deutlich mehr mit dem Thema beschäftigt.

02:34

Umso mehr freue ich mich, dass wir heute im Podcast über dieses sehr wichtige Thema sprechen, das immer noch sehr wenig Aufmerksamkeit bekommt.

02:42

Und ich habe heute auch als kleine Premiere mein erstes Dreierinterview. Die zwei Hauptverantwortlichen für die damalige Fortbildung hier bei mir. Und zwar Thomas Abel, er ist Projektkoordinator von Aktionenberatung und Tobias Lörke. Er arbeitet bei EFIM, das ist Betreutes Wohnen in Hattersheim für Menschen mit geistiger Behinderung.

03:04

und ist eben auch Teil, also EFIM ist auch Teil dieses Projekts. Hi, schön, dass ihr da seid. Hallo. Im ersten Teil möchte ich erstmal ein bisschen mit euch darüber reden, was geistige Behinderung eigentlich so genau ist und was man sich darunter vorstellen kann. Und ich glaube, Tobi, da bist du der absolute Fachmann drin. Kannst du uns vielleicht mal ein bisschen erklären, wie eine geistige Behinderung überhaupt diagnostiziert wird? Ja, also…

03:28

Was bezeichnend ist für eine geistige Behinderung, ist, dass es die geistige Behinderung eigentlich gar nicht so gibt, sondern dass die Bandbreite einfach total riesig ist, wie sich das Ganze dann im Endeffekt zeigt. Und das sieht man eben bei uns in der Arbeit auch deutlich, dass wir eben mehr darauf schauen, auf den einzelnen Menschen und wie sich die geistige Behinderung ausdrückt, was für Verhaltensweisen da sind, was für Hilfebedarfe eben da sind.

03:54

Ja, und auch was für Stärken da sind. Darauf gucken wir halt individuell, weil es wirklich schwierig ist, den einen geistig behinderten Menschen irgendwie so darzustellen. Und nur den gibt’s. Diagnostiziert wird es in der Regel ganz klassisch über einen IQ-Test. Da gibt’s dann verschiedene Abstufungen, wie stark eine geistige Behinderung eingestuft wird oder ob es noch als eine Lernbehinderung gilt. In der Regel sagt man, ab einem IQ von 50 liegt schon eine schwere geistige Behinderung vor. Das ist so der klassische Weg.

04:22

Wobei man so in der Realität gemerkt hat, dass nur das alleine in der Regel nicht ausreicht. Da das auch noch ganz stark darauf ankommt, wie der Mensch im Alltag sich anpassen kann. Und das lässt sich nicht unbedingt nur über einen IQ darstellen. Deswegen ist man heutzutage eigentlich dazu übergegangen, dass man einen IQ-Test macht, um eben so diese klassischen kognitiven Fähigkeiten abzufragen. Aber dass man eben auch individuell auf die Person nochmal genau guckt,

04:48

Wie kann sie sich im Alltag bewegen? Wie selbstständig kann sie da sein? Da es eben in der geistigen Behinderung ganz oft so ist, dass in den verschiedenen psychologischen Entwicklungsbereichen Menschen sich da auch ganz unterschiedlich entwickeln. Und so kann es zum Beispiel sein, dass ein Mensch

05:05

von seinen kognitiven Fähigkeiten deutlich über einem IQ liegt von 50, 60, 70 so, aber zum Beispiel in seinen emotionalen Anpassungsleistungen viel stärker eingeschränkt ist und es ihm der Alltag dadurch viel mehr erschwert wird und deswegen muss man da eben ziemlich genau schauen.

05:21

Du hast ja gerade gesagt, dass ihr die Menschen individuell anschaut. Ich habe mir aus deiner Fortbildung gemerkt, dass man eben die Menschen mit geistiger Behinderung auch an verschiedenen Entwicklungsstufen einschätzt. Also man schaut, in welchem Entwicklungsalter, in welchem Entwicklungsstand sie, kann man da stehen geblieben sein?

05:44

Magst du da vielleicht ein bisschen tiefer eintauchen oder habe ich das auch noch richtig in Erinnerung? Ja, das hast du richtig in Erinnerung. Das ist so das Denkmodell, sage ich mal, mit dem wir arbeiten und was mir gezeigt hat in der Praxis, in der langjährigen Praxis, dass es halt auch wirklich sehr gut funktioniert, dieses Denkmodell.

06:04

Und genau die Idee dahinter ist, dass jeder Mensch ja eine psychologische Entwicklung durchläuft, die sehr universell ist und zu allen Zeiten und überall auf der Welt gleich abläuft. Also sie lässt sich stabil überall nachweisen. Unser Hirn hat sich ja in den letzten Jahrhunderten, Jahrtausenden wenig verändert. Das heißt, das war schon vorhanden.

06:24

vor tausend Jahren in Afrika, genauso wie 2023 in Wiesbaden, dass das menschliche Gehirn einfach Entwicklungen durchläuft, die sehr stabil nachweisbar sind. Und bei Menschen mit einer geistigen Behinderung ist es häufig so, dass die psychologische Entwicklung ab einem bestimmten Punkt, so wie du sagst,

06:45

und der Mensch dann in dieser Entwicklungsstufe verharrt, was dann eben zu individuellen Entwicklungsaufgaben führt, die der Mensch dann in dieser Entwicklungsstufe absolvieren muss. Bei einem Mensch, bei dem die psychologische Entwicklung sich auswirkt,

07:00

in Anführungszeichen gesund weiterentwickelt, ist diese Entwicklungsstufe irgendwann abgeschlossen mit den Entwicklungsaufgaben, die er da zu bewältigen hatte. Bei einem Menschen mit einer geistigen Behinderung passiert das eben nicht. Er bleibt und verhaftet in dieser Stufe und braucht dann immer Begleitung wie der Mensch in dieser Entwicklungsstufe. Und das führt dann eben oft dazu, dass der Mensch falsch eingeschätzt wird, weil wir es eben so in

07:23

Unserem Alltag und wenn wir uns nicht mit diesen Themen beschäftigen, halt ganz oft so haben, dass wir dann halt diese Verhaltensweisen nicht mehr mit einem Mensch verbinden, der dann irgendwann 50, 60 Jahre alt ist, zwei Meter groß ist, 100 Kilo wiegt und einfach eine ganz andere Erscheinung ist als zum Beispiel ein dreijähriges Kind. Dass dieselben Verhaltensweisen zeigt, wo wir intuitiv darauf eingehen, das passiert dann eben bei den Menschen häufig nicht mehr und wir schätzen dann halt Verhalten ganz anders ein.

07:50

Ja, vor allem, wenn ich auch aus meiner eigenen Praxis denke, ich auch zwei Menschen mit einer geistigen Behinderung begleite. Auch der Punkt, was ich auch gemerkt habe bei meiner eigenen Lehrerin, die es auch sehr gut geschafft hat zu überspielen,

08:02

wie wenig sie auch mitbekommt oder auch es sehr gut schafft, so im ersten Kontakt wirklich so zu agieren, als würde ich mit einer 50-jährigen Frau sprechen und erst dann wirklich mit ihr einsteigen in die Arbeit, man immer mehr rausbekommt, wie eingegrenzt eigentlich ihre Möglichkeiten an vielen Stellen sind.

08:21

Ich tue mir da relativ schwer noch, weil das auch wirklich eher Ausnahmen sind von meinen Klienten. Ihr als Profis im Betreutenwohnen für Menschen mit geistigen Behinderungen, wie findet ihr das raus oder bekommt ihr das schon als Diagnose im Prinzip IQ 60 gerade im vierten Lebensjahr stehen geblieben? Nein, so schön bekommen wir es meistens nicht. Also zum einen ist das viel Erfahrung und viel Zeit, die wir mit den Menschen einfach verbringen. Ich denke mal, bei dir ist es ja so, dass die sehr punktuell dann zu dir kommen.

08:48

Und wir erleben das ganz oft, wenn wir dann mit unseren Klienten irgendwo sind, wo sie sich zum Beispiel mal kurz präsentieren wollen, müssen, wie auch immer, dass sie sehr viel Energie darauf verwenden, das eben zu maskieren, weil sie so im Laufe ihres Lebens gelernt haben, okay, so soll ich halt irgendwie nicht sein. Und gerade wenn sie sich lange schon in Helfersystemen oder so bewegen,

09:10

schon auch gelernt haben, sich anzupassen, was sie aber unheimlich viel Energie kostet. Also das merken wir dann, wenn wir viel Zeit mit den Klientinnen verbringen, ganz häufig, dass die dann eine Stunde oder so in einem Beratungstermin wirklich versuchen, alles abzurufen, was sie irgendwie können und danach total zusammenbrechen, weil es sie einfach so viel Kraft gekostet hat, ein Bild aufrechtzuerhalten von einem Leistungsstand, den sie eigentlich gar nicht haben.

09:37

Das kann ich mir auch vorstellen, dass das sehr anstrengend ist. Wenn wir jetzt darüber nachdenken, dass wir eben in verschiedenen Entwicklungsstufen, dass eben diese Personen stehen bleiben. Passiert dann in diesen Entwicklungsstufen was oder hat man allgemein eine verzögerte Entwicklung, die dann irgendwann stoppt? Also ist es dann, sagen wir schon, dass eine Vierjährige eher sich schon wie eine Einjährige noch verhält und dann irgendwann, sagen wir mal bei acht, macht es dann einen Cut, aber dann ist die Person nicht acht, sondern vielleicht schon 15.

10:07

Oder ist es dann sozusagen eine normale Entwicklung und mit acht ist Cut? Wie kann ich mir das vorstellen? Also es ist natürlich zum einen nie so lehrbuchmäßig ganz klar. Wie gesagt, wir haben diese verschiedenen Entwicklungsbereiche, wo die Menschen sich auch sehr unterschiedlich entwickeln. In manchen Bereichen sind sie dann vielleicht schon viel weiter, in anderen stoppen sie schon früher. Das führt dann oft zu Problemen der Einschätzung, weil wir das eben gewohnt sind, dass wir von dem einen aufs andere schließen, ja.

10:34

Und das ist eben auch gerade ein Zeichen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung, dass da die Entwicklung nicht sehr parallel abläuft. Also es gibt Klienten als Beispiel, die kognitiv sehr fit sind, die immer über die tagespolitischen Themen Bescheid wissen, die die Zeitung lesen, mit denen man erstmal kommuniziert und denkt, der hat sein Leben komplett im Griff, merkt dann aber mit der Zeit, wenn man zum Beispiel drei Minuten zu spät zum Termin kommt, dass dieser Mensch komplett zusammenbricht.

11:03

und die Welt nicht mehr versteht und sich total einsam fühlt und überhaupt gar nicht antizipieren kann, was jetzt passiert und ganz schnell in eine emotionale Krise rutscht. Und da merkt man, da ist eben der Entwicklungsstand viel früher gestoppt. Also es ist eine sehr fluide Angelegenheit.

11:19

Und dann ist eben immer die Frage, mit dem sich in dem Bereich viel beschäftigt wird, kann eben noch eine Nachreifung stattfinden? Also ist das praktisch in Stein gemeißelt, dass dann die Entwicklung gestoppt ist und dann geht es nicht weiter? Da gibt es verschiedene Haltungen dazu. Es gibt die Menschen, die sagen, das ist unveränderbar. Wenn einmal da ein Stopp passiert ist, geht das nicht weiter. Und wir können das im Endeffekt dann nur so gut wie möglich begleiten und die Menschen in dieser Entwicklungsstufe unterstützen. Und es gibt eben die Haltung, die sagt,

11:48

In jeder Entwicklungsstufe gibt es irgendwie eine Entwicklungsaufgabe, die geleistet werden muss, damit sich dann der Sprung in die nächste Entwicklungsstufe funktionieren kann. Als Beispiel, wir kennen alle die Trotzphase oder Symbiose-Autonomie-Konflikt, wie wir sagen, bei Kindern so im Kindergarten oder vor dem Kindergartenalter, wo die einfach immer wieder ausrasten.

12:11

an der Kasse, die Quengelware, die Süßigkeiten wollen, sich auf dem Boden herumschmeißen und immer wieder diese Konflikte produzieren, um im Endeffekt Grenzen gezeigt zu bekommen und in diesen Grenzen zu merken, dass sie trotzdem geliebt werden. Das ist eine Entwicklungsaufgabe, die sie immer wieder machen müssen. Das heißt, sie müssen zu der Zeit immer wieder Krisen produzieren.

12:33

Und wenn das aber irgendwann mal praktisch sich im Hirn eingeschliffen hat und da stabile Bahnen gebaut sind, ich kann diese Krisen produzieren, ich kann ausrasten, ich kann irgendwie versuchen, meine Autonomie durchzusetzen und trotzdem bleibe ich verbunden in Liebe, in dem Fall mit meinen engsten Bezugspersonen, Mama, Papa. Wenn ich das oft genug reproduziert habe und erlebt habe und das stabil sich verankert hat,

12:55

dann kann ich in die nächste Entwicklungsstufe kommen. Bei Menschen mit einer geistigen Behinderung zum Beispiel, die dann in so einer Entwicklungsstufe stoppen, gibt es dann eben, wie schon gesagt, die Haltung, die bleiben immer in dieser Stufe und man muss ein Leben lang mit denen immer wieder arbeiten und sie unterstützen, wie sie in diesen Krisen vorankommen. Es gibt aber eben auch die Haltung, die sagt, wenn wir es schaffen, diese Entwicklungsaufgabe mit den Menschen adäquat immer wieder zu bearbeiten, haben die auch die Möglichkeit,

13:20

nochmal einen Stufensprung zu machen und in die nächste Entwicklungsstufe zu kommen. Die Schwierigkeit ist eben oft nur, kannst du dir vorstellen, wenn eben der Mensch dann nicht mehr drei ist, sondern 50 und dann immer wieder diese Krisen produziert, explosiv wird, dass das dann eben schwierig wird, das immer wieder aufzufangen und das auch richtig zu interpretieren und auch die richtige Antwort zu geben auf diese Entwicklungsaufgabe. Weil

13:42

Ein Kind werden wir dadurch begleiten und mit unserer Liebe irgendwie unterstützen und es wird natürlich immer schwieriger, wenn der Mensch dann erwachsen ist, ihm trotzdem immer wieder zu vermitteln, du bist richtig so und wir begleiten dich durch diese Krise und du wirst trotzdem geliebt und unterstützt auch in deinen Problemen da.

14:00

Ja, und ich stelle mir auch vor, dass es ja auch eigentlich ein systemisches Problem mit sich gibt, weil Eltern sind im besten Fall immer Eltern und da gehen wir mal von diesem Szenario aus. Arbeitskräfte sind im Urlaub, sind plötzlich krank, also von einem Tag zum anderen nicht mehr da, am schlechtesten Fall gerade nach so einem Trotzausbruch, wechseln.

14:21

Wechselt den Job, gibt ja viele Punkte und da stelle ich mir das dann ja nochmal schwerer vor, wenn man diese Phase unterstützen möchte, aber halt einfach selbst erstmal nur in ganz großen Anführungszeichen Arbeitskraft ist und eben nicht die Eltern. Richtig, genau so ist es auch. Es ist extrem schwierig, das praktisch nachzustellen, was eigentlich das natürliche Bedürfnis ist, was diese Menschen brauchen, das in einem professionellen Kontext nachzubauen. Das ist extrem schwierig.

14:47

Hast du es denn schon mal erlebt in deiner Praxis, dass jemand in die nächste Entwicklungsstufe gesprungen ist? Ja, tatsächlich. Also deswegen gehöre ich auch zu den Menschen, die sagen, dass das funktionieren kann. Also natürlich nicht immer, aber das kann funktionieren. Und meine Beobachtung ist so, dass gerade Klientinnen, die relativ früh die Möglichkeit bekommen, zum Beispiel sich vom Elternhaus zu lösen…

15:10

und ihren eigenen Weg zu gehen, dass da noch sehr viel Potenzial da ist. Und da habe ich das schon mehrfach erlebt, wenn wir wirklich erkannt haben, was sind so diese Entwicklungsaufgaben und da immer auch sehr darauf geachtet haben, die richtigen Antworten auf dieses entwicklungslogische Verhalten zu geben, das die Menschen da gezeigt haben, dass es da wirklich eine massive Entwicklung teilweise geben kann.

15:33

Dann würde ich gerne nochmal eine ganz grundlegende Frage stellen. Wie entsteht eigentlich eine geistige Behinderung? Ja, da gibt es viele verschiedene Faktoren. Der Hauptfaktor sind eigentlich Gendefekte und Veränderungen der Chromosomen, die auch meist spontan mutieren, während der Schwangerschaft schon im Mutterleib. Das ist eigentlich so mittlerweile die Hauptursache von geistiger Behinderung.

15:57

Was auch vorkam früher, was mittlerweile eigentlich jetzt gerade im europäischen Bereich praktisch ausgemerzt ist, ist jetzt eine Unterversorgung der schwangeren Mutter. Eisen zum Beispiel, also Eisenmangel führt auch zu geistigen Behinderungen. Was wir noch haben, interessant in dem Rahmen vielleicht, was ich auch schon öfters in der Praxis mitbekommen habe, ist Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft.

16:22

Und was wir auch haben, sind halt hirnorganische Schädigungen, die halt im Nachhinein erst entstehen. Durch Unfälle, was wir auch immer mehr jetzt haben, durch Flüchtlinge, eben Kriegsverletzungen, die jetzt zum Beispiel Schläge bekommen haben auf den Kopf, Schädelverletzungen oder halt auch Dinge wie zum Beispiel ein Hirnaneurysma, das eben zu einer Intelligenzminderung auch führen kann und man da auch vom IQ her in den Bereich von der geistigen Behinderung kommen kann.

16:47

Ich würde gerne an dem Punkt mit dem Alkohol kurz einhaken. Da ist ja sozusagen die Folge das fetale Alkoholsyndrom. Und im Prinzip kann ich mir das dann so vorstellen, dass das fetale Alkoholsyndrom, das ja auch eine IQ-Minderung mit sich zieht, einfach in dieses Dach von geistiger Behinderung mit rein zählt. Sehe ich das richtig? Ja, genau. So würde ich sagen, kann man es sagen. Also wenn man geistige Behinderung als so den großen Überbau sieht, ja.

17:12

Klar ist, dass von der Diagnostik her ja geistige Behinderung, geistige Beeinträchtigung ja pränatale Ursachen hat, während alle anderen Intelligenzminderungen ja dann postnatal entstehen. Richtig. Gerade auch diese benannten Themen jetzt wie hirnorganische Schädigungen, die jetzt irgendwie durch Unfälle passieren, Kriegsverletzungen, durch was auch immer. Diese Menschen fallen auch nie in den Personenkreis der geistigen Behinderung, sondern das gilt dann als eine Körperbehinderung.

17:40

Okay, also das zählt nicht in den Personenkreis der geistigen Behinderung. Trotz allem reden wir von ähnlichen Herausforderungen und die würden, um es mal so zu sagen, auch bei dir im betreuten Einzelwohnen für Menschen mit geistiger Behinderung landen.

17:51

Schwierig zu sagen, weil sich die Personenkreise ja immer mehr überschneiden. Wir betreuen ja auch Menschen mit einer Körperbehinderung. Deswegen lässt sich das oft gar nicht so klar abgrenzen. Die Realität ist halt auch immer nicht so klar, so ganz eindeutig abgrenzbar. Also wir haben auch viele Menschen, die zeigen das Verhalten selbstverständlich.

18:11

einer geistigen Behinderung, sind aber eigentlich dem Personenkreis Körperbehinderung zugeschrieben, haben aber auch eine psychische Erkrankung noch zusätzlich aufgefropft. Es geht immer darum, erstmal so zu gucken, weil ja der Mensch will ja immer alles irgendwie in irgendwelche Formen bringen, was da so die vorrangige Beeinträchtigung ist oder was den Menschen am meisten beeinträchtigt.

18:33

Aber die Realität ist eben so, dass das dann halt multiperspektivisch ist und viele Sachen dann einfach zusammenspielen. Kurz ist es einfach auch so ein komplexes Thema, dass wir uns auch einfach damit anfreunden müssen, dass es halt auch nur bedingt funktioniert, ein Schubladendenken anzuwenden, vielleicht zur Orientierung, aber nicht zur Absolution. Richtig. Magst du uns vielleicht noch kurz zum Schluss dieses Themenblocks mal mitnehmen, wieso dein Arbeitsalltag oder beziehungsweise auch der Alltag

19:01

von Menschen mit geistiger Behinderung ausschaut, die gerade ins betreute Einzelwohnen eingegliedert sind? Also ein Großteil der Menschen mit geistiger Behinderung sind in den Werkstätten für geistig behinderte Menschen erstmal so in den Arbeitsmarkt eingebunden. Das macht einen Großteil unserer Klientinnen, dass sie tagsüber erstmal in die Werkstatt gehen, was für die meisten auch

19:22

ziemlich okay ist. Also vielen geht es da jetzt gar nicht so um die konkrete Arbeit, die sie tun, sondern dass sie da eine Tagesstruktur haben, dass sie da Menschen haben, die sie einfach kennen, dass sie da Sozialkontakte pflegen, weil das Klientel oft Schwierigkeiten hat, selbst soziale Kontakte irgendwie zu gestalten im Privatleben und das ist dann so der Rahmen, wo sie die Möglichkeiten haben. Da haben sie so ihre Freunde, teilweise auch Beziehungen, die häufig nur im

19:48

Werkstattbereich überhaupt stattfinden. Das findet meistens so tagsüber statt und danach im betreuten Wohnen ist es so, dass die Menschen ja dann relativ selbstständig leben in ihrer Eigenwohnung, die sie auch selbst angemietet haben und nach der Werkstatt dann in ihre Wohnung gehen und wir dann dort Termine mit ihnen haben und da gucken, wie wir mit ihnen halt den Alltag gestalten können, so dass sie halt gut selbstständig leben können.

20:12

Und da ist der Hilfebedarf ja einfach sehr unterschiedlich. Das wird ja im Vorfeld mit den Menschen genau besprochen, wo sie so ihre Stärken haben, wo sie Unterstützung brauchen. Und das wird dann individuell mit den Menschen dann angegangen. Bei EFIM gibt es ja auch stationäre Wohnformen. Bin mir nicht ganz sicher, ob du auch zusätzlich in einer stationären Wohnform arbeitest? Nein. Nein. Ich hoffe, ich kann trotzdem eine Frage in die Richtung stellen. Und zwar, wann…

20:38

sind denn Menschen nicht mehr in der Lage, alleine zu wohnen, sondern sind wirklich auf eine stationäre Wohnform angewiesen? Auch schwierig allgemein zu sagen. Ziel ist es ja schon immer, die Menschen in einem möglichst autonomes, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Und dann ist natürlich immer so die Frage der Haltung. Erstmal hat da jeder Menschen Recht drauf,

20:58

selbstständig und frei zu leben und sich da so nach seinen Möglichkeiten zu entwickeln. Und von meiner Haltung her aus ist das auch sehr weit gefasst. Also der Mensch muss da nicht irgendwie in einer perfekten Traumwohnung leben, alles immer ordentlich haben und alles irgendwie normgerecht und gesellschaftsmäßig angefasst hinbekommen, um da alleine zu sein.

21:18

und selbstständig leben zu können. Also Ziel sollte es meiner Meinung nach schon immer sein, dass der Mensch das möglichst kann, solange er es natürlich auch möchte. Wir haben Klientinnen, die dann auch sagen, ich wünsche mir einfach mehr Unterstützung oder auch einen engeren Rahmen, als dass ich das jetzt in einem betreuten Wohnen haben kann und möchte gern so diese Sicherheit und den Rahmen von einer

21:41

besondere Wohnform, wie man es ja mittlerweile nennt. Das kann ein Grund sein. Oder wenn der Mensch natürlich schon stark verwahrlost. Also wenn das wirklich ein Punkt erreicht ist, wo jetzt gesundheitliche Schäden entstehen. Aber selbst da ist es ein weites Feld, weil die Menschen haben ja ein Recht darauf, selbstbestimmt zu leben. Und das kann halt auch bis in die Verwahrlosung gehen. Also hauptsächlich geht es halt um den Wunsch der Klientin, wie sie leben wollen. Ja.

22:06

Ja, und ich glaube, das ist halt eben auch ein sehr wichtiger Punkt, den man auch an Punkten von betreuten Einzelwohnen, finde ich, für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen kennt. Dass sozusagen man immer versucht, einen Standard anzulegen, den man nur als gesellschaftlich akzeptieren macht. Aber das Leben ist flexibel und es gibt auch Menschen außerhalb von betreuten Einzelwohnenden, die vielleicht in Situationen leben, die man persönlich nicht unbedingt zu Hause haben möchte, aber für die völlig okay ist. Und das Recht hat eben jeder, auch jemand, der in einer Hilfsform ist.

22:35

Und auch jemand, der eine geistige Behinderung hat. Eine letzte Frage habe ich jetzt doch noch, bevor wir in das Thema Substanzgebrauchsstörungen starten. Und zwar hattest du ja gerade auch erwähnt, da kommen Klienten und Klientinnen zu euch und die haben auch manchmal da noch eine psychische Erkrankung draufgepfropft, war glaube ich das Wort. Wie ist die Komorbidität von psychischen Erkrankungen mit einer geistigen Behinderung einzuschätzen?

23:01

Also Menschen mit einer Geistigbehinderung haben eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit, auch eine psychische Erkrankung zu entwickeln.

23:10

Das hängt vermutlich auch stark damit zusammen, durch die Ich-Funktionsstörungen, die halt einfach im Zusammenhang stehen mit dieser psychologischen Entwicklung, die irgendwann stoppt, dass ihnen ganz oft verschiedenste Formen fehlen, mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen und dadurch eben auch eine psychische Erkrankung häufig mit dazukommt. Also ihnen fehlen ganz viele Filtermöglichkeiten, Reizschutz, überhaupt Adaptionsfähigkeiten und das führt halt dazu,

23:36

dass sie stärker belastet sind. Sie haben häufig nicht die Möglichkeit, das irgendwie zu kompensieren, bewegen sich nicht in einem Rahmen, wo sie die Möglichkeiten haben oder können sie auch gar nicht für sich irgendwie kognitiv entwickeln. Und dadurch entsteht häufig auch eine psychische Erkrankung obendrauf eben noch.

23:52

Da drängt sich jetzt tatsächlich bei mir noch eine Frage auf, wenn ich an die Entwicklungsstufen denke, frage ich mich ja schon, welche Therapeuten, Therapeutinnen sind denn eigentlich am besten darauf vorbereitet, genau in solchen Entwicklungsstufen zu therapieren und das sind für mich die Kinder- und Jugendtherapeuten. Ist es denn dann so, dass ich eine 40-jährige Person zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten schicke?

24:15

Das ist ein komplexes Thema, mit dem wir uns eigentlich schon seit etlichen Jahren beschäftigen und jeden, den du fragst in dem Bereich, sagt, wir brauchen irgendwie therapeutische Unterstützung für unsere Klienten und sie fehlt einfach komplett. Eben aufgrund der Schwierigkeiten mit dieser kognitiven Einschränkung und Therapie, die eben ganz oft auch darauf aufbaut, dass der Mensch kognitiv in der Lage ist, Dinge für sich zu reflektieren.

24:39

und auch irgendwie zu stabilisieren und für sich zu entwickeln gemeinsam, fällt halt bei unseren Klienten ganz oft weg. Und wir suchen eigentlich immer händeringend nach Therapiemöglichkeiten und nehmen auch Kontakt auf zu Therapeutinnen, Kinder und Jugend, Psychotherapeutinnen. Ganz, ganz viele trauen sich es nicht zu, Menschen mit einer geistigen Behinderung zu therapieren.

25:02

Ich kann mir auch vorstellen, dass das rein rechtlich auch schwierig wird, wenn Kinder- und Jugendpsychotherapeuten offiziell bis 21, ich glaube in Ausnahmefällen auch bis 25, irgendwie sowas, bitte nicht drauf festnageln. Dass es dann auch wahrscheinlich rechtlich schwierig wird, wie ich unser sehr bürokratisches System in Deutschland kenne, eine erwachsene Person zu jemandem zu begleiten, der eigentlich für jüngere Menschen spezialisiert ist und auch eigentlich gar nicht ältere Menschen therapieren darf.

25:28

Ganz genau. Also sowas funktioniert eigentlich, wenn dann nur über Selbstzahlung der Leistungen. Weil wie du sagst, das ist ja bei uns alles ganz klar und stark geregelt. Und die Idee hat sich noch nicht durchgesetzt, dass dieser Mensch ja von seiner psychologischen Entwicklung eben was ganz anderes bräuchte, als es eben einen Erwachsenentherapeut geben könnte. Werbung

25:56

Heute spezialisieren wir uns ja auf das Thema, um was es auch in diesem Podcast geht, um eine andere psychische oder eine spezifische psychische Erkrankung eher, und zwar die Substanzgebrauchsstörung, die Abhängigkeitserkrankung. Und da würde mich erst mal interessieren, wie häufig das ungefähr vorkommt. Ist das wirklich etwas, was häufig vorkommt oder reden wir da von einem extremst geringen Teil von Menschen mit geistiger Behinderung? So genau kann man das gar nicht sagen, weil es gibt zwar verschiedene Befragungen in den letzten 20, 30 Jahren darüber,

26:25

wie viel Substanzen konsumiert werden, wie hoch Substanzen konsumiert werden bei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung.

26:32

Aber da haben wir auch das Problem, genauso wie bei Studien über psychische Erkrankungen und, und, und, bei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, sie sind sehr institutionalisiert. Es geht also ein Großteil der Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, die nicht in Institutionen leben, arbeiten, verloren. Und was auch noch die Schwierigkeit ist, die meisten Befragungen oder Studien zu dem Thema richten sich dann an die professionellen Begleitungen.

26:59

und nicht direkt an den Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Das heißt, das sind alles Schätzwerte im Großen und Ganzen.

27:07

Eine der großen Studien der letzten Jahre ist die Vollerhebung in Nordrhein-Westfalen, geistige Behinderung und Sucht von 2011. Frau Kretschmann und Wehling hat dies durchgeführt und sie kommt im Grunde auf das Ergebnis, dass es meistens nicht mehr problematische Konsumverläufe gibt als in der Normalbevölkerung.

27:31

Also mindestens wird so viel konsumiert wie in der Normalbevölkerung, alles andere wird dann schwierig zu sagen. Klar stehen Nikotin, Alkohol im Vordergrund, illegale Drogen etwas weniger und das ist ja in der allgemeinen Bevölkerung ja auch so.

27:46

Wie kommt das denn? Also ich habe schon das Gefühl, dass diese Zielgruppe wirklich relativ aktuell auf den Plan getreten ist in der Suchthilfe. Also dass man sagt, okay, das ist ein Thema, das man adressieren sollte. Ist was passiert oder kam plötzlich der Geldsegen an? Was liegt das?

28:06

Also ich glaube, dass das, vielleicht der Tobias wird mir da auch recht geben, dass das Phänomen von Konsum bei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, dass das schon länger aufgefallen ist, gerade in der Behindertenhilfe. Es fehlte immer so an den Zugang nach außen, also sprich in die Suchthilfe hinein. Auch die Suchthilfe hat sich um dieses Klientel jetzt nicht in den letzten 20, 30 Jahren wirklich bemüht.

28:29

Es waren so zwei Hilfesysteme, die sich nebeneinander bewegten, in sich geschlossen. Und es hat sich halt durch die UN-Behindertenrechtskonvention genauso auch wie durch das WTHG jetzt doch gezeigt: Wir müssen mehr zusammenarbeiten. Und es geht mehr Richtung Ambulantisierung als stationäre Wohnformen, eher ambulante Wohnformen. Und dort tritt das Thema dann doch jetzt etwas deutlicher zutage.

28:57

wenn Menschen mit einer geistigen Beeinrichtung gewisse Zeiten am Tag einfach nicht betreut sind. Und da ist vielleicht auch das Büdchen um die Ecke oder die Kneipe um die Ecke oder der Park, wo es was zu kiffen gibt, doch dann irgendwie interessant, auch im Hinblick auf Freunde oder soziales Umfeld dann zu gewinnen. Und dieses Thema wird jetzt Gott sei Dank auch von beiden Seiten, also von der Behindertenhilfe genauso wie von der Suchthilfe, ernst genommen und diese Schnittstelle gestaltet.

29:27

Suchthilfe ist immer ein Schnittstellenthema. Sucht und Flucht und die ganzen Schnittstellen der letzten 10, 15, 20 Jahre, seit ich in der Suchthilfe arbeite.

29:37

Und diese Schnittstelle wird jetzt immer deutlicher und immer wichtiger. Du hast gerade schon einen sehr wichtigen Punkt angesprochen. Ich sage das jetzt mit Absicht ein bisschen plakativ, dass ich mir vorstellen kann, dass viele denken, naja, wie kommen denn überhaupt Menschen mit geistiger Behinderung an den Stoff? Wir hatten gerade die Ambulantisierung. Die Menschen, die ich berate in meiner Einrichtung, sind auch beide in ambulanten Wohnformen.

29:59

Tobi, wie ist es denn in der stationären Wohnform? Können Betreuer, Betreuerinnen die Menschen einschränken in ihrem Konsum oder wie kann ich mir das vorstellen? In den besonderen Wohnformen, also ist es ja mittlerweile auch nicht mehr so, dass die Menschen da weggeschlossen sind.

30:17

Zum Glück, ja. Also früher war das ja häufiger so, dass Wohneinrichtungen auch gerne dann mal so völlig ab vom Schuss irgendwo ins Nichts gebaut wurden und die Leute da total in ihrem geschlossenen System gelebt haben. Und das ist ja mittlerweile eben auch ganz anders im Rahmen auch von Inklusion und auch einfach von dem Wunsch,

30:38

eine diversere Gesellschaft zu erschaffen, wo alle Menschen irgendwie so bunt gemischt miteinander leben können, wird ja schon auch immer mehr darauf geschaut, dass diese besonderen Wohnformen auch zentral gelegen sind, die Menschen auch wirklich integriert sind und sich da ja auch schon sehr frei bewegen können. Und dementsprechend

30:56

ist es zwar ein engerer Rahmen, aber trotzdem gehen die ja auch raus, gehen auch zum nächsten Supermarkt oder zum nächsten, wie hast du es genannt, Späti-Kiosk-Bütchen, genau. Also die Möglichkeiten, die bestehen ja trotzdem. Und die haben auch in ihrem Rahmen ihre Gelder zur Verfügung. Also da wird auch nicht mehr alles einfach weggenommen an Geld oder an Möglichkeiten, sich irgendwie was zu besorgen. Oder sie gehen halt einfach rum und schnorren sich was zusammen. Also wenn du das möchtest,

31:24

hast du da schon die Möglichkeiten, dich da auch auszuleben. Ich glaube, dass es da gerade so einen kleinen Wechsel gibt. Ich kenne Beispiele, gerade in stationären Wohneinrichtungen, wo es da eine Wohngruppe ist, wo, sage ich mal, auch eine ganz starre Reglementierung gibt, noch immer. Ein Beispiel war ein Klient, der gerne zum Abendessen ein Bierchen getrunken hätte, der bekam Malzbier. Das ist aktuell möglich.

31:55

Warum eigentlich? Ein erwachsener Mann, der gerne abends ein Bierchen trinken will, das vorzuenthalten. Die Frage ist halt, wie geht man damit um, dass es dann keine, wie auch geartete Suchtentwicklung geben kann.

32:11

dass man einfach das Bier, sag ich mal, im Kühlschrank verwahrt und der Klient muss es selber holen und man es nicht auf den Tisch stellt. Aber mir geht es einfach bei dem Beispiel um dieses Recht, auch ein Bier trinken zu können. Und das ist in manchen Wohngruppen oder Wohneinrichtungen halt immer noch sehr starr. Das öffnet sich jetzt langsam, wo dann auch das Wunsch- und Wahlrecht ein größeres Thema sind.

32:35

Also das ist ein Prozess, der sich wahrscheinlich noch lange hinziehen wird und auch ganz oft steht und fällt mit den individuellen Mitarbeiterinnen vor Ort und wie da die Haltung eben ist, weil es ist eben in der Behindertenhilfe immer ein großes Thema, dieses Spannungsfeld von Autonomie und Selbstständigkeit so auf der einen Seite und irgendwie Schutz auf der anderen Seite.

32:58

Und so unterschiedlich positionieren sich auch immer noch die Mitarbeiterinnen. Und so unterschiedlich sind auch noch die Haltungen, die da noch so ganz tief verwurzelt oft drin sind. Aber wie du sagst, Thomas, die Tendenz geht eindeutig dahin, sich bei vielen Dingen zu fragen, ja warum denn nicht?

33:14

Und welche Rechte haben denn diese Menschen? Und ich denke, das ist eine ganz gute Entwicklung, die aber noch einfach viele, viele Jahre dauern wird, weil da wirklich Dinge aufgebrochen werden müssen, die traditionell wahrscheinlich seit Gründung der Behindertenhilfe ganz anders funktioniert haben. Da muss ein neues Denken erstmal her, das sich da anpassen kann. Und wir müssen ja auch bedenken,

33:35

Der Grad der Behinderung stellt ja auch immer noch einen Punkt dar, ob ich mir Substanzen besorgen kann, ob ich mir Alkohol, bleiben wir mal beim Beispiel Alkohol, ob ich mir Alkohol besorgen kann, ob ich weiß, was das ist, ob ich weiß, wie es wirkt, habe ich eine Erfahrung damit oder so.

33:52

Auch da spielt der Grad der Behinderung und dann auch die Wohnform im Grunde dann mit eine Rolle. Ich kann aber allerdings dieses Spannungsfeld sehr gut verstehen, weil wir reden auf der einen Seite darüber, dass eigentlich Kinder- und Jugendtherapeuten die Spezialisten, die Spezialistinnen für das Thema geistige Behinderung angeht. Wir reden darüber, dass es in verschiedenen Entwicklungen Stopp geht von erwachsenen Männern, die sich in der emotionalen Entwicklung wie jemand hat, der eventuell vier ist.

34:20

Und natürlich vom Alter, vom biologischen Alter, natürlich das Recht hat, Bier zu trinken. Und ich will das denn auch gar nicht abschrengen. Ich will nur als Laie sozusagen, verstehe ich, diese Gedankenschwierigkeit ausdrücken. Und auf der anderen Seite denke ich mir, ein Vierjähriger würde ich ja auch versuchen, oder als Eltern werden die auf gar keinen Fall Bier trinken. Und genau dieses Spannungsfeld bei einem Erwachsenenmann, der aber eine emotionale Entwicklung wie jemand hat, der vier ist,

34:45

Total schwierig. Genau, das sind ganz existenzielle Fragestellungen, die da aufgemacht werden. Ganz ethische Fragestellungen, die man sich halt immer wieder neu angucken muss und irgendwie nachjustieren muss und die halt wirklich extrem schwierig sind. Ja, du hast einen Achtjährigen in dem Körper eines erwachsenen Menschen, der eigentlich in der Erziehung keinen Alkohol trinken dürfte, aber halt erwachsen ist. Gehst du also nach der psychischen Reife, Entwicklungsreife oder…

35:11

Oder gehst du nach der körperlichen Reife? Das sind ethische Fragen, auf die wir jetzt hier auch keine Antworten haben. Aber im Grunde, wenn wir einen Menschen haben, der vom Lebensalter erwachsen ist, hat er gewisse Rechte, auch gewisse Pflichten. Und diese Rechte sollten wir dieser Person nicht aberkennen. Absolut. Aber ich stelle es mir wirklich sehr schwierig vor,

35:34

Wir hatten ja auch vorhin das Thema, dass Menschen mit geistiger Behinderung aufgrund von fehlenden Filtern, von natürlich auch sozialen Problemen, die ja auch merken, dass man selbst anders ist als sozusagen die große Anführungszeichen-Norm der Gesellschaft, dass man aneckt, dass das auch dazu führt, dass man eher psychische Erkrankungen entwickeln kann.

35:56

Und das Gleiche möchte ich jetzt dazu Substanzgebrauchsstörungen fragen, weil ich kann mir vorstellen, dass eine Substanzgebrauchsstörung eventuell unter diesen Bedingungen, unter diesen Herausforderungen, die ein Mensch mit geistigen Behinderungen im Alltag hat, sich deutlich schneller entwickelt als jetzt zum Beispiel bei jemand anderem, bei jemandem ohne geistige Behinderung. Ganz allein davon, dass ich sage, man muss ja immer auch ein bisschen arbeiten, um wirklich eine Abhängigkeitserkrankung zu bekommen. Ja.

36:25

Kann sein, dass sich schneller vonstatten geht, die Abhängigkeitsentwicklung, oder sagen wir mal, sich schneller chronifiziert, also schneller zu der Person dazugehörig ist irgendwann. Und trotzdem ist die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung, wenn wir von den Gründen, wenn wir von den Grundlagen der Abhängigkeit gucken, eigentlich nicht unterschiedlich. Wir haben die gleichen Gründe, warum konsumiert wird.

36:49

Vielleicht in ihrer sozialen Einpassung anders, also Langeweile aufgrund von, sage ich jetzt mal, nicht, weil wir zu Hause hocken und keine Ahnung haben, was wir mit uns anfangen, ja doch eigentlich schon auch das, aber halt in der Institution keine Möglichkeit haben, Freizeit zu gestalten vielleicht und dann die Langeweile hochkommt und dann die Frage ist, was mache ich, ja, kennen wir ja auch.

37:13

Oder aber, da sind wir vielleicht bei besonderen Gründen einer Abhängigkeitserkrankung bei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, einfach diese jahrzehnte- oder lebenslange Abhängigkeit von anderen Menschen, von anderen Institutionen, von Wohnformen und, und, und.

37:32

Und einfach dieses Gefühl zu haben, ich muss irgendwo mal ausbrechen, auch das kann sein. Und da sind wir wieder bei dem Thema des Grades der Beeinträchtigung. Dessen muss ich mir ja bewusst sein, in welchem Umfeld ich lebe und was ich vielleicht auch für Lebensziele nicht erreichen kann aufgrund meiner Beeinträchtigung. Auch da muss ich wieder diese Reflexionsfähigkeit haben.

37:54

Das könnte ein Grund sein zu merken: Okay, ich kann keine Familie gründen. Vielleicht ein Haus bauen und ein Auto vor der Tür haben und jetzt mal so als Beispiel.

38:04

Aber im Grunde, wenn wir uns unsere Menschen in der Suchthilfe, also unsere Klientinnen und Klienten, die keine geistige Beeinträchtigung haben, in der Suchthilfe angucken, da haben wir die gleichen Themen im Hinblick auf, ich kann nicht mehr erreichen als das, was ich jetzt gerade bin und wäre gerne mehr, aufgrund meiner familiären Entwicklung, aufgrund meiner Sozialisation, aufgrund meiner schulischen Entwicklung, beruflichen Entwicklung und, und, und.

38:33

Von daher ist, sage ich mal, von den Gründen her eine Abhängigkeitserkrankung bei Menschen mit Geisterbeeinträchtigung nicht so weit entfernt wie bei Menschen in der Normalbevölkerung. Ich muss dieses Wort leider wieder verwenden, obwohl ich es sehr ungern verwende. Normal, was ist normal?

38:51

Und trotzdem merken wir einfach, es kann schneller vonstatten gehen, weil einfach Filter fehlen, weil einfach Entwicklungsaufgaben nicht gelöst sind, nicht weitergehen und dadurch die Chronifizierung vielleicht schneller ist. Schwieriger wird es dann bei der Behandlung oder wenn ich dann wieder weg will von der Abhängigkeit.

39:08

Dazu fällt mir auch gerade noch ein, ich erlebe das auch, eben ganz oft so diese Vorstellung, Alkohol trinken zum Beispiel, das macht mich normal. Und das ist ganz oft ein Thema bei unseren Klientinnen, dieser Wunsch, normal zu sein. Das steckt ganz tief drin, gerade bei denen, die kognitiv so fit sind, dass sie eben erkennen können, ich habe hier Einschränkungen und ich kann nicht so mir das Leben so gestalten, wie es der Norm entspricht. So ist immer der Wunsch ganz groß nach Normalisierung.

39:37

Und dazu gehören dann diese Sachen, ich habe irgendwie eine Partnerin, ich habe einen Führerschein, das ist ganz wichtig. Und auch so Sachen wie, ich trinke Alkohol und ich trinke mein Feierabendbier oder so Ideen. Also das ist ganz oft drin, also dieser Wunsch zum Beispiel Alkohol zu konsumieren, weil dann bin ich erwachsen und dann bin ich normal. Das haben wir einmal. Und was mir ganz oft auffällt ist,

40:00

Wenn die Menschen neu ins betreute Wohnen kommen, ergibt sich ja auf einmal ganz viel Freiheit und Autonomie so für sie. Oft ist so der Lebensweg gewesen, vorher bei der elterlichen Herkunftsfamilie gelebt, sehr stark irgendwie eingeschränkt und kontrolliert oder vorher in einem Wohnheim gewohnt, da auch viel engeres Setting. Und auf einmal kommen die ins betreute Wohnen und sind da frei in ihrer Wohnung und merken auf einmal so, oh, ich muss ja gar nicht arbeiten gehen in die Werkstatt.

40:29

Und ich kann mir ja auf einmal im Supermarkt kaufen, was ich will. Und haben aber davor gar nicht erlebt, wie sie selber sich so Dinge strukturieren können. Und dann passiert das ganz häufig erstmal. Ich gehe erstmal gar nicht mehr arbeiten und kaufe mir nur noch Chips und Schokolade, weil vorher habe ich das ja rationiert bekommen von Mama und Papa zu Hause. Und jetzt kann ich da ja Vollgas geben. Und dann merkt man ganz oft, dass die Leute dann erstmal 10, 20, 30 Kilo zunehmen. Ja.

40:54

Weil sie auf einmal alles so konsumieren können, wie sie wollen, ohne da irgendwie ein Maß zu kennen oder auch gelernt haben, damit umzugehen, weil es einfach immer von ihnen ferngehalten wurde. Und so kann das dann eben auch bei irgendwelchen Substanzmitteln sein, dass ja einfach ein gesunder Umgang damit ja einfach nie gelernt wurde, sondern immer nur war, ich werde davon irgendwie ferngehalten und auf einmal ergeben sich da Möglichkeiten und dann muss ich erst mal lernen, damit umzugehen und

41:21

Wir kriegen das ganz oft mit, dass das Pendel dann erstmal in so eine heftige Richtung umschwenkt und dass man das dann aber mit den Menschen zusammen auch wieder in Balance bringen kann. Die direkte Bedürfnisbefriedigung, ja? Genau, ja. Ich habe das Bedürfnis jetzt in der Freiheit, das zu machen, was ich machen will.

41:39

Und das kann ich jetzt und das mache ich jetzt. Und dieses Lernen, mit etwas umzugehen, das hat ja so zwei Punkte. Einmal lerne ich vielleicht von der Herkunftsfamilie, abends gibt es Bier. Wenn ich gerade an den Klienten denke, der hier in der Beratung war, der hatte gelernt, sein Vater trinkt abends ein Feierabendbierchen. Und das hat er bis heute so verinnerlicht und das ist für ihn richtig.

42:02

Für ihn ist es aber dann entgrenzt. Also es bleibt nicht nur bei dem Bierchen und auch nicht nur abends. Aber trotzdem kam das so als erlerntes Verhalten und dann die Schwierigkeit, sich selber Grenzen zu setzen. Aber ehrlich gesagt, das kennen wir auch alle bei unseren Klientinnen und bei uns selbst, Grenzen zu setzen. Ich sage nur Tafel Schokolade oder Chipstüte. Werbung

42:29

Thomas, du hast es gerade schon angesprochen und damit kommen wir zu unserem dritten Themenblock und zwar Menschen mit geistiger Behinderung in der Suchthilfe, in der Praxis. Best Praxis? Ich erzähle vielleicht mal kurz von meinen Erfahrungen. Ich habe letztes Jahr eine Fortbildung gemacht zur Suchttherapie mit Menschen mit geistiger Behinderung und ich habe natürlich eure dreitägige Fortbildung gemacht.

42:56

Es ging um leichte Sprache, es ging um Know-how und es ging auch sehr viel in meiner suchttherapeutischen Ausbildung letztes Jahr darum, Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Ganz kurz, um das Suchttherapeutische Konzept abzureißen, hat man sozusagen einmal die Woche einzeln mit jedem der Klienten, Klientinnen, die in der Gruppe sind, die in der gleichen Woche auch noch stattfindet, wo man so eine Gruppengröße von vier Menschen hat.

43:23

Und das ist ein großer Aufwand, aber es wurde halt auch immer wieder sehr betont, wie wichtig die Wiederholung ist. Und ich kann das auch sagen aus meiner Erfahrung von meiner Beratung, dass wenn ich in Anführungszeichen nur berate und halt eben auch einen normalen Terminschnitt habe, wie alle zwei Wochen, wie es halt nun mal normal ist in der Suchthilfe,

43:43

ich eigentlich wenig voraussetzen kann, dass das, was wir vor zwei Wochen eigentlich erarbeitet haben, noch wirklich da ist. Auf der anderen Seite ist so eine hohe Wiederholungsrate für mich gar nicht möglich. Thomas, du beschäftigst dich ja sehr viel mit dem Thema. Es ist Teil des Projekts.

43:59

Was habt ihr da für Erfahrungen? Also mit den Wiederholungen, ja, kann ich bestätigen, das braucht es. Das braucht es auch sehr engmaschig, die Wiederholung. Oder auch, bis man dann einen Schritt weiter geht, bis man dann nochmal versucht, einen neuen Akzent zu setzen in der Beratung.

44:15

Wir haben versucht hier im Projekt Aktion Beratung, ich kenne das Projekt, wo du die Fortbildung gemacht hast, ich habe da großen Respekt vor, es ist ein gut strukturiertes Programm des LWL in Nordrhein-Westfalen.

44:30

Man muss so ein bisschen gucken, wo kommt das her, das Projekt oder diese Methode. Es kam aus den Niederlanden, die haben ein ganz anderes Sozialsystem als wir hier in Deutschland. Ich finde es immer ein bisschen schwierig, aus anderen Systemen etwas nach Deutschland zu pfropfen. Deswegen war es ja ein guter Versuch. Und ja, dafür braucht man Zeit und dafür braucht man Geld. Und dafür braucht man auch vielleicht richtiges oder geschultes und zusätzliches Personal.

44:56

Wir haben in unserem Projekt versucht, es genau andersrum zu machen, nämlich kein zusätzliches Personal einzusetzen und trotzdem die Beratung für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung anbieten zu können.

45:09

Und ich glaube, wir haben eine ganz gute Lösung gefunden. Wir präferieren da eher so diese Tandem-Lösung, auch wenn das Projekt, wo du warst, auch Tandem hieß, meint aber in unserem Fall was anderes. Und zwar, dass wir gemeinsam mit dem Klienten, der Klientin und dem oder der Bezugsbetreuung zusammenarbeiten innerhalb der Beratung. Das heißt, dass wenn ein Klient, eine Klientin zu uns in die Beratung kommt, wir immer auch versuchen,

45:38

Die Bezugsbetreuung mit einzubeziehen, damit die von uns gesetzten Interventionen innerhalb der nächsten, ja, wir haben gerade einen Terminvorlauf von drei bis vier Wochen hier in der Suchthilfe in Wiesbaden, auch in einem gewissen Maß weitergeführt werden können und dann ein neuer Impuls gesetzt werden kann oder aber auch geguckt werden kann, wie ist es denn gelaufen in diesen drei Wochen.

46:01

Hat der Impuls funktioniert? Ist weniger konsumiert worden? Ist vielleicht anders konsumiert worden? Ist eine Reflexion angestoßen worden? Oder hat auch der Klient oder die Klientin auch mal einfach mal so ein Tagebuch geführt, wie viel eigentlich getrunken wird? Weil das ist in Erstgesprächen meistens nicht so ganz klar, wie viel überhaupt konsumiert wird. Die Betreuung sagt das eine, die Klientin, der Klient sagt das andere.

46:25

Und so mal zu zählen, zum Beispiel so ein paar Steinschen in der linken Hosentasche, rechte Hosentasche, einfach mal, wenn ich was trinke, das Steinschen rüber mache. Und die Bezugsbetreuung guckt dann am Abend, wie viele sind denn in der rechten Hosentasche und spricht das auch dann an. Das sind so kleine Methoden, weil für uns war es wichtig, dass wir nicht was Neues produzieren, wo dann nochmal eine Ausbildung gemacht werden muss, nochmal Personal, nochmal irgendwie was Engmaschigeres vonstatten gehen muss.

46:55

Ich sage mal so, die Suchthilfe ist halt für ihren kommunalen Auftrag da. Und wenn in dieser Kommune eine Einrichtung für Menschen mit Geist- und Körperbeinträchtigung, psychisch Kranke und, und, und ist, sind wir auch dafür zuständig.

47:10

Absolut, da sollte ich vielleicht zur Anmerkung auch das therapeutische System geht im Rahmen von Tandem. Also das heißt, es bezieht auch die Bezugstreue ein. Doch um mal ein bisschen realer zu sein, vor allem wenn es um Suchttherapie geht und wirklich zu sagen, okay, wir machen hier einen therapeutischen System.

47:27

Dann kann ich schon nachvollziehen, warum so ein Vorgehen sinnvoll ist. Aber man muss halt einfach auch klar bleiben, wir stehen ziemlich wahrscheinlich wieder von der Kürzung ab Herbst diesen Jahres in der kompletten Suchthilfe. Super Zeitraum, so kurz nach Corona. Und…

47:41

Und es ist eher so, dass es ein Problem an Personalmangel geht und es braucht für so suchttherapeutische Konzepte klare Geldgeber, extra Personal. Da braucht man eigentlich Suchttherapeutin für, also Suchttherapeuten plus diese Zusatzausbildung. Das ist bedingt realistisch, so schön wie das Programm eben auch ist. Aber in unserem Gesundheitssystem aktuell sehe ich das tatsächlich eher wenig durchzusetzen.

48:05

Umso wichtiger das, was du sagst, Thomas, eben dieses, wie kriegen wir Menschen mit geistiger Behinderung in das bestehende Angebot mit rein. Und auch ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn man eben Bezugsbetreuer, Betreuerinnen mit einbezieht, wirklich, dass die genau wissen, was der Prozess ist, was der Punkt ist, dass man darüber spricht und dass das wirklich immer auch wiederholt wird.

48:27

in der Zwischenzeit bis zum nächsten Termin da wirklich schon auch ein großer Schritt mitgegangen ist und das eben so möglicher ist. Was fallen dir denn sonst noch in der Praxis für Besonderheiten an bei der Zielgruppe, wo man in einem Beratungsgespräch darauf achten sollte? Also wir hatten jetzt schon die Wiederholung. Ich habe ganz kurz die leichte Sprache angerissen, wo ich persönlich sagen muss, ich kann es schriftlich, glaube ich, recht gut, aber im Sprechen nicht.

48:54

Das braucht Übung auf jeden Fall, um leichte Sprache zu verwenden. Was fällt dir gerade noch so ein in einem Beratungsgespräch so aus der Hüfte raus, was wichtig ist zu beachten? Ich würde gern trotzdem an dem Punkt leichte Sprache nochmal kurz sein. Ja, gerne. Weil die leichte Sprache ist entwickelt für Schriftsprache. Also sprich auch für Plakate, Flyer, Texte, die veröffentlicht werden, die Menschen mit Geistherbe Beeinträchtigung oder auch mit Lernschwierigkeiten oder auch mit

49:22

Wenig Deutschkenntnissen verstehen können. Ich sage mal, in der Beratung selbst spielt die leichte Sprache eigentlich keine Rolle. Ich finde, man sollte normal reden. Nicht als Fachperson, was wir gerne machen, wir Sozialarbeiter. Wir fangen dann an mit irgendwelchen Fachwörtern und so um uns zu werfen, um vielleicht auch so ein bisschen zu zeigen, ich weiß, um was es hier geht.

49:46

Aber in der Beratung selbst, und das kennen wir, glaube ich, also das war in meiner Beratungspraxis mit Menschen mit einer Glücksspielabhängigkeit immer gang und gäbe, dass ich versucht habe, so einfach wie möglich zu sprechen. Und ich habe oft in Fragezeichen geguckt, in den Augen, wenn ich dann wieder mal irgendwie ein Wort rausgehauen habe, was nicht verständlich war.

50:09

Und dann muss ich das einfach erklären. Also ich glaube, diese ganzen Regeln, leichte Sprache sind wichtig, wie gesagt, für Schriftsprache, für Texte, die zu erarbeiten sind.

50:19

In der Beratung selbst würde ich eher versuchen, so zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich glaube, da habe ich auch einfach schlichtweg das Wort falsch benutzt, weil Leichtesprache ist ja ein offizieller Begriff in der Schriftsprache. Und genau, wie du schon sagtest, dieses noch mehr darauf konzentrieren, mehr zu erklären. Aber auch ich versuche, das allgemein zu halten, weil ich auch Klienten habe ohne geistige Behinderung, die das Wort Abstinenz noch nie gehört haben. Und für mich ist das der absolute Alltagsbegriff.

50:47

Und ich möchte gar nicht meinen Klienten in die Verlegenheit bringen, danach zu fragen und ich haue das so selbstverständlich raus. Das mache ich nicht, um mich zu profilieren, sondern wirklich, weil es der absolute Alltagsbegriff für mich geworden ist. Und es ist manchmal schwierig, dann auch aus einer anderen Brille zu gucken, weil man ja die ganze Zeit, wie schon sagst, man ist ja im Thema die ganze Zeit drin. Es war auch ein bisschen überspitzt jetzt mit »Ich weiß, wo hier der Hase läuft«.

51:09

Aber manchmal ist es leider auch immer noch so. Und mir fällt dazu auch noch ein zu dem Thema Kommunikation, leichte Sprache und so weiter, dass wir ja auch immer so ein bisschen auf dem Schirm haben müssen, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung kognitiv meist in einer vorlogisch-magischen Phase sind und unsere ganze Kommunikation baut.

51:30

baut immer auf so einer Logik auf, die für unsere Klientinnen oft gar nicht irgendwie greifbar ist. Das macht ja Kommunikation ganz viel aus, dass wir irgendwie auf logische Schlüsse aufbauen und denken, das ist ja total klar. Und in der intensiven Arbeit mit unseren Klienten dauert das häufig ganz, ganz lange, bis ich entschlüsselt habe, wie denen ihre persönliche Vorstellung

51:57

funktioniert. Und die ist eben oft ganz, ganz anders. Und wenn man die aber mal verstanden hat, kann man auch viel besser kommunizieren. Und das, denke ich, ist dann halt auch in der Beratung dann oft schwierig, überhaupt hinter diese eigene Logik zu kommen oder diese Vorlogik oder wie auch immer man es nennen möchte. Und deswegen finde ich es ja gut, wenn man in dem Tandem miteinander arbeitet, weil wir in der Beratung sehen die Klienten ja immer nur punktuell und kommen ja in eine schon

52:26

längerfristige Betreuung meistens hinein, in der ja schon viel passiert ist, viel Aushandlung, viel Verständnis gegenseitig. Und Bezugsbetreuung würde ich sehen wie so ein Dolmetscher, dass wir es besser verstehen, aber auch das Übersetzen in die andere Richtung. Wenn wir etwas sagen in der Beratung und die Frage zeichnen, wir haben es fünfmal versucht, deutlicher zu machen, einfacher zu machen, doch dann vielleicht die Bezugsbetreuung

52:54

nochmal diesen besonderen Wortschatz hat, wo es dann nachher wieder verständlicher wird für die Klientin, den Klienten. Aber nochmal auf die Besonderheiten zurückzukommen, weil das war ja deine Frage, Steffi, Besonderheiten mit der Zielgruppe. Ich glaube, die Besonderheiten von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, wenn wir jetzt mal vom magischen Denken absehen, haben wir alle auch mit unseren normalen Klientinnen und Klienten. Vielleicht nicht in der Masse, in einer Person kumuliert,

53:22

Aber die kennen wir im Grunde bei unseren Klienten alle. Ob Zeiten nicht eingehalten werden können, dass Lesen nicht vorhanden ist. Also ich kann nicht lesen, ich kann Texte nicht verstehen, ich kann vielleicht Zusammenhänge auch nicht verstehen.

53:41

Ich erinnere mich da an, Tobi, deine Fortbildung, wo wir hier auch in diesem Raum saßen und du uns so ein bisschen die Besonderheiten von Menschen mit geister Beeinträchtigung in der Betreuung bei euch, in der ambulanten Betreuung so ein bisschen erzählt hast und erklärt hast und wir die Rollenspiele da gemacht haben.

53:58

Wie ist so eine Betreuungssituation? Und du hast versucht, auch so ein bisschen die Einschränkungen von Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung darzulegen. Und da sagte eine Kollegin damals, naja, das kennen wir ja alles. Also das haben wir ja alles schon mal irgendwo bei einem Klienten oder bei einer Klientin entdeckt.

54:16

Wie gesagt, nicht kumuliert vielleicht auf eine Person, aber im Grunde kennen wir viele Besonderheiten, die Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung mitbringen. Und das ist, glaube ich, auch das, wo wir uns vielleicht nochmal überlegen sollten, diesen Stempel geistige Beeinträchtigung, geistige Behinderung, wie es dann im Rechtlichen heißt, einfach mal zu übersehen und die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, wenn sie kommen.

54:42

Und auf diese Art müssen wir uns auf alle Klienten einstellen. Wir kennen unsere Klienten nicht vor dem Erstkontakt. Und da steht nicht, der hat die und die Problematik und die und die Problematik, sondern die kommen zu uns und wir versuchen dann im Erstgespräch auch zu merken, auf welches Niveau muss ich mich ja auch als Berater dann begeben und was ist vielleicht auch ein realistisches Ziel in der Verhandlung mit dem Klienten.

55:06

Und du sprichst da was ganz Wichtiges an eben, Thomas. Es geht hier auch nicht darum, ein komplettes Rad neu zu erfinden, auch was die Beratungspraxis angeht. Und vielleicht das hier auch nochmal zu betonen, weil ich meine, die Berührungsangst mit Menschen mit geistiger Behinderung ist ja so enorm groß in so vielen Bereichen. Wir haben meines Wissens auch nur eine stationäre Reha, die sich wirklich auf dieses Thema spezialisiert hat.

55:29

Und es ist einfach eine große Angst da. Es ist super aus dem Projekt, das packe ich auch in die Shownotes rein, ist ja ein Beratungshandbuch entstanden, wo man sich gut mal informieren, reinlesen kann. Aber es geht halt wirklich eben darum, das, was man eh schon kann als Berater und Beraterin, einzusetzen.

55:48

Und sich vielleicht auch dahingehend, trotz allem ein bisschen mit geistiger Behinderung, mit dem Handbuch zu informieren, sich darauf einzustellen. Es ist andere Arbeit im Großen und Ganzen oder im Prozess. Oder sagen wir mal so, der Prozess gestaltet sich schon unterschiedlich, meiner Erfahrung nach, wie mit Menschen ohne geistiger Behinderung. Trotz allem, ich habe jetzt bei meiner Klientin entdeckt,

56:06

Rollenspiele, beste, funktioniert so gut und einfach ein bisschen weniger reden, was ich schon gerne mache in meiner Beratung, obwohl das vielleicht auch in anderen Beratungen auch besser wäre, mehr Rollenspiele zu machen und wirklich viel in die Rollenspiele zu gehen. Wir kommen hier viel mehr in die Realisierung, um was es eigentlich geht. Ich merke viel mehr, ob die Klientin mitkommt oder nicht mitkommt, was man sagt und sie hat auch noch Spaß dabei.

56:30

was auch super ist, weil da sind wir wieder bei der vorkindlichen Phase, man kann auch ein bisschen was spielen, wir machen jetzt was, die Frau Bötsch macht auch mit, ist super. Also finde ich einen ganz wichtigen Punkt. Den Prozess, den du gerade angesprochen hast, klar, der ist langfristiger, länger, kleinschrittiger vielleicht,

56:49

Aber auch da kennen wir Klienten, die sehr, sehr langfristig und kleinschrittig in der Betreuung sind. Also wie gesagt, natürlich, es ist irgendwie ein bisschen anderes Arbeiten. Im Grunde, ich sage immer, das Wichtigste ist Kreativität. Ich bin jetzt 15 Jahre in der Suchthilfe. Wenn ich meinen Schrank aufmache, fallen mir die ganzen Methoden und Materialien entgegen, die ich irgendwann mal gebraucht habe, irgendwo mal eine Fortbildung gemacht habe und, und, und.

57:16

Und das können wir, das ist unser Handwerkszeug. Und dieses Handwerkszeug kreativ einfach zu gestalten, indem man malt, das ist nichts Schlimmes. Das ist nicht 60er, 70er Jahre und wir malen jetzt unseren Weg oder so. Nein, für die Klientel ist es vielleicht auch wichtig, so etwas aufgemalt zu bekommen.

57:34

Einen Baum nebendran zu malen, sagen, okay, da sind jetzt Punkte dran, was kann ich tun? Und dann werden so Äpfel gemalt und, und, und. Was man alles kreativ machen kann, um das, was man erreichen will, einfach und nachdrücklich zu verankern. Beratung hat immer bei uns sehr viel Sprache. Aber wir lernen ja nicht nur über Sprache, wir lernen über Sprache, also das Hören. Wir lernen über Sehen, über Fühlen, über alle Sinne.

58:00

Und je mehr Sinne ich in der Beratung anspreche und kreativ werde, meine Methoden so zu erarbeiten, dass sie mehr Sinne ansprechen als nur den Hörsinn, umso besser.

58:10

Absolut. Und das finde ich eben auch noch wichtig. Wir schränken uns eigentlich selbst viel zu oft, viel zu sehr aufs Kognitive ein. Und da ist es egal, ob man eine geistige Behinderung hat oder nicht. Wie du schon sagst, um etwas wirklich zu verstehen, ist nie nur der Kopf zugange. Da geht es um viel, viel mehr. Und anders ist es hier auch nicht. Und vielleicht haben wir sogar

58:31

Einfach auch eine riesengroße Lernchance dadurch, wenn man sich auch mehr mit dem Thema beschäftigt, im Großen und Ganzen sich selbst auch weiterzuentwickeln, was man eigentlich auch alles so ansprechen kann, nutzen kann, um sozusagen auch seine eigene Praxis weiterzuentwickeln und weit darüber hinaus nur mit Menschen mit geistiger Behinderung zu arbeiten.

58:48

Machen wir zum Schluss noch einen kurzen Ausblick in die Zukunft. Ich würde gerne von euch beiden wissen, was wünscht ihr euch für Menschen mit geistiger Behinderung, sowohl im Rahmen der Suchthilfe, aber vielleicht auch einfach allgemein? Wenn man träumen dürfte, wäre die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention mal ein Punkt.

59:13

die seit 2008, wenn ich mich nicht irre, ratifiziert ist in Deutschland und eher schleppend vorangebracht wird. Das ist ein großes gesellschaftliches Thema. Mehr Sichtbarkeit von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung würde ich mir wünschen. Mir ist aufgefallen, seit ich mich mit dem Thema beschäftige, erkenne ich sie mehr innerhalb der Gesellschaft und es freut mich, dass sie auch in der Gesellschaft präsent sind. Meistens aber die Personen, die mit Eltern unterwegs sind,

59:42

Mich würde es für die Menschen freuen, mehr einfach an der Gesellschaft teilnehmen zu können und präsenter zu sein. Kann ich auf jeden Fall gut nachvollziehen. Das wäre sehr wünschenswert. Tobi, was ist mit dir?

59:57

Ja, das geht, ich würde sagen, in die ähnliche Richtung. Also dass Inklusion wirklich mehr noch gelebt wird. Dass Menschen mit einer geistigen Behinderung einfach noch bunter überall mit dabei sein können. Und was mir immer noch heute auffällt, nicht mehr komisch angeguckt werden zum Beispiel. Und ich glaube, dafür braucht es halt…

60:18

Also meine Wunschutopie wäre auch, dass es da überhaupt gar keine Schubladen mehr gibt und die Menschen einfach ganz normal mit dabei sein. Aber ich glaube, erstmal bräuchte es mehr Aufklärung auch. Weil da ist oft Ablehnung oder Angst oder man erlebt immer noch, wenn man auch Menschen mit einer

60:37

stärkeren geistigen Beeinträchtigungen sieht, dass es immer noch Menschen gibt, die die Straßenseite wechseln, weil sie nicht wissen, wie sie sich irgendwie verhalten sollen oder Angst haben, angesprochen zu werden oder wie auch immer. Und ich glaube, dafür bräuchte es auch so ganz breit mehr Verständnis dafür und mehr Wissen auch einfach. Und ich hätte auch so als Utopie, es gibt ja

60:57

keine Ahnung, immer wieder mal so, ich weiß nicht, ob es das in Deutschland auch schon gab, aber in anderen Ländern, wo wirklich in kleinen Dörfern das ganze Dorf geschult wird, in Dingen wie Marte Meo, Entwicklungspsychologie und so, und einfach ein ganz anderes Verständnis haben für die Menschen auch mit einer geistigen Behinderung, die da leben. Und durch dieses Verständnis geht man natürlich auch ganz anders aufeinander zu und kann Dinge ganz anders einschätzen.

61:23

Und das wäre so meine Utopie, dass auch die allgemeine Bevölkerung einfach viel mehr weiß über das Thema und viel weniger Ängste und Unsicherheiten da hat.

61:33

Und dadurch halt Inklusion wirklich noch besser funktionieren kann. Und ich hoffe, dass wir vielleicht auch mit dieser Podcast-Folge und mit den Inhalten, die wir heute besprochen haben, ein paar Menschen auch aufklären konnten. Vielleicht einen Straßenwechsler erwischt haben, der das nochmal hinterfragt. Oder vielleicht man sich selbst mal beim Starren erwischt, muss ja gar nicht bös gemeint sein, da sich zu hinterfragt und einfach aufmerksam bleibt und auf sich guckt und sein eigenes Verhalten hinterfragt. Musik

62:01

Wir sind ans Ende dieser Podcast-Folge gekommen. Hier ist noch Platz für Eigenwerbung. Gibt es noch etwas, was ich in die Shownotes packen möchte, wo ihr gerne darauf aufmerksam machen möchtet? Haut raus! Ja, wir haben ein neues Projekt. Das hat am 1. Februar gestartet und wir haben das jetzt auch noch auf dem Podcast-Folge bekommen.

62:20

Es hat sich so ein bisschen entwickelt aus dem Projekt Aktion Beratung, dem Bundesmodellprojekt des Bundesgesundheitsministeriums damals. Wir haben nämlich überlegt, wie muss die Schnittstelle zwischen Behinderten- und Suchthilfe noch durchlässiger, noch einfacher, noch einfacher.

62:35

besser für die Klientinnen und Klienten werden. Und wir bilden jetzt an vier Standorten in Deutschland Peers aus, also Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, die präventiv Infoveranstaltungen anbieten sollen, möglichst eigenständig innerhalb ihrer Einrichtung. Also es sind jetzt vier Werkstätten, aber das ist auch auf Wohneinrichtungen oder so bestimmt umsetzbar.

62:59

Und diese Peers sollen auch Ansprechpartner sein, wenn es um Konsum geht. Ich will jetzt nicht Sucht sagen, sondern um Konsum im Allgemeinen und dann so die Schnittstelle zur Suchthilfe, weil Suchthilfe wird ja immer als, da gehen nur die Süchtigen hin, aber in die Suchthilfe kann man ja schon viel früher hingehen, damit es einfach keine Sucht wird.

63:19

Und diese Schnittstelle sollen diese Peers etwas vereinfachen. Okay, ich rufe da mit dir an, ich gehe mit dir dahin zum Erstgespräch und etc. etc. Da sind wir jetzt dran zu gucken, wie wir sowas aufbauen können, wie so die Inhalte sein können der Peers oder auch der Peers-Schulungen.

63:38

und ob das auch angenommen wird und zielführend ist. Hört sich nach einem richtig, richtig coolen Projekt an. Ich packe die Infos, falls es schon welche gibt. Alles unter www.aktionberatung.de Großartig, da findet ihr auch das Beratungshandbuch. Ich bleibe heute werbefrei. Okay, dann danke ich euch für eure Zeit. Hat super viel Spaß gemacht. Ich habe auch nochmal richtig viel mitnehmen können. Danke an euch. Gerne. Gerne.

64:06

Das war psychoaktiv, euer Drogen- und Alkoholpodcast mit Stefanie Bötsch.


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