Ambivalenz und Sucht: Entscheidungsprozesse professionell begleiten

Ambivalenz gehört für viele Menschen mit problematischem Konsum zu den zentralen Erfahrungen am Anfang eines Veränderungsprozesses. Die Frage, ob man wirklich aufhören, reduzieren oder weiter konsumieren möchte, ist selten eindeutig. Konsum hat häufig eine Funktion im Alltag, etwa um Stress zu regulieren, Gefühle zu beeinflussen oder bestimmte Situationen überhaupt auszuhalten. Gleichzeitig entstehen mit der Zeit Nachteile wie Kontrollverlust, Scham, gesundheitliche Belastungen oder der Wunsch nach mehr Freiheit.

Die Folge erklärt, warum Ambivalenz kein Zeichen von Schwäche ist, sondern oft bereits ein erster Schritt in Richtung Veränderung. Dabei geht es um innere Konflikte, Pseudoentscheidungen, Scham und die Schwierigkeit, zwischen Wunsch und echter Entscheidung zu unterscheiden. Ein wichtiger praktischer Ansatz ist die Vier-Felder-Tafel, mit der nicht nur die Nachteile des Konsums, sondern auch die Vorteile des Konsums und die möglichen Nachteile einer Abstinenz sichtbar werden. So kann klarer werden, was eine Veränderung erschwert, was gestärkt werden muss und welcher Weg wirklich zur eigenen Lebenssituation passt.

Psychoaktiv werbefrei hören

Mit Psychoaktiv+ unterstützt du unabhängige, wissenschaftliche und stigmabewusste Aufklärung über Drogen, Konsum und Sucht. Im Support-Paket bekommst du den werbefreien Podcast und Bonusfolgen; im Professional-Paket zusätzlich vertiefende Inhalte für die Praxis.


Ambivalenz und Sucht: Soll ich aufhören oder nicht?

PODCAST-METADATEN
Folge: 127
Erscheinungsdatum: 08.01.2026
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Ambivalenz und Sucht: Soll ich aufhören oder nicht?
Sprecher: Stefanie Bötsch

Typ: Transkript

Transkript Beginn

00:02
Soll ich wirklich aufhören, Drogen zu konsumieren? Ist es denn wirklich notwendig, eine komplette Abstinenz zu erzielen? Für Menschen, die Problemlagen in ihrem Konsum verspüren, ist diese Entscheidung in der Regel ein heftiger innerer Kampf.

00:18
Gerade am Anfang eines Genesungswegs steht die Ambivalenz ganz zentral im Mittelpunkt und begleitet Betroffene mal mehr, mal weniger stark durchs Leben. In dieser Folge schauen wir uns an, was diese Entscheidung so schwer macht, welche Rolle Scham in diesem Kontext spielt und wie man einer Entscheidung näher kommt.

00:48
„Psychoaktiv“, euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötzsch. Zieht’s euch rein.

00:58
Willkommen zu einer neuen Folge „Psychoaktiv“, und zwar dieerste im Jahr 2026. Dementsprechend wünsche ich dir frohes neues Jahr, ich hoffe, du hast schon einen guten Start in dieses Jahr erlebt, und ich freue mich riesig, dass du auch den Januar mit einer neuen „Psychoaktiv“-Folge füllst.

01:16
Und falls du neu hier bist: „Psychoaktiv“ ist ein wissenschaftlicher Podcast zu den Themen Drogen, Konsum und Sucht.

01:23
Wir sprechen alle zwei Wochen differenziert und unaufgeregt genau über diese Themen, und zum Start in dieses Jahr habe ich gleich mal ein Wunschthema aufgegriffen, das sich eine Zuhörerin in der Zuhörerumfrage 2025 gewünscht hat, und zwar das Thema Ambivalenz.

01:43
Ich finde ja, das Thema Ambivalenz passt sehr gut gerade in den Januar, denn viele, viele Menschen starten ja das Jahr voller Neujahresversätze.

01:54
Ich habe das einfach aufgegeben mit den Neujahresversätzen, ich finde das irgendwie immer ein bisschen schwierig, sich gleich am Anfang des Jahres so zu enttäuschen, aber grundlegend sind ja Neujahresversätze wirklich auch was Gutes, und für viele beziehen sich auch genau diese Neujahresversätze auf eine Konsumveränderung.

02:14
Ich finde das ganz spannend, dass gerade wenn man in so einer ambivalenten Phase zum Ende des Jahres steckt, viele Menschen sich sagen: „Okay, ab 1. Januar verändere ich dann meinen Konsum“, und vorher ist das ja irgendwie nur schwer möglich, weil man sich das so auf das nächste Jahr lebt.

02:33
Das erlebe ich auf jeden Fall in meiner Praxis, wenn Klienten gerade in dieser Phase sind, aber auch einfach im privaten Bereich, dass einfach Veränderungen, positive Veränderungen, auf nächstes Jahr gelegt werden. Gerade der Januar steht ja auch unter dem Stern der Konsumveränderung aufgrund der sehr erfolgreichen Kampagne,

02:55
die jetzt schon seit über 10 Jahren läuft: „Dry January“. Also, man startet im Prinzip in das Jahr ohne Alkohol, deswegen trockener Januar. Natürlich kann man das auch mit allen anderen Substanzen machen, die Kampagne hat sich aber damals explizit auf Alkohol bezogen. Das heißt, viele Menschen testen das Abstinentsein,

03:16
das Nüchternsein mal im Januar und erleben hier vielleicht auch die ersten positiven Veränderungen. Man spart sich vielleicht so ein paar peinliche Partyauftritte, man probiert ein neues Hobby aus, die Haut wird besser, man hat besser geschlafen.

03:31
Man merkt also vielleicht, ja, so nüchtern sein bringt schon sehr viele positive Seiten in mein Leben. Doch die spannende Frage ist ja: Wie geht es nach so einer Konsumpause, nach so einem „Dry January“ weiter? Und hier kommt dann auch das Thema Ambivalenz ins Spiel,

03:51
denn sehr viele Menschen, die Konsumpausen machen, machen diese ja meistens, weil sie unzufrieden mit ihrem Konsum sind und vielleicht auch sonst Schwierigkeiten haben, diesen zu reduzieren oder zu kontrollieren. Doch eine Konsumpause ist am Ende eben nur eine Konsumpause, und die Frage ist ja: Wie gestalte ich allgemein mein Leben mit dem Konsum?

04:11
Was ist meine Life-Consum-Balance? Und in welche Richtung man bei dieser Frage geht, ist eine große Frage, wie man mit der inneren Ambivalenz umgeht. Und dieses Thema schauen wir uns in dieser Folge deswegen noch mal genauer an. Doch bevor wir gleich reinstarten, möchte ich natürlich die neuen „Psychoaktiv Plus“-Mitglieder Kim, Michael und Eugenia begrüßen.

04:33
Schön, dass ihr „Psychoaktiv“ mit eurer Mitgliedschaft unterstützt und Teil davon seid, dass ich auch 2026 wieder diese Podcast-Folgen machen kann und über Drogen, Konsum und Sucht aufklären kann. Falls du auch Interesse an einer Mitgliedschaft hast und „Psychoaktiv“ werbefrei hören, inklusiv Bonusfolgen,

04:53
inklusiv Bonusartikel und Webinare, findest du den Link ganz einfach in der Folgenbeschreibung. Und jetzt lasst uns in das Thema Ambivalenz starten.

05:07
Starten wir mit der Frage, was Ambivalenz eigentlich ist. Die Ambivalenz fühlt sich in der Regel an wie so ein innerlicher Kampf, wie so innerlich zerrissen zu sein. Man will etwas, aber irgendwie halt auch nicht. Doch ganz grundlegend muss an dieser Stelle gesagt sein: Wenn man sich ambivalent fühlt,

05:28
ist man schon in der Veränderung, und es ist ein guter und wichtiger Entwicklungsschritt, dass man überhaupt eine Ambivalenz verspürt. Denn ohne Ambivalenz wird es auch zu keiner Veränderung kommen. Ist eigentlich logisch, denn warum sollte ich etwas verändern, wenn ich keine Gründe für eine Veränderung finden kann?

05:49
Ambivalenz bedeutet dementsprechend, dass gleichzeitig vorhandene Motivation im Konflikt steht. Also, ich möchte aufhören, und ich möchte auch weiterkonsumieren, und daraus resultiert dann dieser unangenehme Zustand.

06:04
Man kann das vielleicht damit vergleichen, dass man gleichzeitig zwei großartige Menschen kennengelernt hat und sich nun für eine Person entscheiden muss, weil man monogam ist und eine romantische Beziehung nur mit einer Person führen möchte. Es ist also einfach eine brutal schwere Entscheidung. Und auch wenn ich am Anfang gesagt habe,

06:23
dass das Schöne in der Ambivalenz ist, dass man schon auf dem Weg der Veränderung ist, kann es gleichzeitig auch sein, dass man in seiner Ambivalenz stagniert. Grund hierfür ist, dass, wenn wir uns immer stärker zu einem Pol hinbewegen, umso klarer werden auch die Nachteile dieser Option,

06:43
und der Gegenpol wird wieder attraktiver. Also, wenn wir davon ausgehen, dass wir uns immer mehr gen Abstinenz bewegen, wir machen zum Beispiel dieerste Konsumpause und merken die Vorteile, sehen aber, sobald wir eine dauerhafte Abstinenz durchsetzen wollen, die Gegenteile viel, viel stärker.

07:03
Zum Beispiel, dass wir es anstrengend empfinden, unsere Gefühle niemals mit Konsum wegdrücken zu können, oder dass wir auf bestimmte Partys nicht mehr gehen können, weil die Versuchung zu groß ist. Die Nachteile der Abstinenz werden in dieser Zeit immer klarer, und das kann dazu führen, dass wir auf den Schluss kommen, dass der Status quo mit dem Konsum doch gar nicht so schlecht war,

07:25
der Konsum eigentlich nicht so wild, und man kehrt wieder zurück zu seinen vorherigen Konsummustern. Dann ist man wieder im Konsum, merkt, dass es mit der Kontrolle leider nicht so gut klappt, es häufen sich wieder unangenehme Gefühle, Kater, Kontrollverluste, und dann fangen wir wieder an,

07:44
die Aspekte der Abstinenz, der Nüchternheit positiver zu sehen. Die Vorteile werden klarer, und die Nachteile des Konsums werden auch klarer, und wir bewegen uns wieder hin, gehen Nüchternheit, Konsumreduktion und so weiter. So kann es tatsächlich wie ein Pingpongspiel immer weiter hin und hergehen.

08:05
Und gerade bei problematischem Substanzkonsum und bei Sucht ist die Ambivalenz in der Regel besonders stark, und das hat auch einen Grund.

08:18
Wenn wir sehr regelmäßig konsumieren, frisst sich der Konsum in unseren Alltag. Ich kann nicht schlafen, löse ich mit einem Glas Wein. Ich habe zu viel Stress, kein Problem, ich rauche einen Joint. Ich möchte endlich abschalten, MDMA, und ihr findet mich vorne an der Box. Kurz, der Konsum hilft mit der Zeit immer mehr,

08:37
sehr funktional, mit unterschiedlichen Zuständen und unerwünschten Gefühlen umzugehen und erwünschte Gefühle zu erzeugen. Allerdings treten mit der Zeit auch unerwünschte Wirkungen auf, logisch. Zum Beispiel gibt es gesundheitliche Probleme, weniger Motivation, eine geminderte Kontrolle und, und, und.

08:56
Der Konsum bekommt also sowohl Pro- als auch Contra-Seiten. Man überlegt sich also, den Konsum zu stoppen. Und hier kommen wir dann dazu, was ich gerade schon erklärt habe: Man bewegt sich näher zur Abstinenz. Man sieht die Vorteile, wie zum Beispiel ein geregeltes Leben oder mehr Kontrolle, aber sobald man sich mehr in diese Richtung bewegt,

09:17
fallen auch einem die negativen Aspekte auf. Also, auch die Abstinenz hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Man nennt es einen doppelten Annäherungs-/Vermeidungskonflikt. Also, beide Seiten haben sowohl positive als auch negative Seiten. Und wenn wir zum Konsum tendieren, treten die negativen Aspekte hervor.

09:38
Deswegen orientieren wir uns zur Abstinenz, und dabei werden der Nachteil wieder offensichtlicher, und der Konsum wird wieder attraktiver, und so weiter und so fort. Also, eine ziemlich große Aufgabe, diesen Konflikt für sich zu bewältigen. Und gerade auch in der Therapie braucht es genügend Zeit, wirklich auch nur auf diesen Konflikt zu schauen.

09:59
Darüber sprechen wir aber gleich. Mir wäre es nämlich an dieser Stelle noch sehr wichtig, das Thema Pseudoentscheidungen und die daraus resultierende Scham zu besprechen.

10:12
Gerade in der ambivalenten Phase hat man häufiger das Gefühl, jetzt eine richtige Entscheidung getroffen zu haben. Was ich jedoch sehr häufig in der Therapie erlebe, ist, dass es sich um, ja, Pseudoentscheidungen handelt. Ich, ja, mache gerade Gänsefüßchen, ich habe keinen besseren Begriff dafür.

10:32
Damit möchte ich die Person auf gar keinen Fall abwerten, versteht mich an der Stelle nicht falsch, sondern einfach ein Phänomen beschreiben. Wenn mein Klient jetzt sagt: „Mir geht der Konsum so auf den Geist, ich kann nicht mehr schlafen, die Schule läuft gar nicht mehr, ich bin durch, ich konsumiere nicht mehr“,

10:52
könnte man ja auf den ersten Blick sagen, die Person hat an dieser Stelle eine Entscheidung getroffen, und jetzt kann es losgehen.

11:00
Und ich muss auch ganz ehrlich sagen, gerade am Anfang meiner Karriere in der Drogenberatung bin ich bei solchen Aussagen sehr schnell mit auf den Zug gesprungen und bin mit dem Klient in die Umsetzung seiner ersten Ziele gegangen und war dann verwirrt, warum die Aussage nächste Woche schon gar nicht mehr aktuell war.

11:19
Denn solche Aussagen können viel mehr ein Ausdruck des inneren Kampfes und der Ambivalenz sein, als dass tatsächlich schon eine Entscheidung getroffen wurde. Und deswegen möchte ich hier noch eine wichtige Unterscheidung mit einbringen, und zwar die Unterscheidung zwischen Entscheidung und Wunsch. Ein Wunsch geht nämlich der Entscheidung voraus.

11:41
Die Entscheidung ist dann sozusagen die Brücke vom Wunsch zur Handlung. Aber ohne Handlung ist keine Entscheidung getroffen, sondern lediglich der Wunsch geäußert. Aber genau hier liegt der springende Punkt. Für viele, sowohl für die betroffene Person als auch Angehörige, fühlen sich solche Aussagen wie Entscheidungen an,

12:03
und es entsteht Hoffnung, dass es jetzt wirklich zu einer Veränderung kommt. Wenn dieser Wunsch aber nicht umgesetzt wird, fühlt es sich an, versagt zu haben. Man bleibt in der Spirale stecken, dass man die Entscheidung doch schon so klar vor Augen hatte, sie vielleicht schon ausformuliert hatte, aber dann doch nicht weitergehen konnte.

12:24
Und das ist super frustrierend und nährt eine tiefe Scham, sich eben nicht an seine eigenen Vorsätze zu halten. Und dadurch kommen dann zum Beispiel Situationen zustande, dass eine Person sagt: „Ich konsumiere nie wieder, ich kann einfach nicht mehr“, und gleichzeitig am Wochenende aber zu einer Party geht,

12:45
wo es zum Beispiel super viel Alkohol oder super viel Kokain gibt, komplett unvorbereitet und natürlich wieder konsumiert. Und das ist dann so ein typisches Beispiel dafür, dass der Wunsch da ist, man steckt in dieser ambivalenten Phase, aber es folgen noch keine Taten. Es wird sich, es wird nichts verändert,

13:05
alles wird gemacht wie zuvor, aber ja, man drückt seine Ambivalenz aus. Aber hier ist noch keine Entscheidung getroffen, sondern, wie schon gesagt, der Wunsch nach einer Konsumveränderung ausgedrückt worden, auch wenn es sich vielleicht in, wie es ausgedrückt wurde, wie eine Entscheidung anhört.

13:25
Zum Thema Wille und Entscheidung in der Sucht habe ich übrigens auch sowohl eine Bonusfolge aufgenommen als auch einen Bonusartikel geschrieben. Das verlinke ich euch auch einfach mal in der Folgenbeschreibung. Doch was ergibt sich dadurch für die Praxis? Und das schauen wir uns jetzt zum Ende noch mal an.

13:44
Ich habe ja schon gesagt, dass zwischen Wunsch und Handlung die Entscheidung die Brücke ist, und genau diese Brücke gilt es natürlich zu festigen. Und wenn man im Kontext von Beratung und Suchttherapie unterwegs ist, sind das dann auch die Unterstützungen, genau das zu festigen und in der Ambivalenz für sich seinen Weg zu finden.

14:06
Und hierfür gilt es im ersten Schritt auch klar zu haben, dass nicht jeder ausgesprochene Wunsch schon gleich eine Entscheidung ist.

14:14
Manchmal ist es gerade im Kontext der Drogenberatung ziemlich klar, da kommen manchmal Menschen hin, die sind schon in Kontakt mit einer Suchtklinik, haben mit der Rentenversicherung die Kostenzusage besprochen und sind eigentlich schon top vorbereitet und brauchen, ja, von mir als Drogenberaterin nur den Sozialbericht, den man eben für die Beantragung braucht.

14:35
Hier ist es schon relativ klar und viel wahrscheinlicher, dass eine Entscheidung gefallen ist, da diese schon in Handlung umgesetzt wurde. Es gibt aber natürlich auch viele Menschen, die sagen: „Ich merke, ich muss irgendwie wasändern, ich weiß nicht wie, ich starte mal eine Beratung.“ Und ich finde, da muss man natürlich auch fair sein.

14:55
Schon überhaupt eine Beratung anzugehen, zeigt ja auch den großen Veränderungswillen. Da sind wir ja auch schon sehr weit auf dem Weg einer Entscheidung gekommen. Trotzdem ist gerade, wenn das alles noch sehr diffus ist, Teil der Begleitung, dass man der Ambivalenz viel Raum gibt und nicht gleich versucht, sich im Tatendrang zu verlieren.

15:17
Was meine ich zum Beispiel damit? Was wäre ein gutes Beispiel? Ein gutes Beispiel ist vielleicht, wenn jemand sagt: „Okay, ich möchte aufhören zu konsumieren, und das ist auch die Voraussetzung, dass ich wieder in den Job komme, und ich bin mir jetzt halt sicher, ich werde jetzt halt aufhören zu konsumieren.“ Und man nimmt das dann sozusagen sofort an und springt sofort in die Jobsuche,

15:39
ohne dass man mal draufgeschaut hat, wie stabil ist denn eigentlich diese Abstinenzentscheidung oder diese Konsumveränderungsentscheidung, und was wurde da schon gemacht, und man verliert sich dann in der Jobsuche. Das ist im Prinzip einen Schritt zu weit. Ich hoffe, das macht es vielleicht ein bisschen klarer. Um genau dieser Ambivalenz Raum zu geben,

15:58
ist eine Übung, die ihr auch für euch alleine machen könnt, die aber häufig mit professioneller Begleitung noch mal eine andere Tiefe erreichen kann, die Vier-Felder-Tafel.

16:09
Das ist an sich eine klassische Pro-Contra-Liste, und man schreibt auf der einen Seite Pro und Contra des Konsums hin und auf die andere Seite Pro und Contra bezogen auf die Abstinenz. Das hört sich jetzt erstmal sehr banal an, aber ich bin immer,

16:28
immer wiedererstaunt, was so eine einfache Übung in der Praxis auch immer wieder enthüllen kann. Spannend ist erstmal, dass so ein Reflex häufig ist, dass man den Pro-Konsum gar nicht erst ausfüllen möchte,

16:47
weil man so um die Entscheidung für die Abstinenz kämpft, dass man versucht, sich den Konsum so schlecht zu reden, dass einem der Absprung gelingt. Doch sich alle Seiten der Medaille wirklich anzuschauen und vielleicht auch sich bewusst dafür zu entscheiden,

17:07
die Vorteile des Konsums loszulassen, kann gerade eben helfen, am Ende eine Entscheidung zu treffen. Das Gleiche, wo es häufig eine große Sperre gibt, sind die Nachteile der Abstinenz wirklich zu benennen, dass man da gar nicht so genau hinschauen möchte.

17:26
Doch gerade bei dem Feld kommen manchmal Punkte raus, wie dass sich Menschen gar nicht gut genug fühlen, ein geregeltes Leben zu führen, also dass sie sich das weder zutrauen noch im Rahmen des Selbstwerts überhaupt zu gestehen, oder dass sie so große Angst haben zu versagen,

17:47
dass sie gar nicht erst anfangen wollen zu probieren, und dass das eben dann gegen eine Abstinenz spricht, weil man könnte ja versagen. Also, mir ist schon häufig aufgefallen, dass gerade die Gründe, die gegen die Abstinenz sprechen, wenn man sich da drauf einlässt, wirklich auch Knackpunkte herausfindet, die eben diese Entscheidung so,

18:08
so schwer macht und die dann eben auch tolle Hinweise geben, wo man eben gut ansetzen kann, was man stärken kann, um diese Entscheidung wirklich auch sattelfest zu treffen. Und ja, das nimmt Zeit in Anspruch, und ich kenne das schon auch, dass im Sturm der eigenen Ambivalenz man sich das gerne so einfach halten wie möchte,

18:30
in der Hoffnung, dass, wenn ich weniger hinschaue, die Ambivalenz weniger kompliziert ist und ich damit leichter eine Entscheidung treffe. Aber aus Erfahrung ist es eher schwierig, denn um seinen eigenen inneren Kampf zu verstehen, ist es nun mal wichtig, das ganze Ausmaß dieses Kampfes zu verstehen.

18:49
Und wenn ich alle Seiten wirklich ordentlich beleuchtet habe, dann habe ich einen sehr wichtigen Baustein, um für mich wirklich eine klare Entscheidung zu treffen.

19:02
Zum Ende dieser Folge stellt sich vielleicht noch die Frage, ob die Ambivalenz mit einer Entscheidung aufhört, und hier ist die Antwort wahrscheinlich eher jein. Für manche Menschen ist es tatsächlich so, dass die Ambivalenz in eine klare Entscheidung führt, die sich mit der durchgesetzten Handlung einfach immer weiter festigt.

19:22
Es kann aber natürlich immer wieder Phasen geben, in denen man die Entscheidung in Frage stellt, zum Beispiel, wenn man länger abstinent lebt und sich dann fragt, ob der Konsum wirklich so schlimm war, ob einmal nicht doch mal wieder drin wäre und ob man mit dieser Komplett-Abstinenz nicht eigentlich ein bisschen übertreibt. Oder Menschen, die sich für,

19:41
ich sage immer, eine radikale Konsumentscheidung entschieden haben, das heißt, anstatt wöchentlich nur noch zu sehr, sehr seltenen Anlässen konsumieren, aber das beizubehalten beinhaltet halt häufig nach jenem dieser Anlässe wieder eine klare Entscheidung zu treffen, diese sehr seltenen Konsumes dabei zu behalten.

20:02
Wenn zum Beispiel meine Konsumregel ist, ich konsumiere einmal im Jahr im Festival und konsumiere dann aber vier Tage durch, kann es sein, dass gerade nach so einer Zeit es schwerfällt, dann sich wirklich wieder für keinen Konsum außerhalb dieses Festivals zu entscheiden.

20:18
Man hat also wieder eine erneute Ambivalenz, da sich dieser widmen und wieder erneut eine Entscheidung treffen. Diese Entscheidungen können einem manchmal leichter fallen, manchmal schwerer fallen, und wenn man merkt, dass man mit einer Entscheidung sehr, sehr hadert, finde ich es in der Regel super sinnvoll, sich noch einen neutralen professionellen Blickwinkel dazu zu holen,

20:39
um für sich wieder die relevanten Seiten abzutasten und aus seiner Ambivalenz wieder erneut eine Entscheidung zu treffen. Ihr Lieben, das war es mit der ersten Folge „Psychoaktiv“ im Jahr 2026. Ich persönlich finde es so wichtig, dem Thema Ambivalenz genügend Raum zu geben, nicht nur in der Suchthilfe, sondern natürlich auch persönlich.

21:01
Als ich aber vor zehn Jahren angefangen habe, in der Suchthilfe zu arbeiten, ist mir das noch sehr schwer gefallen und bin häufig eben sehr auferste Aussagen meiner Klienten mit aufgesprungen und durfte am Anfang immer auch merken, wie sehr die Ambivalenz viele der nächsten Schritte torpediert, wenn man eben aus der Ambivalenz keine klare Entscheidung geschöpft hat.

21:22
Nun empfinde ich tatsächlich die ausführlichen Prozesse zur Ambivalenz mit meinen Klienten als unfassbaren Entwicklungsraum, etwas, was wie so ein essenzieller Nährboden für die weitere Arbeit ist. Ich habe mich auch voll gefreut, dass wir gleich mit einem Folgenwunsch aus der „Psychoaktiv“-Umfrage im Dezember starten konnten, aber an sich könnt ihr euch über das ganze Jahr Themen wünschen,

21:44
nicht nur in der Abschlussumfrage jedes Jahres, sondern eben auch in meinem Google-Form für die Themenwünsche. Die findet ihr einfach auch in der Folgenbeschreibung oder ihr schreibt mich einfach an per Mail unter psychoaktiv@stephanieboetsch.de. Sonst möchte ich euch gerne noch mal darauf aufmerksam machen,

22:03
dass sich meine Inhalte über das Mitgliedschaftsprogramm „Psychoaktiv Plus“ finanzieren. Ohne das Programm wäre meine Arbeit überhaupt nicht möglich. Das Mitgliedschaftsprogramm hat inzwischen auch wirklich viele Boni zu bieten, zum Beispiel, wie ich heute auch schon in der Folge erwähnt habe, gibt es Vertiefungen zum Thema Entscheidung und die Verantwortung einer Entscheidung im Kontext der Sucht,

22:24
aber ihr findet auch Fallbeispiele als Bonusfolgen und auch Hörleitfäden, die eben euch zu bestimmten Themen durch verschiedene Folgen durchführen. Der Link zum Mitgliedschaftsprogramm findest du in der Folgenbeschreibung, und falls du Fragen hast, melde dich einfach gerne. Ich freue mich auf jeden Fall, dich als Mitglied begrüßen zu dürfen, und sonst hören wir uns in der nächsten Folge wieder. Bis dann, tschüss.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner