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Scham als Motor der Sucht? Schuld, Stigma und moralische Verletzung

Scham gehört zum Leben dazu: Sie kann uns darauf aufmerksam machen, dass wir eine Grenze überschritten haben oder unser Verhalten nicht zu den eigenen Werten passt. Im Zusammenhang mit Sucht kann sich dieses Gefühl jedoch verselbstständigen und zu einem belastenden Kreislauf werden. In dieser Folge geht Stefanie Bötsch der Frage nach, welche Rolle Scham bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeit spielt. Sie erklärt den Unterschied zwischen Schuld, Scham und Beschämung, beleuchtet die soziale Funktion von Scham und zeigt, wie gesellschaftliche Stigmatisierung zu Selbststigmatisierung werden kann.

Die Folge zeigt, warum manche Menschen konsumieren, um Scham, Unsicherheit oder ein negatives Selbstbild kurzfristig nicht spüren zu müssen – und wie der Konsum gleichzeitig neue Anlässe für Scham erzeugt. Außerdem geht es um moralische Verletzungen infolge aktiver Sucht, die besondere Scham nach einem Rückfall und die Frage, wie Beratung und Therapie einen sicheren Raum für schambesetzte Erfahrungen schaffen können. Scham ist damit weder grundsätzlich schädlich noch die alleinige Ursache von Sucht: Entscheidend ist, ob sie als vorübergehendes Signal zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten beiträgt oder sich gegen die gesamte Person richtet, Rückzug fördert und die Annahme von Hilfe erschwert.



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Scham als Motor der Sucht? Schuld, Stigma und moralische Verletzung

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PODCAST-METADATEN
Erscheinungsdatum: 24.09.2026
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Scham als Motor der Sucht? Schuld, Stigma und moralische Verletzung
Sprecher: Stefanie Bötsch
Typ: Transkript

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Scham gehört zum Leben dazu. Sie kann uns zeigen, dass wir eine Grenze überschritten haben, dass uns die Meinung anderer wichtig ist, oder dass unser Verhalten nicht zu den eigenen Werten passt. Im Zusammenhang mit Substanzkonsum kann sich Scham allerdings auf eine ziemlich ungünstige Weise verflechten. Denn manche Menschen konsumieren, um die Scham nicht spüren zu müssen, und gleichzeitig entsteht durch den Konsum und seine Folgen häufig eine neue Situation, für die sich Menschen dann schämen. Und so kann Kreislauf entstehen: Scham führt zu Konsum, und Konsum erzeugt neue Scham. Und je größer die Scham wird, desto schwerer wird es, darüber zu sprechen und Hilfe anzunehmen.

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Psychoaktiv, euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein!

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Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge „Psychoaktiv“. Schön, dass du wieder eingeschaltet hast. Psychoaktiv ist dein Fachpodcast zu Drogenkonsum und Sucht, und darüber sprechen wir jede zweite Woche und schauen uns seit über 6 Jahren wirklich jede Facette dieses Themas an. Und ein Gefühl, das im Kontext mit der Sucht häufig wirklich sehr präsent ist, ist die Scham. Und die Scham ist ein Gefühl, das viele meiner Klienten und, wenn ich ganz ehrlich bin, auch ich selbst in meinem Leben gerne einfach auslöschen würde. Sie gilt als besonders unangenehm, und in gewisser Intensität und Kontexten kann sie auch maßgeblich daran beteiligt sein, dass wir unsere Ziele und Wünsche einfach nicht erfüllen können. Doch auch wenn wir Gefühle gerne mal auch in positive und negative Gefühle einordnen, ist diese Einordnung immer ein bisschen schwierig. Weil negative Gefühle mutet immer so ein bisschen an, dass die Gefühle eigentlich nicht da sein sollten.

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Allerdings hat jedes Gefühl seinen Wert und Wichtigkeit. Und deswegen schauen wir uns die Scham heute mal genauer an, schauen, wie sie im Zusammenhang mit der Sucht steht und auch, wie man im beraterischen und therapeutischen Kontext damit umgehen kann. Starten wir mal ganz vorne mit der Frage: Was ist Scham eigentlich? Scham gehört zu den sogenannten selbstbezogenen oder selbstbewertenden Emotionen. Scham meldet sich zum Beispiel, wenn eine Grenze unseres Selbst berührt oder verletzt wird. Und das kann eine innere Grenze sein, also ein eigener Wert oder eine Vorstellung davon, wer ich eigentlich sein möchte. Es kann aber auch eine Grenze sein, die von außen verletzt wird, wenn etwas Intimes ungefragt zum Beispiel sichtbar gemacht wird oder andere mich bloßstellen. Damit ich mich schämen kann, brauche ich also eine Vorstellung von mir selbst. Ich muss wahrnehmen können, wie ich auf andere wirke, welche Erwartungen an mich gestellt werden und welche Werte oder Ideale ich selbst habe.

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Denn Scham entsteht häufig dann, wenn zwischen diesem Bild und der erlebten Wirklichkeit eine Lücke aufreißt. Zum Beispiel, wenn ich kompetent wirken möchte und dann vor allen einen Fehler mache. Oder ich wollte sehr verlässlich sein und habe ein Versprechen gebrochen. Oder ich wollte einen guten Eindruck bei einer Professorin hinterlassen und vor lauter Aufregung habe ich beim Kaffeetrinken mit ihr mit dem Kaffee angestoßen. Letzteres ist natürlich auch nur ein sehr frei erfundenes Beispiel. Scham berührt also ganz elementare Bedürfnisse, zum Beispiel Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität. Und dabei übernimmt Scham in unserem Zusammenleben eine sehr wichtige Funktion. Denn Menschen leben in Gruppen und sind auf Zugehörigkeit, Schutz, Bindung und auch Kooperation angewiesen. Scham macht uns sensibel dafür, wie unser Verhalten bei anderen ankommt und ob eine Beziehung oder unsere Zugehörigkeit gefährdet sein könnte. In diesem Sinne wird sie manchmal auch als so eine Art sozialer Klebstoff beschrieben.

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Das heißt natürlich nicht, dass jede Norm sinnvoll ist. Denn Menschen schämen sich auch für Dinge, für die sie absolut nichts können, wie zum Beispiel Armut oder psychische Erkrankungen. Oder für den eigenen Körper, für die Herkunft, die sexuelle Orientierung oder dafür, Hilfe zu benötigen. In solchen Fällen sagt das Schamgefühl oft sehr wenig über die Person aus und viel mehr über die Normen und Machtverhältnisse ihrer Umgebung. An dieser Stelle möchte ich gerne noch einen wichtigen Unterschied einführen, und zwar zwischen Schuld und Scham. Schuld richtet sich nämlich auf eine konkrete Handlung. Also ich habe etwas getan, das meinen Werten widerspricht, also ich habe zum Beispiel jemanden angelogen oder verletzt oder im Stich gelassen. Und Schuld kann zwar auch sehr belastend sein, sie kann aber auch einen Weg nach vorne halten, wie zum Beispiel sich zu entschuldigen, die Verantwortung übernehmen oder, soweit das auch irgendwie möglich ist, etwas wieder gutzumachen.

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Und die Scham hingegen, die richtet sich häufig stärker auf die ganze Person. Dann lautet der innere Satz nicht nur „Ich habe etwas Falsches getan“, er bedeutet „Gott bin ich peinlich“ oder stärker bis hin zu „Ich bin falsch, ich bin schwach, ich bin ekelhaft“. Und wenn andere wirklich wüssten, wie ich bin, würden sie mich ablehnen. Diese Unterscheidung kann für die Reflexion sehr hilfreich sein, sie ist aber auch keine mathematisch saubere Trennlinie. Denn im echten Leben treten Schuld und Scham oft gemeinsam auf, und auch Menschen benutzen diese Begriffe oft unterschiedlich. Trotzdem macht es einen großen Unterschied, ob ich ein Verhalten kritisch betrachten kann oder ob aus diesem Verhalten ein endgültiges Urteil über meinen ganzen Wert als Mensch wird. Und dann gibt es noch den Aspekt der Beschämung. Denn Scham kann sich auf eine von mir selbst wahrgenommene innere Grenzverletzung beziehen. Beschämung entsteht dagegen, wenn meine Grenzen von anderen verletzt werden.

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Also ich werde bloßgestellt, lächerlich gemacht, gedemütigt oder auf einen vermeintlichen Makel reduziert. Und diese Beschämung kann ganz offen passieren, zum Beispiel durch Beleidigungen, aber sie kann auch super subtil sein, wie zum Beispiel ein spöttischer Ton oder ein angewideter Blick. Oder wenn man jemanden zum Beispiel so behandelt, als wäre die Person ein unvernünftiges Kind, obwohl es eine erwachsene Person ist. Und mit diesem Aspekt kommen wir nun zur Verbindung zwischen Scham und Sucht, denn die Beschämung spielt hier eine ganz zentrale Rolle. Denn wenn wir von Beschämung sprechen, dann kommen wir sehr schnell zum Thema Stigmatisierung von Menschen mit Suchterkrankung. Ein Stigma entsteht aber nicht einfach dadurch, dass irgendwie ein Unterschied oder ein Problem wahrgenommen wird. Entscheidend ist, was danach passiert. Also ein Merkmal wird herausgegriffen, mit negativen Eigenschaften verbunden und schließlich auf die ganze Person übertragen.

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Also aus „Dieser Mensch hat eine Abhängigkeitserkrankung“ wird „der oder die Süchtige“. Und an diesem Etikett hängen dann Zuschreibungen wie „willenschwach“, „unzuverlässig“, „gefährlich“ oder „moralisch minderwertig“. Und der Stigmatisierungsprozess geht aber noch weiter, denn aus der negativen Zuschreibung entsteht eine soziale Distanz. Menschen werden ausgeschlossen, anders behandelt oder erleben wirklich konkrete Nachteile, etwa bei der Wohnungssuche, am Arbeitsplatz oder auch in der medizinischen Versorgung. Und dazu kommt auch so eine sogenannte Gleichheitserwartung. Weil es einem Menschen ohne Abhängigkeit leicht fällt, nicht zu konsumieren, wird angenommen, es müsse der betroffenen Person genauso leicht fallen. Und wenn sie es nicht schaffen, gilt das dann nicht als Ausdruck der Erkrankung, sondern an mangelnder Anstrengung. Stigmatisierung bleibt dabei aber nicht nur im Außen. Menschen können diese Bilder übernehmen, und aus dieser Fremdstigmatisierung wird Selbststigmatisierung.

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„Andere halten mich für schwach, also bin ich vermutlich schwach.“ „Andere erwarten, dass ich wieder scheitere, also bin ich wahrscheinlich tatsächlich ein hoffnungsloser Fall.“ Und gerade durch die Stigmatisierung wird die Scham dann nicht mehr zu einer situationsbezogenen Scham, sondern kann sich wirklich in das Selbstbild eingravieren und die ganze Zeit wie ein Schatten an einem kleben. Und dieses Gefühl kann dann den Konsum weiter antreiben. Man möchte irgendwie dieses Gefühl wegdrücken, sich vor sich selbst verstecken oder aber sich selbst auch bestrafen. Zu letzterem gibt es übrigens auch eine Podcastfolge, die findet ihr in den Shownotes. Mit zunehmendem Konsum entstehen dann häufig neue Anlässe für Scham. Man konsumiert mehr oder länger als vorgenommen, man sagt Termine ab, verheimlicht Mengen, erfindet Ausreden, leiht sich Geld oder bricht Versprechen. Vielleicht reagiert man im Rausch auf eine Art und Weise, die man dann auch nüchtern bereut. Und vielleicht verliert man auch Rollen, die einem vorher wichtig waren, wie zum Beispiel die verlässliche Freundin, der aufmerksame Vater oder die kompetente Kollegin.

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Es entsteht also ein Kreislauf: Scham führt zu Konsum, der die Scham intensivieren kann, was wiederum zu mehr Konsum führen kann. Die Scham hat neben dem Konsum auch viele Konsequenzen für die Verhaltensebene. Mich hat neulich mal eine Hörerin gefragt, warum im Kontext von Sucht so viel gelogen wird, auch wenn man ganz klar die Wahrheit einfordert und versichert, dass es keine negativen Konsequenzen hat. Das haben wir häufig im Kontext von Rückfällen, dass Angehörige oder auch Institutionen sagen: „Bitte sei offen, das ist mir viel lieber, als dass du es verschweigst, und damit kann ich viel besser arbeiten.“ Die Person tut es aber trotzdem nicht. Eine Antwort auf diese Frage oder Beobachtung ist genau das, was ich gerade geschildert habe. Menschen schämen sich dafür, dass sie trotz Abstinenzentscheidungen wieder konsumiert haben, schämen sich, die eigenen Vorsätze gebrochen zu haben, und versuchen, diesen Teil von sich selbst, aber auch ihrem Umfeld zu verstecken. Und hierbei geht es eben ganz stark um Selbsterhalt und irgendwie den Selbstwert zu retten, auch wenn das aus einer nüchternen Perspektive vielleicht gar nicht so nachvollziehbar ist.

10:38
An dieser Stelle möchte ich noch einen kurzen Bogen zu einer früheren Psychoaktiv-Folge schlagen. Und zwar hat mich meine Suchterkrankung traumatisiert. Dort ging es unter anderem um das Thema moralische Verletzung im Zusammenhang mit Sucht. Und dieser Begriff „moralische Verletzung“ wurde zunächst vor allem im militärischen und traumatherapeutischen Kontext verwendet. Gemeint ist damit ein anhaltender seelischer Konflikt, wenn ein Mensch etwas getan hat oder nicht verhindert hat oder erlebt hat, das seinen eigenen tiefen moralischen Überzeugungen widerspricht. Und inzwischen wird diskutiert, ob ein solcher moralischer Schmerz auch im Verlauf einer Suchterkrankung entstehen kann. Weil ein Mensch hat in der aktiven Sucht vielleicht gelogen, jemanden bestohlen, Grenzen verletzt oder auch Menschen vernachlässigt, die ihm eigentlich wichtig sind. Und während der aktiven Sucht können solche Widersprüche ganz gut verdrängt werden, gerechtfertigt oder irgendwie auch durch den weiteren Konsum gedämpft werden.

11:36
Mit dem veränderten Konsum oder der Abstinenz werden diese eigenen Werte aber wieder sehr deutlich spürbar. Und daraus kann dann eben eine Schuld entstehen. Ich habe etwas getan, was ich bereue. Und daraus kann wiederum die Scham entstehen und auch über den Konsum hinaus bestehen bleiben. Weil man eben die Idee bekommt, weil ich das damals getan habe, bin ich heute ein schlechter Mensch. Das bedeutet, dass wenn Menschen sich aus ihrer Sucht herausentwickeln, sie häufig auch mit der Scham und Schuld zurechtkommen müssen, die aufgrund der Ausnahmesituation einer aktiven Suchterkrankung entwickelt wurde. Und die Forschung dazu steht noch ziemlich am Anfang. Ich finde es aber einen super wichtigen Punkt, denn manche haben immer noch die Idee, dass nur der Konsum eingestellt werden müsste und dann muss es den Betroffenen gleich ein ganzes Stück besser gehen. Das kann zwar auch so sein, doch häufig tun sich eben dann auch noch andere Probleme auf, mit denen die Person lernen muss, umzugehen.

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Was könnte ein guter Umgang mit dieser Scham sein? Im Kontext zum Beispiel von Therapie, aber auch Gesellschaft. Und wie wir heute schon gelernt haben, ist ein wichtiger Part des Zusammenhangs von Scham und Sucht die Stigmatisierung. Denn ein großes Problem der Scham ist ja, dass die Gesellschaft die Verantwortung für die Suchterkrankung komplett auf die betroffene Person abwälzt. Die Person hat sich süchtig gemacht und deswegen soll sie da auch alleine wieder rauskommen. Doch der Umgang mit Konsum ist auch ein gesellschaftlicher. Er hängt auch sehr mit der Trinkkultur des jeweiligen Landes zusammen. Und wir in Deutschland haben nun mal eine sehr konsumfördernde Trinkkultur. Wie unser direktes Umfeld und darüber hinaus konsumiert wird, hat sehr viel damit zu tun, wie wir am Ende selbst konsumieren. Und warum erwähne ich das? Wir beschämen und beschuldigen vor allem das, von dem wir denken, dass es ganz weit fern von uns ist und dass wir selbst auch davon nicht betroffen sind. Dass das irgendwie nichts mit einem selbst zu tun hat.

13:40
Wir ziehen uns also aus der Affäre, beschuldigen den Einzelnen und zack, wir sind auf der sicheren Seite. Also ein Schritt, um die umfassende Beschämung, die auf Menschen mit Suchterkrankungen lastet, anzugehen, ist im ersten Schritt auch die gesellschaftliche und vielleicht auch eigene Verantwortung mit anzuschauen und anzuerkennen. Und an dieser Stelle zum Thema Stigmatisierung habe ich auch noch einen tollen Buchtipp für euch, und zwar „Katerland“ von Dr. Georg Schomerus. Das ist ganz frisch auf den Markt gekommen und bringt da noch viel, viel tiefer in das Thema ein. Kann ich an dieser Stelle auf jeden Fall empfehlen, findet ihr in den Shownotes. Und wenn wir von der eigenen Verantwortung ausgehen, dann wird gleich klar, was im Kontext von Beratung und Therapie wichtig ist, um die Scham von Betroffenen auch zu bearbeiten. Denn Scham ist ein Gefühl, wie schon oben gesagt, das im Kontext mit anderen aufkommt. Das bedeutet, die Reaktion der Beraterin, des Therapeuten auf schambesetzte Vorkommnisse, wie zum Beispiel Rückfällen, aber auch allgemein Themen, ist halt elementar.

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Und wenn die Scham ausgesprochen und vom Gegenüber weder abgewehrt noch mit Abwertung beantwortet wird, kann eine neue Erfahrung entstehen. Und zwar, ich kann mich mit etwas zeigen, für das ich mich schäme, und werde trotzdem nicht als ganzer Mensch abgelehnt. Mir hat mal ein Klient, den ich schon länger begleitet habe, während eines erneuten Konsums E-Mails geschrieben und mir Dinge in einer Art und Weise mitgeteilt, die nüchtern sicher anders verlaufen wären. Das ist ein sehr kritischer Moment, denn es gibt eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Person aus Scham den Prozess jetzt abbricht. Das heißt, eine wertschätzende und einladende Antwort ist hier das A und O, um die Hürde erneut in die Beratung zu erscheinen, zu senken. In der Beratung selbst gilt es, die Scham nicht immer sofort abzutun. Ich finde, es ist schon manchmal das Natürlichste auf der Welt, dass man die Person schnell gegenüber entlasten möchte, à la „Ach, dafür müssen Sie sich nicht schämen“. Wir haben ja auch schon oben gelernt, dass Scham aber eine wichtige Funktion in unserem Leben einnimmt.

15:47
Denn eine Gesellschaft ohne Scham würde auch einfach nicht funktionieren. Das heißt, es gilt, die Scham zu erörtern und zu erkennen, welche situationsbezogene Scham vielleicht eine angemessene Reaktion ist, welche Scham aus Beschämung entstanden ist, die man dann auch von sich weisen darf und was vielleicht auch eher Schuld ist und ob hier Aspekte der Wiedergutmachung anstehen. Außerdem gilt es als Fachperson, in Selbsterfahrungen, Eigenreflexionen auch die eigenen Schamgrenzen immer wieder zu reflektieren. Natürlich auch mit dem Ziel, nicht unterbewusst durch Beschämung die Scham des Gegenübers weiter zu verstärken. Denn gerade Menschen, die so viel Scham und Beschämung ausgesetzt sind, wie eben Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen, die sind häufig super sensibel für Blicke, Stirnrunzeln oder andere Signale, die sie dann als Bestätigung ihrer Scham einordnen können. Denn man selbst als Beraterin und Therapeutin, man selbst ist ja kein weißes Papier, sondern hat auch eigene Werte. Und es heißt, sich eben mit der eigenen Haltung zu Themen wie zum Beispiel Chemsex, Sexualität, Sexarbeit, Untreue, Beschaffungskriminalität oder was auch immer zu beschäftigen und hier im besten Falle nicht kalt in einem Gespräch erwischt zu werden.

17:04
Aber falls es mal passiert, offen ansprechen und einfach auch einen konstruktiven Umgang mit solchen Situationen vormachen. Was dabei auch total hilfreich sein kann, sind potenziell schambesetzte Lebensbereiche bereits in der Anamnese aktiv und selbstverständlich anzusprechen. Nicht, weil man irgendwie eine Person etwas unterstellen möchte, sondern weil wir nicht davon ausgehen können, dass sie solche Themen von selbst einbringt. Frau Kniehorst, kennt ihr vielleicht auch schon aus anderen Folgen hier im Podcast, hat dazu in ihrem eigenen Podcast „Aktiv zugehört“ ein schönes Beispiel genannt, weil sie erzählt hat, dass, wenn eine Person zu ihr kommt, die sehr stark unter Stress steht, spricht sie in der Anamnese ganz offen auch die Möglichkeit einer Affäre an. Denn Affären erzeugen enormen Stress und sind tatsächlich statistisch absolut nicht selten. Doch darüber zu sprechen, tun die meisten Menschen sehr ungern. Und so setzt man eben auch das Signal: „Hey, darüber können wir auch sprechen.“ Und ich meine, dieses Prinzip lässt sich auch in die Suchthilfe übertragen.

18:04
Ich kann transparent erklären, dass ich grundsätzlich nach Sexualität, Beziehungen und unangenehmen oder riskanten Situationen frage, weil diese Lebensbereiche eben sehr häufig mit Konsum zusammenhängen können. Eine konkrete therapeutische Antwort auf eine Schamdynamik ist die sogenannte leistungssensible Suchttherapie. Und diese setzt nämlich den Fokus auf die Leistung, die Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung auf ihrem Recovery-Weg erbringen. Denn Menschen ohne Abhängigkeitserkrankung nehmen viele Schritte in dem Recovery-Weg für selbstverständlich. Für einen Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung kann es jedoch unfassbar viel Kraft kosten, Suchtdruck auszuhalten, eine Konsumsituation zu verlassen, ehrlich über einen Rückfall zu sprechen oder auch nach einer Krise wieder in die Behandlung zu kommen. Die Leistung beginnt also schon lange vor einer stabilen Abstinenz oder einer starken Konsumreduktion.

19:06
Das einzugestehen, dass man ein Problem hat, einen ersten Termin in der Beratungsstelle zu vereinbaren, bei einem hohen Stress die Konsummenge nicht weiter zu steigern, sich überhaupt jemandem zu öffnen, nach einem Rückfall den Konsum wieder zu stoppen oder sich ganz im Allgemeinen Hilfe zu holen, all das kann superleicht übersehen werden, wenn wir ausschließlich immer nur auf das Endergebnis schauen. Und der leistungssensible Ansatz versucht, der von Scham und Scheiter geprägten Haltung eine andere Erfahrung entgegenzusetzen. Und zwar, ich darf wahrnehmen, was ich bereits leiste. Ich kann ehrlich auf Schwierigkeiten schauen, ohne halt auch alle bisherigen Bemühungen zu entwerten. Und ganz wichtig, ich darf auf die einzelnen konkreten Schritte auch stolz sein.

19:55
Ihr Lieben, wir sind am Ende dieser Podcast-Folge angelangt. Und kommen wir zum Schluss nochmal zu vier abschließenden Learnings aus der Folge. Nummer eins, Scham ist nicht grundsätzlich ein negatives Gefühl, was einfach weg muss. Sie erfüllt erstmal eine wichtige soziale und auch persönliche Funktion. Und entscheidend ist es hier wirklich, genauer hinzuschauen. Geht es um eine konkrete Handlung, die nicht zu meinen eigenen Werten passt, um Schuld und damit vielleicht über um Wiedergutmachung oder um Scham, die durch Stigmatisierung und Beschämung entstanden ist und eigentlich gar nicht zu der Person gehört. Zweitens, Scham kann eben bei Sucht gleichzeitig Ursache und Folge von Konsum sein. Der Konsum kann helfen, die Scham kurzfristig nicht spüren zu müssen. Gleichzeitig können Konsum und seine Folgen neue Scham erzeugen. Und daraus kann eben ein Kreislauf entstehen, der nicht nur weiteren Konsum begünstigt, sondern eben auch Heimlichkeit, Lügen oder auch den Rückzug aus Hilfsangeboten.

20:57
Drittens, Scham braucht in Beratung und Therapie vor allem eine Beziehung, in der sie ausgesprochen werden darf. Dabei geht es vor allem darum, die Scham besser zu verstehen und gleichzeitig sichtbar zu machen, welche Anstrengungen Menschen auf ihrem Recovery-Weg bereits leisten. Und zu guter Letzt und meiner Meinung wirklich sehr, sehr wichtig, Scham im Kontext von Sucht ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Und Menschen schämen sich nicht im luftleeren Raum. Und stigmatisierende Vorstellungen von Abhängigkeit, wie zum Beispiel das als Willensschwäche abzutun oder als persönliches Versagen oder selbstverschuldetes Problem, all das können Scham überhaupt erst erzeugen und auch verstärken. Und wenn wir Scham für diese betroffenen Menschen reduzieren wollen, reicht es deshalb nicht nur, an der betroffenen Person zu arbeiten. Wir müssen wirklich auch hinterfragen, wie wir gesellschaftlich und auch als Fachkräfte über Konsum und Abhängigkeit sprechen und welche Verantwortung man im Allgemeinen auch selbst dabei trägt.

22:01
Ab heute findet ihr übrigens auch im Psychoaktiv-Plus-Methodenkoffer eine Reflexionshilfe dafür, um das Gefühl der Scham besser sortieren zu können. Genauso wie ich das eben auch im vorherigen Kapitel erklärt habe. Der Link dafür ist in der Folgenbeschreibung und der Zugriff zum Methodenkoffer ist eben Teil der Psychoaktiv-Plus-Vertiefungsmitgliedschaft, die euch dabei unterstützt, Psychoaktiv mehr in die Praxis einzubinden. Und ja, damit sind wir am Ende dieser Folge. Ich wünsche euch noch eine sehr schöne Zeit und wir hören uns in zwei Wochen oder vielleicht auch früher wieder. Bis dann, tschüss!


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