Das Wichtigste in Kürze: Hochbegabung und Sucht
✓ Hochbegabung bedeutet nicht automatisch Hochleistung. Ein hoher IQ kann eine Ressource sein, aber gute Leistungen entstehen erst im Zusammenspiel mit Motivation, Kreativität, passenden Rahmenbedingungen und Frustrationstoleranz.
✓ Viele hochbegabte Menschen erleben nicht nur schnelles Denken, sondern auch Unterforderung, Reizoffenheit, intensives Erleben oder das Gefühl, anders zu sein. Besonders belastend kann es werden, wenn diese Dynamiken nicht erkannt oder falsch eingeordnet werden.
✓ Beim Substanzkonsum gibt es keinen einfachen Zusammenhang. Entscheidend ist eher die Funktion des Konsums – etwa Neugier, Selbstmedikation, Reizregulation, Entlastung oder der Versuch, das eigene System herunterzufahren.
✓ Du hörst lieber Podcasts? Das Interview mit Frauke Niehues findest du auch in dieser Folge Psychoaktiv.

Frauke Niehues ist Diplom-Psychologin, psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie, klinische Hypnotherapeutin und Supervisorin; sie leitet gemeinsam mit Manfred Prior die MEG-Regionalstelle Frankfurt und arbeitet seit vielen Jahren als Dozentin, Ausbilderin und Expertin für Hoch- und Höchstbegabung.
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Was ist Hochbegabung?
Stefanie Bötsch:
Frauke, schön, dass du heute da bist. Wir sprechen über ein Thema, das in meiner suchttherapeutischen Ausbildung ehrlich gesagt kaum eine Rolle gespielt hat: Hochbegabung. Ich kenne den Begriff noch aus der Schulzeit, aber fachlich ist er mir in der Suchthilfe kaum begegnet. Deshalb würde ich gerne ganz grundlegend anfangen: Was bedeutet Hochbegabung eigentlich?
Frauke Niehues:
Hochbegabung wird im klassischen Sinne über die intellektuelle Leistungsfähigkeit definiert. In Deutschland spricht man in der Regel ab einem IQ von 130 von Hochbegabung. Das betrifft ungefähr zwei Prozent der Bevölkerung. Von Höchstbegabung spricht man ab einem IQ von etwa 146, das ist ungefähr eine von tausend Personen.
Wichtig ist dabei: Der IQ ist kein absoluter Wert, sondern ein Vergleichswert. Er sagt aus, wie eine Person im Vergleich zu anderen Menschen derselben Altersgruppe abschneidet. Ein IQ von 100 bedeutet zum Beispiel, dass etwa 50 Prozent der Menschen in der Vergleichsgruppe besser und 50 Prozent schlechter abschneiden.
Stefanie:
Das heißt, Hochbegabung ist zunächst einmal eine statistische Einordnung. Gleichzeitig wird Hochbegabung im Alltag oft mit sehr guten Leistungen gleichgesetzt. Ist das korrekt?
Frauke:
Nicht unbedingt. Hochbegabung und Hochleistung sind nicht dasselbe. Hochbegabung beschreibt vor allem das intellektuelle Potenzial. Hochleistung entsteht aber erst, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: Intelligenz, Kreativität und Aufgabenzuwendung. Zusätzlich spielen auch Rahmenbedingungen eine große Rolle, zum Beispiel Familie, Schule oder Peergroup.
Manche hochbegabte Menschen bringen in der Schule oder im Studium keine herausragenden Leistungen. Nicht, weil sie nicht intelligent wären, sondern weil andere Voraussetzungen fehlen: Motivation, passende Förderung, Lernstrategien, emotionale Selbstregulation oder ein Umfeld, das sie gut begleitet.
Stefanie:
Das finde ich für die Praxis unglaublich wichtig. Denn wir haben schnell das Bild: Wer hochbegabt ist, dem fällt alles leicht. Aber du beschreibst eher, dass genau daraus auch Schwierigkeiten entstehen können.
Frauke:
Ja, absolut. Wenn einem lange Zeit vieles zufliegt, lernt man bestimmte Fähigkeiten manchmal nicht. Zum Beispiel Frustrationstoleranz, Durchhaltevermögen oder die Fähigkeit, mit Scheitern umzugehen. Viele Hochbegabte stoßen in der Schule lange nicht an ihre Grenzen. Das klingt erst einmal angenehm, kann aber später schwierig werden.
Wenn diese Menschen dann im Studium oder Beruf plötzlich an eine echte Grenze kommen, fehlt ihnen manchmal die Erfahrung: Wie lerne ich? Wie halte ich etwas aus, das ich nicht sofort kann? Wie gehe ich damit um, wenn mein Selbstbild ins Wanken gerät?
Wie funktioniert ein IQ-Test?
Stefanie:
Das berührt schon stark das Thema Selbstwert. Bevor wir dahin gehen, würde ich gerne noch beim IQ-Test bleiben. Viele Menschen machen Online-Tests und bekommen dann irgendeinen Wert ausgespuckt. Wie seriös ist das?
Frauke:
Die meisten Online-Tests sind eher Spielerei. Ein seriöser Intelligenztest ist sehr aufwendig normiert. Das bedeutet: Er wurde mit sehr vielen Menschen durchgeführt, sodass man Vergleichswerte bilden kann. Gute Tests sind außerdem untereinander vergleichbar, obwohl sie teilweise unterschiedliche Aufgabenformate haben.
Es gibt verschiedene Intelligenzmodelle und deshalb auch verschiedene Testverfahren. Manche testen eher logisches Denken, manche stärker sprachliche Fähigkeiten, manche räumlich-visuelles Denken oder Verarbeitungsgeschwindigkeit. Die Kunst besteht darin, einen Test auszuwählen, der zur Person passt.
Stefanie:
Also zum Beispiel nicht unbedingt ein dreistündiger, monotoner Test für eine Person mit ADHS?
Frauke:
Genau. Wenn jemand ADHS hat oder unter Zeitdruck stark blockiert, muss man das berücksichtigen. Ein guter Test ist nicht nur ein Formular, das man ausfüllt. Es braucht jemanden, der versteht, was gemessen wird, welche Faktoren das Ergebnis beeinflussen können und welcher Test für welche Person sinnvoll ist.
Warum wird Hochbegabung leicht übersehen?
Stefanie:
Du hast vorhin gesagt, dass Hochbegabung nicht automatisch sichtbar wird. Gibt es Gruppen, bei denen Hochbegabung besonders leicht übersehen wird?
Frauke:
Ja. Mädchen werden zum Beispiel seltener als hochbegabt erkannt als Jungen. Das hat viel mit Rollenbildern und Erwartungen zu tun. Jungen fallen häufiger nach außen auf, wenn sie unterfordert sind: Sie stören, werden Klassenclown oder verhalten sich oppositionell. Mädchen passen sich oft stärker an.
Ich kenne Mädchen, die absichtlich Fehler in Arbeiten einbauen, damit sie nicht auffallen. Dahinter steckt oft die Angst, sozial ausgeschlossen zu werden. Hochbegabte Kinder merken häufig sehr früh, dass sie anders sind. Und sie stehen dann vor einem Dilemma: Zeige ich mich so, wie ich bin, und riskiere Ablehnung? Oder passe ich mich an und verleugne Teile von mir?
Stefanie:
Das klingt nach einer enormen inneren Spannung.
Frauke:
Genau. Hochbegabte Menschen müssen oft immer wieder abwägen: Zeige ich meine Fähigkeiten, meine Gedanken, meine Geschwindigkeit? Oder halte ich mich zurück, um dazuzugehören? Dieses ständige Abwägen kann zu einer Grundanspannung führen.
Und es geht dabei nicht nur um Schule. Auch später im Beruf oder in sozialen Beziehungen kann das Thema bleiben. Viele Hochbegabte haben das Gefühl, sie müssten sich …




