Mit Stolz aus der Sucht

Warum fällt es Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung häufig schwer, auf ihre Abstinenz, eine Konsumreduktion oder andere Veränderungen stolz zu sein? In dieser Folge beschäftigt sich Stefanie Bötsch mit der Bedeutung von Scham und Stigmatisierung im Verlauf einer Abhängigkeit und während des Heilungsprozesses. Sie erklärt, weshalb Außenstehende die Anstrengung einer Konsumveränderung oftmals unterschätzen und wie daraus Abwertung, Selbstzweifel und soziale Ausgrenzung entstehen können. Dabei werden auch die Auswirkungen auf Angehörige betrachtet, die häufig selbst mit Schuldzuweisungen, Scham und Stigmatisierung konfrontiert sind.
Die Folge stellt den Ansatz einer leistungssensiblen Suchttherapie vor und unterscheidet zwischen authentischem und überheblichem Stolz. An konkreten Beispielen wird gezeigt, welche Leistungen mit dem Weg aus einer Abhängigkeit verbunden sein können: das eigene Konsumverhalten erstmals ehrlich zu hinterfragen, sich anderen anzuvertrauen, eine Beratungsstelle aufzusuchen, den Konsum zu reduzieren, einen Entzug zu bewältigen oder einen erneuten Konsum offenzulegen.
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Mit Stolz aus der Sucht
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PODCAST-METADATEN
Folge: 88
Erscheinungsdatum: 25.04.2024
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Mit Stolz aus der Sucht
Sprecher: Stefanie Bötsch
Typ: Transkript
Transkript Beginn
00:01
Und vor allem am Anfang gilt es, für all diese Themen neue Strategien aufzubauen. Und das ist anstrengend. Sorgt hingegen Stolz und Ehrlichkeit zu mehr Motivation, erhöht die Ausdauer und produziert Erfolgserlebnisse und am Ende Freude. Nicht erkrankte Menschen Abstinenz oder eine Konsumreduktion einfach nicht als Leistung anerkennen können, weil sie das ja bei sich selbst nicht so erleben.
00:30
Psychoaktiv. Dein Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötsch.
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Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Psychoaktiv. Schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt. Ich freue mich riesig und heute haben wir auch so ein wichtiges Thema. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, ob dieser Podcast noch bestehen würde, würde ich nicht wirklich auch regelmäßig von euch hören.
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super liebe Nachrichten bekommen, wie sehr euch mein Podcast weiterhilft, dass ich das gut mache, dass euch das gefällt. Und solche Nachrichten und solches Lob gibt mir natürlich extremst viel Aufschwung, weiterzumachen. Und vor allem in Zeiten, wo ich mit meinem anderen Job super viel Stress habe, wo ich mit meinem Studium auch echt viel zu tun hatte, haben mich solche Kommentare echt immer
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immer wieder dabei unterstützt weiterzumachen motiviert zu bleiben und mich durchzukämpfen und wenn du dir da vielleicht mal ein bisschen Gedanken drüber machst fallen dir sicher auch Situationen ein in denen Lob und Anerkennung für deine Leistung dir dabei geholfen hat ja nochmal ein bisschen Gas zu geben oder schwierige Zeiten zu überbrücken es ist einfach so so wichtig
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Und wisst ihr, wo Lob und Stolz und Anerkennung leider häufig zu kurz kommt? Und zwar bei Substanzgebrauchsstörungen. Und genau dieses Thema möchten wir uns heute genauer anschauen. Und zwar geht es heute um Stolz auf die Leistung, sich aus seiner Sucht herauszuentwickeln. Sei es durch Abstinenz oder eben durch Konsumkontrolle. Je nachdem, welches Konzept man anstrebt und welches für einen das Richtige ist.
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Das Problem ist nämlich, dass Substanzgebrauchsstörungen sehr mit Scham besetzt sind und dieser Scham sich nicht nur in die Erkrankung, sondern auch in den Heilungsprozess hineinwebt. Viele Menschen, die eine Abhängigkeit durchleben, fühlen sich minderwertig, haben ein geringes Selbstvertrauen und schämen sich für die dauernd erlebten Kontrollverluste.
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Und da ist es aufgefallen, dass dieses Gefühl weiter anhält, auch wenn man schon länger abstinent ist oder seinen Konsum massiv reduziert hat und man gar nicht so richtig stolz auf seine Leistung sein kann.
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Und genau das wollen wir uns heute mal genauer anschauen und wir beschäftigen uns mit der Frage, warum es für Menschen so schwer ist, Stolz zu entwickeln. Und ich möchte zusätzlich in dieser heutigen Folge dafür sensibilisieren, auf was man eigentlich alles stolz sein kann bei einem Heilungsprozess aus der Sucht. Die Grundlage
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Die Grundlage dieser Folge ist das Buch mit »Stolz aus der Abhängigkeit – Leistungssensible Suchttherapie nach Fleckenstein und Fleckenstein her«.
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Das ist ein Buch, das diesen Therapieansatz beschreibt und erklärt, wie man ihn in die Suchttherapie umsetzt. Also es ist kein Buch für Betroffene, sondern für Therapeuten. Ihr findet den Link natürlich auch in der Folgenbeschreibung. Aber meine Folge ist übrigens sowohl für Betroffene als auch Angehörige, als auch Therapeuten. Also bleibt gern alle dran. Musik
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Wie wir es gerade schon in der Einführung gehört haben, ist die Scham ein Faktor, die es Menschen sehr dolle erschwert, stolz bei einer Substanzgebrauchsstörung bzw. bei der Herausentwicklung zu verspüren. Also schauen wir uns erst einmal an, woher diese große Scham bei der Erkrankung kommt. Und um da vielleicht mal eine ganz große Grundlage zu verstehen, möchte
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möchte ich gerne euch eine Metapher aus dem Buch mit auf den Weg gehen, weil ich fand, die hat das sehr gut dargestellt und beschrieben. Dafür stellt ihr euch bitte jetzt mal ein Gummiband vor. So eins, was ihr vielleicht vom Sport kennt. Und das haltet ihr jetzt locker in den Händen, wie man das eben auch aus der Gymnastik kennt. Ich halte das Gummiband vor mir in den Händen.
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Das Gummiband entspricht einem Muskel. Wenn wir das jetzt ganz locker in den Händen halten, entspricht das dem konsumierenden Zustand von einem Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung. Der Konsum ist sozusagen ein natürlicher Teil des Alltags. Das ist der Normalzustand. Und jetzt stellt euch vor, wie ihr dieses Gummiband auseinanderzieht. Also ihr haltet eure beiden Arme nach links und rechts und das Gummiband spannt in der Mitte.
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Und das haltet ihr jetzt halt so. Und das kann ganz schön anstrengend werden. Und so kann man sich die Anstrengung vorstellen, wenn ein Mensch mit einer Abhängigkeitserkrankung eine Abstinenz aufrechterhält. Viele Situationen, die man lange nur mit der Unterstützung von psychoaktiven Substanzen ausgehalten hat,
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hat. Sei es unangenehme Gefühle, schwierige soziale Situationen oder Symptome von anderen Erkrankungen, gilt es jetzt plötzlich nüchtern zu bewältigen. Und vor allem am Anfang gilt es für all diese Themen neue Strategien aufzubauen. Und das ist anstrengend.
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Und hier eben bildlich dargestellt mit diesem überstreckten Gummiband und die Anstrengung, die wir dabei haben, dieses Gummiband gestreckt zu halten. Bleiben wir jetzt aber weiter bei dieser Metapher und kehren wieder zurück zu dem Punkt, wo das Gummiband wieder locker in unseren Händen liegt. Denn das ist die Anstrengung, die Menschen verspüren, die eben keine Probleme mit dem Substanzkonsum entwickelt haben,
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und einen abstinenten Zustand herstellen. Das heißt, es fällt Ihnen relativ einfach, es ist entspannt für Sie, es ist keine große Anstrengung. Und hier kommen wir zu einem Grundproblem. Für Menschen, die eben nicht von Substanzgebrauchsstörungen betroffen sind, ist es sehr schwer nachzuvollziehen,
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was es für eine Anstrengung ist, eine radikale Konsumveränderung bei einer Substanzgebrauchsstörung vorzunehmen. Sei es, wie gesagt, Abstinenz oder eine krasse Reduktion. Das kann man nicht nachvollziehen, weil es eben für einen selbst zu einfach ist.
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Man redet vielleicht vom absolut gleichen Begriff, und zwar der Abstinenz, aber es bedeutet halt was komplett anderes. Für Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung ist das mit sehr viel Anstrengung, aber auch Leistung verbunden, diesen Zustand zu erreichen und zu halten. Für Menschen, die nicht betroffen sind von einer Abhängigkeitserkrankung, ist es ein sehr einfach herzustellender Zustand.
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Dieses Bild ist jetzt natürlich eine Vereinfachung des Sachverhaltes, aber behaltet es im Hinterkopf, wenn wir jetzt gleich ein bisschen tiefer in das Thema Stigmatisierung eintauchen. Menschen, die eine Substanzgebrauchsstörung entwickeln, sind mit viel Stigmatisierung konfrontiert. Stigmatisierung bedeutet verkürzt eine Vorverurteilung aufgrund einer Normabweichung.
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Ganz klassisch wäre hier zum Beispiel, alle, die illegale Drogen konsumieren, sind keine vertrauenswürdigen Menschen. Das ist eine Vorverurteilung und hat absolut nichts mit der Realität zu tun. Aber man sieht eine Normabweichung. Eine Person konsumiert illegale Drogen und ich verbinde das mit einem Vorurteil. Menschen, die diese Drogen konsumieren, sind nicht vertrauenswürdig. Das ist im Prinzip Stigmatisierung. Nun,
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wenn eine Person eine Substanzgebrauchsstörung entwickelt, tritt ein Stigmatisierungsprozess ein. Hier ist erstmal der übermäßige Konsum die sogenannte Normabweichung, die diese Stigmatisierung in Gang setzt. Dieser fällt dem Umfeld auf und es wird negativ
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negativ bewertet. Zum Beispiel, naja, die Person, die strengt sich gar nicht genügend an, sonst würde sie ja nicht so viel konsumieren. Und es kommt damit zu einer Abgrenzung und einer Ausgrenzung. Bei der Abgrenzung geht man im Prinzip von sich selbst aus. Also im Prinzip, mir fällt es ja selbst leicht, wenig zu trinken oder länger nichts zu trinken. Das müsste ja dann auch der anderen Person leicht fallen. Und
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Und das ist so ein wichtiger Punkt in der Stigmatisierung von Menschen mit Substanzgebrauchsstörung. Und denkt hier bitte einfach an die Gummibandmetapher. Die Anstrengung für eine Abstinenz von einer Person ohne Substanzgebrauchsstörung kann einfach nicht mit der einer betroffenen Person verglichen werden. Punkt.
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Aber genau dieser Aspekt nähert die Abwertung. Und diese Aus- und Abgrenzung führt dann zu einer Diskriminierung. Man möchte dann mit der Person nichts mehr zu tun haben, aber es kann natürlich auch zu gesellschaftlicher Diskriminierung kommen, wie zum Beispiel, wenn man keinen Job mehr bekommt aufgrund der Abhängigkeitserkrankung oder ähnliches oder keine Wohnung. Und dieser Stigmatisierungsprozess hat halt dann eben auch
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negative Konsequenzen, logisch, für die betroffene Person. Und das sind eben ganz große Scham, eine Selbstabwertung und auch Auslösung
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Und mit all dem Stigma und den daraus resultierenden Scham umzugehen, kommt es eben häufig zu noch mehr Konsum, um die Realität zu unterdrücken, das Verleugnen des eigenen Konsums in der Kommunikation, einem starken sozialen Rückzug, aber auch zu aggressives oder arrogantes Auftreten gegenüber anderen, um sich selbst mehr als zu verleugnen.
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vollwertiger Interaktionspartner zu fühlen, um sich selbst zu erheben. Aber genau dieses Verhalten kann halt wieder zu noch mehr Abwertung, noch mehr Stigmatisierung führen und man ist da in so einen ewigen, verstärkenden Kreislauf gefangen.
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Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung werden also während ihres Krankheitsverlaufs immer wieder damit konfrontiert, von anderen Menschen als minderwertig wahrgenommen zu werden. Und das ist wirklich, wirklich schrecklich und erschwert einfach auch einen Konsumausstieg. Musik
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Diese beschriebene Stigmatisierungsdynamik trifft jedoch nicht nur Betroffene einer Substanzgebrauchsstörung, sondern kann sich auch auf Angehörige übertragen. Angehörige von Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung sehen sich häufig von schweren Situationen konfrontiert, wie Aggressionen im Rauschzustand oder vielleicht der Verlust des Arbeitsplatzes oder Trennungen. Und wenn sie sich nicht mehr mit der Substanzgebrauchsstörung beschäftigen,
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Und auch Teil dieser Situation zu sein, kann für Angehörige sehr beschämend sein. Denn bei Substanzgebrauchsstörungen werden Angehörige deutlich mehr in die Verantwortung gezogen. Es wird ihnen sogar eine Teilschuld zugesprochen an der Abhängigkeitserkrankung ihres Partners, ihres Kindes, als es zum Beispiel bei anderen psychischen Erkrankungen der Fall ist.
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Und auch hier treffen Angehörige Maßnahmen, um nicht stigmatisiert zu werden. Es werden zum Beispiel soziale Kontakte gemieden oder eben auch über den Konsum des Partners oder des Kindes geschwiegen oder darüber gelogen.
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Oder vielleicht auch verschönert, es werden Ausreden gefunden, falls irgendwas nicht klappt aufgrund des Konsums, wie zum Beispiel die betroffene Person geht nicht auf Arbeit. Also sehr ähnliche Mechanismen, die wir gerade schon gehört haben bei Menschen, die selbst betroffen sind von einer Substanzgebrauchsstörung. Und dadurch bekommt das System Sucht an sich noch eine weitere Komponente. Wir haben auf der einen Seite die stigmatisierten Betroffenen.
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Dann haben wir aber auch noch die stigmatisierten Angehörigen. Beide sind deswegen auch doppelt belastet, also aufgrund der eigenen Stigmatisierung und der Stigmatisierung der anderen. Und all das kann die Symptome noch verstärken, sowohl bei Betroffenen als auch Angehörigen. Also Angehörige sind extremst belastet dadurch und Betroffene können dadurch…
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weiter in die Sucht abrutschen. Und genau mit diesem System starten Menschen in eine Heilbehandlung aus einem System, wo sie herabgewürdigt wurden, das sehr viel Scham erzeugt hat, das immer wieder Stigmatisierung hervorgebracht hat. Und es braucht einfach unfassbar viel Mut, trotz all dem sich der eigenen Erkrankung zu stellen, sich die einzugestehen. Und genau hier kommen wir auch zu dem Ansatz,
13:00
dass genau diese Leistung wirklich hervorgehoben wird und aufgrund dieser Leistung ein Stolz entwickelt werden sollte. Denn der ist nur angebracht und das schauen wir uns jetzt an. Im ersten Schritt schauen wir uns erstmal an, welche Art von Stolz wir hier eigentlich meinen.
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Grundlegend kann zwischen authentischen und überheblichen Stolz unterschieden werden. Der authentische Stolz ist an sich an einen klaren Kontext geknüpft, zum Beispiel eine vorausgehende Handlung. Und es ist für einen selbst und auch für andere nachvollziehbar.
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Beispiel, ich bin stolz, dass ich meine erste Woche komplett abstinent geschafft habe. Das ist eine immense Leistung für Menschen mit Substanzgebrauchsstörungen. Denkt an die Gummiband-Metapher. Und das ist super großartig. Ein überheblicher Stolz hingegen wird häufig auch zur Schamabwehr genutzt. Also eine Überheblichkeit, um sich und seine eigenen Ängste zu verstecken. Mir fällt jetzt ehrlich gesagt nicht so ein gutes Beispiel dafür ein, aber
14:14
Aber vielleicht kann man das mit einem Kind vergleichen, das mit dem Reichtum seiner Eltern flext. Also das brollt rum und am Ende möchte er genau mit diesem Verhalten vielleicht eigene Versagensängste, nicht ähnlich erfolgreich zu sein, so kaschieren. Das könnte ich mir sehr gut als Beispiel für überheblichen Stolz vorstellen. Wir rücken aber jetzt den authentischen Stolz bei der Substanzgebrauchsstörung in die Mitte zurück.
14:40
Denn an sich zu arbeiten und das metaphorische Gummiband aufrecht zu erhalten, ist eine Leistung, auf die man eben auch authentisch stolz sein sollte. Denn während Scham für eine geringe Motivation sorgt, die meistens ein Rückzugsverhalten nach sich zieht, das wiederum negative Gefühle nährt und weitere psychische Erkrankungen hervorrufen kann, wir sind in dieser Schamspirale, es kann die Erkrankung verstärken, sorgt hingegen Stolz
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Und Ehrlichkeit zu mehr Motivation erhöht die Ausdauer und produziert Erfolgserlebnisse und am Ende Freude. Aus dem Kontext gerissen, aber im Prinzip das Beispiel, was ich euch am Anfang mit meinem Podcast genannt habe. Mehr Motivation, höhere Ausdauer, Erfolgserlebnisse. Ich habe es durchgehalten und es kamen auch wieder einfachere Zeiten. Und genau das wollen wir in der Suchttherapie fördern.
15:33
Doch jetzt wollen wir auch noch ein bisschen praktischer werden. Ich werde euch einfach auf ein paar Punkte hinweisen, auf was man stolz sein kann, wenn man sich aus einer Abhängigkeit herausentwickelt. Denn das Hauptproblem ist einfach, dass nicht erkrankte Menschen Abstinenz oder eine Konsumreduktion einfach nicht als Leistung anerkennen können.
15:53
weil sie das ja bei sich selbst nicht so erleben. Und das sorgt halt eben dafür, dass Betroffene es sehr schwer haben, Stolz für ihre Leistung zu entwickeln. Wenn es anderen leicht fällt, müsste es auch mir leicht fallen und deswegen darf ich darauf nicht stolz sein.
16:09
Und davon wollen wir uns jetzt wegbewegen. Das haben wir schon ein bisschen mit der Theorie gemacht, in dem uns jetzt einfach auch wirklich klar ist, dass Abstinenz für Nichtbetroffene was ganz anderes ist als Abstinenz für Betroffene. Aber jetzt schauen wir uns einfach ein paar klassische Beispiele an. Denn an sich fängt die erste Leistung schon an dem Punkt an, in dem sich Menschen mit Substanzgebrauchsstörung damit auseinandersetzen, ob sie eventuell etwas an ihrem Verhalten ändern möchte.
16:34
Denn hier bringt man schon den Mut auf, sich seiner Ambivalenz, also der inneren Zerrissenheit zu stellen und vor allem sich dieser Scham zu stellen. Also wenn Betroffene sich vielleicht darüber mal Gedanken machen, so diese erste Frage, habe ich vielleicht wirklich ein Problem? Und dass ich das wirklich ehrlich zu fragen, das ist eine Frage, die man sehr, sehr lange aus dem Weg gegangen ist. Und sich die wirklich dann ernsthaft zu stellen, das ist mutig.
17:02
Und wenn man dann noch weitergeht und sich vielleicht anderen anvertraut oder vielleicht auch das erste Gespräch in einer Beratungsstelle wahrzunehmen, dann wird man ja noch ehrlicher zu sich selbst, stellt sich noch mehr diesen Ambivalenzen und setzt sich mit anderen Menschen auseinander und vor allem auch seiner Angst, vielleicht auch wieder negativ bewertet zu werden. Behaltet an dieser Stelle echt wirklich dieses Schamsystem im Hinterkopf, aus dem man sich daraus bewegen muss.
17:29
Das ist einfach eine große Überwendung. Daraus folgen dann vielleicht erste Schritte, wie zum Beispiel die Konsummenge oder die Konsumtage zu verringern. Und in der Beratung oder Therapie geht es halt dann noch viel weiter. Dem folgt meistens ein Prozess, wo man sich aus dem jahrelangen eigenen Lügenkonstrukt
17:46
und anfängt, Stück für Stück selbstehrlich zu sein. Dann kommt noch der Aspekt dazu, dass Menschen, die einen körperlichen Entzug auf sich nehmen, sich auch in einem extrem körperlichen Ausnahmezustand aussetzen. Je nachdem, welche Substanz konsumiert wird, kann das auch echt lange dauern. Und wenn ihr euch jetzt nochmal an die Folge 74 erinnert,
18:07
Traumabindungssucht, da haben wir auch nochmal intensiv darüber gesprochen, was der Entzug eigentlich für Betroffene bedeutet. Denn plötzlich, wenn man sehr regelmäßig konsumiert, steht man nackig vielleicht vor ganz anderen Symptomen, die man eigentlich mit der Substanz weggedrückt hat, wie zum Beispiel Traumata. Und die kommen dann viel mehr zum Vorschein. Das ist echt krass.
18:29
Und trotz dieser hohen Belastung weiterhin nüchtern zu bleiben und an all diesen Problemen zu arbeiten, da muss man erstmal die Motivation und das Durchhaltevermögen für aufbringen.
18:40
Und dann kommen natürlich die weiteren Symptome der Abhängigkeitserkrankung zu, wie Verlangen oder auch ein unerwünschter erneuter Konsum, also ein Rückfall. Und das dann wieder transparent zu machen, auch das ist einfach ein krasser Schritt. Und ihr merkt jetzt vielleicht schon, ich wiederhole mich so ein bisschen im Sinne von, dass ich immer wieder betone, was das für eine Leistung ist.
19:02
Aber ich hoffe, dass es euch, wenn ihr vielleicht selbst betroffen seid oder Therapeuten oder Angehörige, dass man das nachfühlen kann. Also man kann es nicht nachfühlen, wenn man nicht selbst betroffen ist, aber dass man sich hineinversetzt, was das für ein krasser Prozess ist. Und jeder Einzelne, der den durchmacht, kann so, so stolz auf sich sein. Für jeden Schritt, den er geht, für jeden mutigen Schritt durchzuhalten.
19:27
Da kann man einfach so stolz sein. Und natürlich waren das nicht alle Punkte. Es fallen euch bestimmt auch noch viel, viel mehr Punkte an. Falls ihr auf Spotify oder YouTube hört, haut doch gerne mal in die Kommentare, auf was Menschen alle stolz sein können, wenn sie sich gerade aus dem Weg einer Abhängigkeitserkrankung befinden. Und genau diese Haltung, diese leistungssensible Haltung, diese Haltung,
19:53
die den Stolz fördert, das ist eben auch eine Haltung, die in der Therapie eine Grundlage werden sollte, um genau diese Haltung eben auch an Betroffene weitergeben zu können. Ich selbst lobe sehr, sehr gerne. Ich habe immer auch sehr viel gelobt. Und da ist natürlich wichtig, authentische Lobe auszusprechen. Also wir waren ja auch schon bei authentischem Stolz. Wenn man für jeden Scheiß lobt,
20:18
Im Sinne von, also damit meine ich, wenn man die Lobe nicht wirklich ernst meint, dann bringt das nicht so viel. Aber authentisches Lob für Leistung, um authentischen Stolz hervorzurufen, ist einfach unfassbar wichtig. Und das Gleiche gilt halt aber auch für Angehörige und die dürfen in diesem ganzen Konzept nicht vergessen werden, denn auch Angehörige sind Leistungsträger.
20:42
Sie erdulden oft jahrelang Zeiten von Ungewissheit, die haben Todesangst, müssen Schuldzuweisungen aushalten und zeigen vielleicht trotzdem die Bereitschaft, die betroffene Person zu unterstützen und bringen sich in die Therapie ein und gehen in Selbsthilfegruppen. Auch all das ist Leistung und das wird auch in den leistungstensiblen suchttherapeutischen Ansatz entsprechend mit einbezogen. Es geht also nicht nur darum, dass Betroffenen
21:08
Betroffene ihre eigenen Leistungen anerkennen, sondern auch die ihrer Angehörigen. Das Gleiche gilt aber auch andersrum, dass Angehörige lernen, auf ihre eigenen Leistungen stolz zu sein und auf die ihrer Lieben, die eine Substanzgebrauchsstörung haben.
21:24
Und das Wichtigste ist natürlich, diese auch zu kommunizieren. Sensibel zu werden für die Leistung des Anderen. Leistungssensibilität, das ist ja auch im Prinzip der Titel, der Untertitel des Buches. Und ich finde ihn sehr, sehr passend, weil darum geht es ja erstmal grundlegend, für sich selbst eine Sensibilität auszubilden, was ich alles leiste. Deswegen ja auch das gemeinsame Brainstoring für alles, was man stolz sein kann bei der Herausentwicklung einer Suchterkrankung.
21:51
weil das gilt es halt erstmal herzustellen. Musik
21:58
Und als kleine Übung zum Schluss für alle, egal ob Betroffener, Therapeut, wer auch immer das gerade anhört, denkt doch einfach mal darüber nach, weil ich glaube, Leistungssensibilität sollte man sich nicht nur bei Erkrankungen angewöhnen, sondern auch wirklich für den Alltag. Auf was wart ihr denn letzte Woche wirklich authentisch stolz bzw. könnt ihr authentisch stolz sein, falls es euch noch nicht aufgefallen ist?
22:23
Bei mir wäre es wohl ein abgesagter Termin, den ich zugunsten meiner eigenen Erholung habe ausfallen lassen. Und sowas ist für mich gar nicht leicht. Vor allem gerade habe ich auch echten vollen Terminplan. Ich bin kurz vor der Abreise für meine Jahresreise. Die Wohnung muss abgewickelt werden. Ich habe noch Sachen für mein Buch zu tun. Ich nehme heute schon die dritte Podcast-Folge auf. Ich hoffe, das hört man noch nicht.
22:48
Es ist gerade schon halb zwölf und ich wusste, dass diese Woche echt stressig wird und ich hatte noch einen anderen wichtigen Termin und ich dachte mir so, ich sag den jetzt ab und chill dafür einfach. Und das ist für mich echt eine Leistung, das ist nicht in Anführungszeichen normal für mich so zu handeln und darauf bin ich echt stolz, dass ich meine eigenen Bedürfnisse da so priorisiert habe. Also wie ist das bei euch? Wenn ihr möchtet, könnt ihr auch das in die Kommentare schreiben.
23:15
Aber nehmt einfach vielleicht auch mit dieser Podcast-Folge mit, eine gewisse Leistungssensibilität für einen authentischen Stolz für euch selbst zu entwickeln. Und das war es auch schon wieder mit dieser Podcast-Folge. Und falls ihr Psychoaktiv gerne hört, hilft es dem Podcast echt super weiter, wenn ihr dem anderen Menschen empfiehlt.
23:37
Podcasts verbreiten sich halt einfach immer auch noch oft über persönliche Empfehlungen oder einfach aktiv teilnehmt. Ich liebe es einfach, wenn so Podcast-Folgen wirklich leben und
23:48
Und ich zu den Fragen, die ich in diesen Folgen stelle, die stelle ich nicht nur, weil Interaktion den Podcast belebt, sondern weil ich dann hier nicht nur alleine hinter meinem Podcast stehe, sondern wirklich auch was von euch mitbekomme, was euch die Folge in euch bewegt. Und ich finde das einfach total spannend und merke dann auch, wie die Podcast-Folge wirkt und kann mich damit auch selbst weiterentwickeln.
24:11
Also danke dementsprechend für euer Feedback in alle Richtungen und falls ihr die Podcast-Folge sehr pünktlich hört, dann hören wir uns in zwei Wochen mit der neuen Folge wieder oder sonst, bis ihr halt die nächste Folge wieder einschaltet. Bis dann!

