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Von Dopamin und Diskurs: Wie sich eine Grafik verselbstständigt

Es ist sicher schon sechs Jahre her, als mir diese Grafik in einem Vortrag das erste Mal unterkam. Die Message war klar: „Schau wie viel Dopamin durch Drogen und vor allem durch Amphetamin ausgestoßen wird! Deswegen ist für Menschen mit Suchterkrankung das Leben ohne psychoaktive Substanzen am Anfang so fad…“

Intuitiv habe ich diese Grafik tatsächlich erst mal angezweifelt. Der Dopaminausstoß von Amphetamin kam mir im Vergleich zum Kokain sehr hoch vor. Aber ich hab es erst mal so geschluckt und nicht weiter darüber nachgedacht.

Doch dann hat mich diese Grafik angefangen zu verfolgen. In Vorträgen, in meiner Ausbildung. Überall diese Grafik als Erklärungsgrundlage, warum Drogen eben die Effekte erzielen, die sie erzielen.

Als dies nicht abflachte und ich auch dieses Jahr wieder einen Vortrag gehört hatte, in dem die Grafik vorkam, wollte ich es genauer wissen und habe mich auf die Suche nach der Quelle gemacht.

Ich habe also irgendwas wie „Drogen Dopamin Vergleich Essen“ gegoogelt und bin auch sofort bei der Grafik gelandet, da sie in einem Paper aufgeführt wurde.

Schon hier wird eines auf den ersten Blick klar. Neben der Grafik steht deutlich: „Ausmaß der Aktivierung des dopaminergen Belohnungssystems im Tierversuch“.

Das fand ich schon mal eine wichtige Information, die mir in den Vorträgen gefehlt hatte (auch wenn es an sich logisch ist, dass das eher nicht an Menschen gemessen wird, aber es geht mir hier um die richtig Einordnung). Aber natürlich wollte ich mir jetzt die Tierversuche anschauen, also Zitation prüfen.

Ich staunte ehrlichgesagt nicht schlecht, dass die Quelle „Dopamin und Käsekuchen“ von Manfred Spitzer war. Manfred Spitzer, ein Neurowissenschaftler und Psychiater, bringt in diesem Buch neurowissenschaftliche Erkenntnisse in populärwissenschaftlichen Essays rüber.

Also wieder eine Sekundärquelle.

Ich kaufe mir also das Buch Dopamin und Käsekuchen. Wenn ich was wissen möchte, gebe ich auch nicht so schnell auf.

Bei Dopamin und Käsekuchen steht unter besagter Grafik folgendes:

Abb. 1-2 Ausmaß der psychologischen und der pharmakologischen Aktivierung des dopaminergen Belohnungssystems im Tierversuch (21). Die Effekte gelten orientierend bzw. nur in erster Näherung (20), denn sie sind abhängig von den Experimentalbedingungen im Einzelnen, insbesondere von der Dosis des Suchtstoffs. Man sieht deutlich das Problem der Sucht: Stoffe aktivieren das System stärker als Erlebnisse, sodass der Einfluss psychologischer Faktoren auf das Verhalten vergleichsweise sinkt.

Hier kommt die nächste wichtige Information: Es handelt sich um erste Annäherungen.

Es gibt keine einzelne Tierversuchsstudie, in der sämtliche psychoaktiven Substanzen unter identischen Bedingungen systematisch miteinander verglichen wurden.

Die Werte stammen also wahrscheinlich aus unterschiedlichen Experimenten, mit unterschiedlichen Dosen, Versuchsdesigns und Messmethoden und sind daher keine direkt vergleichbaren Messgrößen.

So der letzte Schritt ist natürlich noch zu schauen, welche Primärquellen dieses Grafik jetzt offiziell gespeist haben. Verwiesen wird auf die Quelle 20 und 21:

20. Wise RA. Role of brain dopamine in food reward and reinforcement. Phil Trans R Soc B 2006; 361: 1149-58.

21. Wrase J. Neurobiologie der Glücksspielsucht im Vergleich zur Substanzabhängigkeit. Symposium Glücksspielsucht – aktueller Stand des Wissens. 3.12.2008, München 2008.

Während der Vortrag vom Glücksspielsymposium nicht mehr zugänglich war, konnte ich zumindest das Paper zur Rolle von Dopamin in Food Reward einsehen.

Wise argumentiert in diesem, dass psychoaktive Substanzen wie Amphetamin, Kokain oder Opiate ihre verstärkende Wirkung vor allem dadurch entfalten, dass sie das mesolimbische Dopaminsystem aktivieren und zwar häufig stärker als natürliche Reize wie Nahrung. Gleichzeitig betont er aber, dass Dopamin zwar eine zentrale Rolle für Reinforcement und Motivation spielt, jedoch weder allein verantwortlich für Belohnung ist noch absolut notwendig für jede Form von Lern- oder Belohnungsprozessen.

Soweit so nachvollziehbar. Was allerdings gar nicht aus dem Paper hervorgeht ist die Intensität der Dopaminausschüttung. Doch gerade diese ist ja zentral für die Abbildung.

Und hier endet dann auch tatsächlich meine Suche nach den Primärquellen, denn die Geheimnisse, die im Symposium für Glücksspielsucht zu Dopaminausstoß von unterschiedlichen psychoaktiven Substanzen im Vergleich zu anderen Tätigkeiten geteilt wurden, bleiben mir verborgen.

Was ist die Moral der Geschichte?

Ich glaube ehrlich gesagt, diese Grafik hat sich im Wissenschaftsdiskurs verselbstständigt.

Dass es sich um erste Annäherungen handelt. Dass die Daten aus Tierversuchen stammen. Dass die Werte stark von Dosis und Experimentalbedingungen abhängen.

All das wurde in den mindestens sechs Vorträgen, in denen mir diese Grafik präsentiert wurde, nicht erwähnt.

Stattdessen wurden aus einer sehr vagen Datenlage ziemlich absolute Rückschlüsse gezogen.

Aus „erste Annäherung im Tierversuch“ wurde schnell: „So funktioniert das menschliche Leben.“

Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis aus dieser Grafik nicht, dass Amphetamin 1000 % Dopamin ausschüttet, sondern wie schnell sich 100 % Kontext im Diskurs verlieren.

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