Vier Fragen für eine positive Richtung – der Tetraeder der Psychostatik

Wofür lohnt es sich eigentlich loszugehen? Welche Veränderung ist so attraktiv, dass man bereit ist, den teilweise komplizierten und anstrengenden Weg aus der Sucht auf sich zu nehmen? Und vor allem: hin zu was?
Dieser Aspekt wird meistens schon zu Beginn einer Beratung aufgegriffen, wenn es um die persönlichen Ziele geht. Trotzdem ist es wichtig, das Bild vom „grüneren Gras auf der anderen Seite“ im weiteren Verlauf immer wieder hervorzuholen. Denn die angestrebte Veränderung muss nicht nur vernünftig klingen. Sie sollte möglichst konkret, spürbar und persönlich bedeutsam sein, damit sie auch auf einem schwierigen Weg Orientierung und Motivation geben kann.
Deshalb lasse ich gerne Methoden in den Psychoaktiv+ Methodenkoffer einfließen, die sich bewusst nicht nur mit Problemen, Risiken und Belastungen beschäftigen, sondern den Blick auf Ressourcen, Bedürfnisse und eine positive Richtung lenken.
Passend zu unserem Interview mit Leonard Gabriel Heygster über Wohlbefinden möchte ich euch deshalb das Tetraeder der Psychostatik vorstellen. Die Darstellung stammt aus dem von Ernst Fritz-Schubert entwickelten Konzept „Lernziel Wohlbefinden“ und verbindet vier grundlegende Fragen miteinander.
- Konsistenz: Wer bin ich?
- Psychische Bedürfnisse: Was brauche ich?
- Kohärenz: Was will ich?
- Kompetenz: Was kann ich?
Die Darstellung als Tetraeder soll aufzeigen, dass die vier Bereiche zusammengehören. Ein Ziel kann noch so vernünftig sein: Wenn es nicht zu den Bedürfnissen, zum Selbstbild oder zu den tatsächlichen Möglichkeiten einer Person passt, wird es schwer, dieses Ziel langfristig zu verfolgen.
Wofür eignet sich die Methode?
Das Modell eignet sich besonders zur Standortbestimmung. Es kann hilfreich sein, wenn ein Veränderungswunsch vorhanden, aber noch unklar oder widersprüchlich ist.
Außerdem kann es helfen bei der Zielklärung noch mal eine Ebene tiefer zu gehen, um die Ziele darauf zu prüfen, ob sie einen wirklich repräsentieren.
Für die Durchführung können z.B. vier Karten oder Blätter mit den jeweiligen Fragen auf dem Boden ausgelegt werden und für jedes Ziel schreitet man diese ab. Alternativ kann mit dem abgebildeten Tetraeder gearbeitet werden. Eine Faltvorlage findet ihr beim Ernst-Fritz-Schubert-Institut.
Konsistenz – Wer bin ich?
Die Frage, wer man eigentlich selbst ist, bildet die Grundlage aller Reflektion. Wie soll man sich Ziele setzen, wenn man sich noch nie aktiv gefragt hat, wer man eigentlich ist. Die Frage hat erst einmal nichts mit einer Suchterkrankung zu tun, wir sollten uns alle diese Frage hin und wieder mal ernsthaft stellen und nach Antworten suchen. Doch gerade nach einer langen Zeit mit einem hohen Konsum können sich Werte verschieben, das soziale Umfeld verändern und man selbst entfernt sich Schritt für Schritt von sich selbst. Wer bin ich also? Ich – nüchtern und präsent? Hierfür schauen wir uns das Leben von der Vergangenheit bis jetzt an. Mögliche Fragen, die zur Vertiefung gestellt werden können, sind folgende:
- In welchen Situationen oder Lebensphasen hat sich dein Leben leichter, unbeschwerter oder stimmiger angefühlt?
Was waren damals die Umstände? Welche Menschen waren dir nah? Wie hast du gelebt? Was war in deinem Alltag anders als heute? - Wann hast du dich in deinem Leben besonders mutig gefühlt?
Was hat diese Situation für dich mutig gemacht? Welche Stärke hast du dabei gezeigt? Welcher persönliche Wert stand hinter deinem Handeln? - Welche Seiten von dir werden in diesen Erinnerungen sichtbar?
Was davon ist heute noch da? Welche dieser Seiten möchtest du wiederentdecken oder zukünftig stärker leben?
Psychische Bedürfnisse: Was brauche ich?
Bedürfnisse zu kennen und für diese auch einzustehen, kann sehr herausfordernd sein. Der Substanzkonsum dient in der Regel dazu psychische Bedürfnisse zu stillen – auch außerhalb einer Abhängigkeitserkrankung. Ein alkoholisches Getränk für die Entspannung, Kokain um sich selbstbewusster zu fühlen, MDMA um eine gesellschaftliche Verbundenheit zu intensivieren.
Gerade wenn wir Menschen im Kontext ihrer Abhängigkeitserkrankung begleiten, kann der Konsum ein guter Hinweisgeber für die psychischen Bedürfnisse sein. Eine Möglichkeit hierfür ist alle Situationen zu sammeln, in denen psychoaktive Substanzen konsumiert werden und von da aus sich dem psychischen Bedürfnis anzunähern. Daraus resultiert in der Regel häufig schon eine ordentliche Sammlung.
Im nächsten Schritt gilt es diese Bedürfnisse auch gegeneinander abzuwägen. Es kommt häufig vor, dass Bedürfnisse nicht alle gleichzeitig erfüllt werden können. Ja, das würde ich mir auch anders wünschen ;). Für sich herauszufinden, wann welche Bedürfnisse ihren Raum bekommen und wann andere auch mal zurücktreten dürfen ist dementsprechend elementar um Frustration zu prävenieren.
Kohärenz: Was will ich?
Meine Klienten in meiner Praxis haben im Vorgespräch dazu meist immer eine sehr ähnliche Antwort: Weniger konsumieren oder gar nicht mehr konsumieren. Und wenn wir schon über die Frage „Was will ich?“ sprechen möchte ich hier eine MiniMax Intervention von Manfred Prior ansprechen, die mich wirklich durch viele meiner Stunden trägt: das kleine Wörtchen „Sondern“.
Ich bin da wirklich konsequent, sobald jemand ein negativ Ziel formuliert
Ich will nicht mehr konsumieren.
Ich möchte mich nicht mehr so traurig fühlen.
Ich wünschte ich wäre nicht so erschöpft.
Auf all diese Aussagen kommt von mir stets das Wort „Sondern….“
Das irritiert, das merke ich durchaus in den Gesprächen, doch das üben den Zielzustand zu formulieren, macht es sehr klar, was man eigentlich Will und wir kommen dem Lösungsnetzwerk Schritt für Schritt näher.
Kompetenz: Was kann ich?
Bei der Frage „Was kann ich?“ kommen wir zu einem praktischen Realitätscheck. Wenn ich erst mal weiß wer ich bin, was ich brauche und was ich will, gilt es natürlich auch zu schauen, was ich umsetzen kann und unter welchen Bedingungen.
Im Modell werden dabei drei Bereiche unterschieden:
Sachkompetenz: Welches Wissen und welche konkreten Strategien bringe ich bereits mit?
Selbstkompetenz: Welche persönlichen Fähigkeiten und Erfahrungen kann ich für mein Ziel nutzen?
Sozialkompetenz: Welche Fähigkeiten helfen mir dabei, mit anderen zu kommunizieren, Beziehungen zu gestalten und Unterstützung für mein Vorhaben zu nutzen?
Erst anschließend kann gemeinsam betrachtet werden, wo Grenzen liegen, welches Wissen noch fehlt oder wobei zusätzliche Hilfe notwendig ist. Der Ausgangspunkt bleibt jedoch nicht das Defizit, sondern das, was die Person bereits kann.
Die Antworten zusammenführen
Nachdem alle vier Flächen bearbeitet wurden, werden die Antworten noch einmal gemeinsam betrachtet:
Passt das, was ich will, zu dem, wer ich bin, was ich brauche und was ich momentan kann?
In dieser Zusammenführung liegt für mich der eigentliche Wert des Modells. Sie hilft dabei, Ziele nicht nur danach zu beurteilen, ob sie vernünftig oder gesundheitlich sinnvoll sind. Sie prüft auch, ob sie die Person tatsächlich repräsentieren und unter den aktuellen Bedingungen erreichbar sind.
Zeigen sich dabei Widersprüche auf, ist das wunderbar. Denn genau diese Widersprüche können erklären, warum ein Ziel bisher nicht tragfähig war oder weshalb die Motivation immer wieder verloren gegangen ist.
Wenn eine Person weniger konsumieren möchte, der Konsum ein probates Mittel zur Entspannung ist und aktuell noch in einer Arbeitssituation steckt in der extrem viel Arbeitet, aber aktuell noch keinen Ausweg sieht, ist genau das der Spannungsbogen zwischen den unterschiedlichen Seiten, den es zu erkennen und zu bearbeiten gilt.
Methodische Grundlage
Heygster, Leonard G. (2026): Humans are Happy. Die Wissenschaft des Wohlbefindens. Gräfelfing: Now Verlag.
Fritz-Schubert, Ernst (2017): Lernziel Wohlbefinden. Entwicklung des Konzeptes »Schulfach Glück« zur Operationalisierung und Realisierung gesundheits- und bildungsrelevanter Zielkategorien. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.



