Kaufsucht – Wenn Konsum zur Kompensation wird

Kaufsucht bedeutet nicht, einfach gerne einzukaufen oder sich gelegentlich etwas zu gönnen. In dieser Folge geht es darum, wann Kaufen zur Belastung wird und warum der Kaufakt selbst für manche Menschen eine Funktion übernimmt: Er beruhigt, lenkt ab, stabilisiert kurzfristig den Selbstwert oder hilft, unangenehme Gefühle wie Stress, Scham, Einsamkeit oder innere Unruhe zu regulieren. Im Mittelpunkt steht deshalb nicht nur die Frage, was gekauft wird, sondern welche emotionale Bedeutung das Kaufen bekommt.

Die Folge ordnet Kaufsucht als Verhaltenssucht und Impulskontrollstörung ein und erklärt, welche psychologischen und neurobiologischen Mechanismen dahinterstehen. Es geht um Wanting und Liking, um Kaufreize, Aufmerksamkeits-Bias, verminderte Impulskontrolle und darum, warum Kaufen trotz negativer Folgen immer wieder entlastend wirken kann. Außerdem wird besprochen, warum Kaufsucht häufig mit Horten zusammenhängt, welche Rolle Scham und Objektbindung spielen und welche therapeutischen sowie lebensweltorientierten Hilfen sinnvoll sein können.

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Kaufsucht – Wenn Konsum zur Kompensation wird

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PODCAST-METADATEN
Folge: 124
Erscheinungsdatum: 20.11.2025
Podcast: Psychoaktiv
Titel: Kaufsucht – Wenn Konsum zur Kompensation wird
Sprecher: Stefanie Bötsch

Typ: Transkript

00:01
Ich bin erfolgreicher, wenn ich mir etwas leiste. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, ergibt sich logischerweise aus dem Kaufen und Horten ein ganz praktisches Problem. Erst Black Friday, dann Weihnachten. Aktuell werden wir von Sonderangeboten und Werbungen gerade so attackiert.

00:23
Und gerade zur festlichen Jahreszeit fallen unsere Konsumentscheidungen doch manchmal schneller als gedacht. Doch was ist noch im Rahmen? Und wann wird es tatsächlich zum Problem und man kann von einer Kaufsucht sprechen? Zeit für eine differenzierte Einordnung.

00:52
Psychoaktiv, euer Podcast mit Suchttherapeutin Stefanie Bötsch. Zieht’s euch rein.

01:02
Hallo und herzlich willkommen bei Psychoaktiv, dem wahrscheinlich ausführlichsten und differenziertesten Podcast zum Themenkomplex Drogen, Konsum und Sucht. Hier bei Psychoaktiv gibt es kein Schwarz-Weiß-Denken, sondern wir beleuchten hier jedes Thema von so vielen Seiten wie möglich, damit wir alle ein bisschen schlauer aus den Folgen rausgehen.

01:23
Leute, es ist November und was bedeutet das? Yay, es ist Black Friday, dicht gefolgt auch noch von Weihnachten. Und mich würde da echt mal interessieren, was so ein Black Friday und solche Black Friday-Deals mit euch machen. Schreibt das gerne mal in die Kommentare, wenn ihr auf YouTube oder Spotify hört. Bei mir ist es so,

01:44
man könnte sagen, ich bin echt ein professioneller Sparfuchs. Wenn ich also Dinge brauche, dann schreibe ich sie über das Jahr auf eine Liste, prüfe immer wieder den Preisverlauf und warte dann auch solche Aktionstage ab, wie eben den Black Friday und sorge einfach dafür, dass ich den besten Deal schieße.

02:04
Und mir fällt natürlich dann auch auf, wenn der Black Friday vielleicht nicht so gut ist. Und ja, im Prinzip kaufe ich so größere Anschaffungen an und vielleicht auch gar nicht mal so große. Und dementsprechend könnte man schon sagen, dass ich den Black Friday oder solche Aktionstage nutze,

02:24
aber es hat absolut nichts von einem spontanen, ungeplanten Kaufentscheidung zu tun, sondern ja, es ist bei mir schon ziemlich vorgeplant, könnte man sagen. Und ganz grundlegend ist es bei mir so, ich kaufe tatsächlich einfach wenig Dinge, versuche meinen Konsum so überschaubar wie möglich zu halten und finde es einfach grundlegend schön,

02:46
wenig zu haben. Kurzangebote von Dingen, von denen ich eh nicht vorhatte, sie mir zu besorgen, bewegen bei mir ehrlich gesagt sehr wenig und ich gehe auch irgendwie nie shoppen, sondern gehe maximal Dinge gezielt besorgen. So, das ist jetzt mal ein kleiner Einblick in mein Kaufverhalten, doch mir ist auch klar,

03:06
dass das nicht unbedingt die Norm unserer Gesellschaft ist. Wir leben nun mal in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der es einfach zu unserer Bürgerpflicht oder zu unserem Volkssport gehört, Sachen zu kaufen. So schlimm wie in den USA ist es zum Glück noch nicht bei uns, aber für viele Menschen ist es trotzdem wichtig,

03:26
viele Dinge oder auch die neueste Version von Dingen zu haben. Und deswegen beschäftigen wir uns heute mit der Frage, ab wann wird das denn zum Problem? Wann ist es nicht mehr nur ein Zeitvertreib, eine Besorgung oder eine saisonale Aushausigkeit, sondern wird wirklich zu einer Kaufsucht?

03:46
Doch bevor wir in die Folge reinstarten, möchte ich gerne Paula als neues Psychoaktiv Plus Mitglied begrüßen. Danke, dass du Psychoaktiv unterstützt. Psychoaktiv Plus ist die Mitgliedschaft hinter Psychoaktiv. Psychoaktiv finanziert sich durch Mitglieder, die eben das Format finanziell unterstützen.

04:08
Dafür gibt es aber auch ein paar coole Sachen. Es gibt einen Early Access, das heißt, man kann die Folgen immer drei Tage früher hören. Man kann Psychoaktiv werbefreien Premium Feed in allen Podcast-Playern, die es so gibt, auch hören. Dafür gibt es dann einen extra Premium Feed. Wie das dann funktioniert, wird euch natürlich erklärt. Da in diesem Premium Feed findet ihr Bonusfolgen,

04:29
es gibt auch Bonusartikel. Also, es ist viel los. Und im Dezember werden wir auch ein Webinar machen, und zwar ein Webinar zum Thema: Ist mein Bauchgefühl kaputt? Was kann ich tun? Woher kommt das? Und da sprechen wir einfach darüber, wie Sucht unsere eigene innere Intuition beeinflussen kann.

04:51
Ich würde mich also freuen, wenn du dir das Programm einfach mal anschaust. Der Link zu Psychoaktiv Plus ist in der Folgenbeschreibung. Und jetzt lasst uns in die Folge reinstarten.

05:06
Wenn wir über Kaufsucht sprechen, ist es hilfreich, erstmal so mit ein paar Missverständnissen aufzuräumen. Denn Kaufsucht hat nichts mit Materialismus oder mangelnder Selbstdisziplin zu tun. Und es bedeutet auch nicht, dass jemand einfach nur gerne einkauft.

05:25
Wie wir das ja häufig haben beim Thema Sucht, wird der Begriff gerne mal inflationär benutzt. Also, man geht zweimal einkaufen hintereinander, vielleicht auch nur als Ausnahme, und schon kommt die Aussage: „Oh, du bist ja shopping-süchtig.“ Und davon müssen wir uns heute in dieser Folge ein bisschen entfernen,

05:45
weil wir wollen uns anschauen, was Kaufsucht im klinischen Sinne bedeutet. Und da sprechen wir von einer Buying Shopping Disorder. Und das ist eine Störung der Impulskontrolle und zählt zu den Verhaltenssüchten.

05:59
Aktuell ist die Kaufsucht auch keine eigenständige Diagnose, sondern wird eben unter den Impulskontrollstörungen codiert. In der ICD-11 wird sie zwar dann erwähnt, aber bekommt auch keine eigenständige Diagnose. Wir sind hier also noch sehr am Anfang, auch was die Forschung angeht und was die Erkenntnis darüber angeht.

06:20
Und in dieser Folge fasse ich euch wie immer das zusammen, was wir schon wissen. Wenn wir Kaufsucht hören, könnte man denken, dass es vielleicht eine gewisse Art von Materialismus ist, beziehungsweise, dass es um den Gegenstand geht, den man kauft. Und ja, darüber sprechen wir gleich.

06:39
Es geht auch in gewisser Weise um die Art des Gegenstandes, die man kauft. Aber grundlegend ist für die Erkrankung der Prozess des Kaufen selbst wichtig und das, was im Vordergrund steht. Denn der Kaufakt wird eben zur Hauptquelle von Erleichterung, Spannung oder auch Belohnung. Und dabei ist es unabhängig davon,

07:00
ob man den Gegenstand überhaupt nutzt oder eben nicht nutzt. Man nutzt im Prinzip das Kaufen zur Beeinflussung seiner eigenen Emotionen, Gefühle oder Zustände. Dabei erleben Betroffene häufig über längere Zeiträume hinweg immer wiederkehrende und auch kaum steuerbare Kaufimpulse.

07:21
Und diese Impulse oder auch diese Shoppingzeiten treten vor allem dann häufig auf, wenn man eben in emotional belastenden Situationen ist, wie zum Beispiel bei Stress, bei Einsamkeit oder auch bei innerer Unruhe.

07:34
Und wenn man dann etwas kauft, dann empfinden Betroffene erstmal sich beruhigt und abgelenkt und die Stimmung wird vielleicht kurz ein bisschen besser, aber das kann halt auch rasch dann ins Gegenteil umschlagen. Und so entsteht so ein typisches Suchtmuster, was wir eben auch aus anderen Suchterkrankungen oder substanzbezogenen Suchterkrankungen kennen.

07:55
Man hat ein Verlangen, es kommt zur Handlung, es gibt eine kurzfristige Erleichterung und anschließend kommt es aber zu Schuldgefühlen und man hat erneut das Verlangen, um diese Schuldgefühle, diese unangenehmen Gefühle zu stillen. Und was ich ja gerade schon erwähnt habe, ist, dass was gekauft wird, in der Regel nicht wahllos.

08:17
Die Wahl der gekauften Gegenstände hat meistens einen biografischen Bezug oder auch einen symbolischen Bezug zu der Person selbst. Es kann also zu früheren Lebensphasen gehören, zu Rollenbildern oder auch zu bestimmten Selbstanteilen. Manche Menschen kaufen zum Beispiel Dinge, die sie mit Erinnerungen an Sicherheit oder auch Anerkennung verbinden.

08:38
Und andere kaufen wiederum Dinge, die etwas verkörpern, das sie im Alltag vermissen, wie zum Beispiel Stärke, Attraktivität oder auch Zugehörigkeit. Ich kann mich zum Beispiel an einen Klienten erinnern, der immer nur Werkzeug gekauft hat. Und das war ihm extremst wichtig, weil er damals als Handwerker immer jedem Werkzeug leihen konnte.

08:58
Und das hat ihm ein gutes Gefühl gegeben von Zugehörigkeit, von etwas wert zu sein, von ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Und als er dann in Rente gegangen ist, hat sich diese Kaufsucht entwickelt, aber nur auf Werkzeug spezifisch, weil er eben dieses Gefühl aufrechterhalten wollte.

09:17
Ein anderes spannendes Beispiel habe ich zum Beispiel in Vorbereitung zu dieser Folge gelesen. Und zwar habe ich einen Artikel von einer jungen Frau gelesen, die nur Bücher gekauft hat und vor allem Sachbücher. Und das hat sich dann in ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin immer noch mehr verschlimmert. Die meisten Bücher hat sie tatsächlich nie gelesen.

09:38
Und sie sagt selbst in dem Artikel, dass das mit ihrem Selbstwert zu tun hat. Also nicht, dass sie es nie gelesen hat, sondern dass sie diese Bücher gekauft hat, weil sie sich immer extremst dumm fühlt, wenn sie in einer Diskussion wenig weiß. Und so wird eben das Kaufen nicht nur zu einem Versuch, Gefühle zu regulieren, sondern kann auch eben der Selbstwertstabilisierung dienen.

10:01
In Deutschland gelten etwa 5 % der Bevölkerung als kaufsuchtgefährdet. Man kann aber auch davon ausgehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt, weil das Verhalten erstmal auf einer Seite stark gesellschaftlich normalisiert wird. Wie gesagt, Kaufen ist in einer kapitalistischen Gesellschaft für viele Teil des Alltags.

10:24
Auf der anderen Seite habe ich ja schon erwähnt, dass es weder diese offizielle Diagnose wirklich gibt, noch die Forschung wirklich groß zu dem Themenbereich ist. Und dementsprechend wissen wir noch nicht so viel davon. Wir können aber so ein paar typische psychologische Risikofaktoren schon herausstellen.

10:43
Und zwar ist das zum Beispiel ein geringes Selbstwertgefühl, ein hoher Perfektionismus, Einsamkeit, eine hohe Stressanfälligkeit, aber auch Schwierigkeiten, Gefühle wahrzunehmen und auszuhalten. Und dazu kommen aber auch gesellschaftliche Verstärker, die ich auch schon in der Einleitung erwähnt habe.

11:03
Und zwar Rabattsysteme, Sonderangebote, Online-Shops, riesengroßes Thema im Rahmen der Kaufsucht, weil man jetzt auch sehr heimlich und auch unbemerkt kaufen kann. Und vor allem gibt es auch Systeme, wo man sich leicht verschulden kann, wie zum Beispiel, dass man „Kaufe jetzt, zahle später“-Systeme hat.

11:22
All das kann eben die Entwicklung einer Shopping-Sucht begünstigen oder auch antreiben und sie schneller in prekäre Lagen versetzen. Außerdem tritt die Kaufsucht häufig gemeinsam mit anderen psychischen Störungen auf, wie zum Beispiel Depressionen, Angststörungen, Essstörungen oder auch Zwangserkrankungen und auch mit Substanzkonsum.

11:43
Besonders oft findet sich auch ein begleitendes Horten, also die Tendenz, gekaufte Gegenstände nicht wegzugeben. Darüber sprechen wir gleich noch ausführlicher, weil das wirklich sehr wichtig für die Dynamik der Kaufsucht ist. Erstmal wollen wir uns nochmal ein bisschen genauer anschauen, was die Kaufsucht im Gehirn macht oder was da überhaupt im Gehirn passiert.

12:08
Ich finde, wir sollten uns auch mal anschauen, was neurobiologisch bei der Kaufsucht passiert. Denn wir haben ja leider gerade bei Süchten und ich glaube auch gerade auch bei Verhaltenssüchten, die eine Handlung nachahmen, die wir ja alle kennen, das Kaufen,

12:27
das begleitet uns ja trotz allem tagtäglich, dass man den Krankheitswert aberkennt. Aber Kaufsucht ist eine Erkrankung. Und wenn wir uns das mal neurobiologisch anschauen, merken wir schnell, dass das, was da passiert,erstaunlich stark den substanzbezogenen Süchtenähnelt.

12:47
Im Zentrum steht wieder das Belohnungssystem und insbesondere der Nucleus accumbens und der orbitofrontale Cortex. Beide Strukturen sind entscheidend dafür, wie wir Anreize bewerten und ob ein Verhalten als lohnend erlebt wird. Und bei Menschen mit einer Kaufsucht reagiert dieses System überempfindlich auf kaufbezogene Reize,

13:09
etwa auf Werbung, auf Markenlogos oder auf den Moment, in dem sozusagen dieser Kaufen-Button sichtbar wird. Also wie zum Beispiel ein Mensch mit einer Alkoholabhängigkeitserkrankung extrem überempfindlich auf alkoholbezogene Reize reagiert, wie zum Beispiel er geht an einer Bar vorbei,

13:28
haben Menschen mit einer Kaufsucht eben das Gleiche mit kaufbezogenen Reizen. Und schon das bloße Sehen oder Wahrnehmen solcher Reize kann eine Dopaminausschüttung verursachen. Denn das Gehirn hat gelernt, dass Kaufen eine schnelle Möglichkeit ist, Spannung oder auch negative Gefühle zu reduzieren.

13:47
Und dieser Lernprozess folgt den gleichen Prinzipien wie bei stoffgebundenen Süchten. Ein Reiz, in diesem Fall das Produkt oder die Vorstellung des Kaufs, wird wiederholt mit einem Gefühl der Erleichterung erknüpft. Und mit der Zeit wird das Verlangen, also das Wanting, stärker, während der tatsächliche Genuss, Liking, abnimmt.

14:08
Wir haben über diese Mechanismen auch sehr intensiv in der Folge Neurobiologie der Sucht gesprochen. Ich werde das jetzt nicht nochmal alles wiederholen. Ihr könnt euch aber im Anschluss einfach die passende Folge dazu anhören. Und zwar ist das die Folge, musste kurz schauen, 109. Das ist die Folge 109, ist auch in der Folgenbeschreibung verlinkt.

14:28
Aber man kann im Prinzip das so zusammenfassen, dass man im Verlauf der Suchtentwicklung nicht mehr kauft, weil es Freude macht, sondern weil der Drang so stark wird, dass es sich sehr unangenehm anfühlt, es nicht zu tun.

14:44
Bildgebende Studien zeigen auch, dass bei Kaufsucht die Verbindung zwischen präfrontalem Cortex und limbischem System geschwächt ist. Was bedeutet das? Emotionale Impulse werden weniger effektiv durch rationale Kontrolle gebremst, weil der präfrontale Cortex im Prinzip unsere emotionalen Impulse einordnet. Und dadurch,

15:03
dass diese Verbindung eben schwächer ist, hat man im Alltag eine verminderte Impulskontrolle. Dieses kleine Fenster, in dem man also sich vielleicht denkt, ich sollte es lassen, wird so extrem kurz, dass es immer schwerer wird für die betroffene Person, tatsächlich noch einzugreifen und auf alternative Strategien zuzugreifen.

15:24
Ein weiterer Aspekt ist, dass Betroffene auch einen sogenannten Aufmerksamkeits-Bias haben. Das bedeutet, dass die Wahrnehmung bevorzugt auf kaufbezogene Reize reagiert. Wer also durch ein Geschäft oder einen Online-Shop scrollt, nimmt sehr schnell Produkte sehr, sehr intensiv wahr,

15:44
die mit den eigenen Bedürfnissen oder den Selbstbildern übereinstimmen. Diese Erkenntnisse werden weiter unterstützt durch ein Verhaltensexperiment, und zwar der Iowa Gambling Test. Und hier wurde gezeigt, dass Menschen mit Kaufsucht eine Tendenz zu kurzfristig belohnenden, aber langfristig nachteiligen Entscheidungen haben.

16:02
Also das Gehirn gewichtet den unmittelbaren Reiz stärker als die zukünftigen Konsequenzen. Und auch die Emotionsregulation spielt einfach eine wesentliche Rolle. Man konnte feststellen, dass negative Emotionen bei Betroffenen mit einer verstärkten Aktivierung des Belohnungssystems einhergehen. Das bedeutet,

16:21
schon das Erleben von Stress, von Traurigkeit oder Scham kann den Drang auslösen, zu kaufen. Also, wenn wir das alles zusammenfassen, wir haben einmal eine verstärkte Reaktion auf Kaufreize. Wir haben einen Aufmerksamkeits-Bias, was dazu führt, dass man diese Kaufreize auch sehr schnell wahrnimmt. Wir haben eine verminderte Impulskontrolle,

16:42
die sich immer mehr entwickelt. Das bedeutet, man kann schlechter alternative Strategien anwenden. Und da Kaufen zur Emotionsregulation angewendet wird, können schon allein unangenehme Gefühle zu einem Trigger für Kaufverhalten werden.

17:03
Lasst uns über Horten und Kaufsucht sprechen. Denn bei etwa einem Drittel der Betroffenen bleibt es nicht nur beim Kaufen alleine, sondern es entwickelt sich auch ein pathologisches Horten. Die Dinge werden also aufgehoben, gestapelt, gesammelt, oft unbenutzt und manchmal sogar auch ungeöffnet.

17:23
Aber was genau ist Horten? Man spricht in der Fachliteratur von einer Hoarding Disorder. Und diese trifft dann zu, wenn die Wohnräume ihre eigentliche Funktion verlieren. Also Menschen mit einer solchen Störung haben solche großen Schwierigkeiten, sich von Gegenständen zu trennen,

17:42
dass sie immer mehr von ihrem Wohnraum an diese Gegenstände verlieren. In der Praxis gilt das Horten dann als klinisch relevant, wenn etwa zwei Drittel der nutzbaren Fläche eines Raums so zugestellt sind, dass zum Beispiel Kochen, Schlafen oder auch die normale Bewegung kaum mehr möglich sind.

18:02
Es geht also nicht nur um eine Unordnung, sondern um eine Einschränkung des Alltags, um einen deutlichen Kontrollverlust und auch einen Leidensdruck, der dahinter steht. Dieses Verhalten muss man ganz klar abgrenzen vom Sammeln, denn Sammeln folgt in der Regel einem Thema, ist organisiert und ist mit Freude verbunden.

18:23
Horten hingegen ist unkontrolliert, unsystematisch und mit Scham verbunden. Und dabei ist nicht die Menge der Dinge entscheidend, sondern der Punkt, an dem Aufbewahren wichtiger wird als das Leben in den eigenen Räumen selbst. Und in Zusammenhang mit Kaufsucht ist diese Kombination besonders relevant.

18:43
Denn Menschen, die kaufsüchtig sind und gleichzeitig horten, erleben meist logischerweise einen stärkeren Leidensdruck und zeigen aber leider auch geringere Behandlungserfolge.

18:54
Und man kann da fast so einen Teufelskreis erkennen, denn das Kaufen, das baut sozusagen die kurzfristige Spannung ab, aber das Horten führt eben langfristig zur extremen Überforderung, Schuldgefühle und Scham, also wieder Spannung, das dann wieder mit Kaufen kompensiert werden kann,

19:12
was bedeutet, dass mehr Sachen wieder in die Wohnung kommen und dieses Horten weiter belastet. Und jetzt fragt man sich vielleicht, okay, wenn man immer mehr von seinem Wohnraum verliert, warum können diese Menschen diese Dinge nicht loslassen? Warum können sie sich nicht davon trennen? Und da ist es wichtig zu verstehen,

19:32
dass beim Horten nicht der materielle Wert zählt, sondern die emotionale Bedeutung, die mit diesen Objekten verknüpft ist. Man spricht hier von Object Attachment, also eine emotionale Bindung an Dinge, die weit über das Alltägliche hinausgehen. Zum Beispiel kann ein Gegenstand an eine frühere Lebensphase erinnern,

19:52
an eine Rolle, die man mal hatte, oder an eine Beziehung, die verloren ging. Es geht also gar nicht um den Besitz, sondern was dieser Gegenstand ausdrückt oder einen mit einem macht, also es gibt einem Identität oder Erinnerungen. Also werden diese Dinge Träger von Gefühlen oder auch eine symbolische Ersatzform von Sicherheit, Nähe oder Kontrolle.

20:15
Und wenn man diese Dinge dann wegwirft, dann fühlt es sich für die Betroffenen genauso an, als würde ich meine Sicherheit wegwerfen, als würde ich meine Erinnerung wegwerfen, als würde ich meinen Selbstwert wegwerfen. Und das macht es eben so, so schwer, sich von den Dingen auch zu trennen.

20:32
Und trotzdem verspüren Betroffene in der Regel einen hohen Leidensdruck beim Horten. Also sie wissen, dass diese Situation oder dieses Chaos in ihrem Zuhause für sie unfassbar belastend ist und trotzdem müssen sie sich intensiv mit den Hintergründen, was sie mit den ganzen Sachen,

20:51
die sie besitzen, verbinden, auseinandersetzen, um diese überhaupt loslassen zu können. Ich habe ja vorhin auch schon gesagt, dass gerade diese Kombination Horten und Kaufsucht zu einem geringeren Behandlungserfolg führt.

21:05
Und ich würde da gerne mal meine sozialarbeiterische Perspektive einwerfen, weil wir sind ja schon auch immer sehr psychotherapeutisch orientiert. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, ergibt sich logischerweise aus dem Kaufen und Horten ein ganz praktisches Problem. Denn in der Regel,

21:25
wenn man seine Kaufsucht behandelt, ist man in der Psychotherapie oder man ist in der stationären Therapie. Und gerade wenn man in der stationären Therapie ist, dann ist man dort in einer Umgebung, wo eben die ganzen Sachen nicht sind, wo man wöchentliche Therapie hat und, und, und.

21:43
Aber, und das ist ja ganz logisch, man kommt nach der Therapie nach Hause in seine Wohnung, in dem man so viele Sachen hortet. Und das ist natürlich unfassbar belastbar und kann vielleicht das, was man in der Therapie gelernt hat und den Behandlungserfolg ganz schön nach hinten werfen. Und was es hier ganz klar braucht,

22:04
ist lebensweltorientierte Hilfe, also Sozialarbeiter sind das ja in der Regel, die diesen Prozess des Entrümpelns, des Loslassens aktiv begleiten, indem sie daneben stehen und diesen Prozess mitmachen. Da ist es nur bedingt hilfreich oder sagen wir mal,

22:26
es bildet eher die Grundlage, dass man psychotherapeutisch aufarbeitet, Dinge loszulassen, aber diesen Prozess wirklich auch durchzuführen, dafür braucht es meiner Meinung nach ganz dringend wirklich Hilfe, die viel Zeit hat, die den Prozess auch wirklich im privaten Raum begleiten kann.

22:46
Deswegen wundert es mich auch aus der Perspektive nicht, dass es sehr schwierig ist, eine Kaufsucht, die mit Horten verbunden ist, nur psychotherapeutisch zu behandeln. Meiner Meinung nach muss das eigentlich in Kombination mit einer sozialarbeiterischen Einzelfallhilfe passieren. Und jetzt bin ich dem letzten Kapitel ein bisschen voraus,

23:06
denn wir schauen uns jetzt nochmal an, wie man eigentlich eine Kaufsucht behandelt.

23:13
Der bisher am besten belegte Ansatz bei der Behandlung von Kaufsucht ist die kognitive Verhaltenstherapie. Sie gilt bei der Behandlung von Kaufsucht als Goldstandard, auch wenn, aber das haben wir bei Kaufsucht im Allgemeinen, die Studienlage noch klein ist. Aber in Gruppensettings über 10 bis 20 Wochen zeigt es sich eben,

23:34
dass es zu einer deutlichen Verbesserung der Symptome kommt, das Verlangen nimmt ab, die Kontrolle steigt und viele Betroffene lernen, ihre Käufe bewusster zu planen. Denn, und das ist natürlich auch klar, man kann bei einer Kaufsucht nicht eine Abstinenz abzielen, weil das Kaufen gehört zu unserem Alltag hinzu, das müssen wir einfach machen.

23:55
Das heißt, es gilt in der Behandlung zu gucken, okay, was sind meine pathologischen Kaufmuster, welches Bedürfnis löst sie aus, welches möchte es decken und genau diese typischen Auslöser wie Stress, Langeweile,

24:11
Scham oder Einsamkeit zu identifizieren und alternative Strategien zu erarbeiten und gleichzeitig auch gesundes Kaufverhalten zu identifizieren und dieses einordnen zu können. Außerdem helfen kognitive Übungen dabei, unrealistische Überzeugungen zu erkennen, also zum Beispiel Glaubenssätze wie „Ich brauche das,

24:31
um mich vollständig zu fühlen, ich bin erfolgreicher, wenn ich mir etwas leiste“ und, und, und. Und natürlich ist ein weiterer wichtiger Teil der Behandlung der Umgang mit Rückfällen, denn wie bei anderen Süchten gehören sie auch hier zum Prozess. Außerdem gibt es ein bisschen Forschung auch in Richtung medikamentöse Behandlung,

24:53
vor allem Antidepressiva in der SSRI-Gruppe. Hier konnten allerdings, wenn überhaupt, kurzfristige Verbesserungen festgestellt werden und insgesamt ist die Evidenz eher schwach und uneinheitlich. Kann aber natürlich helfen, wenn zum Beispiel zusätzlich noch eine Depression oder eine Angststörung vorliegt. Wir haben am Anfang ja schon darüber gesprochen,

25:14
dass Kaufsucht eine Erkrankung ist und nicht jedes Kaufverhalten entspricht einer Kaufsucht, aber auch ohne Kaufsucht kann unser Kaufverhalten uns Probleme bereiten. Zum Beispiel, wenn wir mehr kaufen, als wir uns eigentlich leisten können. Oder Kaufen durchaus als Emotionsregulation nutzen und dadurch verhindern,

25:34
dass wir andere Regulationsmöglichkeiten lernen. Deswegen macht es total Sinn, sein eigenes Kaufverhalten immer mal wieder anzugucken und ein erster Schritt kann sein, dass man erstmal den Überblick gewinnt. Das kann man zum Beispiel machen, indem man mal für ein bis drei Monate die Einkäufe dokumentiert und schaut,

25:54
okay, wann kaufe ich, was fühle ich davor, was fühle ich danach, wie viel gebe ich aus. Es gibt, jetzt nicht auf die Frage, wie fühle ich mich dabei, aber es gibt inzwischen auch echt coole Apps, die einem helfen, einen Überblick, was ich über den Monat kaufe, zu gewinnen. Schaut da einfach mal in den App Store.

26:13
Und ich glaube, man kann sich dann auch so Notizen hinzufügen, wo man vielleicht auch das Psychologische einfügen kann, also wie man sich bei dem Kauf davor und danach gefühlt hat. Hilfreich kann es auch einfach sein, den Zugang zu Kaufanreizen allgemein zuerschweren. Also Newsletter abbestellen. Das mache ich tatsächlich regelmäßig. Ich weiß immer nicht,

26:32
wie viele Newsletter am Ende doch bei mir in der Inbox landen. Dann natürlich Kauf-Apps löschen, Benachrichtigungen von allen Kauf-Apps abbestellen, wenn man sie nicht löschen möchte. Zahlungsmethoden entfernen bzw. Konten entfernen, die einem ermöglichen, auch Schulden aufzunehmen und vielleicht auch einfach die Innenstadt mit vielen Geschäften meiden.

26:53
Das ist keine Lösung forever, aber es hilft schon mal ein bisschen Distanz zu schaffen, um auch zu gucken, okay, welche Entscheidungen treffe ich denn wirklich für mich, was möchte ich denn wirklich, ohne dass ich von Werbung manipuliert werde, kaufen. Und es lohnt sich natürlich auch zu fragen, was einem das Kaufen gibt, was man vielleicht sonst nicht bekommt.

27:14
Ist es vielleicht Trost, ist es Kontrolle, ist es Selbstwert oder Ablenkung? Und zu gucken, ob man genau in diese Richtung auch was anderes machen kann. Und falls man merkt, dass die Schieflage trotzdem zu groß ist und man merkt, okay, irgendwie nimmt Kaufen immer mehr Platz in meinem Alltag ein und mir geht es damit nicht gut,

27:33
dann macht es total Sinn, sich Unterstützung zu holen. Zum Beispiel bei DigiSucht in der Drogenberatung, in der Online-Drogenberatung, bei einer Schuldnerberatung. Ich biete auch suchttherapeutische Begleitung an, also dass man da einfach nicht alleine durchgeht, sondern sich externe Hilfe holt. Zwar fällt in Deutschland die Kaufsucht durch den Raster der klassischen Suchthilfe,

27:54
ich bin aber der Meinung, dass da schon sehr viel auch aufgeholt wurde und man in den Einrichtungen inzwischen das Phänomen kennt und auch gut begleiten kann. Also geht da nicht alleine durch, wenn ihr euch nicht gut fühlt, sondern holt euch Hilfe.

28:10
Ihr Lieben, das war es mit der Folge zu Kaufsucht. Ich hoffe, sie hat euch gefallen. Mir wäre es, glaube ich, total wichtig, wenn man mitgenommen hat, ein gewisses Verständnis, dass Kaufsucht eben eine Erkrankung ist und dass diese Erkrankung auch behandlungswürdig ist und es nicht einfach darum geht, sich mal zusammenzureißen,

28:30
was man ja leider öfters hat, dass das funktionieren könnte, wenn man eine Abhängigkeitserkrankung entwickelt, ist aber nicht so. Falls du selbst merkst, dass du von Schieflagen in deinem Kaufverhalten betroffen bist, hol dir Hilfe, man muss da wirklich nicht alleine durch. Falls dir die Podcast-Folge gefallen hat, freue ich mich immer,

28:48
wenn du auf deiner Podcast-App meinem Podcast folgst, ihnen eine gute Bewertung dalässt und wenn du möchtest, freue ich mich natürlich noch mehr, wenn du Psychoaktiv als Psychoaktiv Plus Mitglied unterstützt.

29:01
Den Link und alle Erklärungen findest du wie immer in der Folgenbeschreibung und dann hören wir uns in zwei Wochen wieder oder nächste Woche live beim Webinar zum Thema Bauchgefühl und Sucht. Das fände ich natürlich noch cooler. Bis dann, tschüss.


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