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Sucht hat nichts mit fehlender Willenskraft zu tun?

Das Wichtigste in Kürze: Willenskraft und Sucht

✓ Der Satz „Sucht hat nichts mit fehlender Willenskraft zu tun“ ist wichtig, weil er Stigma abbaut. Abhängigkeit ist keine Frage von Faulheit, Disziplinlosigkeit oder Charakter, sondern eine Erkrankung, die den Handlungsspielraum massiv einschränkt.

✓ Gleichzeitig lohnt es sich, genauer zwischen Willenskraft und Wille zu unterscheiden. Willenskraft meint oft Durchhalten, Kämpfen und Sich-Zusammenreißen. Wille ist tiefer: Er verbindet Fühlen, Wünschen, Entscheiden und Handeln.

✓ In der Sucht verschwindet der Wille nicht. Er zeigt sich häufig in kleinen Momenten: ein ehrliches Gespräch führen, eine Beratungsstelle kontaktieren, eine Konsumpause versuchen oder einen Rückfall reflektieren.

✓ Ambivalenz bedeutet nicht, dass der Wille „nicht echt“ ist. Viele Menschen wollen gleichzeitig Veränderung und Weiterkonsum. Genau dieses innere Ringen ist oft ein zentraler Teil des Veränderungsprozesses.




„Sucht hat nichts mit fehlender Willenskraft zu tun.“

Diesen Satz hört man sehr häufig, wenn es darum geht, Abhängigkeitserkrankungen einzuordnen. Er soll verdeutlichen, dass Sucht eine psychische Erkrankung ist. Es geht nicht darum, dass Betroffene „einfach zu schwach“ wären, sondern darum, dass die Flexibilität im Handeln durch die Erkrankung massiv eingeschränkt ist.Der Satz soll Stigma nehmen. Er soll Angehörigen und Betroffenen klarmachen: Es liegt nicht an mangelnder Disziplin, nicht an Faulheit, nicht an einem schwachen Charakter.

Doch wenn man diesen Satz sich etwas länger durch den Kopf gehen lässt, sind bei mir dann doch einige Fragen aufgetaucht: Braucht es nicht Willenskraft um sich auf den Weg der Heilung zu begeben? Wie findet man seine Willenskraft in der Erkrankung? Oder ist das gar nicht relevant für eine Veränderung?

Ich möchte in diesem Artikel diesen Satz gerne etwas mit Tiefe füllen und teile dazu meine Überlegungen, die ich während meiner Lektüre “Existenzielle Psychotherapie” von Yalom hatte. Dieser Artikel ist Teil der Reihe: Existenzielle Suchttherapie. Alle Artikel und Podcastfolgen findest du hier.

Wille ist mehr als Willenskraft

Wenn wir im Alltag über Willen sprechen, meinen wir meistens Willenskraft. Also dieses Bild vom „sich zusammenreißen“, Zähne zusammenbeißen, Disziplin zeigen, für den Erfolg kämpfen. Ich greife zum Beispiel auf meine Willenskraft zurück, wenn ich ein Projekt fertig bringen möchte, obwohl ich schon erschöpft bin oder am liebsten Feierabend möchte. Wenn es sein muss, kann ich mich aber über meine Grenzen rüber pushen. Erfahrungen aus meiner Vergangenheit haben mir aber auch gezeigt, das geht mal, aber wenn ich das zu häufig tue, leidet meine eigene psychische Gesundheit darunter.

Viele Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung kennen Phasen, in denen sie sich mit purer Willenskraft versuchen, nüchtern zu halten. Zwei Wochen, drei Monate, manchmal länger. Diese Zeiten werden gerne als “Kampfnüchtern” bezeichnet.

Yalom unterscheidet in seinem Buch ganz klar zwischen Wille und Willenskraft. Wille ist mehr als nur Durchhalten. Wille ist die Brücke zwischen dem, was ich fühle und mir wünsche und dem, was ich dann tatsächlich tue. Er umfasst nicht nur Disziplin, sondern auch das Fühlen, das Wünschen, das Entscheiden. Wenn ich nur mit Willenskraft kämpfe, handle ich oft gegen mich selbst. Wenn ich mit Wille handle, bin ich in Kontakt mit mir: Ich spüre, was ich will, ich entscheide mich dafür und ich lasse mich darauf ein.

Und genau hier liegt auch ein entscheidender Punkt in der Suchttherapie: Wer nur auf Willenskraft setzt, bleibt im Kampf mit sich selbst gefangen. Wer Zugang zu seinem eigentlichen Willen findet, kann diesen Kampf verlassen und eine Entscheidung treffen, die tiefer trägt.

Wille im Kontext von Sucht

Sucht verändert den Zusammenhang zwischen Wünschen, Entscheidungen und Handlungen massiv. Die Wahl „konsumiere ich oder konsumiere ich nicht“ ist irgendwann nicht mehr frei im gleichen Sinn wie zuvor. Die biologischen, psychologischen und sozialen Prozesse der Sucht engen den Handlungsspielraum ein. Genau deshalb sprechen wir von einer Erkrankung.

Das bedeutet aber nicht, dass kein Wille mehr da ist. Er zeigt sich vielleicht nicht in der großen Geste, aber in den kleinen Handlungen. Sei es sich über seine Sorgen zum Konsum mit einem Freund auszutauschen, sich eine Trinkregel aufzustellen, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Das alles sind Willensregungen, der Ausdruck von unseren Wunsch einer Verbesserung.

Wille in der Sucht bedeutet nicht, von heute auf morgen alles anders machen zu können. Es geht vielmehr darum, die kleinen Entscheidungsmomente wahrzunehmen: ein Gespräch annehmen, einen Rückfall ehrlich reflektieren, einen Abend ohne Substanz aushalten. Auch wenn der Handlungsspielraum durch die Erkrankung eingeschränkt ist in diesen kleinen Schritten zeigt sich Wille. Und der reflektierte Blick auf genau diese Schritte kann Stück für Stück das Gefühl zurückbringen, nicht völlig ausgeliefert zu sein.

Ambivalenz und Sucht

Heino möchte seinen Konsum ändern, fest entschlossen ruft er bei der Drogenberatung an und bekommt für die nächste Woche einen Termin. Schon diesen Termin ausgemacht zu haben gibt ihm Aufschwung, er konsumiert drei Tage kein Kokain mehr, meldet sich nicht bei seinem Kumpel mit dem er sonst immer konsumiert. Für ihn ist klar, das Ruder wird umgerissen! Sa…

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